Zanon, Argentina
von Marie Trigona
20.03.2004 — ZNet Kommentar
—
abgelegt unter:
Argentinien
In der Dämmerung eines kühlen Wintermorgens gehen die Arbeiter von
Zanon in ihre Fabrik. Es ist die erste Schicht - von 6 Uhr bis 13 Uhr.
Zanon ist eine Keramikfabrik unter Arbeiterkontrolle.
Am Fabriktor grüßen die Arbeiter die Männer, die für die Sicherheit zuständig
sind und bedienen die Stechuhr.
Seit März 2002 produziert Zanon ohne Besitzer, ohne Boss, ohne Vorarbeiter.
Die Fabrik liegt in der gewellten Hügellandschaft von Argentiniens südlicher Neuquén-Provinz und ist umgeben von roter Erde. Sie ist die größte Fabrik der Region.
Nach längeren Konflikten mit den Besitzern um ausstehende Löhne und nach
der plötzlichen Fabrikschließung, der Kündigung der Arbeiter, besetzten diese im Herbst 2001 ihre Fabrik. Damit haben sie für alle Arbeiter der Welt ein Zeichen des antikapitalistischen Widerstands gesetzt: selbstorganisiert und selbstverwaltet produzieren Menschen sogar besser.
Wir hatten die Wahl, entweder hierbleiben und kämpfen oder heimgehen. Ich hätte heimgehen können, habe mich aber entschieden, hier in der Fabrik zu bleiben und zu kämpfen. Ich lernte, die 15 Jahre, die ich in der Fabrik gearbeitet habe, zu verteidigen, zu kämpfen, so Rosa Rivera trotzig. Sie ist eine von 15 Frauen unter 300 Fabrikbeschäftigten.
Die Besitzer haben nie Steuern gezahlt, und in der Ära von Ex-Präsident
Raul Menem erhielten sie Millionen von Dollars an Subventionen. Die
Ausbeutung der Arbeiter war extrem. Das Unternehmen stahl Mapuche-Land,
um an Rohstoffe für die Keramikfabrik zu kommen.
Als 2001 die argentinische Wirtschaft kollabierte - keine Konzern-
Sozialhilfe floss mehr -, beschlossen die Besitzer von Zanon,
die Werkstore zu schließen und die Arbeiter zu feuern, ohne die monatelang
ausstehenden Löhne oder Abfindung zu zahlen. Im Oktober
2001 beschlossen 266 der ursprünglich 331 Arbeitenden, weiter
in die Fabrik zu gehen - an ihren angestammten Arbeitsplatz.
Vier Monate kampierten die Arbeiter vor dem Fabriktor, sie
verteilten Flugblätter und blockierten (partiell) eine Autobahn, die in
die Provinzhauptstadt Neuquén führt.
Ihre Entscheidung, unter Arbeiterkontrolle weiterzumachen, war zu
dem Zeitpunkt mitbeeinflusst durch die Ereignisse im Land - durch den Volksaufstand am 19./20. Dezember 2001, nach dem es für kurze Zeit zu einer Welle von Fabrikbesetzungen kam und sich Volksversammlungen und Arbeitslosen-Vereinigungen untereinander organisierten.
