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Zäunt uns nicht ein

von Naomi Klein

06.10.2002 — The Guardian / ZNet

Vor einigen Monaten, als ich durch meine Zeitungsartikel blätterte, bemerkte ich ein immer wiederkehrendes Motiv: den Zaun. Das Bild kam wieder und wieder: Barrieren, die Menschen von ehemals öffentlichen Ressourcen trennten, die sie vom benötigten Wasser und Land fernhielten, ihre Möglichkeiten, Grenzen zu überqueren, einschränkte und die sogar PolitikerInnen davor bewahrten, Politik im Sinne ihrer WählerInnen zu betreiben.

Einige dieser Zäune sind kaum wahrnehmbar, aber sie existieren nichtsdestotrotz. Ein virtueller Zaun wird um Schulen in Sambia gezogen, wenn "Benutzergebühren" auf Rat der Weltbank erhoben werden, so dass die Klassenräume aus der Reichweite von Millionen Menschen verschwinden. Ein Zaun wird um die Familienfarm in Kanada errichtet, wenn die Regierungspolitik klein angelegte Landwirtschaftsbetriebe in Luxusobjekte verwandelt, die in Zeiten fallender Warenpreise und Farmunternehmen unbezahlbar sind. Es gibt einen echten, wenn auch unsichtbaren Zaun rund um sauberes Wasser in Soweto, wenn die Preise infolge von Privatisierungen in unermeßliche Höhen schnellen und die AnwohnerInnen dazu gezwungen werden, verseuchte Quellen aufzusuchen. Und erst Recht wird die Idee der Demokratie eingezäunt, wenn Argentinien gesagt wird, dass es keine Anleihen vom IWF bekomme, es sei denn die Sozialausgaben würden gekürzt, mehr Ressourcen würden privatisiert und Subventionen für lokale Unternehmen würden gestrichen, und all das inmitten einer Wirtschaftskrise, die von solch einer Politik bereits verschlimmert wurde. Diese Zäune sind natürlich genauso alt wie der Kolonialismus selbst. "Solche Wucheroperationen führen dazu, dass Gefängnisgitter um freie Nationen aufgebaut werden", schreibt Eduardo Galeano in Open Veins Of Latin America (Offene Venen Lateinamerikas). Er bezog sich dabei auf die Bedingungen für britische Kredite an Argentinien im Jahre 1824.

Zäune sind schon immer Teil des Kapitalismus gewesen, der einzige Weg Reichtum vor möglichen Banditen zu schützen, aber die Doppelmoral, die diese Zäune unterstützt, hat in letzter Zeit an Krassheit gewonnen. Die Enteignungen von Firmenbesitz ist wahrscheinlich die größte Sünde, die eine sozialistische Regierung in den Augen des internationalen Finanzmarktes begehen kann (fragen sie nur einmal den venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez oder Kubas Fidel Castro). Die Vorzüge, die den Unternehmen mit Freihandelsabkommen gewährt werden, gelten nicht für die argentinischen BürgerInnen, die ihre Lebensersparnisse auf Konten der Citibank, der Scotiabank oder der HSBC angelegt haben und die jetzt feststellen müssen, dass ein Großteil ihres Geldes einfach abhanden gekommen ist. Und ebenso wenig umfasst die Ehrfurcht vor privaten Wohlstand die amerikanischen Angestellten von Enron, die "keinen Zugriff" auf ihre privatiserten Rentenwertpapiere mehr haben und sie deshalb unmöglich verkaufen können, obwohl die Vorstandsmitglieder von Enron ihre eigenen Bestände rasend einlösten.

Währenddessen werden dringend notwendige Zäune attackiert: im Zuge der Privatiserungen sind Grenzen, die einst zwischen vielen öffentlichen und privaten Räumen existierten - das Werbeverbot in Schulen, z.B., der Ausschluss Profit orientierter Interessen aus der Gesundheitsfürsorge, oder die Barriere, dass Nachrichtenstationen nicht ausschließlich als Werbemittel für andere Besitztümer der EigentümerInnen dienen - fast vollständig niedergerissen worden. Jeder geschützte, öffentliche Raum ist aufgebrochen worden, nur um wieder vom Markt eingenommen zu werden.

