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Wie die Römer

von Tariq Ali

12.09.2002 — Al Ahram / ZNet

Die Folgen des 11. September sind weiterhin an mehreren Fronten sichtbar. Psychologisch hat das amerikani-sche Empire einen neuen Feind hervorgebracht, den islamischen Terrorismus. Seine Anhänger sind böse, die Bedrohung global und deshalb muss bombardiert werden, im Alleingang und wo immer nötig. Die Führungskräf-te der Vereinigten Staaten wollen lieber nach ihrer Wahl der Feinde beurteilt werden als nach dem tatsächlichen Zustand der Welt, geschweige denn den konkreten Ergebnissen des 'Kriegs gegen den Terror’. Politisch ent-schieden sich die Vereinigten Staaten dafür, die Tragödie zur Umgestaltung der Welt zu nutzen. Ihre Militär-stützpunkte sind nun auf jedem Kontinent zu finden. Der größte davon liegt in einem der kleinsten Staaten, in Katar am Persischen Golf. Die Vereinten Nationen haben 189 Mitgliedsstaaten. In 120 Ländern sind die USA militärisch präsent. Innenpolitisch suchte und erhielt die Regierung Bush neue weitreichende Vollmachten, um oppositionelle Stimmen in Schranken zu halten und Verdächtige nach Gutdünken abzuschieben. Allein an der Ostküste wurden mehr als tausend Immigranten aus Südasien verhaftet und in ihre Herkunftsländer abgescho-ben, ohne einen Aufschrei in den großen Medien.

Wie sieht die Bilanz dieses Krieges nach einem Jahr aus? Die Taliban-Regierung wurde zwar mit Hilfe ihrer pa-kistanischen Mitgründer ohne ernsthaften Widerstand gestürzt, aber ungefähr 3000 unschuldige afghanische Männer, Frauen und Kinder starben durch die Bomben. Für den Westen zählten diese Leben nicht einmal halb soviel wie die jener US-Bürger, die in New York und Washington starben. In Kabul wird kein Denkmal zu Erin-nerung an die unschuldigen Toten errichtet werden. Folterung und Massenexekution von Kriegsgefangenen lassen viele liberale Befürworter ‘humanitärer Kriege’ kalt. Das Hauptziel der militärischen Operation, die Ergrei-fung ('tot oder lebendig’) Osama Bin Ladens und seiner Verbündeten und die physische Zerstörung von Al-Qaeda, ist allerdings immer noch nicht erreicht. Am 16. Juni 2002 berichtete die The New York Times:

"Wie die zuständigen Stellen berichten, haben geheime Untersuchungen des FBI und CIA hinsichtlich der Be-drohung durch Al-Qaeda zu dem Schluss geführt, dass der Krieg in Afghanistan nicht dazu geführt hat, die Be-drohung der Vereinigten Staaten zu verringern. Stattdessen hat der Krieg möglicherweise die Anstrengungen zur Bekämpfung des Terrorismus verkompliziert, da mögliche Angreifer nun über ein größeres geografisches Gebiet verstreut sind."

Die imperialistische Besetzung Afghanistan hat auch nicht zu mehr Stabilität, Friede oder Wohlstand in der Re-gion geführt. Der Charakter der afghanischen Regierung wird durch die Tatsache symbolisiert, dass der von den USA gestützte Präsident, Hamid Karzai, um eine Leibwache gebeten und diese auch bekommen hat, die ausschließlich aus US-Soldaten besteht. Er fühlte sich nicht sicher mit Afghanen als Leibwächter. Dieser Ver-trauensmangel ist durchaus beidseitig. Die Fraktionen der Nordallianz, die außerhalb Kabuls herrschen, verab-scheuen Karzai und würden ihn über Nacht verschwinden lassen, wenn sie das tun könnten, ohne dadurch Vergeltungsbombardements zu provozieren. Zum Erhalt dieser Regierung werden die Vereinigten Staaten ständig militärisch präsent sein müssen. Mit anderen Worten, Demokratie, Menschen- und soziale Rechte etc. sind so weit entfernt wie je.

