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Wie militanter, ziviler Ungehorsam die bolivianische Regierung gestürzt hat

von Jeff McLellend

01.11.2003 — ZNet

— abgelegt unter:
“La protesta es una mujer de fierro sin partido ni caudillo”

In den von widerhallenden Dynamitexplosionen erschütterten Straßen von La Paz wimmelte es von Zehntausenden zornigen DemonstrantInnen, als dort am 18. Oktober 2003 der dramatische Höhepunkt der seit sechs Wochen zunehmenden Proteste erreicht wurde. Mehre Protestmärsche bewegten sich von der Nachbarstadt El Alto in Richtung La Paz. Mehr als zehntausend MinenarbeiterInnen und campesinos kamen aus den ländlichen Gebieten und den angrenzenden Teilstaaten. Und zu einem früheren Zeitpunkt des Tages zogen auch die amas de casa (die Hausfrauen von La Paz) in Massen auf die Straße, um den Protest zu unterstützen. Die gemeinsame Forderung war nichts geringeres als der Rücktritt des bolivianischen Präsidenten, Gonzalo Sánchez de Lozada. Unterdessen griff der Präsident – der im seine Amtssitz in einer der wohlhabenderen Nachbarschaft von La Paz isoliert, gefangen ist und von einem gewaltigen Militäraufgebot beschützt wird – mehrere Male zum Telefon, um mit Kontaktpersonen in den USA zu sprechen. Gegen 17.00 Uhr wurde dann die “Rettungsaktion” eingeleitet. Ein Helikopter landete in der Nähe der Residenz und brachte den Präsidenten, seine Familie und einige übrig gebliebene Minister anschließend zum Flughafen, wo ein Flugzeug, das sie in die USA fliegen sollte, auf sie wartete.

Erst einmal in den USA angekommen, wird Sánchez behaupten, dass der Volksaufstand, der zu seinem Rücktritt geführt habe, ein Sturz der Demokratie in Bolivien sei, der von einem internationalem Kartell finanziert und von Drogenhändlern, Drogenringen und den politischen Oppositionsführern durchgeführt worden sei. Seine lächerliche Geschichte orientiert sich offensichtlich an Washingtons Agenda (Plan) für die Andenstaaten Südamerikas – die Verteidigung der Demokratie und die Vernichtung des Kokablatts. Und dennoch hat Lozada alles verdreht. Der Aufstand in Bolivien ist von unten organisiert worden, von autonomen (unabhängigen), vorrangig armen indigenen Gruppen, die militanten zivilen Ungehorsam ausüben (praktizieren). In einer Zeitspanne von nur sechs Wochen entwickelten sich wenige isolierte Proteste zu einem Aufstand der Massen, in dessen Verlauf 80 Tote (die bis auf einige wenige alle von der Polizei oder der Armee ermordet wurden) und 400 Verletzte zu beklagen sind. Die DemonstrantInnen widersetzten sich nur mit Stöckern und Steinen gegen Tränengas, Panzer, Maschinengewehrfeuer und sogar Kampfjets, um das Land langsam zum Erliegen zu bringen. Ihrem unaufhörlichen und anwachsenden Druck folgte der Rauswurf des Präsidenten innerhalb des gesetzlichen Rahmens der bolivianischen Demokratie. Während der Protest nicht vor den Grenzen der Teilstaaten und der einzelnen Ethnien Halt machte, gab es doch zwei große Gruppen, die den Aufstand federführend anregten und für seinen Erfolg entscheidend waren. Die erste Gruppe bildeten indigene campesinos aus den ländlichen Gebieten rund um La Paz. Und die Zweite stellten die indigenen EinwohnerInnen der Stadt El Alto.

