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Wie man die Amerikaner im Dunkeln läßt

von Ali Abunimah

12.03.2003 — ZNet

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Auf seiner Pressekonferenz vom 6. März kommt Präsident George Bush erneut mit einer Reihe von Behauptungen an - Behauptungen, die nicht nur unbewiesen sind sondern der vorliegenden Beweislage widersprechen. Das Irritierendste an der Sache aber ist das schändliche Versagen der US-Medien, die es versäumen, Bushs Behauptungen irgendeiner Nachprüfung zu unterziehen. Ein Beispiel: Bush behauptet bei der Aufzählung seiner Rechtfertigungsgründe für einen US-Angriff auf Irak: "in Nordost-Irak gibt es eine Giftfabrik". Damit wiederholt er die Behauptung seines Außenministers Colin Powell vom 5. Februar im UN-Sicherheitsrat. Der legte damals auch ein Satellitenfoto der angeblichen Anlage vor. Demgegenüber sagt 'Observer'-Journalist Luke Harding, der mit einer Gruppe Journalisten vor Ort gewesen ist u. die Anlage besichtigte:

"Falls Colin Powell dieses heruntergekommene Militärgelände am Fuße eines hohen, schneebedeckten Berges je besichtigen wird, wartet auf ihn eine böse Überraschung. Der US-Außenminister hat diese Anlage im Nordosten Iraks letzte Woche zuversichtlich als "terroristische Chemie- und Giftfabrik" bezeichnet - angeblich betrieben durch eine islamistische Terrorgruppe namens Ansar al-Islam. Gestern allerdings stellte sich die Terroristenfabrik eher als Ansammlung baufälliger Außengebäude aus Beton am Fuße eines grasig ansteigenden Hügels dar. Hinter dem Stacheldraht und dem Hof, auf dem kaputte Raketenteile verstreutliegen, sieht man ein paar leere Betongebäude. Auch eine Backstube gibt es. Aber kein Zeichen, dass es hier irgendwo Chemiewaffen gibt. Alles, was wir hier riechen, ist Paraffinöl u. Gemüse-Ghee, das man zum Kochen verwendet. In der Küche einige verhackte Tomaten, nicht viel mehr"('Revealed: truth behind US 'poison factory' claim', 'The Observer' vom 9. Februar 2003).

Die BBC u. selbst das amerikanische ABC-Network brachten Reportagen ihrer Journalisten, die diese Version komplett bestätigten. Dennoch interessierte sich kaum jemand für die Sache, sodass weder Powell noch Bush in Erklärungsnot gerieten: Wie kommt man dazu, mit derart vagen 'Beweisen' einen Krieg zu rechtfertigen.

Noch so ein irritierendes Beispiel: Am 31. Januar wurden in Neapel/Italien 28 pakistanische Männer verhaftet. Die italienischen Behörden sprachen sensationsheischend von der teilweisen Aushebung einer Al-Kaida-Terrorzelle. Noch am selben Tag stellte sich heraus, dass an der Sache nicht viel dran ist. Wie 'Associated Press' (AP) berichtete, äußerte ein italienischer "Polizeioffizieller, der anonym bleiben will, am späten Freitag, dass (Polizei-)Offiziere "womöglich etwas zu weit gegangen sind", als sie in der Überschrift ihrer Pressemitteilung über eine Verbindung zu Al-Kaida sprachen" ('Italian police arrest 28 Pakistanis, find explosives, maps', 'Associated Press', 31. Januar 2003). Herr Bush, der ja immer behauptet, er verteidige die "Freiheit" und die amerikanischen "Werte", gewährte den Pakistanis nicht etwa die Unschuldsvermutung - bis zum Beweis des Gegenteils - jenes fundamentale Prinzip des amerikanischen Rechtssystems. Stattdessen gab es eine gemeinsame Pressekonferenz mit dem britischen Premier Blair - am 31. Januar - auf der Bush kühn verkündete: "Heute ist es Italien gelungen, eine weitere Zelle von Leuten dingfest zu machen, die gewillt sind, Massenvernichtungswaffen gegen diejenigen von uns einzusetzen, die die Freiheit lieben". Dabei hatten noch nicht mal die Italiener die Beschuldigung erhoben, die Sache könnte etwas mit "Massenvernichtungswaffen" zu tun haben. Am 13. Februar - versteckt auf Seite 27 -, brachte die 'Washington Post' in ihrer Spalte 'Welt in Kürze' ein paar Sätze zum Fall, unter anderem stand dort zu lesen: "Ein italienischer Richter ordnete die Freilassung von 28 Pakistanis an, verhaftet im letzten Monat unter dem Verdacht, einen Terrornanschlag geplant zu haben. Es gäbe keine ausreichenden Beweise, um die Männer noch weiter festzuhalten, so die Stellungnahme des Gerichts. Die Entscheidung bedeutet für die italienische Polizei einen herben Schlag, musste sie doch während der letzten Monate mehrfach erleben, dass groß angekündigte Terrorinvestigationen nicht standhielten". Es hatte sich nämlich herausgestellt, dass die Männer das waren, was sie u. ihre Verteidiger von Anfang an behauptet hatten: arme Immigranten, die hart darum kämpften, ein wenig Geld zu verdienen, das sie nach Hause schickten - Leute, die einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen waren.

