Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Artikel Wie wir uns unsere Arbeit zurückholen: die Del Valle Keramikfabrik
Artikelaktionen

Wie wir uns unsere Arbeit zurückholen: die Del Valle Keramikfabrik

von Marie Trigona

03.11.2003 — ZNet

— abgelegt unter:

Die Inbesitznahme der Fabrik, um ohne für eine/n BesitzerIn arbeiten zu können, eine Produktion ohne Bosse ist das entscheidende für uns“, erzählt ein(e) ArbeiterIn von der besetzten Del Valle Keramikfabrik. Die argentinische FabrikbesetzerInnenbewegung ist nur ein Beispiel für den Widerstand der arbeitenden Bevölkerung auf der gesamten Welt.

Tausende ArbeiterInnen haben auf den Prozess der Deindustrialisierung und der flexiblen Arbeitsmärkte mit ausreichenden Worten über die Ausbeutung der ArbeiterInnen durch die BesitzerInnen und Bosse geantwortet. Im heutigen Argentinien beschäftigen die 200 wieder besetzten Fabriken und Geschäfte 15.000 ArbeiterInnen. Die kapitalistische Neigung, Kapital zu konzentrieren und zu transnationalisieren, hat Argentinien ruiniert. Die Industriezentren wurden durch aufgegebene, zerfallene Fabriken und Arbeitslosigkeit ersetzt. Die Fabriken sind auf der Suche nach billigeren Arbeitskräften in neue Regionen abgewandert oder ihre Produktion wurde aber konzentriert. Der argentinische Wirtschaftskollaps ließ den Stand der Armen und Arbeitslosen auf ein der Geschichte zuvor nicht bekanntes Niveau steigen. Heutzutage leben 58% der Bevölkerung unter der Armutsgrenze und 44% sind entweder arbeitslos oder unterbeschäftigt. In den Verwüstungen einer wirtschaftlich bankrotten Nation trat eine Form des Protestes wieder ans Tageslicht: die von den ArbeiterInnen selbst organisierte und kontrollierte Produktion. In der Geschichte verfügte die Arbeiterklasse schon immer über die unterschiedlichsten Werkzeuge zur Befreiung – Streiks, Verlangsamung der Produktion, Maschinensabotage, Straßenblockaden und Fabrikbesetzungen.

“Wir sind Teil der Methode unserer companeros, die versuchen, für sich selbst zu arbeiten. Die geschlossenen Fabriken öffnen wir wieder für Arbeit. Das ist, wie die companeros belegen, die Politik der Gewerkschaft für Beschäftigte in der Keramikindustrie. Wir wissen, dass, wenn Zanon verliert, auch wir verlieren. Wir verlieren die Initiative, die wir jetzt haben, um die Fabrik wieder für Arbeit zu nutzen“, erklärt Luis Calfueque, Arbeiter in der Del Valle Fabrik und Mitglied der genannten Gewerkschaft in Neuquen. Uns wurde der Kampf der Del Valle Fabrik vorgestellt, als wir Zanon besuchten, eine riesige Keramikfabrik, deren Produktion sowie Kontrolle von den ArbeiterInnen geleitet wird und 600 Personen beschäftigt. Beide Unternehmen liegen in der südlichen Provinz Neuquen, wo die Materialien für die Entwicklung der Keramikindustrie, Ton und Lehm, in der Region vorhanden waren. Als wir die Del Valle Keramikfabrik erreichen, ist die Nacht bereits über uns eingebrochen. Wir treffen auf einige ArbeiterInnen, die Nachtwache halten und um ein Feuer herum sitzen, um der bitteren Kälte und dem mangelnden Licht zu begegnen. Sie fangen an, Anekdoten über die Elektrizitätsfirma zu erzählen, die damals wegen der nicht beglichenen Stromrechnungen des ehemaligen Besitzers den Strom absperrte. In Del Valle werden Zementsteine hergestellt, die zum Häuserbau benötigt werden. Die Fabrik ist alt und besteht aus zwei Lagerhallen, die die elementaren Maschinen, Betonmischer, Brenner, Produktionsbänder und einen Haufen Werbematerialien beherbergt. “Wir begannen am Anfang des Konflikts im Jahre 2001, mit Feuern und dem Verschwinden des Fabrikbesitzers [Miguel Winter], ohne uns vorher bezahlt zu haben. Der Konflikt brach aus, als zwei oder drei Gehaltschecks im Oktober im selben Jahr nicht aus ausgezahlt wurden. Aufgrund unserer Bedürfnisse mussten wir außerhalb der Fabrik campen. Wir waren 2001 annähernd 5 Monate draußen. Zu jener Zeit waren wir 23 Leute. Uns war jedoch von Anfang an klar, dass einige von uns durchhalten würden und andere nicht“, erzählt Calfueque. Nach zweijährigem Kampf und der Stilllegung der Produktion sind nur noch fünf der einst 50 Arbeiter übrig geblieben. Dieses Jahr besetzten sie schließlich die Fabrik.

