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Verschiedene Phobien

von Ken Livingstone

04.03.2007 — The Guardian / ZNet

— abgelegt unter:
Es gibt einen Sturm der Reaktion gegen lesbische und schwule Rechte über Osteuropa, der jeden besorgt machen sollte, der sich für ein offenes, inklusives Europa einsetzt.

Es hat Angriffe auf die Rechte von Schwulen und Lesben gegeben, im letzten Jahr durch Gewalt oder Verbote gegen Gay Pride-Feiern in Estland, Lettland, Polen, Russland, Moldawien und Rumänien. Diese Angriffe kamen aus dem rechten und dem christlichen Lager und wurden von den höchsten politischen Ebenen in ihrer Akutheit bestätigt. Der Premierminister von Polen hat behauptet, dass "die Anerkennung von Homosexualität den Niedergang der Zivilisation herbeiführen wird", der polnische Präsident, dass "die Menschheit aufhören würde zu existieren, wenn diese Art Herangehensweise ans Sexualleben in großem Maße beworben würde", und der Bürgermeister von Moskau hat geäußert, dass Homosexualität "satanisch" sei[1].

Die entschiedene und öffentliche Stellungnahme der Bürgermeister von Paris, Berlin und London gegen Verbote von lesbischen und schwulen Pride-Märschen auf einer Konferenz der Bürgermeister der vier größten europäischen Städte am Mittwoch - und unsere explizite Nichtübereinstimmung mit dem Bürgermeister von Moskau in dieser Angelegenheit - weist auf die Wichtigkeit internationaler Zusammenarbeit zum Aufbau von Allianzen hin. Die Position von Berlin, London und Paris wurde in den russischen Medien viel berichtet - was dem Kampf um schwule und lesbische Rechte in Russland hilft.

Es ist wichtig, dass eine Gegenwehr hiergegen auf die Beine gestellt, wird mit klaren Erklärungen, dass solche Verbote und Aussagen inakzeptabel sind. Ich möchte anmerken, dass die russische Regierung jüngst erklärt hat, dass Pauschalverbote gegen Schwulenparaden nicht richtig sind - alle Bürger haben das Recht, friedlich zu demonstrieren, und es liegt in der Verantwortung der Polizei, angemessene Maßnahmen zu ergreifen, um Bürger vor Gewalt zu schützen. Das darf kein bloßes Lippenbekenntnis bleiben, sondern muss in die Praxis umgesetzt werden, indem explizit das Recht von Schwulen und Lesben akzeptiert wird, Gay Pride und andere friedliche Demonstrationen zu organisieren.

Der gemeinsame Angriff auf schwule und lesbische Rechte in einer Anzahl osteuropäischer Länder speist sich aus diversen Strömungen. In Moskau unterstützten die Russische Orthodoxe Kirche, der Oberrabbiner und der Großmufti alle das Verbot des Gay Pride-Marsches, wobei die Hauptrolle wegen ihres großen Einflusses bei der Bevölkerung die Orthodoxe Kirche spielte.

Einige Leute, wie Peter Tatchell[2] in seinen Kommentaren zum Verbot des Gay Pride-Marsches in Moskau letztes Jahr haben diesen reaktionären Angriff als vom muslimischen Führer, dem Großmufti, initiiert und vom Oberrabbiner unterstützt dargestellt, während die Orthodoxe Kirche dann darauf reagiert hätte.

Aber angesichts des relativ schwachen Einflusses des Islams auf die Moskauer und überhaupt osteuropäische Gesellschaft ist eine solche Gewichtung ziemlich offensichtlich falsch. In Wirklichkeit sind es die ganz normalen christlichen religiösen Führer und weltliche Politiker, die bei dem Angriff auf Lesben- und Schwulenrechte die Führung übernommen haben. Dann ist es durchaus richtig zu sagen, dass sie hierin in Moskau durch Leute wie den Großmufti und den Oberrabbiner unterstützt worden sind, aber diese beiden auf sich allein gestellt wären viel zu einflussarm, um solche Kampagnen zu führen. In seiner jüngsten Stellungnahme zu der zentralen Rolle solcher Kräfte wie der orthodoxen Kirche und den Ultranationalisten in Osteuropa akzeptiert Peter Tatchell willkommenermaßen diese Realität.

