Was hat Bush wann gewußt?
von Michael Albert
22.05.2002 — ZNet Kommentar
Obige Frage schreit uns momentan ja vom Titel jeder etablierten Zeitung entgegen. Sie geifert von den Lippen jedes Liberalen. Was mich allerdings stört, ist, wieviel Linke sie inzwischen wichtig nehmen.
Verbreitete Frage: Was hat Bush im Hinblick auf eine mögliche Bedrohung durch Terroristen bereits vor dem 11. September gewußt, zu welchem Zeitpunkt hat er es gewußt, und was hat Bush auf dem Hintergrund dieser Information anschließend unternommen?
Ungefragte Frage 1: Was hat Bush im Hinblick auf die höchstwahrscheinlichen Folgen eines Bombardements auf Afghanistan nach dem 11. September gewußt, zu welchem Zeitpunkt hat er es gewußt, und warum hat Bush auf dem Hintergrund dieser Information unausgesetzt weiter bomben lassen.
Ungefragte Frage 2: Was hat Bush im Hinblick auf die Folgen des Irak-Embargos gewußt, zu welchem Zeitpunkt hat er es gewußt, und warum hat Bush auf dem Hintergrund dieser Information auf dessen weitere Fortführung bestanden?
Ungefragte Frage 3: Was hat Bush im Hinblick auf die Folgen seiner Globalisierungs-Politik gewußt, seiner Waffenproduktion u. Waffenverkäufe, seiner repressiven zivilen Gesetzgebung, seiner Wirtschafts- u. Kulturpolitik, seiner Veto-Politik in der UN, seines ökologischen Isolationismus undsoweiterundsofort - zu welchem Zeitpunkt hat er es gewußt, und warum verfolgt Bush auf dem Hintergrund dieser Information dieselbe falsche Politik immer weiter?
Nehmen wir mal an, wir hätten wirklich die Möglichkeit rauszufinden, was Bush vor dem 11. September gewußt hat u. könnten obige Frage tatsächlich beantworten, was hätten wir schon groß gewonnen? Doch wohl höchstens die Gewißheit, daß die US-Geheimdienste total inkompetent sind. Aber wir sprechen hier ja schließlich von denselben Geheimdienstleuten, die um nichts in der Welt rausfinden können, wer hinter den Milzbrandanschlägen steckt - wo doch jedes Kind weiß, daß die Erreger aus Fort Detrick in Maryland stammen u. es dort nur eine handvoll Leute gibt, die als mögliche Täter in Frage kommen, da sie über das nötige Wissen verfügen.
Ja, natürlich sind unsere Geheimdienste inkompetent. Aber darüber hinaus: Was bringt's für den Frieden bzw. für die Gerechtigkeit, wenn wir jetzt die US-Geheimdienste in all ihrer Dummheit vorführen? Oder sollen wir als Progressive daraus etwa die Konsequenz ableiten, u. uns plötzlich für die Erhöhung des Überwachungsstaats-Budgets starkmachen?
Darüber, ob Bush wirklich schon vorher irgendwas über die Pläne der Terroristen gewußt hat, kann man munter spekulieren - ganz im Gegensatz zum Afghanistan-Bombardement: da wissen wir nämlich ganz genau, daß Bush w u ß t e, bzw. wann er w u ß t e, und das gleiche gilt auch fürs Kyoto-Abkommen, gilt für seine Nahost-Politik, gilt für die Folgen seines Irak- bzw. Kuba-Embargos, für die Globalisierung, usw.; und unser Wissen über Bushs Wissen könnte sehr wohl sehr wichtig sein für Frieden u. Gerechtigkeit (in der Welt).
Aber warum lassen sich soviele Linke einlullen von diesem heuchlerischen Demokraten- bzw. Pressefritzen-Ringelpiez? Nur weil die TV-Nachrichten dieser Story, (die ja nur im vagesten Sinne was mit unserem progressiven Anliegen zu tun hat) derart viel Sendezeit einräumen, müssen wir doch noch lange nicht automatisch hinglotzen, oder?