Die Revolte gegen den Goniismus

Während seiner Amtszeit konnten die Vereinigten Staaten mit keiner bessere Marionette als Goni (der Spitzname des Präsidenten) spielen, um ihre Interessen in Südamerika zu sichern. Der Millionen schwere Geschäftsmann, der in den USA aufgewachsen ist, hatte bereits zwischen 1993 und 1997 das Präsidentenamt inne und wurde gerade erst für eine weitere Wahlperiode, die 2007 enden sollte, mit 22% der Stimmen wiedergewählt. 1986 wirkte er am Umbau der vom bolivianischen Staat unterstützten Wirtschaft zu einer Neoliberalen mit indem er Betriebe in den Schlüsselindustrien Öl, Wasser, Telekommunikation, Edelmetall und im Transportwesen privatisierte. Als Präsident überwachte er den Verkauf der Erdgasrechte an transnationale Konzerne zu Spottpreisen. Anschließend fiel Goni vor Washington auf die Knie und setzte ein unbeliebtes Koka- Vernichtungsprogramm gegen die starke Opposition der Kokabauern durch, denen auf diese Weise ihre einzige Lebensgrundlage genommen werden sollte. Und vor knapp sechs Monaten verhängte er noch unter dem Druck des IWF (Internationaler Währungsfonds) vollkommen unpopuläre Abbaumaßnahmen.

Er hat beständig im Namen der USA und des IWF ihre Interessen auf Kosten der Bedürfnisse der Menschen gesichert. In den vergangenen 17 Privatisierungsjahren ist der Lebensstandard der BolivianerInnen zurückgegangen während der Graben zwischen Arm und Reich geweitet worden ist. Annähernd zwei Drittel der Bevölkerung sind Indigenas, die grundlegend weniger als Mestizen (Mischlinge aus Indigenas und Weißen) und Weiße verdienen. Die indigenen campesinos (die mit der Bewirtschaftung winziger Landparzellen ihr Überleben sichern können) bilden die ärmste Bevölkerungsgruppe. Sie verdienen circa 15 Cents am Tag.

Die 17 Privatisierungsjahre sind in Bolivien nicht ohne Widerstand vergangen. Die Opposition ist jedoch lange Zeit gespalten gewesen, weil ihre FührerInnen sich oft untereinander bekämpften. Diese internen Kämpfe und die miteinander wetteifernden Forderungen der verschiedenen Gruppen haben die Linke geschichtlich betrachtet, geschwächt und es der Regierung leichter gemacht, sie zu spalten. Als die Proteste Anfang September einsetzten, variierten (unterscheiden) die Forderung (obwohl sie von der gemeinsamen Ablehnung der neoliberalen Wirtschaftspolitik der Regierung zusammengehalten wurden) von Gruppe zu Gruppe und basierten auf mehreren Themen mit regionalem aber auch nationalen Bezug. Eine Forderung entfachte jedoch das Feuer, als die Bewegung langsam an Kraft gewann, und wurde zur brennenden Fackel, die die verschiedenen Teile vereinte: Das bolivianische Gas sollte nicht an die USA verkauft werden.