Als wir in die Fabrik zurückkehrten, fingen wir in kleinem Rahmen an, die fertigen Produkte zu verkaufen. Aber als alles verkauft war, fragten wir uns, was machen wir, kämpfen wir für eine Arbeitslosenunterstützung von 150 Pesos (circa 50 US-Dollar) oder bringen wir die Fabrik wieder in Schwung? erklärt uns Fransisco Mollinas. Im März 2002 kehrten die Zanon-Arbeiter in ihre Fabrik zurück und starteten die Produktion. Dies ist eine Schlacht gegen den Individualismus, gegen alles, was die da oben uns aufzwingen. Hier, in der Fabrik, kämpfen wir für den neuen Menschen. Als man begann, ohne Besitzer bzw. Boss weiterzuproduzieren, wurden auch die Beziehungen innerhalb der Fabrik ganz neu erfunden. Man brach mit hierarchischer Organisierung, mit Ausbeutung und Isolierung. Die Arbeiter beschreiben, wie die Fabrik die Arbeiter früher kontrolliert hatte - zum Beispiel mussten sie eine Uniform in einer ganz bestimmten Farbe tragen, damit sofort klar war, zu welcher Abteilung ein Arbeiter gehört. Es war verboten, mit einem Arbeiter aus einer anderen Abteilung zu sprechen. Im Büro der Fabrik hängt eine Keramikkachel mit dem Bildnis eines jungen Mannes - Daniel. Die Inschrift erinnert an ihn. Daniel war ein Arbeitskamerad, der in der Fabrik zu Tode kam. Früher war die Produktion darauf ausgelegt, die Unternehmensprofite zu maximieren. Die Löhne wurden möglichst niedrig gehalten, Sicherheitsvorkehrungen für die Arbeiter umgangen. Man setzte die Arbeiter unter Druck, sie sollten immer noch mehr produzieren - so sparte man Leute am Fließband ein. Die Arbeitsbedingungen, wie sie vor der Arbeiter-Fabrikbesetzung herrschten, waren für durchschnittlich 25 bis 30 Unfälle pro Monat verantwortlich, im Durchschnitt gab es einen Toten pro Jahr. Seitdem die Fabrik produziert, starben in Zanon insgesamt 14 Arbeiter. Seit jedoch die Arbeiter die Fabrik besetzen, gab es noch keinen einzigen Unfall. Wenn du einen Besitzer hast, machst du dir Sorgen und stehst unter Druck. Ohne ihn arbeitest du besser, du übernimmst ganz bewusst mehr Verantwortung, so ein Arbeiter. Heute orientiert sich die Organisierung der Fabrik am Ideal der direkten Demokratie, am Ideal des Horizontalismus und an dem der Automie. Beschlüsse werden in der Versammlung getroffen. Es gibt keine Vorgesetzten und keine Verwaltung. Jede Abteilung - Fließband, Verkauf, Produktplanung, Presseabteilung, usw. - wählt eine Kommission, die einen Koordinator abstellt. Der jeweilige Koordinator / die jeweilige Koordinatorin informiert am Tisch der Delegierten über Themen, Neuigkeiten und Konflikte in seiner/ihrer Abteilung. Umgekehrt hält er/sie die eigene Kommission über die anderen Abteilungen auf dem laufenden. Heute beschäftigt Zanon wieder über 300 Mitarbeiter. Weitere Stellen sind in Planung. Seit der Fabrikbesetzung hat man schon über 70 neue Leute eingestellt. In der Versammlung der Arbeiter wurde entschieden, es sei wichtig, Leute aus den Arbeitslosen-Organisationen zu beschäftigen. Daher sind die meisten neuen Arbeiter Mitglieder von MTD (Bewegung der Arbeitslosen Arbeiter). Jeder Arbeiter verdient 800 Pesos im Monat - unter Zugrundelegung der basalen Bedürfnisse einer Familie, canasta familiar. Zanon erstreckt sich über eine Fläche von 4 (?) Blocks. Die Fabrik besitzt 18 Produktionsbänder, von denen derzeit aber nur 3 laufen. Nur 10 bis 15 Prozent der Kapazitäten sind ausgelastet. Die Exploitation der Arbeiter ging zurück (kürzere Arbeitszeiten, mehr Lohn). Dennoch war es möglich, neue Leute einzustellen. Einer der Schlüssel zu Zanons Erfolg ist die Einbettung des Kampfes der Arbeiter in die Gemeinde. Am Fabrikeingang haben die Arbeiter eine Mauer aus zerbrochener Keramik errichtet. Sie erzählt die Geschichte des Fabrikkampfes. Alles begann mit ein paar Männern und Frauen, die um einen großen Topf saßen, der über einem Feuer kochte. In jenen Monaten, als man vor der Fabrik stand, spielte sich Folgendes ab: Nachbarn, Studenten und Arbeiter der Piquetero-Bewegung solidarisierten sich, indem sie die Kampagne der (Zanon-)Arbeiter mit Lebensmitteln und Geld unterstützten. Hinter der Fabrik Zanon liegt ein Gefängnis. Die Insassen hatten ihre Essensrationen an die Arbeiter gespendet. Auch Sozialorganisationen - die Mütter vom Plaza de Mayo beispielsweise - hatten sich solidarisiert. Die Mütter erklärten, auch sie wollten die Fabrik mit ihrem Leben verteidigen. Einige der Frauen sind mittlerweile 70. Aber das Rückgrat der Fabrik ist Zanons Sicherheits- und Selbstverteidigungskonzept. Die Regierung reagierte auf Zanon mit Gewalt. Mit verschiedenen taktischen Maßnahmen wurde versucht, die Fabrik zu räumen. Insgesamt fünfmal sollte die Fabrik durch die Polizei geräumt werden. Aber jedesmal waren tausende Gemeindemitglieder gekommen, um die Fabrik zu verteidigen. Bei Räumungsgefahr verlassen alle ihren Arbeitsplatz, jede(r) ist dann für die Sicherheit zuständig. Vor der Fabrik errichten die Arbeitslosen-Organisationen Selbstverteidigungslinien, die Arbeiter im Innern stellen sich aufs Fabrikdach und praktizieren Selbstverteidigung - zum Beispiel mit Schleudern.
