Wer ist hier der Terrorist?
von Ward Churchill
10.03.2005 — ZNet Kommentar
Wieder einmal wurden mir die Worte im Mund rumgedreht.
Es fing damit an, dass Dan Caplis und Craig Silverman (sowie zahlreiche andere rechte Medien-Spinmeister) versicherten, ich hätte die Terroranschläge auf die Vereinigten Staaten “verteidigt“ - in meinem Op-Ed-Artikel am 12. September 2001. Wer den Artikel auch nur überfliegt (bzw. mein Buch liest: „On the Justice of Roosting Chickens“*, in dem ich meine Argumente auf 300 Seiten ausführlich darlege und belege), stellt fest, dass ich kein Rechtfertiger derartiger Anschläge bin. Vielmehr habe ich darauf hingewiesen, dass solche Anschläge die unausweichliche Folge einer US-Außenpolitik sind, die das Gesetz missachtet und im Ausland viele, viele Tote bzw. massive Zerstörung erzeugt - und dass das auch so bleiben wird. Als Nächstes ging das dynamische Duo (siehe oben) und andere aus ihrer Gilde dazu über, mich zu diskreditieren - indem sie mich wieder und wieder persönlich angriffen, endlos. Der Versuch misslang. Schließlich widerlegt die Faktenlage ihre Behauptungen - auch wenn die Medien über diese Fakten nicht berichten.Daraufhin schalteten Caplis und Silverman eine bezahlte Anzeige bzw. schrieben eine Op-Ed, die an prominenter Stelle erschien („News“ vom 5. März: „Churchill“s active advocacy of violence demands his firing“). Es ist eine explizite Lüge, wenn beide in ihrer Anzeige bzw. der Op-Ed behaupten, ich wäre aktiv damit beschäftigt, eine “gewaltsame Revolution“ anzuzetteln.Nichts davon stimmt. Ganz im Gegenteil, ich setze mich seit vielen Jahren für das Gesetz ein. Meine akademische Arbeit befasst sich zum großen Teil mit dem Nachweis, dass die USA die Gesetze missachten. Dies führe zu Gewalt - einer von Amerika im Innern wie auch international praktizierten Gewalt.Meiner Überzeugung nach muss eine solche Praxis unausweichlich zu reaktiver Gewalt führen. Wer sich dagegen an die Verfassung und an internationales Recht hält (insbesondere an die fundamentalen Menschenrechtsgesetze und die Kriegsregeln), wählt den effektivsten Weg für die Sicherheit aller Völker.
Als Bürger stehen wir in der kollektiven Verantwortung sicherzustellen, dass den Gesetzen Folge geleistet wird. Caplis und Silverman zitieren (in ihrer Anzeige bzw. in der Op-Ed) meine Aussagen über die „Araber“ - und zwar falsch. Ich will diese Ausssagen auf dem oben beschriebenen Hintergrund verstanden wissen. Ich habe argumentiert, es sei unser Job, dem kriminellen Handeln der US-Regierung einen Riegel vorzuschieben. Diese Aufgabe sollten wir nicht Leuten aus anderen Ländern überlassen, die die Folgen dieses illegalen Verhaltens zu spüren bekamen.Damit stimmt meine Haltung mit der des Chefanklägers der Nürnberger Prozesse, Richter Robert H. Jackson, überein, wie er sie 1945 formulierte. Wir sind nicht nur berechtigt sondern sogar rechtlich verpflichtet, von einer Regierung, die in unserem Namen handelt, gesetzliches Handeln einzufordern. Ich habe die systemische Gewalt der US-Regierung dargelegt - in der Hoffnung, die Amerikaner nehmen ihre Verpflichtung wahr und machen sich mit politischen Mitteln für eine andere Regierungspolitik stark. Ich würde gewaltlosen Mitteln entschieden den Vorzug geben. Andererseits sind - im Falle von Gewalt durch das System - gewaltlose Mittel nicht die einzig legitime Antwort, so meine Meinung.Das Prinzip der Selbstverteidigung ist keineswegs mysteriös: Im Falle eines Angriffs ist es der Angreifer, der die Regeln diktiert und nicht das Opfer.
Ich bin, offen gesagt, kein Pazifist. Nichtsdestotrotz habe ich nie Terroranschläge auf die Wallstreet, auf Downtown Seattle oder sonst einen Ort propagiert. Um mir diesen Anstrich zu geben, veränderten Caplis und Silverman den Kontext meines Materials, sie stellten meine Aussagen auf den Kopf. Was ich zu einer kleinen Gruppe junger Anarchisten in einem Buchladen in Seattle sagte, ist Folgendes: Sie sollten sich nicht isolieren, sich nicht mit marginalen Sabotageakten am Rande der Gesellschaft beschäftigen, sonst würden sie nichts Sinnvolles bewirken. Ich bezog mich auf den deutschen Theoretiker Rudi Dutschke und seinen “langen Marsch durch die Institutionen“ und schlug diesen jungen Leuten als Alternative vor zu versuchen, innerhalb der Institutionen etwas zu bewirken, so wie ich das getan habe. Die “Waffen“, von denen ich in diesem Zusammenhang sprach, sind das Bewusstsein junger Menschen und deren Fähigkeit, dieses Bewusstsein zu vermitteln. Ich sagte, als vergleichsweise privilegierte Euro-Amerikaner wären sie für dieses Projekt ideal geeignet.
Caplis und Silverman handeln aus persönlichen Motiven - wenn sie versuchen, die Öffentlichkeit glauben zu machen, ich sei ein aktiver Rechtfertiger des Terrorismus. Abgesehen davon, dass es nicht stimmt, ist es auch extrem gefährlich. Ein labiles Individuum könnte sich veranlasst sehen - das ist offensichtlich möglich - einen Terroranschlag zu verüben. Schließlich wird ihr Spin ständig gesendet und so einem breiten Publikum zugänglich gemacht - meine angeblichen Aussagen, in der Bearbeitung von Caplis und Silverman. Sollte etwas passieren, wird die Verantwortung bei Caplis und Silverman liegen und nicht bei mir.
Ward Churchill ist Professor für ethnische Studien an der University of Colorado at Boulder.
Anmerkung d. Übersetzerin
* „On the Justice of Roosting Chickens: Reflections on the Consequences of U.S. Imperial Arrogance and Criminality“ von Ward Churchill, erschienen bei AK Distribution 2004
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