Die Ablehnung, bolivianisches Gas an die USA zu verkaufen, ist aus historischen Gründen tief in der Psyche der BolivianerInnen verankert. Bolivien musste dabei zuschauen, wie, angefangen mit den spanischen conquistadores im 16. Jahrhundert, KolonistInnen, reiche Staaten und jüngst transnationale Konzerne die reichen natürlichen Ressourcen außer Landes befördern bzw. beförderten. Das Erdgas ist nur die letzte Goldgrube in einer langen Reihe heute fast erschöpfter Ressourcen wie Silber, Zinn, Kupfer, Uran und Holz. Es wird geschätzt, dass die Erdgas- und Ölvorkommen in Bolivien größer als alle anderen in Südamerika, auch größer als die Venezuelas, sein sollen. Und trotz dieser Fülle an Gewinn trächtiger natürlichen Ressourcen ist Bolivien nie in der Lage gewesen, sie in Profit umzuwandeln. Das wohl erstaunlichste Beispiel sind die berühmten und riesigen Silberminen Potosís, deren Silber auf spanischen Schiffen in den frühen Jahren der Eroberung Amerikas außer Landes gebracht wurden und die fast alleinig das spanische Imperium für mehr als zwei Jahrhunderte erhalten haben, ohne dass die Einheimischen jemals davon profitierten. In der Geschichte war Boliviens Wirtschaft darauf ausgerichtet, Rohstoffe in andere, reichere Länder zu exportieren anstatt die Ressourcen selbständig in die Endprodukte zu verwandeln, und somit gezwungen, eben jene ausländische Produkte zu horrenden Preisen zu importieren. Der gemeinsame Protestruf entstand: “Gas für alle BolivianerInnen!” Die DemonstrantInnen wollten, dass die für Erdgas nötige Verarbeitungsindustrie in Bolivien geschaffen und dass das Gas zu brauchbaren und finanziell Gewinn bringenderen Produkten wie Treibstoff, Plastik und Dünger verarbeitet wird – Produkte, die Bolivien derzeit noch importieren muss. Die Vereinigten Staaten wollen jedoch das Gas in seiner billigen Rohform und Goni hatte diesem Verkauf bereits zugestimmt nachdem er behauptete, dass das Land einen sofortigen Kapitalzuschuss benötige. Die Verhandlungen zwischen der U.S. und der bolivianischen Regierung fanden nicht überraschenderweise hinter verschlossenen Türen statt. In der Tat wurde, wenn überhaupt, nur eine sehr kleine öffentliche Diskussion geführt und auch die Medien beschränkten sich auf einige wenige Berichterstattungen. Doch das sollte sich bald ändern.

Die campesinos gehen auf die Straße

Der Protest begann in den ersten Wochen des Septembers mit einem Murren, als campesinos Highways außerhalb von La Paz blockierten und 2.000 einen Hungerstreik aufnahmen. Highwayblockaden sind im Laufe der Geschichte des öfteren ein Protestmittel der campesinos gewesen. Und aufgrund der Tatsache, dass nur eine Straße zwei Punkte auf der Karte verbindet, ist dies auch eine unglaublich effektive Strategie. Indem die Straßen von 20 bis 200 Personen blockiert werden, kann verhindert werden, dass Reisende und Produkte ihrer Wege gehen. In der zweiten Augustwoche hatten die Blockaden bereits merkliche Auswirkungen auf La Paz. Zahlreiche Produkte gelangten nicht zu ihrem Bestimmungsort und verrotteten in den still stehenden LKW während TouristInnen sich beschwerten und Menschen von ihren Häusern abgeschnitten wurden. Die campesinos ließen, trotz der blutigen Erfahrungen bei ähnlichen Auseinandersetzungen in der Vergangenheit, verlauten, dass sie jeder militärischen Aggression Widerstand leisten würden. Vielleicht wären die campesinos müden geworden, wenn die Regierung versucht hätte, die Situation auszusitzen. Oder wenn sie in einen Dialog eingewilligt hätte. Doch an dieser Stelle betrat der U.S. Botschafter Geenlee die Bühne. Und wie so oft, wenn die USA im Ausland eingreifen, verschlechterte sich die Lage zusehends.

Sorata ist ein verschlafene und von einigen der militantesten campesino- Gemeinden in Bolivien umgebene Touristenstadt hundert Meilen vor den Toren von La Paz. Ein alljährliches Festival hatte tausend Menschen (unter ihnen 200 Gringos) für das Wochenende vom 13. bis zum 14. September nach Sorata gelockt. Am frühen Morgen des darauffolgenden Montag blockierten campesinos aus der nahe gelegenen Stadt Warisata die einzige Straße, die aus Sorata hinaus führt. Die Menschen waren fünf Tage lang dort eingesperrt bis sich Greenlee Goni zur Seite nahm und ihn von der Notwendigkeit “überzeugte”, die “Gäste” zu retten. Am folgenden Tag, dem 20. September verließ ein Militärkonvoi bestehend aus 20 mit SoldatInnen und ScharfschützInnen beladene Fahrzeuge La Paz. Mit Unterstützung von Kampfflugzeugen und Helikoptern durchbrach der Konvoi die Blockade, die in Sorata gestrandeten Personen wurden eingesammelt, und die Militärs wendeten, um nach La Paz zurückzukehren. Es konnte noch nicht geklärt werden, wer zuerst geschossen hat, aber als dieses Mal die Blockade passiert wurde, brach eine Schießerei aus, bei der sechs campesinos (von denen einige völlig unbewaffnet waren) und ein Rekrut getötet wurden. Nur Stunden später stürmten campesinos Sorata und brannten ein Regierungsgebäude ebenso wie ein verziertes Hotel eines unbeliebten Ausländers nieder. Die gewaltsame Regierungsattacke gegen die Blockade entzündete eine bereits glimmende Wut in den campesino- Gemeinden und radikalisierte ihre EinwohnerInnen. Die Forderung, bolivianisches Erdgas nicht in die USA zu exportieren, verwandelte sich nun in die Hauptforderung. In den militanteren Gemeinden sprachen die campesinos erstmals von einem Bürgerkrieg.