Das Gefängnis Nr. 11 liegt direkt hinter der Fabrik. Eines nachts begleiteten wird die Arbeiter, die den Nacht-Sicherheitsdienst hatten, beim Rundgang um die Fabrik. Dabei näherten wir uns dem Gefängnis. Auf einmal hörten wir ein Geräusch: klack-klack - ein Gefängniswärter hatte sein Gewehr geladen, als wir vorbeigingen. Die Fabrik hat spezielle Sicherheitsmaßnahmen entwickelt, um sicherzustellen, dass niemand die Fabrik infiltriert. Jede(r) Arbeitende muss die Stechuhr drücken - nicht, um ihn/sie bestrafen zu können, falls er/sie zu spät kommt, sondern damit immer klar ist, wer sich in der Fabrik aufhält. Früher hatte man den Sicherheitsdienst in der Fabrik gebraucht, falls die Arbeiter Fabrikausrüstung stehlen. Heute sorgen Arbeiter im Sicherheitsdienst durch ihre Kontrollen dafür, dass alle Mitarbeiter ihre Schleuder zur Arbeit mitbringen.
Am 25. November 2003 protestierten die Arbeiter von Zanon - gemeinsam mit den Arbeitslosen-Organisationen - in Nuequén gegen eine Kundenkarte für Arbeitslose (die Regierung will die bisher bare 150-Peso-Arbeitslosenhilfe - Welfare to Work - durch eine Bankkarte ersetzen. Dadurch bekämen die Arbeitslosen nur noch eine minimale Summe in bar ausgezahlt - per Bankkarte. Ansonsten wären sie lediglich berechtigt, ganz bestimmte Waren in transnationalen Supermärkten einzukaufen, in sogenannten commercial networks). Die Proteste endeten in gewaltsamer staatlicher Repression. Es gab über 22 Verletzte, 10 davon durch Bleikugeln. Andrés - ein Arbeiter der besetzten Keramikfabrik Zanon und MTD-Mitglied - wurde von mindestens 64 Gummigeschossen getroffen. Die Polizei hielt ihn 8 Stunden fest, folterte ihn und verweigerte ihm die medizinische Versorgung. Andrés verlor sein linkes Auge. Am 2. Dezember 2003 drangen 7 bewaffnete Kapuzenmänner in die Fabrik Zanon ein und stahlen 32 000 Pesos. Zuvor schon, im November, hatten die Organisationen von Nuequén unter brutaler Repression zu leiden. Arbeiter und MTD-Aktivisten wurden in ihren Häusern bedroht. Wir sehen das als eine Maßnahme, um diejenigen von uns unter Druck zu setzen, die für eine gerechtere Gesellschaft kämpfen, stand in der Presseerklärung der Arbeiter, nachdem die Infiltranten das Geld aus der Fabrik stahlen. Zudem benutzt die Regierung die Kooperativ-Form, um die Fabriken unter Arbeiterkontrolle zu kooptieren. Außer Zanon verweigert nur noch ein einziges Unternehmen die Umformung in eine Kooperative: der Tigre-Supermarkt in Rosario. Die Regierung kooptiert die Bewegung durch verschiedene Methoden. So bietet der Staat die Kooperativ-Form an, aber dafür musst du den Kampf aufgeben, erklärt Raul Godoy, ein Zanon-Arbeiter.
Die Arbeitenden von Brukman, einer Bekleidungsfabrik in Buenos Aires - die am 18. April 2003 geräumt wurde -, konnten vor kurzem wieder in ihre Fabrik zurück, allerdings als Kooperative. Gemäß des Abkommens, das die Regierung ihnen anbot, bleiben ihnen lediglich zwei Jahre Zeit, um Gebäude samt Maschinen zu kaufen. Seit der Brukman-Räumung steht die politische Linke für ihre destruktive Einmischung in den Konflikt im Fadenkreuz der Kritik (sie hatte die Arbeiter während der 16-monatigen Besetzung bzw. nach der Räumung, als man versuchte, wieder in die Fabrik zu kommen, davon überzeugt, Selbstverteidigungstaktiken seien unnötig). Inzwischen hat die Fabrik einen privaten Sicherheitsdienst (!) - eine Schande, bedenkt man, wofür die Fabrik einst stand.