Eine weitere Grenze von öffentlichem Interesse, die ebenfalls einer ernsten Bedrohung ausgesetzt ist, ist die Trennung genetisch manipulierter Ernten von unveränderten Samenbeständen. Die Korngiganten erledigten ihre Arbeit, ihre Samen am Überflug auf angrenzende Felder zu hindern, und somit eine Kreuzung bzw. das Keimen in Kauf nahmen, in vielen Ländern der Erde so schlecht, dass das Essen ohne genmanipulierte Substanzen nicht mal mehr eine Option darstellt - die gesamten Nahrungsmittellieferungen sind infiziert. Die Zäune, die die öffentlichen Interessen schützen, scheinen besonders schnell zu verschwinden, während jene, die unsere Freiheiten einschränken, sich weiterhin vervielfältigen.

Als ich feststellte, dass das Bild des Zaunes in Diskussionen, Debatten und meinen Schriftstücken auftauchte, schien es mir von weitreichende Bedeutung zu sein. Immerhin ist die ökonomische Integration im letzten Jahrzehnt mit Versprechen angeheizt worden, die das Einreißen von Grenzen, gesteigerte Mobilität und größere Freiheiten in Aussicht stellten. Und dennoch sind wir 13 Jahre nach dem gefeierten Zusammenbruch der Berliner Mauer wieder von Zäunen umzingelt, abgeschnitten - von einander, von der Erde und der eigenen Fähigkeit, sich vorstellen zu können, dass eine Veränderung möglich ist. Der ökonomische Prozess, der unter dem gütigen Euphemismus (beschönigende Beschreibung) "Globalisierung" verstanden wird, reicht nun in jeden Aspekt des Lebens indem er jede Aktivität und natürliche Ressource in eine gemessene und besessene Ware verwandelt. Wie der in Hong-Kong lebende Arbeitswissenschaftler Gerard Greendfield es ausdrückt, geht es bei der gegenwärtigen Etappe des Kapitalismus nicht einfach nur um den Handel im traditionellen Sinne des Verkaufs von mehr Produkten über die Grenzen hinweg. Es geht zusätzlich darum, das unersättliche Bedürfnis des Marktes nach Wachstum zu nähren indem gesamte Sektoren, die zuvor als "Gemeindewiese" und unverkäuflich eingestuft wurden, als "Produkte" neu zu definieren. Die Invasion des Öffentlichen durch das Private erstreckt sich selbstverständlich auf Kategorien wie Gesundheit und Ausbildung, aber auch auf Ideen, Gene, Samen, die jetzt verkauft, patentiert und abgeriegelt werden, und ebenso wie auf traditionelle Heilmittel der Aborigines, Pflanzen, Wasser und sogar auf die menschliche Stammzellen. Angesichts dessen, dass das Copyright mittlerweile Amerikas Exportprodukt mit den höchsten Verkaufszahlen ist (sie sind höher als die von Einzelwaren und Waffen), darf m. unter dem internationalen Handelsrecht nicht mehr nur das Einreißen ausgewählter Grenzen verstehen, um den Handel auszuweiten, sondern, um es treffender zu beschreiben, auch einen Prozess, der systematisch neue Zäune - um Wissen, Technologie und andere jüngst privatisierter Ressourcen - aufbaut. Eben jene mit dem Handel verbundenen UrheberInnenrechte hindern die Farmer daran, ihren von Monsato patentierten Samen wieder einzupflanzen und machen arme Länder zu Verbrechern, wenn sie günstigere allgemeine Drogen herstellen, damit sie ihre Bevölkerungen versorgen können.

Die Globalisierung ist ein bislang noch eine Probeveranstaltung, denn auf der anderen Seite dieser virtuellen Zäune befinden sich echte Menschen, die von Schule, Arbeitsplätzen, Krankenhäusern, ihren eigenen Farmen, ihrer Heimat und ihren Städten abgeschottet werden. Massenprivatisierungen und -deregulierungen haben Armeen ausgeschlossener Menschen produziert, deren Dienste nicht länger benötigt werden, deren Lebensstil als "rückständig" abgeschrieben wird und deren grundlegenden Bedürfnissen nicht begegnet wird. Diese Zäune sozialen Ausschlusses können eine gesamte Industrie aufgeben und sie können ebenso ein ganzes Land verkommen lassen, wie es mit Argentinien geschehen ist. Im Falle Afrikas wird im Wesentlichen ein kompletter Kontinent ins Exil der Schattenwelt getrieben, ohne jemals einen Platz auf der Landkarte und ohne einen Platz in den Nachrichten zu erhaschen, es sei denn, es herrscht Krieg. Und dann werden die afrikanischen BürgerInnen mit Argwohn als potentielle Milizen, mögliche Terroristen oder anti- amerikanische Fanatiker beäugt.

