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Warum ich alles Made in Israel boykottiere

Independent, 15. April 2002

von Yasmin Alibhai-Brown

15.04.2002 — Independent / ZNet Deutschland

— abgelegt unter:

Zuerst lassen Sie mich folgendes sehr klar und deutlich sagen: Ich habe mein ganzes Leben gegen den Antisemitismus gekämpft und trat dabei gegen Bekannte, Kollegen, Freunde sowie jeden auf, der sich antisemitisch äußerte. Ich erinnere mich an eine Nacht im Jahre 1974, als ich vier Stunden unter einer Laterne im Norden Oxfords stand um mich vom heftigen Streit mit meinem ehemaligen Ehemann zu erholen, der mir vorwarf, übertrieben emotional wegen des Holocaust zu sein. Ich habe meine neun Jahre alte Tochter ins Kino mitgenommen um den Film „Der Kaufmann von Venedig" anzuschauen, in jener Woche, in der ihre Freunde massenweise zu „Harry Potter" strömten, weil wir der Meinung sind, dass sie über den Antisemitismus aufgeklärt sein muss, wenn antisemitische Tendenzen in der Welt wieder an Auftrieb gewinnen. Ich lehnte es ab, die UN-Konferenz in Durban zu unterstützen, weil ich meinte, diese könnte missbraucht werden um Juden zu diskriminieren, was auch geschah. Und als ich den aufkeimenden Hass gegen die Juden bei den Moslems hier und sonst wo bemerkte, fühlte ich Scham und Zorn.

Ich verurteile die Selbstmordanschläge, die von jenen verübt werden, deren Hoffnungslosigkeit sie dazu bringt, sich selbst sowie junge und alte Israelis in Cafés, bei Hochzeiten und auf Straßenmärkten zu töten. Und bei jedem Attentat sprengen sie auch die Hoffnung auf Frieden und Fortschritt. Israel, wie es ursprünglich gegründet wurde, hat das absolute Recht ohne Angst zu existieren und zu blühen.

Allerdings hat Israel absolut kein Recht, nur das zu machen, was es will. Die Verwendung solcher weit überlegener Waffen gegen ein meist unbewaffnetes Volk (wir werden niemals wissen, wie viele Menschen bei den letzten Aggressionen getötet wurden) und dies mit der schrecklichen Geschichte rechtfertigen, die zur Gründung des jüdischen Staates führte. Ich würde in der Tat dafür plädieren, dass Ariel Sharon wegen der Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Sabra, Shatila, Jenin und anderen Orten in den besetzten Gebieten angeklagt und deswegen zur Verantwortung gezogen wird, weil er die Basis des unermesslich wichtigen Vermächtnisses des Holocaust zerstört. Jenes Vermächtnis, das bedeutet, dass Nationen ein für allemal damit aufhören, sich zu ethnisch motivierten Tötungsmaschinen zu verwandeln.

Erinnern Sie sich daran. Lesen Sie die ergreifende Biographie Primo Levi's von Carole Angier um die einzigartige Humanität der großen jüdischen Denker zu verstehen. Menschen, die allen Grund hatten, sich der abscheulichen Rachegefühle zu ergeben, dies aber nicht taten. Die gewissenhaften Aussagen Levi's über die Geschehnisse in Auschwitz klären über Verbindungen auf vermeiden es jedoch, jemanden speziell anzuklagen. Er hätte sicher diese Zeugenaussagen nicht gemacht, ohne auch gegen die Verworfenheit der gegenwärtigen israelischen Führung zu protestieren.

Sharon kann nur deswegen seine Invasion der Westbank fortsetzen, weil Colin Powell und sein Chef im Weißen Haus dem inneramerikanischen pro-israelischen Druck nachgeben. Er weiß auch, dass er mit der Unterstützung der USA und Großbritannien rechnen kann, deren anti-arabischer Rassismus dieses Jahr neue Höhepunkte erreichte. Ein Kolumnist formulierte in einer US-amerikanischen Zeitung die von vielen geteilte Sicht so: „ Die israelischen Panzer sollen die Steine werfende arabische Jugend niederwalzen, sie töten und so lange weiter machen, bis die Araber entscheiden, ob sie die Juden mehr hassen oder ihre Kinder mehr lieben. Ich glaube nicht, dass die Israelis sehr viele arabische Kinder „beseitigen" müssen, bis die Araber die weiße Fahne erheben."

Sollen wir nun unsere Tränen wegwischen und auf die Toten warten? Nein. Dies würde bedeuten, dass wir jeden Optimismus abtöten. Ich bin vor kurzem aus Cape Town zurückgekehrt, wo ich motivierende Menschen traf, die lange, lange Jahre gegen die Apartheid gekämpft hatten. Sie gaben mir Mut und meinten, dass nichts vergebens ist. Wir brauchen uns nicht auf die feigen britischen Minister zu verlassen, die noch immer darauf beharren, Arafat (er ist kein Heiliger) zu tadeln anstatt sich zusammenzureißen und Sharon zu beschuldigen.

