Wie die Kolonisation der Amerikas legitimiert werden soll
Ein Interview mit Evo Morales
von Ben Dangl und Andrew Gumble
26.11.2003 — ZNet
—
abgelegt unter:
Bolivien
Das Interview ist einem Monat nach dem bolivianischen Gaskrieg geführt worden, einer massiven sozialen Erhebung gegen den Vorschlag, das Gas der Nation über einen chilenischen Hafen in die USA zu exportieren. Bolivien besitzt die zweit größten Erdgasvorkommen in Lateinamerika. Viele DemonstrantInnen forderten, die Ressourcen zu nationalisieren, um die Gewinnen den bedürftigsten Teilen der bolivianischen Gesellschaft zugute kommen zu lassen, anstatt diese Reserven für eine geringe Summe an die USA zu verkaufen.
Am 17. Oktober verließ Ex- Präsident Sánchez de Lozada das Land, nachdem nahezu alle Protestierenden seinen Rücktritt gefordert hatten, und der frühere Vizepräsident, Carlos Mesa, übernahm das Amt gemäß den Vorschriften der bolivianischen Verfassung. Alle Gasexportpläne sind auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Die OppositionsführerInnen wie Evo Morales haben ihre Unterstützung für Mesa zum Ausdruck gebracht, aber gleichzeitig die zukünftige Unterstützung von der Umsetzung der oppositionellen Forderungen abhängig gemacht.
Obgleich Evo Morales Beteiligung am Gaskrieg wohl bekannt ist, war er auch zuvor schon über Jahre ein aktiver Führer in der Politik, in Gruppen der Kokabauern und in sozialen Bewegungen in Bolivien. Er ist Kongressabgeordneter, Vorsitzender der Partei Bewegung zum Sozialismus (MAS) und Führer der Kokabauern in Chapare, einer tropischen Region in Bolivien, wo ein Großteil des Koka angebaut wird. In den Augen der U.S. Regierung war er immer wieder ein zentraler Anlass für strittige Debatten, da er einen großen Teil der Kokabauern des Landes vertritt. Morales landete bei den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2002 auf dem zweiten Platz, 1,5 Prozentpunkte hinter Sánchez de Lozada.
In diesem Interview spricht er über die Gasfrage, die Kokaproduktion in Chapare, den U.S. Einfluss in Bolivien, Mesas Präsidentschaft und das FTAA- Abkommen (FTAA = Free Trade Area of the Americas = Panamerikanische Freihandelszone).
BD: Auf dem hispano- amerikanischen Gipfel in Santa Cruz, Bolivien, hast du jüngst mit Lula da Silva, Brasiliens Präsident, geredet. Wie verlief die Unterhaltung und was habt ihr besprochen?
EM: Unser Hauptthema war, wie wir ein politisches Instrument für die Befreiung und Einheit Lateinamerikas entwickeln können, insbesondere mit Blick auf Erdgas-, Ölvorkommen und andere natürliche Ressourcen. Der Staat sollte verantwortlich für die Ausbeutung, die Industrialisierung sowie die Kommerzialisierung der Naturschätze zuständig sein. Dies könnte eine Lösung für die Wirtschaften unserer Staaten sein, aber unterdessen werden diese Schätze von den transnationalen Konzernen gestohlen. Wir sind in Bolivien davon überzeugt, dass das Gas unser Eigentum ist und dass wir es verteidigen müssen.
BD: Einige Personen sagen, dass du der beste Präsidentschaftskandidat seist und dass du über die breiteste Unterstützung verfügtest. Was denkst du über den möglichen Druck der USA, falls du zum Präsident gewählt werden solltest? Der U.S. Botschafter in Bolivien hat bereits verkündet, dass die Vereinigten Staaten ihre finanziellen Hilfen für Bolivien einstellten, wenn mensch dich zum bolivianischen Präsidenten wählen würde.