Ende August traten erste Nahrungsmittelknappheiten in La Paz auf und die Preise stiegen während die Blockaden in den ländlichen Gebieten außerhalb von La Paz ausgeweitet wurden. Von den acht nach La Paz führenden Highways war die Hälfte dauerhaft und die andere Hälfte mit Unterbrechungen besetzt worden. Die Spannungen nahmen auf diesen Highways zu, da die Armee bestimmte Blockaden räumen wollte – allerdings mit minimalen Erfolg. Die campesinos verstopften die Straßen zusätzlich zu ihren Körpern auch mit Tausenden Steinen und Felsbrocken. Diese Strategie stellte sich als sehr effektiv heraus, weil es keinem Fahrzeug mit vier Rädern gelingt, eine mit Steinen gesäumte Straße zu befahren. Die Armee hätte natürlich Truppen entsenden können, die mit Bulldozern die Straße räumten; doch zur gleichen Zeit versammelten sich campesinos an einem anderen Streckenabschnitt der Straße und verstopften diesen mit neuen Steinen. Einige campesinos setzten zudem Dynamit ein, um Krater in die Straßen zu sprengen, damit sie nicht befahren werden konnten. Mitte Oktober leerten sich die Regale der Geschäfte in La Paz während sich die Preise für die verbleibenden Güter verdoppelten und verdreifachten. Restaurants schlossen infolge der fehlenden Nahrungsmittel und Brennstoffe. Gleichzeitig verlagerte sich das Schlachtfeld vom Land nach El Alto.

El Alto erhebt sich

El Alto ist die Schwesterstadt von La Paz. Angesichts einer Bevölkerung von 1 Million ist sie sowohl die am stärksten wachsende als auch die ärmste Stadt Südamerikas. Arme campesinos siedelten in den 1950ern vom Land an den Rand von La Paz. Heute speichert sie eine starke ArbeiterInnen- und Indigenaidentität aufgrund der Ansiedlung ehemaliger MinenarbeiterInnen und den 80% der StadtbewohnerInnen, die sich zu den Indigenas zählen. In den vergangenen 50 Jahren ist die Stadt sehr schnell und ohne planende, infrastrukturelle sowie finanzielle Hilfe der Bundesregierung gewachsen. Viele Wohnungen besitzen keinen Anschluss an das Trinkwasser-, Elektrizitäts- und Abwassersystem. 45% der EinwohnerInnen leben in Armut und 26% in extremer Armut, d.h. sie leben von weniger als einem U.S. Dollar am Tag.

