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Weiße in den Vororten und Pogrome in Indien

von Vijay Prashad

18.07.2002 — ZNet Kommentar

— abgelegt unter:

Alle paar Jahre biete ich einen Kurs zum Thema "Hippies” an. Er beschäftigt sich hauptsächlich mit der weißen Mittelschicht der Vororte und ihrer Verehrung von Asien – vom ersten Auftreten Maharishi Mahesh Yogis und seiner Transzendentalen Meditation beim 1967 Summer of Love bis zur Version der 1990er Jahre via Deepak Chopra und Dalai Lama.

Wir untersuchen sowohl das tatsächliche Gefühl des Unbehagens unter den Jugendlichen der Vororte (was Paul Goodman "Growing Up Absurd" nannte), als auch die Art und Weise, in der "Asien" als Alibi für eine Politik funktioniert, die diesen Zustand der Vororte transzendieren soll. Ein Aufkleber an der Stoßstange mit der Aufschrift "Freies Tibet" scheint Zugang zu einer transzendentalen Politik zu bieten, die weit entfernt ist von der sozialen Melancholie des Lebens in den Vororten.

Bieten Tibet oder der Hinduismus ein schlüssiges Programm zu einer Veränderung der Unterdrückung durch den Vorortkapitalismus? Meinem Gefühl nach ermöglicht es eine Flucht vor den Unbilden unserer Welt. Aber auch die Einbildung, dass Weiße keine Kultur hätten und dass sie durch dieses Rendezvous mit Asien Kultur erwerben, trägt zu dieser anhaltenden Faszination mit den asiatischen Kulturen und/oder ihrem spirituellen Angebot bei.

Wenn Gwen Stefani von No Doubt oder Madonna ein bindi tragen können und dafür auch noch gelobt werden, sind die Tausende von Mädchen und Frauen aus Südasien, die in der Schule und am Arbeitsplatz für den “Punkt” auf der Stirn gehänselt werden, zu recht wütend und verbittert.

Ich habe nichts dagegen, dass man Anleihen macht bei anderen Kulturen, da ich glaube, dass Kultur keine Grenzen hat, keine diskreten Ursprünge, und dass sie ohnehin die fragilen Grenzen überschreitet, die von den verschiedenen orthodoxen Kulturen errichtet werden. Multikulturelles Leben oder kulturelle Ungewissheiten sind unvermeidlich.

Aber was macht man mit der romantischen Hinwendung der Weißen aus den Vororten zum Hinduismus, wenn viele der Organisationen, die den Glauben verbreiten, mit Gruppen in Verbindung stehen, die in Indien Pogrome gegen Muslime organisieren?

Sind "Neugier" und "Respekt" ausreichende Gründe für die Hinwendung der weißen Bewohner der Vororte zum theokratischen Faschismus dieser Glaubensrichtungen?

Ja, in einer perfekten Welt, aber nicht in dieser.

Seit ungefähr 10 Jahren machen Biju Mathew (bekannt durch seine Arbeit mit der New York Taxi Workers' Association) und ich eine Untersuchung über die Hindutva-Bewegung (Hindutum; d. Ü.) in den USA und haben dabei herausgefunden, dass jährlich Millionen Dollar zur Finanzierung rechter Aktivitäten über illegale und legale Netzwerke auf den Subkontinent gelangen.

Dieser theokratische Faschismus war aus der Ferne 1992 an der Zerstörung der Moschee in Ayodhya beteiligt, vor ein paar Jahren an den Ausschreitungen gegen Christen in Gujarat und nun, mit Sicherheit, an dem regierungsgesteuerten Pogrom gegen Muslime in Gujarat, bei dem mindestens 2000 Menschen starben.

Kanwal Rekhi, ein neoliberaler Unternehmer, war Mitverfasser eines durchschlagenden Meinungsartikels in der Washington Post vom 22. Mai 2002:

"Viele indische Hindus in Übersee, einschließlich einiger in diesem Land, finanzieren religiöse Gruppen in Indien in dem Glauben, dass die Gelder für den Bau von Tempeln und für Bildung und Lebensmittel für arme Hindus verwendet werden. Viele wären entsetzt, wenn sie wüssten, dass einige Empfänger des Geldes die Vernichtung von Minoritäten (Christian wie Moslems) und ihrer religiösen Stätten zum Ziel haben. Vajpayee könnte diesen heimlichen Machenschaften einen ernsthaften Schlag versetzen, wenn er sie ganz einfach als Terroristen bezeichnete."

Rekhi übersah jedoch, dass es nicht nur "indische Hindus" waren, die das Pogrom finanzierten, sondern auch viele jener Weißen aus den Vororten, die unkritisch Mitglied eines Tempels oder anderer solcher Organisationen werden. Ganz sicher finanzieren sie nicht nur Hindutva-Bewegung, sondern verhelfen ihr auch zu der dringend benötigten Legitimität, wie sie weiße Anhänger verleihen.

Natürlich kommt der Großteil der Safrandollars aus der indisch-amerikanischen Gemeinde, aber die Weißen, sich den Mantel des Hindutva anlegen, verleihen der Bewegung Prestige und Legitimität. Die Hinterlassenschaft und das Fortbestehen des Rassismus verschaffen jedem von Weißen getragenen Artefakt oder jeder von Weißen besuchten Institution von Nichtweißen Respekt.