Diese südafrikanischen Freiheitskämpfer haben bereits viele Leute davon überzeugt, keine israelischen Produkte zu kaufen. Sie gaben zu, dass Apartheid nicht genau das Gleiche war, was gerade in Palästina geschieht, allerdings sie erkannten die Ähnlichkeit zwischen beiden. Der Rassismus gegen die Araber, von dem die Hard-line-Führer in Israel angetrieben werden; die systematische Gewalt und Erniedrigung um die palästinensische Bevölkerung zu zwingen, einen ungerechten Deal anzunehmen; die Bulldozer, oh diese Bulldozer, die traurige Erinnerung bei vielen Südafrikanern erwecken, deren Häuser und ihre Existenz vor nicht allzu langer Zeit auf diese Weise zu Staub verwandelt wurde.

Sie haben nichts vergessen. Weder, dass Israel das Apartheid-System lange Jahre unterstützte, noch, dass die weißen südafrikanischen Herrscher für viele Touries als feine Leute galten. Nelson Mandela wurde auch zu einem Terroristen erklärt, weil er die Anwendung von Gewalt gegen ein boshaftes System, das auf einem permanenten Zustand akuter Paranoia aufbaute, ähnlich wie in Israel heute, nicht offensichtlich verurteilte.

Ich glaube wir alle, die dafür eintreten, dass Israel die besetzten Gebiete räumen muss, sollen dem Beispiel der südafrikanischen Aktivisten folgen. Ich habe bereits damit begonnen, jedes Produkt mit dem Vermerk „Made in Israel" zu meiden. Viele meiner Freunde tun das Gleiche. Wir haben damit begonnen, Organisationen Emails zu schicken, darunter nicht die religiösen, weil die Palästinenser nicht nur Moslems sind sondern allen, die sich für die universalen Menschenrechte verpflichtet haben. Geld wird letztendlich mehr zählen als Worte. Die USA werden nicht in der Lage sein, der israelischen Wirtschaft unter die Arme zu greifen und diese Kriege sind sowieso teuer genug.

Ich war ermutigt, als ich fand, dass andere auch ihren Beitrag leisten. Professor Stephen Rose und Professor Hilary Rose starteten einen Boykott von institutionellen, kulturellen, akademischen und Forschungsverbindungen mit Israel. Sie haben über 300 Kollegen quer durch Europa davon überzeugt, mitzumachen. Auch jüdische Akademiker machen mit. Die Unterzeichner sollten wissen, dass die Sache es wert ist. Es gibt zahlreiche Aktionen für gemeinsame Forschungsprojekte zwischen arabischen und israelischen akademischen Institutionen - seltene Gelegenheiten, in denen in bescheidenem Maße Dialog und Kooperation stattfanden. Ich glaube jedoch, dass es richtig war, dass sie auch unterschrieben, weil wir uns mitten in einem noch nie da gewesenen Inferno befinden, zu dessen Beenden die Politiker nichts unternehmen.

Wir wissen, dass kleine Gruppen israelischer Soldaten Sharons Strategie ablehnen und auch dass kleine Gruppen von Friedensaktivisten ihre Arbeit fortsetzen obwohl sie dafür Ablehnung ernten und Beschuldigungen, sie seien Verräter, ertragen müssen, was gerade nach einem Selbstmordanschlag noch viel schlimmer zum Ausdruck kommt. Viele jüdische Frauen, die sich für die Menschenrechte einsetzen, suchen jetzt nach Alternativen, damit ihre Ablehnung (von Sharons Taten) gehört wird. Sie wissen, dass sie jetzt vorsichtig vorgehen müssen, damit sie den Judenhassern keine Hilfe leisten aber gleichzeitig ihre moralische Position, für die sie die ganze Zeit standen, auch nicht verraten. Wie es eine südafrikanische Freundin jüdischen Glaubens, eine in London lebende Künstlerin, formulierte: „Ich schulde es meinem Vater, der gegen die Apartheid kämpfte und auch meinem Großvater, der in Deutschland starb, meine Leute daran zu hindern, Faschisten zu werden. Erwähne meinen Namen nicht, aber ich sage, was viele von uns (Juden) denken, Israel ist zu einer Last auf unserem Rücken geworden, anstatt jenes Rettungshafens, den wir uns seit unserer Kindheit vorstellten, als einen Platz der Sicherheit und Würde in einer bösen Welt. Ich stelle mich da nicht zur Verfügung und lasse Israel dies in meinem Namen begehen."

Sie ist nicht allein. Diese mutigen jüdischen Dissidenten, die es ablehnen, zurückzuweichen und sich zu ducken, werden die Panzer stoppen, und wenn nicht, zumindest tragen sie dazu bei, dass Hunderte namenlose Opfer, die da ermordet werden, nicht unverteidigt starben und die Welt hilflos zuschaute. So vergessen Sie nicht, den Aufkleber des Ursprunglands zu lesen. Geben Sie es zurück, wenn „Made in Israel" drauf steht und Sie wissen dann, dass Sie zumindest etwas tun.

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