In der ersten Oktoberwoche kamen viele MinenarbeiterInnen und campesinos nach El Alto, um die Regierung direkt unter Druck zu setzen. El Alto wurde offenbar aufgrund der engen Verbindungen zwischen der ersten und zweiten Generation der campesinos und MinenarbeiterInnen sowie zu den Brüdern und Schwestern, die auf dem Land leben, von den nicht- HauptstädterInnen ausgewählt. Viele Nachbarschaften werden tatsächlich von den aus den ländlichen Gemeinden stammenden campesinos besiedelt, so dass die Bindungen zwischen dem Land und der Stadt weiter gefestigt werden. In der Stadt herrscht zudem ein nachhaltiger Sinn für Solidarität – ein Vermächtnis der letzten zehn Jahre, in denen für die Forderungen, mit Grundwasser und sanitären Einrichtungen versorgt zu werden, gegen die Bundesregierung organisiert wurden. El Alto ist außerdem aus strategischen Gründen, wegen der Nähe zu La Paz, ausgesucht worden. Die meisten Straßen in Richtung La Paz und in Richtung des internationalen Flughafens, die die Stadt durchlaufen, befinden sich im Zentrum der Stadt. Infolge der Radikalisierung durch ein starkes Klassenbewußtsein, des Zorn auf die Gewalt der Armee und die Einschüchterungen der campesinos auf dem Land sowie der strategischen Lage direkt neben La Paz, waren die Altenos (der den EinwohnerInnen El Altos gegebener Name) reif für eine Erhebung im großen Stil.

Bis zur zweiten Oktoberwoche sind La Paz und El Alto von den Konflikten außerhalb der Städte relativ verschont worden. Doch trotz dieser Ruhe kristallisierte sich eine städtische Bewegung langsam heraus. Im Anschluss an die Gewalt außerhalb von Sorata waren einige Generalstreiks in La Paz und El Alto in den folgenden drei Wochen ausgerufen worden. Den Streikaufrufen folgten die Menschen nur teilweise, so dass die Streiks nach wenigen Tagen langsam zu Ende gegangen waren. Im Oktober gewannen sie jedoch wieder an Kraft. Der COB, der Dachverband der bolivianischen Gewerkschaften, spielte von Beginn an bei den Streiks eine führende Rolle. Ende September schlossen sich die Gewerkschaften für MetzgerInnen, Beschäftigte im Gesundheitswesen, BusfahrerInnen, LehrerInnen und andere den Streiks an und organisierten ihrerseits Protestmärsche. An den Universitäten setzte der Unterricht aus, weil sich StudentInnen, ProfessorInnen und Verwaltungsangestellte an den Streiks beteiligten. Unterdessen organisierten Zusammenschlüsse pensionierter ArbeiterInnen und GroßgrundbesitzerInnen Märsche durch beide Städte. Und MarktverkäuferInnen zeigten sich solidarisch indem sie ihre Stände auf den großen Märkten schlossen. Die Demonstrationen wandelten sich und die Polizei machte nach und nach immer häufiger Gebrauch von Tränengas während DemonstrantInnen zunehmend mehr Verletzungen davon trugen. In beiden Städten strahlte eine kaum verborgene Wut, die kurz vor dem Ausbruch stand, durch die Straßen.

Am 8. Oktober wurde dann erneut ein Generalstreik in El Alto ausgerufen und diese Mal hielten sich die Menschen im allgemeinen daran. An jenem Tag tötete die Armee zwei DemonstrantInnen, als sie eine Blockade vor den Toren El Altos durchbrach, und die Stadt rumorte. In den folgenden Tagen wurden LadenbesitzerInnen, die wagten, ihre Geschäfte öffneten, gezwungen, sie wieder zu schließen (innerhalb weniger Tage sind sie auch geplündert worden). Gruppen streikender VerkäuferInnen patrouillierten auf den Marktplätzen, schütteten Kerosin über die wenigen aufgebauten Stände und drohten, die Stände anzuzünden, falls sie nicht abgebaut würden. Indem die Altenos die Strategie der campesinos anwandten, besetzten sie die Straßenkreuzungen, um den Verkehr zu blockieren, und verstärkten die Blockade mit brennenden Reifen, Steinen und zerstörten Gegenständen. Nicht ein einziges Fahrzeug fuhr in die Stadt. Der Highway zwischen El Alto und La Paz wurde verriegelt und der Flughafen war unerreichbar. El Alto wurde vollkommen abgeschottet.