Dies wird ein langer und harter Kampf. Rainbownetwork.com berichtete über die lesbische und schwule Pride-Parade in Tallinn, Estland, im letzten Jahr: "Bei dem Gay Pride-Marsch letztes Wochenende sind etwa fünfzehn Personen verletzt worden, nachdem sie von einer Gruppe Skinheads mit Stöcken und Steinen angegriffen worden sind, während sie das dritte Gay Pride-Event des Landes feierten." Lesbische und schwule Londoner trugen diese Angelegenheit bei meinem Amt vor und wir veröffentlichten eine Stellungnahme zur Unterstützung des Pride-Events und wider die Schikanen dagegen. Darauf reagierte der Vorsitzende des Londoner Stadtparlaments, Brian Coleman von den Torys, indem er sich beschwerte, dass dies doch zeige, dass ich mich "mehr über Gay Pride in Estland als um die Londoner" sorge. Die Realität ist, dass sogar in unserem eigenen Kontinent, wo man hätte meinen können, dass Homophobie überwunden sei, Kräfte der Reaktion mobilisieren.

This reactionary wave has to be opposed on its own terms. It is a European problem, not one imported by "alien," "un-European" or "jihadist" elements. It arises from and is led by traditional right wing European forces. Similarly in the United States it is the Christian right that continues to lead the fight against lesbian and gay equality - as the comments of televangelist Jerry Falwell quoted in the Guardian Diary today and blaming September 11 on "the pagans, and the abortionists, and the feminists, and the gays" confirm.

Diese Welle der Reaktion muss in ihren eigenen Kategorien bekämpft werden. Es ist ein europäisches Problem, keines, das durch "fremde", "uneuropäische" oder "jihadistische" Elemente importiert worden ist. Es entsteht aus und wird geführt von traditionellen europäischen rechten Kräften. Gleichermaßen ist es in den Vereinigten Staaten die Christliche Rechte, die ihren Kampf gegen lesbische und schwule Gleichberechtigung fortführt - wie Kommentare des Televangelisten Jerry Falwell belegen, der heute in der "Diary"-Sektion des Guardian zitiert wird und der den 11. September "den Heiden, den Abtreibungsbefürwortern, den Feministen und den Schwulen" zur Last legt [3].

Die Ereignisse in Osteuropa widerlegen die islamfeindliche Rhetorik, dass es der Islam an sich sei, der schwule und lesbische Rechte bedrohe. Bedauerlicherweise sind die Positionen des fundamentalistischen Flügels von religiösen Organisationen von Christen, Juden und Muslims alle reaktionär bezüglich schwuler und lesbischer Rechte und müssen alle gleichermaßen bekämpft werden.

Ken Livingstone ist der Bürgermeister von London.

Anmerkungen des Übersetzers:

[1] Im Englischen steht hier "satanic", was auf Deutsch "teuflisch" oder "satanistisch" sein könnte. Das Wort klingt jedoch sehr nach einem Übersetzungsfehler aus dem Russischen, das ich leider nicht beherrsche. In den Leserkommentaren zu einem Artikel in Der Standard (http://derstandard.at/?url=/?id=2746838%26sap=2%26_pid=6055426) findet sich eine ganz andere Lesart: "er sagte nicht "satanisch", er sagte "tschertowij" (oder "tschertowaja")!!!! / bsp.: ta tschertowaja demontratija!!!! / was wörtlich übersetzt "teuflisch" heisst, ABER IMMER(UND OHNE AUSNAHMEN) als VERFLUCHT ODER FERFLIXT GEMEINT IST !!! / also sagte er nicht: diese "satanische" demonstration / sondern DIESE VERFLUCHTE(ODER FERFLIXTE) DEMONSTRATION". Wenn das stimmen sollte, läge im hier übersetzten Text eine doppelt falsche Kontextualisierung vor: 1. nicht mehr die Veranstaltung, sondern die Schwulen selbst sind "tschertowij" 2. "tschertowij" wird fälschlich ein religiöser Unterton zugeschrieben, der in Wirklichkeit nur mit der Etymologie des Wortes zu tun hat.
[2] Peter Tatchell (*1952), britischer Menschenrechtsaktivist, Mitbegründer der radikalen Schwulenrechtsorganisation OutRage! Tatchell hatte 2004 einen Eklat mit Livingstone, als dieser den islamischen Rechtsgelehrten Yusuf al-Qaradawi zu einer Konferenz zum Kopftuchstreit eingeladen hatte.
[3] http://www.guardian.co.uk/diary/story/0,,2023610,00.html#article_continue

Orginalartikel: Facing Phobias
Übersetzt von: Benjamin Brosig
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