Warum ich keinen Militärdienst für Scharon leisten werde - ein Refusenik äußert sich
von Schlomi Segall
15.07.2002 — The Guardian / ZNet
Shlomi Segall ist Feldwebel der Reserve bei den Israelischen Fallschirmjägern. Gleichzeitig ist er Mitglied bei "Courage to Refuse" (Mut zur Verweigerung) - der aktuellen israelischen Militärdienstverweigerungs-Bewegung. Komisch - wie leicht es fällt, sich daran zu gewöhnen, mit Besatzung zu leben. Zum Zeitpunkt meiner Geburt war die israelische Okkupation der palästinensischen Gebiete bereits drei Jahre alt. Als ich Achtzehn wurde, war die Okkupation immer noch in vollem Gange - nur, inzwischen hatten die Palästinenser den Kanal voll. Es kam zur ersten "Intifada". Ich war vor Ort - zusammen mit vielen andern (israelischen Soldaten) u. bereit, die eiserne Faust zu spielen, die den palästinensischen Widerstand brechen würde. Anderswo in der Welt dachten junge Leute meines Alters daran, auf die Uni zu geh'n oder rund um die Welt zu reisen - während ich und andere junge Israelis durch die engen Gassen von Jebaliya oder eines anderen Flüchtlingslagers streiften. Wir hätten schlauer sein müssen - aber wir waren es nicht, abgesehen von sehr, sehr wenigen Ausnahmen. Fast acht Jahre später tat ich immer noch Dienst in den "Besetzten Gebieten". Ich war jetzt Reservist. Ich stellte Soldaten an eine Straßensperre, auf dass sie Palästinenser daran hinterten, en route nach Israel zu gelangen - zu ihren Billigjobs auf dem israelischen "Sklavenmarkt". Ich erinnere mich noch gut an eine Diskussion mit einem Freund. Ich versuchte mich dafür zu rechtfertigen, dass ich Helfershelfer einer Politik war, die palästinensischen Vätern die einzige Möglichkeit nahm, ihre Kinder zu ernähren. Nie mehr. Keine Entschuldigungen mehr. Wir Mitglieder von "Courage to Refuse" (Mut zur Verweigerung), wir Reservisten, haben geschworen: nie mehr Dienst in den "Besetzten Gebieten". Wir werden nie mehr einen Fuß jenseits der Linie von 1967 setzen - es sei denn in Zivilkleidung, wenn man uns einlädt.
Ariel Scharon wird Ihnen sagen, Israel führe einen Überlebenskampf gegen einen blutrünstigen Feind. Nein. Vielmehr ist es so, dass Scharon zusammen mit seinen Kumpels einen Kolonialkrieg führt. Ziel ist es, deren Lieblingsprojekt, die jüdischen Siedlungen, am Leben zu halten, außerdem wollen sie die israelische Okkupation u. die Unterdrückung der palästinensischen Gebiete immer weiter perpetuieren. Dieser Krieg ist ein einseitiger Krieg. Sein kaum verhohlenes Ziel ist es, jede Hoffnung auf eine Heimat für die Palästinenser bzw. auf deren nationale Unabhängigkeit im Keim zu ersticken. Jeder Selbstmordanschlag in Israel - jeder dieser beklagenswerten Anschläge -, wird von Scharon als Vorwand missbraucht, den 3,5 Millionen Einwohnern Palästinas immer noch mehr Leid zuzufügen. Und sobald die Selbstmordanschläge nachlassen, kann man fast darauf wetten, Scharon stachelt sie mit seinen sogenannten "gezielten Tötungen" erneut an. Diese Tötungen verfehlen außerdem häufig ihr Ziel - die angeblichen Terroristen - u. killen statt dessen Frauen u. Kinder. In diesem sogenannten Krieg ist jeder Vorwand recht, um eine neue "Nakbah" ((palästinensische) Katastrophe von 1948) heraufzubeschwören. Sehen Sie sich doch nur mal die mutwillige Zerstörung des Palästinensischen Kultusministeriums an, des Palästinensischen Bildungsministeriums oder des Statistikamts. Sehen Sie sich die Zerstörungen an palästinensischen Nationalsymbolen wie dem internationalen Flughafen Palästinas an oder am palästinensischen Radiosender "Voice of Palestine" (Stimme Palästinas) - vom beschämenden Quasi-Hausarrests Arafats damals ganz zu schweigen. All diese Maßnahmen zielten ja keineswegs darauf ab, irgendwelche terroristische Infrastruktur zu zerstören, sie hatten es vielmehr auf die Grundpfeiler einer (palästinensischen) Gesellschaft abgesehen, die gerade dabei ist, sich ihre Unabhängigkeit zu erkämpfen - u. sich unter dem israelischen Armeestiefel hervor eine eigene Zukunft aufzubauen. Israelis, die ein Gewissen haben, machen bei diesem Spiel nicht länger mit.