Tatsächlich greifen bemerkenswert wenige von der Globalisierung ausgegrenzte Menschen zu Gewalt. Der Großteil zieht lediglich um: vom Land in die Städte und von Staat zu Staat. Und das ist der Zeitpunkt, an dem sie den bestimmt nicht virtuellen Zäunen gegenüber stehen, jenen, die aus Kettengliedern und Stacheldraht gemacht sind und die von echten Maschinengewehren verstärkt und bewacht werden. Wann immer ich die Phrase "Freihandel" höre, führe ich mir die Käfigfabriken, die ich auf den Philippinen und in Indonesien besichtigt habe, vor Augen, die von Zäunen, Wachtürmen und Soldaten umzingelt sind - um die stark subventionierten Produkte vor dem Entweichen und die GewerkschafterInnen vor dem Eindringen zu bewahren. Ich denke ebenfalls an eine Reise in die südaustralische Wüste, wo ich das unbeliebte Woomera Flüchtlingszentrum aufsuchte. In Woomera sind hunderte AfghanInnen und Irakis, die vor der Unterdrückung und der Diktatur in ihren eigenen Ländern fliehen, so verzweifelt, dass die Welt keine Notiz von dem nimmt, was hinter diesen Mauern passiert, dass sie Hungerstreiks inszenieren, von den Dächern ihrer Baracken springen, Shampoo trinken und ihre Lippen zusammennähen.

In diesen Tagen sind die Zeitungen mit grausigen Berichten über Asylsuchende gefüllt, die nationale Grenzen überqueren indem sie sich selbst unter den Produkten, die über soviel mehr Mobilität verfügen als sie selbst, verstecken. Im Dezember 2001 sind die Leichen von acht rumänischen Flüchtlingen, inklusive die zweier Kinder, in einem Container mit Büromöbeln gefunden worden; sie waren während ihrer langen Reise auf See erstickt. Im selben Jahr wurden zwei weitere Leichen bei einer Ladung Badezimmermöbel in Eau Claire, Wisconsin, entdeckt. Und im Jahr zuvor sind 58 chinesische Flüchtlinge im Hinterteil eines Liefertrucks in Dover wegen mangelnder Sauerstoffversorgung umgekommen.

All diese Zäune stehen in Verbindung zueinander: die Echten aus Stahl und Stacheldraht werden gebraucht, um den Virtuellen Geltung zu verschaffen, jene, die den Händen so vieler den Reichtum und die Ressourcen entreißen. Es ist schlicht und einfach nicht möglich, diesen Großteil unseres gemeinsamen Wohlstands wegzuschließen, ohne über eine Strategie, mit der öffentliche Unruhe und Mobilität kontrolliert wird, zu verfügen. Sicherheitsfirmen verdienen ihren Löwenanteil in den Städten, in denen die Kluft zwischen Arm und Reich am größten ist - Johannesburg, Sao Paulo, Neu Dehli - indem sie Eisenzäune, gepanzerte Autos, ausgeklügelte Alarmsysteme verkaufen und private Bodyguardarmeen verleihen. Die BrasilianerInnen bezahlen z.B. im Jahr 4,5 Milliarden U.S. Dollar für ihre private Sicherheit und die Zahl von 400.000 zu "verleihender PolizistInnen" übersteigt die Anzahl echter PolizistInnen im Verhältnis von eins zu vier. Im tief gespaltenen Südafrika belaufen sich die jährlichen Ausgaben für die private Sicherheit auf 1,6 Milliarden U.S. Dollar, das ist das Dreifache dessen, was die Regierung jedes Jahr für erschwingliche Wohnungen bereit stellt. Es scheint jetzt so, als ob diese eingeschlossenen Lager, die die Habenichtse von den Habenden trennen, der Mikrokosmos des rasant anwachsenden globalen Sicherheitsstaat sind - und nicht des globalen Dorfes, in dem die Grenzen und Barrieren eingerissen werden, wie uns versprochen wurde. Sie sind vielmehr ein Netzwerk von Festungen, das durch hochentwickelte, militärische Handelszonen verbunden ist.

