Warum die USA Al-Dschasiera bombardieren
von Arthur Neslen
21.04.2004 — Guardian / ZNet
—
abgelegt unter:
Irak
Als kürzlich US-Truppen ein Team des arabischen TV- Senders Al-Dschasiera zum Verlassen der Stadt Falludscha aufforderten als Vorbedingung für einen Waffenstillstand mit den lokalen Widerstandskräften -, war das für das Senderhauptquartier in Doha keine Überraschung. Verlässliche Quellen des Senders in Doha behaupten zudem, Offizielle der Koalition hätten Anfang des Jahres damit gedroht, das Bagdader Al-Dschasiera-Büro zu schließen. Letzte Woche sei von diesen Offiziellen ein Brief eingetroffen, in dem das Network beschuldigt wird, gegen die Genfer Konvention und die Prinzipien der Pressefreiheit zu verstoßen. Seit Beginn des Kriegs gegen den Terror ist Al-Dschasiera dem Pentagon ein Dorn im Auge. Meine Lösung wäre, so Brigadegeneral Mark Kimmitt diesen Monat in Bagdad, den Kanal in einen legitimen, autoritativen, ehrlichen Nachrichtensender umzuwandeln. Sender, die zeigen, wie Amerikaner bewusst Frauen und Kinder töten, sind keine legitimen Nachrichtenquellen.
Dumm nur für Kimmitt, dass Millionen Menschen in der Region
Naher/Mittlerer Osten anderer Meinung sind. Al-Dschasiera ist
zum populärsten TV-Network der Region geworden, mit einem täglichen Publikum von 35 Millionen gerade weil der Sender das Blutbad zeigt, das Angriffe des US-Militärs nach sich ziehen. Würde Al-Dschasiera tatsächlich einer der legitimen, autoritativen, ehrlichen Nachrichtensender, die routinemäßig die Wahrheit über US-Militäroperationen zensieren, Al-Dschasiera würde sein Publikum verlieren.
Internationale Beobachter in Falludscha bestätigen inzwischen die
Al-Dschasiera-Berichte, wonach US-Heckenschützen in Falludschas
Straßen auf Frauen und Kinder feuern. Womöglich ist es ganz
natürlich, dass eine Militärstreitmacht versucht, Beweise, die
in künftigen Kriegsverbrechertribunalen gegen sie Verwendung finden könnten, zu unterdrücken. Ebenso natürlich ist es allerdings, dass freie Medien sich wehren.
Den Mittleren Osten demokratisieren mag den Neokonservativen als Argument zur Eroberung des Irak gedient haben. Vor Ort jedoch kämpfen die USA gegen das Aufblühen der Medienfreiheit im Mittleren Osten und diese Medienfreiheit wurde von Al-Dschasiera initiiert. Gegründet wurde der Sender 1996 durch desillusionierte BBC-Journalisten. Die saudischen Investoren hatten dem arabischen TV-Ableger des BBC News Service den Stecker gezogen. Seither hat Al-Dschasiera Massen von Konkurrenzsendern erzeugt wie EDTV, Abu Dhabi TV oder die Lebanese Broadcasting Company. Der wichtigste ist al-Arabiya. Der von den USA ernannte Regierungsrat verhängte über al-Arabiya, ebenso wie über Al-Dschasiera, einen wochenlangen Bann - wegen Anstiftung zum Mord - weil man Bänder mit Saddam Husseins Stimme gesendet hatte. Im März wurden zwei al-Arabiya-Journalisten an einem US-Checkpoint von amerikanischen Soldaten erschossen. Letzten November hatte George Bush erklärt, erfolgreiche Gesellschaften begrenzen die Macht von Staat und Militär... und räumen unabhängigen Zeitungen und Sendermedien Raum ein. Drei Tage zuvor war der Al-Dschasiera-Kameramann Salah Hassan im Irak verhaftet worden. Ohne die Möglichkeit zur Kommunikation wurde er in einer hühnerschlaggroßen Zelle gefangengehalten. Mit Kapuze (über dem Kopf) sowie nackt und gefesselt musste er bis zu 11 Stunden am Stück stehen. Die US-Soldaten prügelten ihn, sie sprachen ihn nie anders an als mit Al-Dschasiera oder bitch (Hündin/Hure). Endlich, nach einem Monat, warfen sie ihn direkt vor Bagdad auf die Straße immer noch in seinem verkotzten roten Overall, in dem er gefangengehalten wurde. 20 weitere Al-Dschasiera-Journalisten wurden verhaftet und von US-Kräften im Irak gefangengehalten. Der Al-Dschasiera-Journalist Tariq Ayoub starb im letzten April, als ein US-Panzer eine Granate auf das Al-Dschasiera-Büro im Bagdader Palestine-Hotel abfeuerte. Das Pentagon hat dies als Unfall bezeichnet obwohl Al-Dschasiera dem Pentagon die Koordinaten seiner Bagdader Büros schon vor dem Krieg übermittelt hatte. Als die Invasion begann, war aljazeera.net offline. Schuld war eine Hacker-Attacke - von Kalifornien aus durchgeführt von John William Racine III. Racine hätte maximal 25 Jahre bekommen können. Das Büro des Staatsanwalts stimmte einer Verurteilung zu lediglich 1 000 Stunden gemeinnütziger Arbeit zu.
