Wein - nicht Golf
von John Feffer
30.07.2004 — ZNet Kommentar
Boris Fras ist der José Bové Sloweniens. Zwar hat er noch keinen McDonald mit dem Vorschlaghammer attackiert, und er steht auch nicht in den Schlagzeilen, weil er genveränderte Feldfrüchte vernichtet hätte. In seinen Weinbergen und Olivenhainen entlang der Adriaküste allerdings kämpft er denselben Kampf wie sein Bauern-Mitstreiter aus Frankreich. Früher lebte Fras in Jugoslawien, heute ist er offizieller Europäer. Am 1. Mai trat Slowenien, als erster Staat des ehemaligen Jugoslawien, der Europäischen Union (EU) bei. Mit nur 2 Millionen Einwohnern ist Slowenien ein sehr kleines Land. Es genießt den Ruf der Toleranz. Allerdings hat die Regierung Sloweniens in den 90gern 18 000 nicht-slowenischen Einwohnern das Bürgerrecht entzogen. Dies sowie die fehlende öffentliche Empörung, als das Problem der Gelöschten 2002 bekannt wurde, legt den Schluss nahe, dass die relative Homogenität des Landes mit tiefverwurzelter Intoleranz einhergeht.
Nichtsdestotrotz, die Balkankriege der 90ger hat Slowenien relativ unbeschadet überstanden. Allgemein wird das Land inzwischen als das bestvorbereitetste der 10 EU-Neuzugänge betrachtet. Im agrikulturellen Bereich kann Slowenien allerdings nur wenig Exportgüter vorweisen: etwas Wein und Hühnchen. Slowenien glaubt an seine Nische als Garten Europas als Region für Wanderer aus Deutschland und England, die die wunderschönen Berge und Höhlen bewundern wollen und vielleicht ein paar Nächte auf einem Biohof übernachten. Biobauern wie Boris Fras sind Teil dieses Plans. Allerdings lebt Fras auf keinem Bauernhof. Er bewohnt einen ganz gewöhnlichen Stadtrandhof, nahe der slowenischen Hafenstadt Koper. Wenn er aufbricht, seine Reben und Bäume zu pflegen, nimmt Fras seinen Truck, um auf das Grundstück zu fahren. Fras besitzt nicht viel Land, und was er hat, ist über mehrere Parzellen verteilt. Dennoch ist das Land, das er bewirtschaftet, eine Idylle. Eines seiner Reben-Grundstücke erstreckt sich bis hinunter an die glitzernden Fluten der Adria. Roter Klatschmohn, verstreut zwischen jungen Olivenbäumen, lässt eine zweite Parzelle hell leuchten. Alles was Fras anbaut, was hier wächst, ist organisch, einschließlich Wein und Olivenöl. Seine Produkte vermarktet er lokal oder über den Biomarkt der slowenischen Hauptstadt Ljubljana. Fras wurde nicht in diese Arbeit hineingeboren, er hat erst langsam reinwachsen müssen. Gegen den Rat aller Leute habe ich mit der Landwirtschaft angefangen, sie sagten, ich sei doch verrückt, so Fras. Er ist Vorsitzender der Vereinigung USOPA der Union of Slovenian Organic Famers (Union der organisch wirtschaftenden Bauern Sloweniens). Slowenien habe gar keine andere Wahl, als sich biologisch zu entwickeln. Konzern-Landwirtschaft sei bei diesen geografischen Verhältnissen nicht profitabel. Die slowenischen Bauern, mit ihren kleinen Höfen, haben zu kämpfen, um sich mit ihren konventionell angebauten Produkten gegen die billigeren Importe zu behaupten. Im letzten Jahr hat sich USOPA mit ihren italienischen bzw. österreichischen Schwesterorganisationen zusammengetan. Gemeinsam konnte man die Regierung Sloweniens, die Regionalregierung Kärntens sowie die Regierung der nordost-italienischen Provinz Friaul-Venezien-Giulia davon überzeugen, die weltweit erste Bioregion für organische Landwirtschaft der Welt einzurichten die Bio Alpe Adria.