EM: Nach mehr als 500 Jahren sind wir, die Quechuas und die Aymara, immer noch die rechtmäßigen EigentümerInnen dieses Landes. Wir, die indigenen Völker, übernehmen nach 500 Jahren des Widerstandes wieder die Macht. Diese Machtübernahme orientiert sich an der Regeneration (Erholung) unserer eigenen Reichtümer, unserer eigenen natürlichen Ressourcen wie den Erdgas- und Ölvorkommen. Dies berührt die Interessen der transnationalen Konzerne und die Interessen des neoliberalen Systems. Aber nichtsdestotrotz bin ich davon überzeugt, dass die Macht des Volkes zunimmt und gestärkt wird. Die Macht, Präsidenten sowie Wirtschafts- und Politikmodelle auszutauschen. Wir sind der Überzeugung, dass der Kapitalismus der Feind der Erde, der Menschlichkeit und der Kultur ist. Die U.S. Regierung versteht unsere Lebensart und unsere Philosophie einfach nicht. Aber wir werden unsere Vorschläge, unsere Lebensweise und unsere Forderungen mit der Beteiligung der bolivianischen Bevölkerung verteidigen.
BD: Warum hat Präsident Carlos Mesa die Einschätzung der früheren Administrationen übernommen, nach der die Kokaanpflanzungen zerstört werden müssen.
EM: Mesa ist lediglich ein Teil des neoliberalen Systems, Teil des Wirtschaftsmodells. Und die USA haben ihre Haltung zu den Vernichtungsprogrammen der Kokapflanzungen nicht geändert [...] und sie üben politischen Druck auf die bolivianische Regierung aus. Es gibt selbst in den letzten Tagen ständig Aggressionen der U.S. Regierung und ich bin mir nicht sicher, ob sie damit Mesas Präsidentschaft beenden oder einen sozialen Zusammenbruch im Land heraufbeschwören wollen.
BD: Sind in Chapare U.S. Truppen stationiert?
EM: Ja, es befinden sich in Chapare bewaffnete Truppen. Es gab auch bereits Auseinandersetzungen [...] zwischen U.S. SoldatInnen einerseits und Quechua und Aymara sowie anderen indigenen Gruppen, die Widerstand leisten, andererseits. Unserer Auffassung nach entspricht die Stationierung nicht der Verfassung und ist somit illegal.
BD: Wie hoch ist der Prozentsatz des in Chapare angebauten Kokas, das für die Kokainproduktion verwendet wird?
EM: Das ist schwierig zu sagen, denn es existiert im Moment sowohl ein illegaler als auch ein legaler Kokainmarkt. Den Kokaanbau zu bestrafen, ist ein Fehler, weil das Objekt keine Verbrechen begeht; das Objekt sollte nicht bestraft werden sondern das Subjekt.
BD: Sind alternative Entwicklungen in Chapare erfolgreich gewesen?
EM: Wir haben niemals alternative Projekte zu Gesicht bekommen. Eine Alternative zu Koka? Unmöglich. Unglücklicherweise sind alternative Entwicklungen und der Kampf gegen den Drogenkrieg beides Teufelskreisläufe. Eine U.S. Behörde behauptet: Die Vernichtungskampagne war in diesem Jahr sehr erfolgreich. Eine andere wiederum sagt das Gegenteil. Auf diese Weise rechtfertigen sie beide ihre Arbeit und werden weiterhin erhalten. Der Kampf gegen den Drogenhandel ist ein Teufelskreislauf, weil es letztendlich keinen Kampf gegen den Drogenhandel gibt, er ist lediglich ein Vorwand für die U.S. Regierung. Drogen sind die Entschuldigung der USA für ihren Macht- und Kontrollzuwachs in anderen Staaten.
BD: Wie lange wird Mesa Präsident bleiben?
EM: Es ist nicht einfach, eine Voraussage zu machen. Wir haben ihm Zeit gegeben und wir sind uns im klaren darüber, dass ein Monat nicht ausreicht, um ein politisches Modell zu ändern. Er braucht Zeit und wir geben sie ihm. Eine Menge wird von einigen deutlichen Zeichen abhängen, die uns erkennen lassen, dass er einen Umbau des Wirtschafts- und Politiksystems wagt. Einiges hängt von ihm ab.
BD: Das Abkommen über die panamerikanische Freihandelszone ist kürzlich in Miami diskutiert worden. Kann dieses Abkommen überhaupt mit allen lateinamerikanischen Staaten funktionieren oder muss es abgelehnt werden?
EM: Welches sind die Ursachen für die Konflikte in Lateinamerika? Neoliberalismus und die Politik des freien Marktes. Die FTAA ist die Radikalisierung des angewandten Neoliberalismus. Und der Neoliberalismus ist deshalb der Grund für die sozialen Konflikte, weil durch ihn die Aktivitäten der lateinamerikanischen Präsidenten kontrolliert werden. Was für Handelsabkommen auch zwischen Staaten beschlossen werden, sie müssen immer gerecht und fair sein. Das Abkommen über die FTAA ist das Gesetz des Dschungels: nur der Stärkste überlebt. Warum also sollten wir der Umsetzung dieses Abkommens zustimmen? Aus der Sicht der hiesigen indigenen Bevölkerung wird mit der FTAA die Kolonisation der Amerikas legalisiert (als rechtens erklärt).