Scharon war immer gut darin, die israelische Gesellschaft in eine folgsame Schafherde zu verwandeln. Schon vor zwanzig Jahren ist ihm das erstaunlich gut gelungen, als er uns nämlich in den Libanon geführt hat. Schluss damit. Scharon soll wissen, dass er nicht länger mit uns rechnen kann; wir werden seinen Krieg nicht mehr für ihn führen. Stimmt, heutzutage gehen nicht mehr 400 000 Israelis protestierend auf die Straße wie nach jenen schrecklichen Massakern von Sabra u. Schatila, als die Massen Scharon heimgeschickt haben. Trotzdem: wenn Scharon jetzt über seine Schulter blickt, sieht er hinter sich nicht mehr eine vollzählig rekrutierte, generalmobilisierte israelische Gesellschaft. Was er sieht, sind 467 Frontsoldaten u. Frontoffiziere, die bei diesem kolonialen Feldzug nicht mitmachen wollen, u. er sieht 80 Verweigerer aus Gewissensgründen, die eingelocht wurden von einem Staat, dem sie treu gedient haben. Was Scharon an den Refuseniks erkannt hat, ist ihre (für ihn) gefährliche Entschlossenheit: die Entherdung der Herde sozusagen. Und er hat inzwischen Angst. Uni-Dozenten, die uns unterstützen, werden mit Entlassung bedroht, Künstler, die mit uns sympathisieren, werden boykottiert. Scharon u. seine Generäle werden es nicht zugeben, aber sie fürchten uns inzwischen - uns, die einfachen Soldaten, Feldwebel u. Obergefreiten.
Scharon u. sein Kabinett sind die gewählten u. legitimen Vertreter des Staats Israel. Dennoch repräsentieren er u. seine Generäle keineswegs die Grundwerte von uns Israelis - Juden wie Araber gleichermaßen. Wenn wir also die derzeitige Regierung Israels angreifen, so bedeutet dies keineswegs einen Angriff auf das israelische Volk - u. schon gar nicht bedeutet es Antisemitismus. Scharon - der als wahrer "Held" für solch (un-)menschliche Katastrophen wie Kibya (1953), Sabra u. Shatila (1982) u. jetzt Dschenin (2002) verantwortlich ist -, hat uns nicht zu sagen, was jüdisch u. was anti-jüdisch ist. Indem Scharon jede Kritik an dem Leid, das er den Palästinenser zufügt, als "antisemitisch" brandmarkt, vergreift er sich an etwas Heiligem, versucht er das Heilige für seine miesen kolonialen u. expansionistischen Ziele einzuspannen. Die Bürger Großbritanniens - egal, ob Juden oder Nicht-Juden - sollten Scharon nicht behilflich sein bei seinem widerlichen Versuch, die Erinnerung an das jüdische Leid zu entweihen u. es als Rechtfertigung zu missbrauchen für die Unterdrückung eines andern Volks.
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