Rosa Rivera arbeitet seit 15 Jahren bei Zanon; sie sagt, Zanon - das sei nicht nur ein Kampf für die 300 Arbeitenden in der Fabrik, es sei auch ein Kampf für die Gemeinde und für die soziale Revolution. Wenn Fabriken geschlossen und im Stich gelassen werden, haben die Arbeiter das Recht, sie zu besetzen, sie wieder in Betrieb zu nehmen und sie mit ihrem Leben zu verteidigen. Inmitten des Scherbenhaufens der (inzwischen) sehr gespaltenen Bewegungen Argentiniens ist Zanon noch immer eins der dynamischsten Symbole für Widerstand gegen den Kapitalimus. Der soziale Prozess, der in dieser Fabrik stattfindet, ist für die Arbeiter in anderen besetzten Fabriken und für die Arbeiterklasse überall auf der Welt eine Inspiration - es inspiriert sie, mit dem patrón, dem Boss, zu brechen.
Die Argentinierin Marie Trigona ist freie Journalistin und Aktivistin. Sie wirkt mit bei der Grupo Alavío, einem Video- und Direct-Action-Kollektiv. Sie können sie erreichen unter: mtrigona@riseup.net www.revolutionvideo.org/alavio
Als wir in die Fabrik zurückkehrten, fingen wir in kleinem Rahmen an, die fertigen Produkte zu verkaufen. Aber als alles verkauft war, fragten wir uns, was machen wir, kämpfen wir für eine Arbeitslosenunterstützung von 150 Pesos (circa 50 US-Dollar) oder bringen wir die Fabrik wieder in Schwung? erklärt uns Fransisco Mollinas. Im März 2002 kehrten die Zanon-Arbeiter in ihre Fabrik zurück und starteten die Produktion. Dies ist eine Schlacht gegen den Individualismus, gegen alles, was die da oben uns aufzwingen. Hier, in der Fabrik, kämpfen wir für den neuen Menschen. Als man begann, ohne Besitzer bzw. Boss weiterzuproduzieren, wurden auch die Beziehungen innerhalb der Fabrik ganz neu erfunden. Man brach mit hierarchischer Organisierung, mit Ausbeutung und Isolierung. Die Arbeiter beschreiben, wie die Fabrik die Arbeiter früher kontrolliert hatte - zum Beispiel mussten sie eine Uniform in einer ganz bestimmten Farbe tragen, damit sofort klar war, zu welcher Abteilung ein Arbeiter gehört. Es war verboten, mit einem Arbeiter aus einer anderen Abteilung zu sprechen. Im Büro der Fabrik hängt eine Keramikkachel mit dem Bildnis eines jungen Mannes - Daniel. Die Inschrift erinnert an ihn. Daniel war ein Arbeitskamerad, der in der Fabrik zu Tode kam. Früher war die Produktion darauf ausgelegt, die Unternehmensprofite zu maximieren. Die Löhne wurden möglichst niedrig gehalten, Sicherheitsvorkehrungen für die Arbeiter umgangen. Man setzte die Arbeiter unter Druck, sie sollten immer noch mehr produzieren - so sparte man Leute am Fließband ein. Die Arbeitsbedingungen, wie sie vor der Arbeiter-Fabrikbesetzung herrschten, waren für durchschnittlich 25 bis 30 Unfälle pro Monat verantwortlich, im Durchschnitt gab es einen Toten pro Jahr. Seitdem die Fabrik produziert, starben in Zanon insgesamt 14 Arbeiter. Seit jedoch die Arbeiter die Fabrik besetzen, gab es noch keinen einzigen Unfall. Wenn du einen Besitzer hast, machst du dir Sorgen und stehst unter Druck. Ohne ihn arbeitest du besser, du übernimmst ganz bewusst mehr Verantwortung, so ein Arbeiter. Heute orientiert sich die Organisierung der Fabrik am Ideal der direkten Demokratie, am Ideal des Horizontalismus und an dem der Automie. Beschlüsse werden in der Versammlung getroffen. Es gibt keine Vorgesetzten und keine Verwaltung. Jede Abteilung - Fließband, Verkauf, Produktplanung, Presseabteilung, usw. - wählt eine Kommission, die einen Koordinator abstellt. Der jeweilige Koordinator / die jeweilige Koordinatorin informiert am Tisch der Delegierten über Themen, Neuigkeiten und Konflikte in seiner/ihrer Abteilung. Umgekehrt hält er/sie die eigene Kommission über die anderen Abteilungen auf dem laufenden. Heute beschäftigt Zanon wieder über 300 Mitarbeiter. Weitere Stellen sind in Planung. Seit der Fabrikbesetzung hat man schon über 70 neue Leute eingestellt. In der Versammlung der Arbeiter wurde entschieden, es sei wichtig, Leute aus den Arbeitslosen-Organisationen zu beschäftigen. Daher sind die meisten neuen Arbeiter Mitglieder von MTD (Bewegung der Arbeitslosen Arbeiter). Jeder Arbeiter verdient 800 Pesos im Monat - unter Zugrundelegung der basalen Bedürfnisse einer Familie, canasta familiar. Zanon erstreckt sich über eine Fläche von 4 (?) Blocks. Die Fabrik besitzt 18 Produktionsbänder, von denen derzeit aber nur 3 laufen. Nur 10 bis 15 Prozent der Kapazitäten sind ausgelastet. Die Exploitation der Arbeiter ging zurück (kürzere Arbeitszeiten, mehr Lohn). Dennoch war es möglich, neue Leute einzustellen. Einer der Schlüssel zu Zanons Erfolg ist die Einbettung des Kampfes der Arbeiter in die Gemeinde. Am Fabrikeingang haben die Arbeiter eine Mauer aus zerbrochener Keramik errichtet. Sie erzählt die Geschichte des Fabrikkampfes. Alles begann mit ein paar Männern und Frauen, die um einen großen Topf saßen, der über einem Feuer kochte. In jenen Monaten, als man vor der Fabrik stand, spielte sich Folgendes ab: Nachbarn, Studenten und Arbeiter der Piquetero-Bewegung solidarisierten sich, indem sie die Kampagne der (Zanon-)Arbeiter mit Lebensmitteln und Geld unterstützten. Hinter der Fabrik Zanon liegt ein Gefängnis. Die Insassen hatten ihre Essensrationen an die Arbeiter gespendet. Auch Sozialorganisationen - die Mütter vom Plaza de Mayo beispielsweise - hatten sich solidarisiert. Die Mütter erklärten, auch sie wollten die Fabrik mit ihrem Leben verteidigen. Einige der Frauen sind mittlerweile 70. Aber das Rückgrat der Fabrik ist Zanons Sicherheits- und Selbstverteidigungskonzept. Die Regierung reagierte auf Zanon mit Gewalt. Mit verschiedenen taktischen Maßnahmen wurde versucht, die Fabrik zu räumen. Insgesamt fünfmal sollte die Fabrik durch die Polizei geräumt werden. Aber jedesmal waren tausende Gemeindemitglieder gekommen, um die Fabrik zu verteidigen. Bei Räumungsgefahr verlassen alle ihren Arbeitsplatz, jede(r) ist dann für die Sicherheit zuständig. Vor der Fabrik errichten die Arbeitslosen-Organisationen Selbstverteidigungslinien, die Arbeiter im Innern stellen sich aufs Fabrikdach und praktizieren Selbstverteidigung - zum Beispiel mit Schleudern.
Das Gefängnis Nr. 11 liegt direkt hinter der Fabrik. Eines nachts begleiteten wird die Arbeiter, die den Nacht-Sicherheitsdienst hatten, beim Rundgang um die Fabrik. Dabei näherten wir uns dem Gefängnis. Auf einmal hörten wir ein Geräusch: klack-klack - ein Gefängniswärter hatte sein Gewehr geladen, als wir vorbeigingen. Die Fabrik hat spezielle Sicherheitsmaßnahmen entwickelt, um sicherzustellen, dass niemand die Fabrik infiltriert. Jede(r) Arbeitende muss die Stechuhr drücken - nicht, um ihn/sie bestrafen zu können, falls er/sie zu spät kommt, sondern damit immer klar ist, wer sich in der Fabrik aufhält. Früher hatte man den Sicherheitsdienst in der Fabrik gebraucht, falls die Arbeiter Fabrikausrüstung stehlen. Heute sorgen Arbeiter im Sicherheitsdienst durch ihre Kontrollen dafür, dass alle Mitarbeiter ihre Schleuder zur Arbeit mitbringen.