Das ‘größere geografische Gebiet’ schließt auch das benachbarte Pakistan mit ein. Der derzeitige Militärdiktator des Landes ist Washingtons engster Verbündeter. Für den ersten Afghanistankrieg (1979 - 89) benötigte man einen pakistanischen General, der bereit war, die islamische Karte zu spielen. Zia-ul-Haq erfüllte diesen Wunsch. Das Ergebnis waren die Taliban. Dieses Mal war die Hilfe eines nicht-religiös orientierten Generals ge-fragt, um die Taliban zu vernichten. Das war der Auftritt von General Musharraf (oder Busharraf, einheimischen Zungen zufolge). Er institutionalisierte die pakistanische Armee, die nur sich selbst und dem Pentagon Rechen-schaft schuldet, als die führende politische Kraft des Landes. Die pakistanische Armee ist stolzer Besitzer von Nuklearwaffen und kann diese auch einsetzen. Dasselbe gilt für Indien, die regionale Vormacht. Ein nukleares Gerangel um Kaschmir hat zwar den Rest der Welt beunruhigt, aber nicht die Generäle in Indien und Pakistan. Die politische Führung in New Delhi ist bereit, Washingtons Diktat auf globaler Ebene zu akzeptieren, wenn sie es dafür auf lokaler Ebene nachahmen dürfen. Bis jetzt wurde die Erlaubnis dazu verweigert und die Anwesen-heit von US-Soldaten und Piloten in Pakistan dient als Sicherheit. Aber wie lange noch?

Während der 'Krieg gegen den Terror’ Südasien destabilisiert hat, hat er Israel noch weiter gestützt. Wären die Vereinigten Staaten, wie oft geäußert, daran interessiert gewesen, den Nachschub an Mitgliedern für Organisa-tionen wie Al-Qaeda zu stoppen, hätten sie es getan. Bush, Cheney und Rumsfeld unterstützten Ariel Sharon bei seinem Versuch, die politische Identität der Palästinenser zu vernichten – was ein regimekritischer israeli-sche Historiker, Baruch Kimmerling, als ‘Politikmord’ bezeichnet hat. Der Blankoscheck des US-Senats und -Kongresses für Israel ist der erste seiner Art in der jüngsten Geschichte. Mit einem spektakulären Ergebnis: Seit September 2001 sind über 100,000 Palästinenser nach Jordanien geflohen. Sharon versucht nicht einmal, die Tatsache zu verbergen, dass sein Ziel eine umfassende ethnische Säuberung (‘Transfer’) der Westbank ist. Gaza wird in ein modernes Gegenstück eines Indianerreservats verwandelt, was durch eine Kombination aus direkter physischer Gewalt und einem für die in den besetzten Gebieten lebenden Palästinenser unerträglichen täglichen Leben bewerkstelligt wird. Selbst wenn diese Pläne erfolgreich sein sollten, allein die Idee, dass sie den 'Terrorismus' besiegen helfen sollen, ist ein makabrer Scherz. Die brutale Bestrafung der Palästinenser für ihre Weigerung, die Vorherrschaft Israels anzuerkennen, kann die gesamte arabische Welt jeden Tag auf dem Kanal von Al-Jazira mitverfolgen. Bis jetzt haben die Araber nur beobachtet und stillschweigend gelitten, aber diese Passivität täuscht. In allen Hauptstädten sind die wachsende Wut und Anzeichen von Unruhe zu bemer-ken. In Saudi-Arabien und Ägypten gab es bereits große Demonstrationen. Die Region könnte explodieren, wenn der ‚Krieg gegen den Terror‘ auf den Irak ausgedehnt wird.