Am 17. Oktober verließ Ex- Präsident Sánchez de Lozada das Land, nachdem nahezu alle Protestierenden seinen Rücktritt gefordert hatten, und der frühere Vizepräsident, Carlos Mesa, übernahm das Amt gemäß den Vorschriften der bolivianischen Verfassung. Alle Gasexportpläne sind auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Die OppositionsführerInnen wie Evo Morales haben ihre Unterstützung für Mesa zum Ausdruck gebracht, aber gleichzeitig die zukünftige Unterstützung von der Umsetzung der oppositionellen Forderungen abhängig gemacht.
Obgleich Evo Morales Beteiligung am Gaskrieg wohl bekannt ist, war er auch zuvor schon über Jahre ein aktiver Führer in der Politik, in Gruppen der Kokabauern und in sozialen Bewegungen in Bolivien. Er ist Kongressabgeordneter, Vorsitzender der Partei Bewegung zum Sozialismus (MAS) und Führer der Kokabauern in Chapare, einer tropischen Region in Bolivien, wo ein Großteil des Koka angebaut wird. In den Augen der U.S. Regierung war er immer wieder ein zentraler Anlass für strittige Debatten, da er einen großen Teil der Kokabauern des Landes vertritt. Morales landete bei den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2002 auf dem zweiten Platz, 1,5 Prozentpunkte hinter Sánchez de Lozada.
In diesem Interview spricht er über die Gasfrage, die Kokaproduktion in Chapare, den U.S. Einfluss in Bolivien, Mesas Präsidentschaft und das FTAA- Abkommen (FTAA = Free Trade Area of the Americas = Panamerikanische Freihandelszone).
BD: Auf dem hispano- amerikanischen Gipfel in Santa Cruz, Bolivien, hast du jüngst mit Lula da Silva, Brasiliens Präsident, geredet. Wie verlief die Unterhaltung und was habt ihr besprochen?
EM: Unser Hauptthema war, wie wir ein politisches Instrument für die Befreiung und Einheit Lateinamerikas entwickeln können, insbesondere mit Blick auf Erdgas-, Ölvorkommen und andere natürliche Ressourcen. Der Staat sollte verantwortlich für die Ausbeutung, die Industrialisierung sowie die Kommerzialisierung der Naturschätze zuständig sein. Dies könnte eine Lösung für die Wirtschaften unserer Staaten sein, aber unterdessen werden diese Schätze von den transnationalen Konzernen gestohlen. Wir sind in Bolivien davon überzeugt, dass das Gas unser Eigentum ist und dass wir es verteidigen müssen.
BD: Einige Personen sagen, dass du der beste Präsidentschaftskandidat seist und dass du über die breiteste Unterstützung verfügtest. Was denkst du über den möglichen Druck der USA, falls du zum Präsident gewählt werden solltest? Der U.S. Botschafter in Bolivien hat bereits verkündet, dass die Vereinigten Staaten ihre finanziellen Hilfen für Bolivien einstellten, wenn mensch dich zum bolivianischen Präsidenten wählen würde.
EM: Nach mehr als 500 Jahren sind wir, die Quechuas und die Aymara, immer noch die rechtmäßigen EigentümerInnen dieses Landes. Wir, die indigenen Völker, übernehmen nach 500 Jahren des Widerstandes wieder die Macht. Diese Machtübernahme orientiert sich an der Regeneration (Erholung) unserer eigenen Reichtümer, unserer eigenen natürlichen Ressourcen wie den Erdgas- und Ölvorkommen. Dies berührt die Interessen der transnationalen Konzerne und die Interessen des neoliberalen Systems. Aber nichtsdestotrotz bin ich davon überzeugt, dass die Macht des Volkes zunimmt und gestärkt wird. Die Macht, Präsidenten sowie Wirtschafts- und Politikmodelle auszutauschen. Wir sind der Überzeugung, dass der Kapitalismus der Feind der Erde, der Menschlichkeit und der Kultur ist. Die U.S. Regierung versteht unsere Lebensart und unsere Philosophie einfach nicht. Aber wir werden unsere Vorschläge, unsere Lebensweise und unsere Forderungen mit der Beteiligung der bolivianischen Bevölkerung verteidigen.