El Alto explodierte in der Nacht des 12. Oktobers. Am Tag zuvor umzingelten die AnwohnerInnen den Betrieb des einzigen Brennstofflieferanten El Altos und La Paz und hinderten die LKW am Verlassen des Firmengeländes. Gegen Abend konnten die Tankstellen kein Benzin mehr zur Verfügung stellen und die Regierung versuchte verzweifelt zu beweisen, dass sie die Lage kontrollierte. Dementsprechend verließen in der darauffolgenden Nacht die LKW das Gelände mit einer Militäreskorte, die von Panzern und Hubschraubern begleitet wurde. Lediglich mit Stöckern und Steinen, aber auf Kosten von fünf Toten, leisteten die DemonstrantInnen Widerstand und drangen den Konvoi zurück. Als sich die Nachricht von der Gewalt in der Stadt verbreitete, kam es zu Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und DemonstrantInnen in anderen Teilen der Stadt. Obwohl es keine Hinweise auf den Gebrauch von Waffen seitens der DemonstrantInnen gab, feuerte die Polizei mit scharfer Munition. Zudem setzte sie Tränengas völlig willkürlich ein. Von den 20 Menschen, die in dieser Nacht starben, wurde einige in ihren Wohnungen durch Streifschüsse getötet. Am nächsten Tag versuchte der Konvoi erneut, das Gelände zu verlassen, und es gelang ihm, bis nach La Paz vorzudringen – jedoch musste er mindestens zehn Blockaden auf seinem Weg durch El Alto durchbrechen und 20 blutige Leichen auf seinem Weg zurücklassen.

Die zwei Tage lang anhaltende militärische Gewalt gegen die DemonstrantInnen in El Alto war verantwortlich für ca. 50 Tote und über 200 Verletzte. Goni verhängte daraufhin am folgenden Tag das Kriegsrecht über El Alto. Die Toten wirkten sich in unglaublicher Weise auf die öffentliche Meinung aus. Während den DemonstrantInnen noch im Vorfeld der Auseinandersetzungen Sympathie entgegen schlug, bezeichnete m. sie nun als PatriotInnen – die dafür kämpften, dass das bolivianische Gas für alle BolivianerInnen von Nutzen sein soll. In ganz La Paz, in wohlhabenden und armen Nachbarschaften, wurden bolivianische Flaggen mit Trauerflor gehißt, um die Toten zu ehren. Selbst die konservativen Zeitungen befanden die Regierung für schuldig, ein Massaker begangen zu haben. Die einende Forderung war nun endgültig Gonis Rücktritt.

Die Gewalt der beiden Tage verschärfte zudem die Radikalisierung der Altenos. Lokale Nachbarschaftsversammlungen wurden in ganz El Alto einberufen, um die effektivsten Wege zu finden, wie der Armee und der Regierung am besten Widerstand geleistet werden kann. Menschen zogen von Haus zu Haus, um die EinwohnerInnen (manchmal unter Mithilfe von Drohungen) aufzurufen, auf die Straße zu gehen. Als die Armee ebenfalls von Haus zu Haus zog, um GewerkschaftsführerInnen zu suchen, versteckten die BewohnerInnen sie oder AnwohnerInnen bildeten menschliche Barrikaden rund um die Häuser, um sie vor der Verhaftung zu bewahren. Die Blockaden im gesamten Stadtgebiet vervielfältigten sich durch die Organisation der Nachbarschaften. Es wurden mit Dynamit Krater in die Straßen gesprengt, um Panzer an der Durchfahrt zu hindern. El Alto hatte sich in eine Kriegszone verwandelt.

Es dauerte weitere fünf Tage bis Goni endlich aufgab. Doch aufgrund des unerbittlichen Drucks aus El Alto war seine Niederlage nur eine Frage der Zeit. Die folgenden Ereignisse waren nur noch zusätzliche Nägel in seinen Sarg. Die Polizei und die Armee gerieten ins Schwanken. Einige, in El Alto lebende Polizeioffiziere quittierten ihren Dienst, weil sie fürchteten, dass ihre Familien von wütenden NachbarInnen verletzt werden könnten. ZeugInnen berichten, dass ein Soldat auf der Straße hingerichtet worden sei, weil er sich geweigert habe, auf die DemonstrantInnen zu schießen. (Der beschuldigte Offizier wird von der derzeitigen Regierung vernommen.) Religiöse Führungspersönlichkeiten, Intellektuelle, MenschenrechstaktivistInnen und moderatere FührerInnen der Mittelklasse initiierten Hungerstreiks im gesamten Land, die erst mit Gonis Rücktritt beendet werden sollten. Und natürlich marschierten Tausende MinenarbeiterInnen und campesinos auf die Hauptstadt zu.