Nirgendwo in der arabischen Welt wird dieser Krieg unterstützt. Praktisch überall ist man der Meinung, dass, sollte der Krieg geführt und gewonnen werden, er beileibe nicht als Abschreckung verstanden wird, sondern ein starkes Anwachsen der Unterstützung von terroristischen Gruppen durch die breite Bevölkerung hervorrufen würde. Sogar Kuwait ist sehr besorgt und hat angedeutet, dass ein Krieg im gegenwärtigen Klima politisch un-geschickt wäre. Und zwar aus einfachem Grund: Das unendliche Leid der Palästinenser wird nicht einfach als das Werk Israels gesehen. In den Augen vieler arabischer Intellektueller ist Israel der biblische Esel, dessen Kieferknochen vom amerikanischen Samson verwendet wird, um die wirklichen und eingebildeten Feinde des Reiches zu vernichten. (Samson tötete in einer Schlacht 1000 Philister, die Feinde Israels, mit dem frischen Kie-ferknochen eines Esels; d. Ü.) Auch allgemein wird das so wahrgenommen und als die Eröffnung einer dritten Front in diesem grenzenlosen Krieg gesehen, der weit schwerwiegendere Folgen haben könnte als der Schwin-del in Afghanistan. Durch wurden Südasien und Saudi-Arabien destabilisiert. Die Folgen eines Einmarsches in ein arabisches Erdölland zur Installierung einer Marionettenregierung sind nicht abzuschätzen. Im Gefolge des 11. September wurden die USA für den Krieg in Afghanistan von fast allen Staaten und Regierungen unter-stützt. Aufgrund von Unstimmigkeiten in Bezug auf Palästina begann diese Einmütigkeit zu schwinden und ist nun, da der Zeitpunkt eines neuen Krieges gegen den Irak näher rückt, mit ernsthaften Problemen konfrontiert. Anders als bei Bosnien, dem Kosovo und Albanien ist der Westen in diesem Fall gespalten. Abgesehen von Blair und Berlusconi ist keiner der anderen führenden europäischen Politiker darauf erpicht, an diesem Krieg teilzunehmen. Schröder, Chirac und die Skandinavier haben das ganz klar zum Ausdruck gebracht. Sie werden die Vereinigten Staaten zwar nicht daran hindern, aber sie werden auch nichts gegen das Anwachsen einer massenhaften Antikriegsbewegung tun. Die öffentliche Meinung in Deutschland ist nachdrücklich gegen die I-dee (einer Teilnahme an diesem Krieg; d. Ü.).

Selbst in Blairland ist nun die Mehrheit der Bevölkerung gegen den Krieg. Eine Reihe unüblicher Verdächtiger hat ihre Opposition in herablassendem und abschätzigem Ton ausgedrückt. Unter ihnen befinden sich aktive Generäle und Generäle im Ruhestand sowie der eine oder andere Feldmarschall, nicht zu vergessen der neue Erzbischof von Canterbury. Wird er wie seine Vorgänger die Bomber segnen? Wahrscheinlich nicht. Und er wird auch nicht allein dastehen. Eine Umfrage des ICM in The Guardian (19. März 2002) ergab, dass 51 Prozent der britischen Öffentlichkeit gegen einen Krieg sind. Die Studie ergab, dass davon 6 Prozent die Liberal Democrats wählten, 48 die Konservativen und 46 Labour. Im Einklang mit dieser Stimmung agitierte das Massenblatt Daily Mirror regelmäßig gegen die Unterstützung von Washingtons Abenteuer. Bis jetzt ist es dem Herausgeber ge-lungen, die Einschüchterungsversuche aus der Downing Street und dem Verteidigungsministerium zu ignorie-ren. Die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten ist ebenfalls äußerst beunruhigt über diesen Krieg. Ma-rinekorpsgeneral Anthonny Zinni, ehemaliger Oberkommandierender des US Central Command, hat die Alarm-glocke geläutet, um vor Einfältigkeit zu warnen. Er fühlt sich von dem Ach-was,-ich-bin-ein-facher-Patriot-Ton und der Diktion, deren sich viele Kongressmitglieder und Senatoren befleißigen, verletzt und warnt:

"Es gibt heute Mitglieder des Kongresses, die das Irak-Befreiungs-Gesetz finanzieren wollen und ein paar Jungs in London in Seidenanzügen und einer Rolex am Handgelenk den Feldzug planen lassen. Wir werden tausend Soldaten ausrüsten und sie mit AK-47 im Wert von 97 Millionen Dollar bewaffnen und in den Irak schi-cken. Und was werden wir dann haben? Eine Operation Ziegenbucht, höchstwahrscheinlich." (Anspielung auf die Invasion der Schweinebucht 1961; d. Ü.)