In den Nachwehen des 11. Septembers hatte Al-Dschasiera Videotapes von Osama bin Laden ausgestrahlt. Seither behandelte Washington den Sender wie eine 5. Kolonne. Es existieren Beschuldigungen, wonach das Weiße Haus den Sender durch massiven Druck dazu gebracht hat, einige seiner unverblümtesten Journalisten zum schweigen zu bringen siehe aljazeera nets leitende Website-Redakteurin, Yvonne Ridley, die im November 2003 entlassen wurde. Einige Wochen nach dem 11. September hatte Colin Powell dem Herrscher von Katar und Al-Dschasiera-Financier Emir al-Thani einen Besuch abgestattet. Powell hatte verlangt, der Emir solle die freie Presse seines Landes im Zaum halten. Der Emir allerdings machte die Powell-Mission publik. Während des anschließenden Kriegs in Afghanistan wurden die Kabuler Al-Dschasiera-Büros bombardiert - ein Unfall, so das Pentagon.
Der Al-Dschasiera-Kameramann Sami al-Haj wurde in Afghanistan festgenommen und ist bis zum heutigen Tag Gefangener in Guatanamo. Im Westen stehen die Al-Dschasiera-Leute im Fadenkreuz. Als ich vom Europäischen Sozialforum in Paris zurückkehrte, habe ich selbst die Erfahrung gemacht, 1 Stunde festgehalten und von Offizieren des britischen Special Branch im Waterloo-Bahnhof verhört zu werden. Die Fragen konzentrierten sich auf meinen Arbeitgeber. Zudem wollten die Offiziere von mir Informationen über andere Al-Dschasiera-Journalisten, die in London und Paris tätig sind. Sie fragten mich, ob ich eventuell bereit wäre, regelmäßig mit jemandem aus ihrem Büro zu sprechen über meine Arbeitskontakte. Beide Ansinnen habe ich zurückgewiesen.
Dass Al-Dschasiera zur Zielscheibe wurde, ist besonders bemerkenswert angesichts der Tatsache, dass es sich hier um das einzige arabische TV-Network handelt, das israelischen, amerikanischen und britischen Offiziellen eine regelmäßige Plattform bietet, um ihre Argumente darzulegen. Berühmt wurde jener Ausspruch des israelischen Kabinettministers Gideon Ezra gegenüber der Jerusalem Post: Ich wünschte, alle arabischen Medien wären wie Al-Dschasiera. Und der frühere US-Botschafter in Katar, Kenton Keith, kommentierte: Man muss einfach Al-Dschasiera-Unterstützer sein, wenngleich man manchmal die Nase zuhalten muss. Al-Dschasiera ist Rekordhalter, was akkurate und ehrliche Berichterstattung angeht. Der Sender hat es geschafft, angesichts brutaler und autoritärer Regime in der Region - aber zunehmend auch außerhalb - einen prinzipientreuen Pluralismus aufrechtzuerhalten. Genau das ist der Grund, weshalb man ihn zum Schurken erklärt, warum man ihn kriminalisiert und bombardiert. Und es ist auch der Grund, warum Leute, die tatsächlich daran glauben, dass erfolgreiche Gesellschaften unabhängige Medien brauchen, Al-Dschasiera verteidigen sollten.
Anmerkungen:
Arthur Neslen war bis letzte Woche London-Korrespondent von aljazeera.net. Derzeit arbeitet er an einem Buch über israelische Identität (Pluto Press). art.neslen@ntlworld.com
Den Mittleren Osten demokratisieren mag den Neokonservativen als Argument zur Eroberung des Irak gedient haben. Vor Ort jedoch kämpfen die USA gegen das Aufblühen der Medienfreiheit im Mittleren Osten und diese Medienfreiheit wurde von Al-Dschasiera initiiert. Gegründet wurde der Sender 1996 durch desillusionierte BBC-Journalisten. Die saudischen Investoren hatten dem arabischen TV-Ableger des BBC News Service den Stecker gezogen. Seither hat Al-Dschasiera Massen von Konkurrenzsendern erzeugt wie EDTV, Abu Dhabi TV oder die Lebanese Broadcasting Company. Der wichtigste ist al-Arabiya. Der von den USA ernannte Regierungsrat verhängte über al-Arabiya, ebenso wie über Al-Dschasiera, einen wochenlangen Bann - wegen Anstiftung zum Mord - weil man Bänder mit Saddam Husseins Stimme gesendet hatte. Im März wurden zwei al-Arabiya-Journalisten an einem US-Checkpoint von amerikanischen Soldaten erschossen. Letzten November hatte George Bush erklärt, erfolgreiche Gesellschaften begrenzen die Macht von Staat und Militär... und räumen unabhängigen Zeitungen und Sendermedien Raum ein. Drei Tage zuvor war der Al-Dschasiera-Kameramann Salah Hassan im Irak verhaftet worden. Ohne die Möglichkeit zur Kommunikation wurde er in einer hühnerschlaggroßen Zelle gefangengehalten. Mit Kapuze (über dem Kopf) sowie nackt und gefesselt musste er bis zu 11 Stunden am Stück stehen. Die US-Soldaten prügelten ihn, sie sprachen ihn nie anders an als mit Al-Dschasiera oder bitch (Hündin/Hure). Endlich, nach einem Monat, warfen sie ihn direkt vor Bagdad auf die Straße immer noch in seinem verkotzten roten Overall, in dem er gefangengehalten wurde. 20 weitere Al-Dschasiera-Journalisten wurden verhaftet und von US-Kräften im Irak gefangengehalten. Der Al-Dschasiera-Journalist Tariq Ayoub starb im letzten April, als ein US-Panzer eine Granate auf das Al-Dschasiera-Büro im Bagdader Palestine-Hotel abfeuerte. Das Pentagon hat dies als Unfall bezeichnet obwohl Al-Dschasiera dem Pentagon die Koordinaten seiner Bagdader Büros schon vor dem Krieg übermittelt hatte. Als die Invasion begann, war aljazeera.net offline. Schuld war eine Hacker-Attacke - von Kalifornien aus durchgeführt von John William Racine III. Racine hätte maximal 25 Jahre bekommen können. Das Büro des Staatsanwalts stimmte einer Verurteilung zu lediglich 1 000 Stunden gemeinnütziger Arbeit zu.
