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Virtuelle Demokratie?

von Norman Solomon

02.06.2001 — ZNet Kommentar

— abgelegt unter:

Verlässt man sich auf unsere Mainstream Medien so hätte man kaum erfahren, dass die Weltbank ihr globales Treffen, das Ende Juni in Barcelona stattfinden sollte, abgesagt -- und auf das Internet verlegt hat. Viele Tausende hatten sich auf Demonstrationen in Spaniens nordöstlicher Hafenstadt vorbereitet um die Konferenz zu konfrontieren. Cyberspace, so wird erwartet, verspricht eine gelassenere Atmosphäre.

Die Weltbank versucht die Absage als großmütige Tat hinzustellen, verschont sie doch damit Barcelona vor der Aufruhr die schon vorher Seattle, Prag, Quebec City und andere Gastgeber internationaler ökonomischer Gipfeltreffen heimgesucht hat. "Eine Konferenz über Reduzierung von Armut sollte in einer friedvollen Atmosphäre stattfinden, ohne Heckle, Einschüchterung und Gewaltanwendung" meinte ein Sprecher der Weltbank und fügte hinzu: "Es wird Zeit dass wir Stellung gegen diese Bedrohung der freien Meinungsäusserung beziehen."

Ein hoher Funktionär der großen Geldverleihinstitution erklärte das so: "Wir haben entschieden, dass wir hinter einer Polizeiabsperrung keinen Ideenaustausch haben wollen". Vermutlich wird der Ideenaustausch hinter einer Absperrung aus Passwörtern, Bytes und Pixels besser funktionieren.

Die paar hundert Teilnehmer der Annual Bank Conference on Development Economics, werden, vorausgesetzt Hacker können auf Abstand gehalten werden, ein wunderbares Forum im Internet abhalten. Das Video-Konferenzsystem wird der neuesten Technik entsprechen und es möglich machen, gewaltlos, den unerwünschten und uneingeladenen Perspektiven zu entgehen.

Der Rückzug der Weltbank hinter virtuelle Mauern erlaubt ihr vielleicht dem "Pöbel" zu entfliehen, aber lebenswichtige politische Fragen bleiben ungelöst: So beispielsweise die Politik welche wichtige Dienste in den unterentwickelten Länder unterminiert, gleichzeitig aber deren Privatisierung forciert und Gebühren für Gesundheitsfürsorge und Bildung einführen will.

Eine in Barcelona gegründete Organisation, die daran arbeitete Demonstrationen gegen die Weltbank zu planen, bezeichnete das Ziel der Weltbankkonferenz als eine einfache "Image Washing Operation". Nun aber stellt sich die Weltbank als die gekränkte Partei dar.

Protest Organisatoren belächeln die Medienpropaganda der Weltbank: "Die Repräsentanten des globalisierten Kapitals fühlen sich bedroht durch populäre Bewegungen gegen die Globalisierung. Diejenigen, die ihre Treffen abhalten, umringt von Mauern und Soldaten, um sich von den Menschen abzusondern die durch ihre Politik unterdrückt werden, möchten sich nun gerne als die Opfer darstellen. Diejenigen, die über die Resourcen des Erdballs verfügen klagen über jene, die nichts anderes wollen, als dass man ihre Stimme hört".

Der Schachzug der Weltbank in den Cyberspace zu flüchten, sollte eine Warnung an jene Aktivisten sein, die davon träumen, dass Webseiten und E-mail Werkzeuge nur für das Volk sind. Einige die wissen dass "die Revolution nicht im Fernsehen übertragen wird" scheinen zu hoffen, dass ihre Revolution digitalisiert wird.

Jedoch, es ist nichts demokratisches innewohnend im Internet. Im Gegenteil, das Internet entwickelte sich zu einem mächtigen Transportmittel für politische und kulturelle Propaganda, die über zentral editierte Mega-Netze verteilt wird. America Online hat 27 Millionen Abonnenten, berichtet das New Internationalist Magazine. "Unglaubliche 84% ihrer Internetzeit verbringen die Abonnenten mit AOL. AOL sorgt für eine gut gepflegte Freizeit und Einkaufsumgebung dominiert von AOL gesponserten Waren ---- von Time Magazin bis zu Madonnas letzter CD.

Zur gleichen Zeit, da kreative Verfechter für soziale Änderungen das Internet routiniert und effektiv einsetzen, verkaufen mächtige Elite- Institutionen wie die Weltbank neue Inovationen im Internet als demokratische Modelle -- während sie gleichzeitig bestrebt sind sich dem Einfluss eines progressiven Grasswurzel Aktivismus zu entziehen.

Wäre im Jahre 1968 die Demokratische National Konvention im Cyberspace abgehalten worden, auf welchem Platz hätten sich die Anti-Kriegs Gegner versammeln sollen? Hätte die Amtseinführungs Zeremonie für Georg W. Bush virtuell stattgefunden und nicht am Ende der Pennsylvania Avenue, wo hätten sich die Menschen mit ihren " Hail to the Thief" Protestplakaten treffen können?

Die führenden Funktionäre der Weltbank sind auf etwas gestoßen. In der Welt der Manager müssen Störungen auf ein absolutes Minimum begrenzt werden. Globales Kapital kann sein transnationales Potential erschließen, wenn die Verständigung zwischen den Mächtigen und ihren Lieblingsdenkern zu jeder Zeit und mit allen auf einmal -- und nirgends im besonderen geschehen kann. Lasst dann doch die Störenfriede versuchen sich einzumischen und ihren zivilen Ungehorsam im Cyberspace ausleben.

In jeder Auseinandersetzung auf dem Schlachtfeld der high-tech Kommunikation sind langfristig die Vorteile auf der Seite der Institutionen welche Milliarden von Dollars hinter sich haben. Was immer unsere Hoffnungen sind, keine Technologie kann den Mangel an Demokratie ersetzen.

Übersetzt von: Helmut Fiedler
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