Diese Region wird nicht nur frei bleiben von genveränderten Organismen, man hat sich zudem verpflichtet, dort die Ausbreitung des organischen Anbaus zu fördern. Noch 1998 lag die Zahl organisch-produzierender Höfe in Slowenien bei 41, 4 Jahre später schon bei über tausend. Das sind zwar nach wie vor kaum mehr als 3% des agrikulturell genutzten Landes, die Verfechter des organischen Anbaus hoffen allerdings, dass sie die Zahl in den nächsten Jahren noch massiv steigern können. Hört sich an wie ein toller Plan. Allerdings ist mit Bio-Landwirtschaft kein schneller Profit zu erwirtschaften. Die Biobauern sind auf Subventionen angewiesen - von Slowenien und jetzt zusätzlich aus der EU. Einige dieser Subventionen fallen in die Kategorie Agri-Umwelt-Förderung die Bauern werden für Initiativen belohnt wie Ausdünnung ihrer Herden oder Verbesserung der Böden durch Anbau von Brachfrüchten. Dennoch, die organische Anbauweise ist schwerlich in Einklang zu bringen mit Go-go-Kapitalismus. Das Land hier ist extrem teuer, teurer als im Zentrum der Hauptstadt, erklärt Fras. Dieser Besitz sticht Leuten mit ganz anderen Interessen ins Auge.
Istrabenz, mit Sitz in der Küstenstadt Koper, ist Sloweniens größtes Energieunternehmen. Diese Firma tat sich mit dem österreichischen Unternehmen OMV zusammen, um Tankstellen in der Region zu betreiben (über 100 Tankstellen in Slowenien, 70 in Italien). Istrabenz investiert zudem in Bankenoperationen, in hydro-elektrische Anlagen in Bosnien und touristische Großprojekte an der dalmatinischen Küste Kroatiens. Und Istrabenz will einige der besten Grundstücke entlang der kurzen Adriaküste in Golfplätze verwandeln. In Regionen, in denen Wein angebaut wird bzw. wo früher schon zu Zeiten der Römer -, Salz gewonnen wurde, will Istrabenz nun Touristenanlagen bauen. Diese Golfplätze, die ein gehobenes Klientel anlocken sollen, werden wertvolles Wasser verbrauchen Wasser, das die Bauern notwendig brauchen. Politiker vor Ort sehen das als Entwicklung, ebenso Vertreter mächtiger Polit-Interessen in der Hauptstadt wie jene informelle Clique aus Politikern und Geschäftsleuten, Forum 21 genannt, an deren Spitze Ex-Präsident Milan Kucan steht. Was lokale Politiker erwarten, ist die Rückkehr der Goldenen Jahre des Tourismus in den 70gern und 80gern, sagt Fras. Damals seien die reichen Touristen gekommen und hätten ihre ausländische Währung wie Feenstaub verteilt. Fras organisiert eine Gruppe, die die Golfplätze besiegen will: ein Architekten-Aktivist, ein Kenner der rechtlichen Materie, ein früherer Insider der Golf-Industrie. Wir müssen dafür sorgen, dass die Leute in der Hauptstadt aktiv werden, dort fallen die Entscheidungen, so Fras strategische Überlegung. Denn auf dem Papier setzt sich die slowenische Regierung zwar für so stolze Projekte wie die Alpe-Adria-Bioregion ein, häufig stehen bei ihr Bauern und Umwelt aber nur an zweiter Stelle. So hat die Regierung 2004 eine Windkraftanlage auf den Höhenzügen der Volovja Reber, einem Naturschutzgebiet, durchgesetzt - gegen zivilen Widerstand. In diesem Falle lässt sich zwar argumentieren, dass hier für die Slowenen zwei Formen nachhaltiger Entwicklung konfrontativ zusammenstießen, Golfplätze allerdings sind die schlichte Antithese zu einer umweltfreundlichen Politik, wie sie die Bioregion darstellt. Zurecht sehen Aktivisten-Bauern wie Boris Fras darin eine strukturelle Bedrohung - und nicht nur eine Ad-hoc-Bedrohung. Sein Aktivismus gegen die Golfplätze bringt ihm schon heute Behörden-Schikanen ein, wie er das nennt. Vor kurzem haben Inspekteure seine Weinabfüllanlage aufgesucht und eine Reihe Veränderungen verfügt die mit beträchtlichem Kosten verbunden sind, aber er muss sie durchführen.
Boris Fras führt einen grundsätzlichen Kampf - es geht um das Herz Europas. Werden multinationale Unternehmen das Land zusammenkaufen, um darauf dubiose Entwicklungen zu starten oder werden Biobauern, Umweltschützer und sensibilisierte Regierungsvertreter zusammenarbeiten, um Pläne für eine nachhaltige Entwicklung auszuarbeiten? Boris Fras, José Bové und tausende Bauern überall im neuen Europa behaupten ihren Standpunkt.
John Feffers (www.johnfeffer.com) neues Buch heißt: North Korea, South Korea: U.S. Policy at a Time of Crisis.
Twitter
RSS Feed