Jede Nacht ändern die companeros die Routen ihrer Wachgänge, um die Fabrik vor von der Regierung angeordneten Räumungen und einem Maschinen stehlendem Ex- Besitzer zu bewahren. Calfueque erklärt uns die Sicherheitsmaßnahmen in der Fabrik: “Wir legen haufenweise Material vor die Türen, um sie zu blockieren, damit niemand eindringen kann und irgend etwas mitnimmt. Möglicherweise wären eines Tages sogar nicht einmal mehr genug Leute da, um die Fabrik zu bewachen oder sie zu halten, falls die Polizei kommen sollte. Sie kamen schon oft, um uns zu räumen, mit bewaffneten Polizisten, die Gewehre in den Händen hielten. Aber wir zogen unsere Wachen nicht zurück/ab.“

Nach der Besetzung, zu einem früheren Zeitpunkt des Jahres, entsandte der Besitzer mitten in der Nacht einige Männer, damit sie für ihn ein Maschinenteil eines Produktionsbandes stahlen. Ohne dieses Teil ist eine Produktion unmöglich. Die Maschine ist veraltet, absolut, und hat keinen Eigenwert mehr. Das Teil wurde entwendet, um die Pläne zu sabotieren, die Produktion unter der Kontrolle der ArbeiterInnen weiter zu betreiben.

Hunger und Elend sind mittlerweile weitaus gewöhnlicher geworden als ein ehrenwerter, bezahlter Arbeitsplatz. In den vergangenen 1½ Jahren fiel das Gehalt (ArbeiterInnenlöhne und Arbeitslosenhilfe) auf ein Drittel des Betrags, der vor Dezember 2001 gezahlt worden ist. Die Löhne und staatliche Unterstützung wurden schlichtweg nicht der Inflation nach der Peso- Abwertung entsprechend angepasst. “Die, die wir jetzt noch hier sind, haben sich diese Methode zu eigen gemacht, um die Fabrik wieder für eine Produktion zu nutzen. Wir denken nicht daran, jemals wieder um Hilfe zu betteln, weil wir wissen, wenn wir uns in dieser Position ausruhen, sind wir [...] die ArbeiterInnenklasse wirklich besoffen, wir sind Millionen Arbeitsuchende“, versichert Calfueque. Die argentinische Regierung hat auf die weit verbreitete Arbeitslosigkeit mit weiterer Arbeitslosenunterstützung (planes de trabajar) in Höhe von 150 Pesos, oder 50 U.S. Dollar, pro Monat reagiert.

Der Markt hat diese Hilfe als Maßstab für die Gehälter benutzt; für die 150 Pesos Unterstützung wird von den EmpfängerInnen verlangt, dass sie vier Stunden an fünf Tagen der Woche arbeiten. Ich habe Menschen getroffen, die als Teil des Plans in Cafeterias öffentlicher Schulen arbeiteten. Viele ArbeitgeberInnen zahlen, gemäß 150 Pesos für vier stunden, 300 Pesos für 10 Stunden Arbeit an fünf Tagen der Woche.