Wenn dieses Bild als zu extrem erscheint, dann liegt das vielleicht daran, dass der überwiegende Teil von uns im Westen die Zäune und Artillerie kaum zu Gesicht bekommt. Die umzäunten Fabriken und Flüchtlingslager werden weiterhin an entfernten Orten versteckt gehalten, so dass sie unmöglich eine Bedrohung für die rhetorisch verführerische, grenzenlose Welt darstellen könnten. Über die letzten Jahren haben sich allerdings einige Zäune in das Blickfeld drängen können - oft und äußerst passend immer dann, wenn die Gipfel abgehalten werden, auf denen dies brutale Modell der Globalisierung voran getrieben wird. Es wird mittlerweile als Selbstverständlich betrachtet, dass, wenn die FüherInnen der Welt zusammenkommen, um ihr neuestes Handelsabkommen zu diskutieren, sie eine modernen Festung errichten müssen, um sich selbst vor der öffentlichen Wut zu schützen. Als Quebec den Amerikagipfel im April 2001 ausrichtete, unternahm die kanadische Regierung den beispiellosen Schritt, einen Käfig nicht nur um das Konferenzzentrum aufzustellen sondern gleich um den gesamten Kern der Innenstadt. Die AnwohnerInnen mussten offizielle Dokumente vorzeigen, um zu ihren Wohnungen und Arbeitsplätzen zu gelangen. Eine andere beliebte Strategie ist es, die Gipfel an unerreichbaren Orten abzuhalten: das 2002er G8-Treffen fand in den Rocky Mountains und die WTO- Tagung 2001 im repressiven Staat Katar statt, wo politische Proteste vom Emir verboten worden sind. Der "Krieg gegen den Terrorismus" ist zudem ein weiterer Zaun geworden, hinter dem m. sich versteckt und der von den GipfelorganisatorInnen genutzt wird, um zu erklären, dass öffentliche Gegenkundgebungen momentan einfach nicht möglich sind oder noch schlimmer, um Parallelen zwischen legitimen Protestierenden und auf Gewalt versessenen TerroristInnen zu ziehen.

Aber was oft als drohende Konfrontationen dargestellt wird, sind oft freudige Spektakel, Experimente, wie alternative Gesellschaften organisiert werden könnte, und Kritiken an den bestehenden Modellen. Als ich zum ersten Mal an solch einem Gegengipfel teilnahm, erinnere ich mich, habe ich das eindeutige Gefühl gehabt, dass sich eine Art politisches Portal öffnete - eine Pforte, ein Fenster, "ein Riss in der Geschichte", um Subcommandante Marcos´ wunderbare Phrase zu benutzen. Diese Öffnung hatte wenig mit dem zerbrochenen Fenster von McDonald´s zu tun, dessen Bild die Fernsehkameras favorisierten; es war etwas anderes: ein Gefühl des Möglichen, ein Windstoss frischer Lift, Sauerstoff, der durch das Gehirn rast. Diese Proteste - die eigentlich wochenlange intensive Ausbildungsmarathone in globaler Politik, abendliche Strategiebesprechungen in sechs verschiedenen Sprachen gleichzeitig, Musikfestivals und Straßentheater sind - gleichen einem Schritt in ein Paralleluniversum. Über Nacht wird ein Ort in eine Art globale Stadt verwandelt, wo Dringlichkeit Resignation ersetzt, Wirtschaftslogos bewaffnete Aufpasser benötigen, Menschen sich Autos aneignen, Kunst in allen Ecken vorzufinden ist, Fremde miteinander sprechen und die Aussicht einer radikalen Veränderung des politischen Kurses nicht wie eine sonderbare und anachronistische (altertümlich, althergebracht, veraltet) Idee wirkt sondern wie der logischste Gedanke auf der ganzen Welt.