Die beiden Beispiele stehen stellverstretend für viele Fälle, in denen sich "Tatsachen"-Behauptungen des US-Präsidenten als im Widerspruch stehend zur kompletten Beweislage herausstellten. Der Präsident bzw. Offizielle seiner Regierung scheinen zudem nicht interessiert, alternative Erklärungen ernsthaft in Erwägung zu ziehen - ein Phänomen, das aber nicht ganz unbemerkt blieb. So berichtete im Oktober die 'Washington Post':

"Während Bush die Nation in Richtung Konfrontation mit dem Irak führt und seine Partei in den Kampf um die Zwischenwahlen, erkennt man in seiner Rhetorik der letzten Wochen manchmal einen Anflug von Phantasterei. Seine Statements zu den Themen - von Wirtschaft bis Irak - legen nahe, der Präsident, der die Wahlen damals nicht zuletzt deshalb gewann, weil er den Finger auf Al Gores Verdrehungs- und Übertreibungstricks legte, hat sich inzwischen selbst ein paar solcher Tricks zuschulden kommen lassen" ('For Bush Facts Are Malleable; Presidential Tradition Of Embroidering Key Assertions Continues', 'Washington Post', 22. Oktober 2002).

So gesehen stellt der Artikel der 'Post' eine bemerkenswerte Abweichung vom Schema dar. Schließlich ist die 'Post' Teil eines Pressekorps, das sich fast immer den offiziellen Stellungnahmen unterwirft. Diese Haltung fiel insbesondere bei der Pressekonferenz am 6. März auf. Den Ton der dortigen Journalisten kann man nur noch als exzessiv respektvoll u. servil bezeichnen. Viele amerikanische Journalisten stellen sich rhetorisch an die Seite ihrer Regierung - indem sie beispielsweise regelmäßig von "unsern bewaffneten Kräften", von "unseren Verbündeten" u. "unserer Politik" sprechen. Sie stellen Fragen wie: Ob und wann "greifen wir den Irak an?" Diese Art Sprache, bei der die Distanz zwischen Journalist und Regierung aufgehoben ist, schafft die Illusion eines nationalen Konsensus. Und sie marginalisiert völlig jenen beträchtlichen Kriegs-Widerstand, der in den USA ja existiert u. suggeriert, dieser Widerstand stehe außerhalb der Norm.

Wen wundert's da eigentlich noch, dass Amerikaner so verwirrt, so uninformiert sind? Noch immer glauben 57 Prozent von ihnen, der Irak hätte etwas mit dem Anschlag vom 11. September 2001 zu tun (laut einer Studie des 'Pew Research Center', veröffentlicht am 20. Februar). Noch nicht mal die Bush-Administration vertritt diese Verschwörungstheorie - hat sie nie vertreten. Es gibt wenige demokratische Regierungen, die von ihren Medien derart mit Blankoscheck ausgestattet sind. Powell zitiert vor dem Sicherheitsrat aus einer "feinen" britischen "Geheimdienst-Analyse" betreffs der irakischen Täuschungsversuche. Rasch finden die britischen Medien heraus, dass es sich bei dem Dokument um eine lausige "Kollage" aus der Werkstatt des Tony-Blair-Public-Relations-Teams handelt - zusammengestochert aus alten, längst veröffentlichten Artikeln plus ein paar plagiierten Passagen aus einer Studentenarbeit. Aber während die Äffare in Großbritannien zur Riesenstory wird - sie kostet Blair das letzte bisschen Kredibilität, das er noch besessen hat -, interessiert sich in den USA praktisch niemand für die Angelegenheit. Folgendes ist ein dunkles Zeichen. Es zeigt die Entschlossenheit der Bush-Administration, wenn es darum geht, einzuschränken, was die Amerikaner zu sehen bekommen. Es ist folgender Rat des US-Präsidenten im Falle des Starts des US-Angriffs auf den Irak: "die Journalisten, die dort sind, sollten gehen. Wenn ihr dort hingeht, und wir fangen mit unseren Aktionen an, geht." Und es gibt wenig Grund zu der Hoffnung, es könnten viele (Journalisten) sein, die sich dem 'Rat' der Regierung widersetzen. Dann werden die Amerikaner noch mehr im Dunkeln gelassen werden, als sie es jetzt schon sind.

Erstabdruck dieses Artikels in 'The Daily Star' vom 11. März 2003.

Übersetzt von: Andrea Noll
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