Am 25. November 2003 protestierten die Arbeiter von Zanon - gemeinsam mit den Arbeitslosen-Organisationen - in Nuequén gegen eine Kundenkarte für Arbeitslose (die Regierung will die bisher bare 150-Peso-Arbeitslosenhilfe - Welfare to Work - durch eine Bankkarte ersetzen. Dadurch bekämen die Arbeitslosen nur noch eine minimale Summe in bar ausgezahlt - per Bankkarte. Ansonsten wären sie lediglich berechtigt, ganz bestimmte Waren in transnationalen Supermärkten einzukaufen, in sogenannten commercial networks). Die Proteste endeten in gewaltsamer staatlicher Repression. Es gab über 22 Verletzte, 10 davon durch Bleikugeln. Andrés - ein Arbeiter der besetzten Keramikfabrik Zanon und MTD-Mitglied - wurde von mindestens 64 Gummigeschossen getroffen. Die Polizei hielt ihn 8 Stunden fest, folterte ihn und verweigerte ihm die medizinische Versorgung. Andrés verlor sein linkes Auge. Am 2. Dezember 2003 drangen 7 bewaffnete Kapuzenmänner in die Fabrik Zanon ein und stahlen 32 000 Pesos. Zuvor schon, im November, hatten die Organisationen von Nuequén unter brutaler Repression zu leiden. Arbeiter und MTD-Aktivisten wurden in ihren Häusern bedroht. Wir sehen das als eine Maßnahme, um diejenigen von uns unter Druck zu setzen, die für eine gerechtere Gesellschaft kämpfen, stand in der Presseerklärung der Arbeiter, nachdem die Infiltranten das Geld aus der Fabrik stahlen. Zudem benutzt die Regierung die Kooperativ-Form, um die Fabriken unter Arbeiterkontrolle zu kooptieren. Außer Zanon verweigert nur noch ein einziges Unternehmen die Umformung in eine Kooperative: der Tigre-Supermarkt in Rosario. Die Regierung kooptiert die Bewegung durch verschiedene Methoden. So bietet der Staat die Kooperativ-Form an, aber dafür musst du den Kampf aufgeben, erklärt Raul Godoy, ein Zanon-Arbeiter.
Die Arbeitenden von Brukman, einer Bekleidungsfabrik in Buenos Aires - die am 18. April 2003 geräumt wurde -, konnten vor kurzem wieder in ihre Fabrik zurück, allerdings als Kooperative. Gemäß des Abkommens, das die Regierung ihnen anbot, bleiben ihnen lediglich zwei Jahre Zeit, um Gebäude samt Maschinen zu kaufen. Seit der Brukman-Räumung steht die politische Linke für ihre destruktive Einmischung in den Konflikt im Fadenkreuz der Kritik (sie hatte die Arbeiter während der 16-monatigen Besetzung bzw. nach der Räumung, als man versuchte, wieder in die Fabrik zu kommen, davon überzeugt, Selbstverteidigungstaktiken seien unnötig). Inzwischen hat die Fabrik einen privaten Sicherheitsdienst (!) - eine Schande, bedenkt man, wofür die Fabrik einst stand.
Rosa Rivera arbeitet seit 15 Jahren bei Zanon; sie sagt, Zanon - das sei nicht nur ein Kampf für die 300 Arbeitenden in der Fabrik, es sei auch ein Kampf für die Gemeinde und für die soziale Revolution. Wenn Fabriken geschlossen und im Stich gelassen werden, haben die Arbeiter das Recht, sie zu besetzen, sie wieder in Betrieb zu nehmen und sie mit ihrem Leben zu verteidigen. Inmitten des Scherbenhaufens der (inzwischen) sehr gespaltenen Bewegungen Argentiniens ist Zanon noch immer eins der dynamischsten Symbole für Widerstand gegen den Kapitalimus. Der soziale Prozess, der in dieser Fabrik stattfindet, ist für die Arbeiter in anderen besetzten Fabriken und für die Arbeiterklasse überall auf der Welt eine Inspiration - es inspiriert sie, mit dem patrón, dem Boss, zu brechen.
Die Argentinierin Marie Trigona ist freie Journalistin und Aktivistin. Sie wirkt mit bei der Grupo Alavío, einem Video- und Direct-Action-Kollektiv. Sie können sie erreichen unter: mtrigona@riseup.net www.revolutionvideo.org/alavio
Orginalartikel:
Zanon, Argentina
Übersetzt von:
Andrea Noll
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