“Es gibt companeros, die ihre Arbeit verdoppeln mussten. Jobs, die normalerweise von Zweien erledigt wurden, musste nun nur eine Person erledigen. Ein zur Arbeit vertraglich verpflichteter companero verlor einen Finger, eine andere Person, die hier anfing, den Arm an der Schleifmaschine“, erklärt Calfueque. Das Ausbeutungsniveau in der Del Valle Fabrik war phänomenal. Die Fabrik ist das perfekte Analysebeispiel für die klassischen Beziehungen zwischen dem Kapitalisten und den ArbeiterInnen – in Hinblick auf die Methoden zur Gewinnsteigerung auf Kosten der ArbeiterInnenschaft.

Der Besitzer hob das Ausbeutungsniveau im doppelten Sinne indem er, erstens, die Gehälter auf das Minimum reduzierte (senken) und, zweitens, die Produktionsleistung der Arbeiterschaft maximal beanspruchte. Jorge Pianequeo, Abgesandter der Gewerkschaft und LKW- Fahrer für Del Valle, zeigt uns das Produktionsband: “In diesem Teil der Fabrik haben 10 Menschen gearbeitet. Die Überwachungskameras waren hier angebracht. Sie konnten dich mit dieser Kamera aus ihren Räumen beobachten und, wenn du herumstandest oder nichts gemacht hast, sahen sie es sofort. Dann kamen sie und bestraften dich umgehend. Wir zerschlugen die Kameras, als wir die Fabrik besetzten.“ Für fünf Minuten, die m. zu spät gekommen war, seien die Gehaltszahlungen eingestellt worden. Der Anstieg der Arbeitsbelastung (mehr Steine sollten in einer Stunde hergestellt werden), der Anstrengungen durch immer mehr Aufgaben, sowie der Austausch der Menschen durch Maschinen und stetig kürzere Pausenzeiten bestimmten den Existenzrythmus der ArbeiterInnen.

Jorge Pianequeo beschreibt einige der Arbeitsbedingungen als inhuman (unmenschlich), weil die ArbeiterInnen bei minimalsten Sicherheitsmaßnahmen zu maximalem Einsatz gedrängt wurden. “Es gab hier nur ein arbeitendes Kind. Er erhielt keine Atemmaske, um vernünftig atmen zu können. M. konnte wegen des Staubes während der Arbeit nichts sehen und der Lärm der Maschinen war schrecklich. Als wir der Gewerkschaft beitraten, kämpften wir dafür, dass alle Schutzkleidung bekommen.“

Und er fügt noch hinzu: “Diese Maschine arbeitete ohne Schutzvorkehrungen. Hier an diesem Teil verlor das Kind einen Finger. Die Rolle erwischte seinen Finger und schnitt ihn ab.“ Laut Statistiken der argentinischen Regierung sterben drei ArbeiterInnen am Tag an Arbeitsunfällen und 200.000 verletzten sich auf der Arbeit. In dieser offiziellen Statistik wird natürlich nicht der Schwarzmarkt berücksichtigt, der zwischen 30 und 40% der Arbeitsplätze stellt.

“Deswegen forderten wir als Gewerkschaft sichere Arbeitsbedingungen und noch eine ganze Menge anderer Sachen. Der Boss sah von seiner Warte aus, dass er, nicht wie zuvor, weiter betrügen und Regeln verletzen konnte“, erinnert sich Calfueque. Bevor Zanon und Del Valle die Fabrik wieder einnahmen, war es ihnen gelungen, die Gewerkschaft der KeramikarbeiterInnen in Neuquen (Sindicato de Obreros y Empleados Ceramistas del Neuquen) für sich zu gewinnen.

