Warum Israels 'Seruvniks' sagen: genug ist genug
von Michael Sfard
22.05.2002 — The Observer / ZNet
Michael Sfard ist Anwalt für Menschenrechte u. Strafverteidiger in Tel Aviv. Sie können die Seruvnik-Petition - 'Courage to refuse' (Mut zur Verweigerung) - nachlesen unter: http://www.seruv.org.il/defaulteng.asp Sie können sich auch mit Mr. Sfard schriftlich in Verbindung setzen, unter der E-mail-Adresse: legal@seruv.org.il
Es wird gesagt, daß während der ersten Jahre der Israelischen Besatzung der West Bank u. des Gazastreifens niemand (in Israel) ernsthaft daran gedacht hätte, diese Territorien dauerhaft zu behalten. Zu dieser Zeit hätte man ja noch allgemein angenommen, die neueroberten Gebiete würden im Rahmen eines Friedensabkommens wieder an die Araber zurückgegeben.
Ich bin zu jung, um mich an diese Zeit erinnern zu können. Ich wuchs in einem völlig anderen Israel auf. In meinem Israel war die politische Macht der fundamentalistischen jüdischen Siedler - eine kleine Gruppe - immer disproportial größer als ihre Repräsentanz in der Bevölkerung.
In meinem Israel ermöglichten sowohl rechte als auch linke Israelische Regierungen die Weiterführung der Kolonialisation der besetzten palästi- nensischen Gebiete. Mein Israel bezahlte - und bezahlt noch heute - einen hohen moralischen Preis dafür, daß es ein anderes Volk mit der Schärfe seines Schwertes regiert.
Mein Israel - gegründet auf die Werte des Humanismus, des Pluralismus u. der Demokratie -, geht mehr und mehr unter.
Vor drei Monaten erschien in der Israelischen Presse eine in dieser Form wohl einzigartige Petition von Reserve-Soldaten. Die Unterzeichner erklären darin ihre Absicht, den 'Dienst' für die Okkupation zu verweigern sowie jede Order zu mißachten, die sie zwingen würde, als (aktive) Soldaten jenseits der Waffenstillstandsgrenzen von 1967 zu agieren.
Die Zahl der Unterzeichnenden ('Seruvniks' genannt - vom Hebräischen 'seruv' = 'Verweigerung' abgeleitet) ist seit dieser ersten Petition rasch von 50 auf aktuelle 462 angestiegen.
Zwar ist Verweigerung in Israel nichts Außergewöhnliches, aber die Petition ist im Hinblick auf die Zahl ihrer Unterstützer doch einmalig u. etwas Neues.
Die meisten Unterzeichnenden sind hartgesottene Frontoffiziere bzw. -soldaten, u. alle hatten zuvor jahrelang in den 'Besetzten Gebieten' Dienst getan.
Seit Veröffentlichung der Petition wurden rund 40 der Unterzeichner in Militärgefängnisse gesperrt - eine Reaktion auf ihre Verweigerung. Fast alle der 462 Unterzeichner - ich eingeschlossen - sind zwischen 25 u. 35 Jahre alt. Keiner von uns kennt noch das Israel vor der Okkupation. Zwar war es eine völlig individuelle Entscheidung jedes Einzelnen von uns, den Befehl des Staats zu verweigern - der uns zwingen will, unmoralische u. unmenschliche Mittel einzusetzen, um eine Zivilbevölkerung unter Kontrolle zu halten -, aber dennoch ist erstaunlich, wie sehr sich unsere Geschichten doch ähneln, wie geradezu identisch unsere Wandlung vom braven, 'guten', gehorsamen Soldaten hin zu jenem Subjekt verlaufen ist, das unser Staatsanwalt einen 'gefährlichen Kriminellen' nennt.
Da ich der Rechtsbeistand vieler Seruvniks bin - u. vor einigen Jahren selbst für 3 Wochen eingesessen habe, als ich nämlich meinen eigenen Militärdienst im Gebiet Hebron verweigert hatte -, wird mir die Ehre zuteil, viele meiner Mitunterzeichner zu begleiten - vom Erhalt ihrer Einberufung, über den hierauffolgenden Prozeß bis hin zur Haft, in der ich sie dann besuche.
Von den Biographien her zu urteilen scheint 'Verweigerung' nicht vielen von ihnen in die Wiege gelegt zu sein. Eher schon stand die Entscheidung zur Verweigerung am Ende einer langen persönlichen Krise - geboren aus moralischen Qualen u. tiefer Besorgnis über die Zukunft unseres Landes.
Man könnte vielleicht glauben, die Verweigerer berichteten alle Horrorgeschichten über unglaubliche Greuel, die sie selbst mitangesehen haben u. die sie nun dazu bewegen, sich aus dem System auszuklinken. Die Wahrheit ist aber: die meisten 'Verweigerer aus Gewissensgründen' trafen ihre Entscheidung aufgrund des ganz 'normalen' Alltags in den 'Besetzten Gebieten', den sie miterleben mußten.
Die Okkupation hat unsere (Israels) gesamte Kultur korrumpiert, sie hat unseren Moralkodex verroten lassen u. selbst noch unsere Hebräische Sprache verseucht.
Im Namen des Kampfs gegen jenen unverzeihlichen u. mörderischen Terror, der ja derzeit unsere Israelischen Städte heimsucht, haben wir es zu einer ganz normalen Sache gemacht, überall Checkpoints zu errichten - an denen tausende Palästinenser stundenlang festgehalten u. von jungen Israelischen Soldaten gedemütigt werden.
