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Was man über Nicaragua wissen sollte

von Mark Weisbrot

09.11.2001 — ZNet Kommentar

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Die erste Exkursion der Vereinigten Staaten nach dem 11. September in die Politik Lateinamerikas – Nicaraguas Wahlen – gibt uns einen Eindruck von der neuen "Antiterrorismus"-Politik Washingtons für diese Region.

Daniel Ortega, Kandidat der Sandinisten, wurde knapp vom konservativen Kandidaten Enrique Bolanos geschlagen. Mitglieder der US-Regierung warnten öffentlich vor einem Sieg der Sandinisten, die sie verdächtigen, "Verbindungen zu Terrororganisationen" zu haben, und unterstützten Bolaños.

Um die Ereignisse zu verstehen, müssen wir allerdings ein bisschen weiter in der Geschichte zurückgehen, als es in den meisten Pressemitteilungen geschieht. Die Sandinisten nannten sich so nach Augusto Cesar Sandino, einem Nicaraguaner, der von 1927 –1933 einen Guerillakrieg gegen US-Marines führte, die in sein Land eingedrungen waren. Die Marines verließen das Land schließlich 1933, nicht ohne vorher eine Nationalgarde unter der Führung Anastasios Somoza Garcia zu bilden, die das Land regieren sollte. Sandino wurde von der Nationalgarde ermordet und Somoza etablierte eine Familiendiktatur, die das Land mit Unterstützung der USA bis zur sandinistischen Revolution 1979 beherrschte.

Als Anastasio Junior 1979 nach Miami – unserem Zufluchtsort für pensionierte Diktatoren – floh, feierten dies die Nicaraguaner als den Abzug "des letzten Marines". Zehntausende Menschen waren während des Aufstand getötet worden, als Somozas Luftwaffe die Armenviertel Managuas bombardierte, deren Einwohner er als seine Feinde sah.

Die Sandinisten brachen mit dem Muster moderner Revolutionen und lehnten Vergeltung ab, wohl auch wegen des kirchlichen und pazifistischen Hintergrunds der Organisationen, die sich der Bewegung angeschlossen hatten. Die Sandinisten legten eine Höchststrafe von 30 Jahren fest, selbst für die grausamsten Folterer und Peiniger.

Die Feinde der Sandinisten in Washington waren aber nicht so versöhnlich. Während die Sandinisten die vom Krieg zerstörte Wirtschaft wieder aufbauten – sie erreichte in kürzester Zeit die höchste Wachstumsrate aller zentralamerikanischen Länder –, plante Washington gewaltsame Rache. Während die Sandinisten Krankenhäuser bauten und Alfabetisierungskampagnen starteten, was ihnen internationale Anerkennung und Preise der Vereinten Nationen brachte, stellte die Regierung Reagan eine Armee auf, die die neue Regierung zu Fall bringen solle.

Die "Contras", wie sie – nach dem spanischen Wort für Konterrevolutionär – genannt wurden, wurden vom CIA rekrutiert, bewaffnet, trainiert und bezahlt. Der Krieg wurde nicht in erster Linie gegen die nicaraguanische Armee geführt, sondern gegen "weiche Ziele" wie Lehrer, Mitarbeiter des Gesundheitswesens und gewählte Funktionäre (in einem Handbuch des CIA wurde ganz offen zu deren Ermordung aufgefordert).

Sie zerstörten Brücken und Krankenhäuser und mit Hilfe eines US-Handelsembargos, das 1995 in Kraft trat, die nicaraguanische Wirtschaft.

Die Sandinisten brachten die USA wegen ihrer terroristischen Aktionen vor den Internationalen Gerichtshof, – das Gericht, vor dem die USA ein paar Jahre vorher ein Verfahren gegen den Iran wegen Geiselnahme amerikanischer Bürger gewonnen hatten. Das Gericht entschied zu Gunsten Nicaraguas und ordnete Reparationszahlungen in Höhe von 17 Milliarden US-Dollar an. Die USA weigerten sich, die Entscheidung des Gerichts anzukennen.

1984 fanden in Nicaragua Wahlen statt. Über 400 Beobachter aus 40 Ländern, einschließlich der Latin American Studies Association (Vereinigung für Lateinamerika-Forschung) aus den USA, waren der Meinung, dass es im wesentlichen freie und faire Wahlen waren.

Obwohl das Land zweifellos für die Sandinisten gestimmt hatte – mit Ortega als Präsidenten –, versuchte Washington weiterhin, die demokratisch gewählte Regierung mit gewaltsamen Mitteln zu stürzen. Aber viele Amerikaner, besonders unter den Kirchengemeinden, waren von der extremen Brutalität der Contras angewidert.

Innerhalb einiger Jahre überredete die Basisbewegung den Kongress dazu, die finanzielle Unterstützung der Contras zu stoppen. Was Oliver North und seine Freunde veranlasste, für die Finanzierung neue Wege zu suchen, – wie die illegalen Waffengeschäfte mit dem Iran – die zum Iran-Contra-Skandal führten.

1990 hatten die Nicaraguaner mehr als genug unter den Folgen des Krieges und des Wirtschaftsembargos gelitten, mehr, als sie ertragen konnten. Als nun Präsident George Bush I. unmissverständlich erklärte, der Krieg werde solange weitergehen, bis die Sandinisten abgewählt seien, gab die Mehrheit auf.

Nun hatte Washington die gewünschte Regierung, aber damit waren Nicaraguas Leiden nicht zu Ende. Zehn Jahre unter der Vormundschaft von IWF und Weltbank brachten Nicaragua die höchsten Schulden der Hemisphäre, eine Bevölkerung, von der 70 Prozent in Armut leben und – als einzigem Land Lateinamerikas – ein Pro-Kopf-Einkommen, das niedriger liegt als vor 40 Jahren.

Mit Bolanos steht eine trostlose Zukunft bevor, auch wenn weder Ortega noch die Sandinisten die Hoffnung darstellen wie vor 20 Jahren. Nach den erneuten Drohungen aus dem Norden überrascht es nicht, dass die Nicaraguaner entschieden, sich keine weitere sandinistische Regierung leisten zu können.

Auch wenn die bösen und ignoranten Kräfte in Washington vor Erleichterung aufatmen, sollten sie doch die Warnung John F. Kennedys nicht außer Acht lassen: "Wer friedliche Revolutionen unmöglich macht, macht gewaltsame Revolutionen unvermeidlich."

Übersetzt von: Eva-Maria Bach
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