Ironischerweise ist es doch so, daß die Frage: "Was hat Bush vor dem 11. September gewußt?" so ziemlich die einzige 'Was-hat-er-gewußt-Frage' ist, die Bush jederzeit (unbedenklich) beantworten könnte - da sie nämlich nicht dazu angetan ist, sein groteskes Wertesystem zu entlarven.
Bush könnte auf die Frage beispielsweise sagen: "Ich erinnere mich, daß unsere Geheimdienste mich damals über etliche Anschlagsdrohungen informiert haben. Es waren aber nicht mehr u. nicht weniger als sonst auch. Ich habe mich nicht dazu entschieden, Verkehr u. Kommunikationssysteme aus Vorsicht lahmzulegen - da ich nämlich genau wußte, wenn ich dies tun würde, hätten wir am nächsten Tag zehnmal soviele Drohungen. Also wenn ich mich auf dieses Spiel erstmal eingelassen hätte, dann hätten wir den ganzen Verkehr u. die Kommunikation auf ewig lahmlegen müssen".
Und das wäre auch exakt die Antwort, die die Demokraten geben würden, hätten s i e zu jener Zeit im 'Weißen Haus' gesessen. Es wäre zudem auch die Antwort, die unsere Medien-Fritzen normalerweise weiterverbreiten würden - aber derzeit sind sie ja darum bemüht, den Götzen Bush ein wenig vom hohen Roß runterzuholen.
Okay, ich gebe zu, wenn die Bush-Administration gewußt hat, daß demnächst möglicherweise Flugzeuge in Wolkenkratzer gesteuert werden, dann hätte sie Piloten u. selbst Passagiere entsprechend informieren müssen, was offensichtlich nicht geschehen ist. Und vielleicht gibt es ja doch tatsächlich ein paar besorgte Politiker, die aus diesem Versagen eine Lehre ziehen wollen - möglich wär's. Aber das heißt im übrigen noch längst nicht, daß wir Linken uns jetzt für ein höheres CIA-Budget einsetzen müssen!
Moment, Moment, wie war das nochmal: die Medien wollen Bush vom hohen Roß runterholen?
Ja, denn die Bushitischem Irren von Washington haben gewisse Kreise der herrschenden Eliten inzwischen dermaßen nervös gemacht, daß (Teile der) Medien nach - passiven (wohlgemerkt!) - Wegen suchen, den Wahnsinn ein bißchen zu stoppen.
Aber wieso nennen die Medien nicht einfach das Kind beim Namen - u. bezeichnen (Bushs Verhalten) als unmoralisch, imperial, kriegstreiberisch, repressiv, böse?
Warum? Ganz einfach, weil sie diese Eigenschaften doch im Grunde mögen u. keinesfalls wollen, daß man sie bloßstellt oder gar lächerlich macht. Die Medien sind besorgt, weil Bush seine Sache anscheinend ein bißchen übertreibt - ja - aber gegen Immoralität u. Imperialismus haben sie andererseits überhaupt nichts. Sie wollen zwar den Exzess eindämmen, keinesfalls jedoch wollen sie den Pöbel mit der Nase auf irgendwelche verräterischen System-Internas stoßen.
Daher überrascht es auch nicht, daß die Demokratische Partei bzw. die Medienkommentatoren zwar engagiert fragen, was Bush über den 11. September gewußt hat, hingegen aber nicht wissen wollen, welche schrecklichen Folgen die Märkte hervorbringen, das private Firmen-Geflecht oder z.B. die Regierungs- bürokratie - ganz egal, was Bush oder sonstwer über derlei Dinge wissen oder nicht. Die Linke sollte sich nicht benutzen lassen, u. die Triangel spielen in diesem höllischen Orchesterlärm der Heuchelei.
Statt dessen sollte sie die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit lieber wieder auf die Notlage der Palästinenser lenken, auf das Embargo gegen den Irak, seine bevorstehende Invasion, auf den eskalierenden Krieg in Kolumbien sowie allgemein auf die Schrecken der Globalisierung, des Rassismus, des Sexismus u. der Lohnsklaverei.
Twitter
RSS Feed