BD: Warum hat Präsident Carlos Mesa die Einschätzung der früheren Administrationen übernommen, nach der die Kokaanpflanzungen zerstört werden müssen.
EM: Mesa ist lediglich ein Teil des neoliberalen Systems, Teil des Wirtschaftsmodells. Und die USA haben ihre Haltung zu den Vernichtungsprogrammen der Kokapflanzungen nicht geändert [...] und sie üben politischen Druck auf die bolivianische Regierung aus. Es gibt selbst in den letzten Tagen ständig Aggressionen der U.S. Regierung und ich bin mir nicht sicher, ob sie damit Mesas Präsidentschaft beenden oder einen sozialen Zusammenbruch im Land heraufbeschwören wollen.
BD: Sind in Chapare U.S. Truppen stationiert?
EM: Ja, es befinden sich in Chapare bewaffnete Truppen. Es gab auch bereits Auseinandersetzungen [...] zwischen U.S. SoldatInnen einerseits und Quechua und Aymara sowie anderen indigenen Gruppen, die Widerstand leisten, andererseits. Unserer Auffassung nach entspricht die Stationierung nicht der Verfassung und ist somit illegal.
BD: Wie hoch ist der Prozentsatz des in Chapare angebauten Kokas, das für die Kokainproduktion verwendet wird?
EM: Das ist schwierig zu sagen, denn es existiert im Moment sowohl ein illegaler als auch ein legaler Kokainmarkt. Den Kokaanbau zu bestrafen, ist ein Fehler, weil das Objekt keine Verbrechen begeht; das Objekt sollte nicht bestraft werden sondern das Subjekt.
BD: Sind alternative Entwicklungen in Chapare erfolgreich gewesen?
EM: Wir haben niemals alternative Projekte zu Gesicht bekommen. Eine Alternative zu Koka? Unmöglich. Unglücklicherweise sind alternative Entwicklungen und der Kampf gegen den Drogenkrieg beides Teufelskreisläufe. Eine U.S. Behörde behauptet: Die Vernichtungskampagne war in diesem Jahr sehr erfolgreich. Eine andere wiederum sagt das Gegenteil. Auf diese Weise rechtfertigen sie beide ihre Arbeit und werden weiterhin erhalten. Der Kampf gegen den Drogenhandel ist ein Teufelskreislauf, weil es letztendlich keinen Kampf gegen den Drogenhandel gibt, er ist lediglich ein Vorwand für die U.S. Regierung. Drogen sind die Entschuldigung der USA für ihren Macht- und Kontrollzuwachs in anderen Staaten.
BD: Wie lange wird Mesa Präsident bleiben?
EM: Es ist nicht einfach, eine Voraussage zu machen. Wir haben ihm Zeit gegeben und wir sind uns im klaren darüber, dass ein Monat nicht ausreicht, um ein politisches Modell zu ändern. Er braucht Zeit und wir geben sie ihm. Eine Menge wird von einigen deutlichen Zeichen abhängen, die uns erkennen lassen, dass er einen Umbau des Wirtschafts- und Politiksystems wagt. Einiges hängt von ihm ab.
BD: Das Abkommen über die panamerikanische Freihandelszone ist kürzlich in Miami diskutiert worden. Kann dieses Abkommen überhaupt mit allen lateinamerikanischen Staaten funktionieren oder muss es abgelehnt werden?
EM: Welches sind die Ursachen für die Konflikte in Lateinamerika? Neoliberalismus und die Politik des freien Marktes. Die FTAA ist die Radikalisierung des angewandten Neoliberalismus. Und der Neoliberalismus ist deshalb der Grund für die sozialen Konflikte, weil durch ihn die Aktivitäten der lateinamerikanischen Präsidenten kontrolliert werden. Was für Handelsabkommen auch zwischen Staaten beschlossen werden, sie müssen immer gerecht und fair sein. Das Abkommen über die FTAA ist das Gesetz des Dschungels: nur der Stärkste überlebt. Warum also sollten wir der Umsetzung dieses Abkommens zustimmen? Aus der Sicht der hiesigen indigenen Bevölkerung wird mit der FTAA die Kolonisation der Amerikas legalisiert (als rechtens erklärt).
Orginalartikel:
Legalizing the Colonization of the Americas
Übersetzt von:
Christian Stache
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