Wir haben uns auch daran gewöhnt, unsere Gewehre auf Frauen u. Kinder zu richten. Inzwischen haben wir auch nichts mehr gegen Häuserzerstörungen im großen Stil (im Militärjargon 'Oberflächenfreilegungen' genannt), und wir haben zuletzt auch noch ein staatlich-finanziertes Exekutions-Programm akzeptiert (das von Israelischen Sprechern euphemistisch als 'fokusierte Prevention' bezeichnet wird). Wir haben gelernt, zwischen Straßen für Siedler (= Juden) u. Straßen für 'Einheimische' (= Palästinenser) zu unterscheiden. Wir wurden aufgefordert, für diskriminierende Gesetze zu stimmen - zugunsten jener illegalen Siedlungen, die unser Land in einem dauerhaften Messianischen Krieg gefangenhalten - ein Krieg, den die allermeisten von uns Israelis nie gewollt haben.
Als Soldaten, die wir mit eigenen Augen die zerstörerischen Auswirkungen der Besatzung auf das Leben der ganz normalen Israelis bzw. Palästinenser mitangesehen haben, konnten wir die schrecklichen Folgen einfach nicht mehr ertragen, die dies alles für jene Grundwerte hat, von denen man uns als Kind beigebracht hatte, sie seien Israelische Werte: Respekt vor dem menschlichen Leben u. Respekt vor der menschlichen Würde.
Die Okkupation hat ein ungleichwertiges Verhältnis zwischen Israelis u. Arabern kreiert. Sie hat in vielen von uns den Samen des Rassismus gesät - Rassismus gegenüber den Arabern.
Und in dieser Situation begannen dann hunderte Offiziere u. Soldaten - viele ja führend in ruhmreichen Eliteeinheiten u. gewohnt, ihr Leben in den Dienst der Landessicherheit zu stellen -, zweierlei Dinge in Zweifel zu ziehen: erstens das moralische Recht uns in den 'Besetzten Gebieten' aufzuhalten u. zweitens die grundsätzliche Notwendigkeit unserer (dortigen) Präsenz - ist diese Notwendigkeit am Ende reiner Mythos?
Menschen ohne jede juristische Vorbildung erkannten mit der Zeit klar, daß ein Kommando, das sie jenseits der Grenzen einsetzte - jenseits der Grenzen der Demokratie - um dort dauerhaft über ein anderes Volk zu herrschen, daß ein solches Kommando automatisch zu systematischen Menschenrechtsverletzungen führen mußte u. daher weder demokratisch noch legal sein konnte.
Wenn man in ein Dorf einfällt u. dort jeden männlichen Einwohner über 14 Jahren gefangennimmt u. bis zu 18 Tage festhält (wie es während des letzten Einmarsches in die West Bank ja Praxis war), ist das inhuman, selbst wenn es darum geht, Terroristen zu fangen. Eine Ambulanz anzuhalten - mit einem kranken Mann im Innern oder einer schwangeren Frau - ist ebenso unmoralisch, selbst wenn man den Verdacht hat, das Fahrzeug könnte Waffen schmuggeln.
Und das ist genau das Problem beim Militärdienst in den 'Gebieten': der Einzelne kann dort nicht Dienst tun, ohne automatisch gezwungen zu sein, verdächtige Ambulanzen anzuhalten oder Kinder zu drangsalieren, so daß noch mehr Haß entsteht. Die Soldaten geraten auf diese Art in eine Zwickmühle: die Realität der Okkupation zwingt sie de facto zu unmoralischen Handlungen. Als ihr Rechtsanwalt ist es mir, wie gesagt, erlaubt, die 'Verweigerer aus Gewissensgründen' im Gefängnis zu besuchen.
Manche kommen dort sehr stolzerfüllt an, aber es gibt auch einige, die erstmal noch ganz geschockt sind über das, was sie getan haben u. lange Telefonate mit Familie u. Freunden führen, um ihre Beweggründe ausführlich darzulegen.
Im Gefängnis wird den meisten dann klar, wie wütend sie im Grunde sind - wütend auf die jüdischen Siedler, die uns in einen ewigen Kreislauf des Kriegs hineingezogen haben, wütend auf die verschiedenen Israelische Regierungen, die es den Siedlern ja immer so leichtgemacht haben. Wütend nicht zuletzt auf die IDF ('Israeli Defense Force' = Israelische Streitkräfte), die es in ihrer Arroganz für ganz selbstverständlich hält, daß wir buchstäblich jeden Befehl ausführen.
Die Seruvniks sind Leute, die das Rückgrat der Israelischen Gesellschaft bilden. Es sind Israelis aus der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft - so sehen sie sich, und so werden sie auch gesehen. "Ich habe die Werte einfach ernstgenommen, mit denen man mich in diesem Land großgezogen hat", so sagen viele.
Bleibt die (bedrückende) Frage für uns: Waren diese Werte etwa von Anfang an nichts als 'Rhetorik' oder ist es umgekehrt so, daß Israel selbst sich fundamental verändert hat.
Wir Seruvniks haben beschlossen, uns öffentlich zu äußern. Uns zum Schweigen zu bringen, würde bedeuten, auch jene Grundwerte (noch mehr) zum Schweigen zu bringen, auf die unsere Gesellschaft gegründet ist.
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