Nichtsdestoweniger zeigen Meinungsumfragen in den USA, dass 60 Prozent für den Einsatz von Daisy-cuttern (auch Benzinbomben genannt; d. Ü.) sind, diese Zahl aber auf 36 Prozent fällt bei dem Vorschlag, dass die USA im Alleingang in den Irak einmarschieren sollen. In dieser Hinsicht ist Blair ein nicht unbedeutendes Fei-genblatt. Natürlich können die Demokraten den Angriff verzögern, indem sie auf der Kriegsermächtigung beste-hen und dann dagegen stimmen, aber sie würden sich von Meinungsumfragen leiten lassen. Wenn sie sich von ihrem lautstarken, beide Parteien umfassenden Patriotismus verabschieden würden, könnten sie die Unterstüt-zung abtrünniger Republikaner (Armey, Lugar) gewinnen, die schon ihre Bedenken bezüglich eines Anschlags auf den Irak geäußert haben.

Ein anderer Faktor, der den Krieg stoppen könnte, wäre ein plötzlicher Sturz an der Wall Street, im Gegensatz zu einem langsamen Rückgang. Dann gibt es noch die Möglichkeit, dass Bagdad die 'UN'-Waffeninspektionsteams wieder ins Land lässt, zusammen mit den Schläfern des CIA. Das würde bedeuten, dass man wieder auf den Vorwurf der Komplizenschaft mit dem 11. September zurückgreifen müsste, was nie-mand glauben würde.

Die Frage ist, warum ist die derzeitige Regierung der Vereinigten Staaten dermaßen entschlossen, diesen Krieg zu führen? Dazu drei Überlegungen: Erstens, der Irak, ein reiches Ölförderland, befindet sich immer noch au-ßerhalb der Kontrolle der USA. Zweitens, die Größe seines Heeres... es ist derzeit das einzige Heer in der Re-gion, das ein Groß-Israel bedrohen könnte. Und drittens, innenpolitische Überlegungen. Ein wichtiges taktisches Ziel ist, die pro-zionistischen Juden den Demokraten zu entwöhnen. Die christlichen Fundamentalisten in den Reihen der Republikaner machen kein Hehl aus ihrer unbeirrbaren Unterstützung jeder israelischen Gräueltat. Im Alten Testament steht schließlich geschrieben, dass das Land Zion den Juden gehört.

Die Monate nach dem Jahrestag des 11. September werden von der Dynamik zweier Entwicklungen beherrscht werden: der Vorbereitung des Kriegs gegen den Irak und der Verschlechterung der Wirtschaft. Die Wechselwir-kung zwischen beiden wird in den nächsten Jahren weltweit die Situation bestimmen. Der große Denkerpräsi-dent und der harte Kern seiner Berater haben sich allem Anschein nach völlig von der Clintonformel der `90er Jahre, amerikanische Vormachtstellung plus Unterstützung durch die Alliierten plus ständige Deregulierung gleich Weltherrschaft begleitet von Dritter-Weg-Rhetorik, verabschiedet. Diese Formel ist anscheinend in den Papierkorb gewandert. Lässt man die moralische Frage beiseite, warum ein ungerechter Krieg durch die Unter-stützung des UN-Sicherheitsrates gerecht wird, ist es absolut möglich, dass sich die Vereinigten Staaten die Unterstützung durch den UN-Sicherheitsrat für den Einmarsch in den Irak sichern können. Um die Stimmenthal-tung der Franzosen und Chinesen zu erreichen, könnte man die einen bestechen und den anderen einige Zu-geständnisse im Hinblick auf Taiwan anbieten. Aber Cheney und Rumsfeld finden diese Methoden offensichtlich abscheulich. Sie wissen genau, dass die anglo-amerikanischen Bombenangriffe der vergangenen 15 Jahre auf den Irak den Sicherheitsrat ungestraft umgangen haben. Sie sind die Anführer des einzigen Imperiums der Welt und sie werden sich dementsprechend benehmen. Einige der Ideologen der Bush-Regierung in den Medien vergleichen Washington mit dem alten Rom. Als Fantasie ist das sicher erlaubt, aber sie sollten daran denken, dass (a) die Römer nie erwarteten, dass man sie liebt und (b) dass Rom ebenfalls unterging.

Ich für meinen Teil bevorzuge Goethes Maxime: Die Welt schreitet nur deretwegen voran, die sich ihr widerset-zen.

Der Autor ist ein britischer Schriftsteller und politischer Aktivist. Der obenstehende Auszug aus seinem Buch “The Clash of Fundamentalisms”, veröffentlicht von Verso, wurde hier mit spezieller Erlaubnis des Autors abge-druckt.

Orginalartikel: Doing As The Romans Did
Übersetzt von: Eva-Maria Bach
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