In den Nachwehen des 11. Septembers hatte Al-Dschasiera Videotapes von Osama bin Laden ausgestrahlt. Seither behandelte Washington den Sender wie eine 5. Kolonne. Es existieren Beschuldigungen, wonach das Weiße Haus den Sender durch massiven Druck dazu gebracht hat, einige seiner unverblümtesten Journalisten zum schweigen zu bringen siehe aljazeera nets leitende Website-Redakteurin, Yvonne Ridley, die im November 2003 entlassen wurde. Einige Wochen nach dem 11. September hatte Colin Powell dem Herrscher von Katar und Al-Dschasiera-Financier Emir al-Thani einen Besuch abgestattet. Powell hatte verlangt, der Emir solle die freie Presse seines Landes im Zaum halten. Der Emir allerdings machte die Powell-Mission publik. Während des anschließenden Kriegs in Afghanistan wurden die Kabuler Al-Dschasiera-Büros bombardiert - ein Unfall, so das Pentagon.
Der Al-Dschasiera-Kameramann Sami al-Haj wurde in Afghanistan festgenommen und ist bis zum heutigen Tag Gefangener in Guatanamo. Im Westen stehen die Al-Dschasiera-Leute im Fadenkreuz. Als ich vom Europäischen Sozialforum in Paris zurückkehrte, habe ich selbst die Erfahrung gemacht, 1 Stunde festgehalten und von Offizieren des britischen Special Branch im Waterloo-Bahnhof verhört zu werden. Die Fragen konzentrierten sich auf meinen Arbeitgeber. Zudem wollten die Offiziere von mir Informationen über andere Al-Dschasiera-Journalisten, die in London und Paris tätig sind. Sie fragten mich, ob ich eventuell bereit wäre, regelmäßig mit jemandem aus ihrem Büro zu sprechen über meine Arbeitskontakte. Beide Ansinnen habe ich zurückgewiesen.
Dass Al-Dschasiera zur Zielscheibe wurde, ist besonders bemerkenswert angesichts der Tatsache, dass es sich hier um das einzige arabische TV-Network handelt, das israelischen, amerikanischen und britischen Offiziellen eine regelmäßige Plattform bietet, um ihre Argumente darzulegen. Berühmt wurde jener Ausspruch des israelischen Kabinettministers Gideon Ezra gegenüber der Jerusalem Post: Ich wünschte, alle arabischen Medien wären wie Al-Dschasiera. Und der frühere US-Botschafter in Katar, Kenton Keith, kommentierte: Man muss einfach Al-Dschasiera-Unterstützer sein, wenngleich man manchmal die Nase zuhalten muss. Al-Dschasiera ist Rekordhalter, was akkurate und ehrliche Berichterstattung angeht. Der Sender hat es geschafft, angesichts brutaler und autoritärer Regime in der Region - aber zunehmend auch außerhalb - einen prinzipientreuen Pluralismus aufrechtzuerhalten. Genau das ist der Grund, weshalb man ihn zum Schurken erklärt, warum man ihn kriminalisiert und bombardiert. Und es ist auch der Grund, warum Leute, die tatsächlich daran glauben, dass erfolgreiche Gesellschaften unabhängige Medien brauchen, Al-Dschasiera verteidigen sollten.
Anmerkungen:
Arthur Neslen war bis letzte Woche London-Korrespondent von aljazeera.net. Derzeit arbeitet er an einem Buch über israelische Identität (Pluto Press). art.neslen@ntlworld.com
Orginalartikel:
Why the US Bombs Al Jazeera
Übersetzt von:
Andrea Noll
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