Das war auch zum Beispiel der Grund, warum es für das ehemalige rechte Dharam Hinduja Indic Research Center an der Columbia Universität so wichtig war, viele weiße Wissenschaftler zu gewinnen für ihr Projekt, die Hindutva-Bewegung salonfähig zu machen. Viele folgten dem Ruf, vor allem weiße Akademikerinnen, die verschiedene Aspekte des Hinduismus untersuchen und selbst sehr bekannte und im Übrigen angesehene Indologen sind. Aus Geldgründen missachteten sie die Rolle, die sie für die Hindutva-Bewegung spielten, so wie sich die Weißen, die heute Hindus werden, nicht aktiv mit der wichtigen Rolle der Hindutva innerhalb des weltweiten Hinduismus auseinandersetzen.

Aber bleiben wir beim Hinduja Institut. Es wurde von dem Waffenhändler und Industrialisten S. P. Hinduja gegründet und nach seinem verstorbenen Sohn Dharam benannt. Dharam, der in Wharton graduierte, verliebte sich in, und heiratete, eine anglo-indische, katholische Frau. Die Familie war absolut dagegen und verjagte ihn. Daraufhin beging er 1992 Selbstmord.

Diese sogenannten "hinduistischen Werte", nach denen es unakzeptabel ist, dass ein Kind nach seinen Vorstellungen als Mensch in einer komplexen Welt lebt, sollten nun auf grausame Art in einem Forschungsinstitut seines Namens sanktioniert werden. Wenn auch die Columbia Universität nach anhaltenden Protesten säkularer Kreise auf das Geld verzichtete, die Cambridge Universität beherbergt immer noch ein Zentrum dieser Art (ebenso in Neu-Delhi).

Die weißen Mitglieder der Hindutva sind aber nicht nur Anhänger, einige von ihnen sind bedeutende Führungs-persönlichkeiten. Das sollte diejenigen unter uns nicht überraschen, die schon auf Flughäfen und an anderen Orten von ISCKON-Arbeitern (den "Hare Krishnas") angesprochen wurden. Zwei der Hauptfiguren sind Männer, die zum Hinduismus konvertiert und nun bedeutende Intellektuelle der Bewegung sind und die Ideologie via Internet, in ihren Büchern und Zeitschriften verbreiten.

(1) David Frawley, aka Swami Vamdev. Frawley hat enge Verbindungen zu verschiedenen theokratisch-faschistischen Organisationen wie dem Vishwa Hindu Parishad (VHP; Welthindurat, d. Ü.), der Hindu Students Council (HSC) und dem Hindu Swayamsevak Sangh (HSS; militante Hindu-Kadergruppe, verübte den Mord an Gandhi; d. Ü.) – alle drei gehören sie zur weltweit operierenden Hindutva, die jüngst in Gujarat ihre Zähne zeigte. 1996 reiste Frawley als Ehrengast der VHP durch England.

Mit “Arise Arjuna” (1995) und “Hinduism and the Clash of Civilizations” (2001) bietet Frawley eine Analyse des Zusammenpralls von Islam (schlecht) und Christentum (fast gut), nicht unähnlich der Analyse Huntingtons, wobei der Hinduismus notwendigerweise der Verbündete des Guten ist. Auch in seinen Arbeiten über das alte In-dien (wie Gods, Sages and Kings, 1991) ist der anti-Moslem-Tenor seiner Bücher offensichtlich. Hier reiht sich Frawley ein in die Reihe theokratischer Faschisten, um zu argumentieren, dass im vedischen Indien eitel Son-nenschein herrschte und seitdem alles ein Desaster ist.

(2) Satuguru Sivaya Subramuniyaswami und Satguru Bodhinatha Velanswami. Die beiden Swamis (Satguru oder Gurudev ist in der Zwischenzeit verstorben) gründeten die Zeitschrift Hinduism Today sowie den Ashram in Hawaii, in dem die Stiftung Hindu Heritage Endowment untergebracht ist, und hatten enge Verbindungen zur VHP. In ihrem Informationsmaterial werden regelmäßig VHP-Dokumente zitiert und das von der HHE gesam-melte Geld wird für Hindutva-Aktivitäten verwendet.

An sich ist selbstverständlich ein spirituelles Leben im Zeichen des Hinduismus nicht verkehrt; und tatsächlich man kann vielleicht viel davon profitieren. Aber während diese von Hindutva gerechtfertigte Grausamkeit die Landschaft des indischen Lebens zerstört, ist es für die, die sich auf den Hinduismus berufen, dringend geboten, die weltweite Hindutva-Bewegung schonungslos zu kritisieren.

Wenn sie einen Tempel besuchen, fragen sie also die Priester und andere nach ihrer Verbindung zu dem Pogrom in Gujarat. Und nehmen sie deren Nein nicht einfach als bare Münze. Verlangen sie Einsicht in die Rechnungsbücher, forschen sie nach, wer als Gastredner kommt, versuchen sie herauszufinden, ob Gruppen wie die HSS ihre Finger im Spiel haben. Lassen sie nicht zu, das ein liberaler Multikulturalismus die weltweite Hindutva-Bewegung vor [Kritik aus] säkularen Kreisen schützt.

Und zum Abschluss, da Hindutva versucht, die Unbedenklichkeitsbescheinigung von United Way (Wohlfahrts-organisation) zu bekommen und seine Deckorganisationen sich als Wohlfahrtsorganisationen dazustellen versuchen: Seien sie bereit, gegen anzugehen. Der Wechselkurs ist im Moment 50 Rupien für eine Dollar. Selbst ein paar Dollars werden in verarmten Gebieten zur wichtigen Ressource und werden zum Safranknüppel gegen die indischen Massen.

Übersetzt von: Eva-Maria Bach
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