Sogar die groben Sicherheitsmaßnahmen sind von den AktivistInnen als Teil der Botschaft benutzt worden: die Zäune rund um die Gipfel wurden zur Metapher für ein wirtschaftliches Modell, das Milliarden im Exil der Armut und Ausgeschlossenheit fest hält. Konfrontationen werden an den Zäunen inszeniert - aber nicht nur jene mit Steinen und Schlagstöcken: Tränengaskanister sind mit Hockeyschlägern zurückgeschlagen worden, Wasserwerfer werden mit unbedeutenden Spielzeugwasserpistolen herausgefordert und summende Helikopter werden mit Schwärmen von Papierfliegern verspottet. Während des Amerikagipfels in Quebec City baute eine Gruppe von AktivistInnen ein mittelalterliches Holzkatapult, rollte es an den 3 Meter hohen Zaun, der den Stadtkern umschloss, und feuerte Plüschteddybären über ihn. Während eines Weltbank und IWF- Treffens in Prag entschied sich die italienische Aktionsgruppe Tute Bianche, die in schwarz gekleideten AufruhrpolizistInnen, die Skimasken ähnliche Gesichtsbekleidung und Halstücher trugen, nicht in Versuchung zu bringen: statt dessen liefen sie in weißen Overalls, die mit Gummireifen und Styroporpolsterung vollgestopft waren, zu den Polizeistellungen. In einem Kampf zwischen Darth Vader und einer Armee Michelinmännchen konnte die Polizei einfach nicht gewinnen. Diese AktivistInnen verfolgen den Wunsch, dieses Wirtschaftssystem zu erschüttern, ernsthaft, aber ihre Taktik spiegelt eine verbissene Zurückweisung wieder, sich an den klassischen Machtkämpfen zu beteiligen: es ist nicht ihr Ziel, sich die Macht selbst einzuheimsen sondern das Prinzip der Machtzentralisierung prinzipiell herauszufordern.

Andere Fenster stehen ebenso offen, leise Verschwörungen, die privatisierte Räume und Vorteile zum öffentlichen Nutzen zurückfordern. Es sind eventuell SchülerInnen, die die Werbung aus ihren Klassenräumen verbannen, oder Musik online austauschen oder mit freier Software ein unabhängiges Medienzentrum aufbauen. Vielleicht sind es thailändische Bauern, die organisches Gemüse auf überbewässerten Golfplätzen anbauen, oder landlose FarmerInnen aus Brasilien, die die Zäune um ungenutztes Land einreißen und sie in FarmerInnengenossenschaften umwandeln. Möglicherweise bolivianische ArbeiterInnen, die die Privatisierung ihrer Wasserversorgung rückgängig machen oder in Städten wohnende SüdafrikanerInnen, die ihre Nachbarschaften unter dem Slogan "Power für die Menschen" wieder mit Elektrizität versorgen. Und wenn diese Räume erst einmal zurückgefordert worden sind, können sie auch neu gestaltet werden. In Nachbarschaftsversammlungen, in Stadträten, in unabhängigen Medienzentren, in Wäldern und auf Farmen, die den Städten unterstehen, kann eine Kultur lebender direkter Demokratie entstehen, eine, die von direkter Teilnahme angeheizt und gestärkt wird und nicht eine, die von passiver Zuschauerschaft gedämpft und entmutigt wird.

Trotz aller Privatisierungsversuche stellt sich heraus, dass einige Dinge nicht besessen werden wollen. Musik, Wasser, Samen, Elektrizität, Ideen - sie brechen immer wieder aus den Gefängnissen, die um sie herum errichtet werden, aus. Sie besitzen einen natürlichen Widerstand gegen das Einschließen, einen Hang zur Flucht, zur Kreuzbestäubung und dazu, durch Zäune zu entweichen und aus offenen Fenstern zu steigen.

Es ist nicht offensichtlich, was sich aus diesen befreiten Räumen entwickelt oder ob das Ergebnis hart genug ist, um den zunehmenden Attacken der Polizei und des Militärs zu widerstehen, wenn die Linie zwischen TerroristInnen und AktivistInnen absichtlich weiter verschleiert wird. Die Frage, was als nächstes folgt, beschäftigt mich genau wie jede/n, der/die am Aufbau dieser internationalen Bewegung Teil hat. Wenn ich mir die Zeitungsausschnitte noch einmal anschaue, dann erkenne ich, was sie wirklich sind: Postkarten von dramatischen Zeitpunkten der Geschichte, ein Protokoll des ersten Kapitels einer sehr alten und wiederkehrenden Erzählung, jene, die von Menschen berichtet, die sich gegen Grenzen auflehnen, die sie einschließen, und statt dessen die Fenster öffnen, tief einatmen und Freiheit schmecken.

(c) Naomi Klein, 2002

Orginalartikel: Don' Fence Us In
Übersetzt von: Christian Stache
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