Ich entdeckte das spanische Zitat, dass ich an den Anfang dieses Artikels setzte, inmitten der Proteste an einer Wand im Stadtkern von La Paz. Übersetzt bedeutet es: “Der Protest ist eine eiserne Frau ohne Partei und Führer.” Während die Proteste nicht ohne Oppositionsführer verliefen, brachten Tausende in Armut lebende, indigene Rebellen, organisiert von ländlichen Gemeinden und/oder Gewerkschaften, die Regierung mit militantem zivilen Ungehorsam zu Fall. Der eiserne Wille der DemonstrantInnen war schier überwältigend. Auf dem Land kampierten Großeltern, Mütter, Väter und Kinder sechs Wochen lang auf den Highways während sie Blockaden trotz der Einschüchterungen durch die Armee errichteten. Einzelne campesinos, die die Armee in der Nähe von Blockaden sah, wurden gefangen genommen und von der Armee eingesperrt. Schmutzige, arme campesinos ließen ihre Produkte auf den Feldern verkommen und opferten auf diese Weise die mageren Gewinne, die sie durch den Verkauf hätten erzielen können. Auf den Straßen El Altos leisteten lediglich mit Steinen und Stöckern bewaffnete DemonstrantInnen dem Vorrücken der Panzer und Maschinengewehre Widerstand. Über 80 Menschen opferten ihr Leben, weil sie ermordet wurden, und über 400 wurden verletzt.

Der Aufstand gegen und der Rausschmiß des Präsidenten Sánchez de Lozada ist ein erstaunlicher Triumph der bolivianischen Indigenas über eine Regierung, die ihren Bedürfnissen nicht entgegen kam. Doch Goni ist nur eine Galionsfigur gewesen. Das tatsächlich Ziel des Aufstandes waren die Mächte, die ihm den Rücken stärkten: die transnationalen Konzerne, der IWF (Internationaler Währungsfonds) und die USA, die Goni benutzten, um Bolivien, so weit wie nur möglich, auszusaugen. Obwohl noch keine wirkliche Revolution stattgefunden hat (Gonis Vertreter, der voraussichtlich Präsident wird, wird nur geringfügig andere Wege gehen), hat die Rebellion ein wachsendes Bewußtsein, Einigkeit und eine kollektive Kraft unter den bolivianischen Indigenas geschaffen. Nichtsdestotrotz wird Bolivien angesichts des zunehmenden Widerstands vieler südamerikanischer Staaten (wie Brasilien, Venezuela, Argentinien und Ecuador) gegen die U.S. Ambitionen, enormen Druck ausgesetzt werden, damit die Regierung den Wünschen Onkel Sams nachkommt. Boliviens Führungsetage wird sich infolge der stetig wachsenden Kluft, die diese beiden entgegengesetzten Seiten trennt – die Forderungen des überwiegenden Teils der bolivianischen Indigenas und jene der USA – letztendlich für eine Richtung entscheiden müssen [...], auch wenn beide Wege gewiss riesige Konsequenzen hervorrufen werden.

Jeff McLelland ist Englisch- und Gartenbaulehrer. Er lebt als kalifornischer Gringo seit Februar diese Jahres in Bolivien. Er ist ein Aktivist für soziale Gerechtigkeit und hat in diesem Zusammenhang mit Food Not Bombs und Housing Not Borders zusammengearbeitet. Kontakt unter: jeffmcclown@yahoo.com.

Übersetzt von: Christian Stache
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