Zuvor hatte sich die Gewerkschaft mit den Bossen und BesitzerInnen der Fabriken zusammengeschlossen indem sie sich bürokratischer Gewerkschaftstaktiken bedienten, um Arbeitskämpfe zu schwächen. Er fuhr fort, uns weitere Anekdoten über die Auseinandersetzung mit der Gewerkschaft zu erzählen: “Alberto Montes erschien, er war zu jener Zeit der Bürokrat der Gewerkschaft. Er sagte uns: “Jungs, wenn ihr weiterhin sichere Arbeitsbedingungen fordert, verliert ihr alles, was ihr habt.“ Und wir fragten uns, welche Privilegien wir denn hätten? Wir forderten trotzdem Sicherheit und mussten etwas unternehmen. Er entgegnete uns jedoch: Wenn ihr weiter Unruhe stiftet, verliert ihr eure Nahrung. Beendet den Streik oder ich weiß nicht, was ich noch erreichen kann.“ Folglich entschieden sich die companeros, den Streik einzustellen, wegen des Rates der Bürokratie. Wir beendeten den Streik und verloren trotzdem unsere Nahrung.“

Zwischen den ArbeiterInnen Del Valles, Zanons und der MTD- Neuquen (Arbeitslosenbewegung) ist unterdessen ein starkes Netzwerk aufgebaut worden. “Die MTD hat sich mit uns bei den Sicherheitsmaßnahmen abgewechselt. Als wir die Produktion wieder anlaufen ließen, dachten wir daran, mit ihnen weiter zusammen zu arbeiten (indem wir ihnen Arbeitsplätze anbieten wollten), weil wir mit Solidarität eine viel stärker Front bilden“, schätzt Calfueque.

ArbeiterInnen kontrollieren Fabriken und Arbeitslosenorganisationen fordern echte, ernsthafte Arbeit (keine Entlassungen mehr, bessere Arbeitsbedingungen, mehr Jobs, ein auf sechs Stunden reduzierter Arbeitstag mit vollem Lohnausgleich und Anhebung der Löhne gemäß der Preisentwicklung der Produkte, die für die Grundversorgung einer Familie nötig sind) als Teil eines Protestplans. Die Absicht der Del Valle ArbeiterInnen sei nicht nur die Wiederaufnahme der Produktion und die Neueinstellung von ArbeiterInnen sondern auch, für die Grundbedürfnisse der Wohnungsversorgung in der Gemeinde zu arbeiten, wie Calfueque es beschreibt. “Du produzierst, um Häuser zu bauen; die Herstellung von Keramik kann die Lösung für eine ganze Masse an Familien sein, die heute in Holz- und Papphütten leben. Für uns ist der Versuch, die Gemeinde zu erreichen und etwas Gutes zu tun, eine grundlegende Angelegenheit. Diese Fabrik ist still gelegt worden und es ist ein Verbrechen, dass sie geschlossen wurde. Heute oder morgen kann die Fabrik der Gemeinde verhelfen, eine Reihe Lösungen zu finden.“ Auf dem ruinierten Dach der Fabrik denkt Calfueque über die Bestimmung der Tausenden ArbeiterInnen nach, die für eine ehrenwerte Arbeit ohne Bosse, VorarbeiterInnen und BesitzerInnen kämpfen. “Viele companeros sind außerhalb der Fabrik eingesperrt worden. Sie haben einen Teil ihres Leben in der Fabrik zurückgelassen. Wir sind der Meinung, dass dies die einzige Lösung, das Letze ist, was wir zu tun haben: zu beweisen und uns zu motivieren, dass wir selbst produzieren können. Wir sind diejenigen, die die Produktion in unserem Staat vorantreiben. Es gibt nur einige wenige BesitzerInnen, aber Tausende und Millionen ArbeiterInnen. Wir sind es, die auf dem Land, in den Industriegürteln die Produktion betreiben, wir sind es, die die Materialien herstellen, mit denen m. Häuser bauen kann. Was also können sie mehr verlangen? Wir müssen untereinander ein Abkommen beschließen und sagen, dass Fabriken, die geschlossen werden, Fabriken sind, die wir zur Produktion nutzen können. Und schließlich arbeiten wir ohne Bosse und BesitzerInnen auch wesentlich besser.“

Übersetzt von: Christian Stache
Artikelaktionen