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Zivilgesellschaft oder Partizipative Gesellschaft

von Michael Albert und Andrej Grubacic

21.10.2003 — ZNet

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Albert: Können sie mir, um anzufangen, etwas zu den Umständen des Organisierens auf dem Balkan sagen?

Grubacic: Es gibt ein Wort das sich inflationär in der progressiven Balkanpresse verbreitet, das wie ein Phantom über den Schreibtischen der Redakteurinnen lauert. Es ist präsent in allen kritischen Analysen und ist im Diskurs der so genannten Nicht-regierungs- Organisationen unvermeidlich geworden. Zivilgesellschaft lautet das Wort. Es bezieht sich ganz einfach auf nicht-regierungs- Elemente, von denen angenommen wird, sie würden zum Wohl der Gesellschaft arbeiten. Es scheint, dass der Ausdruck im Politjournalismus des Balkans von einer Höflichkeitsfloskel zu königlichen Würden aufgestiegen ist. Auch im Westen ist es nahezu unmöglich, sich diesem Wort zu entziehen. Du stösst sogar darauf, wo du es am wenigsten erwartest. Warum sollten wir Davos und Porto Allegre nicht verbünden? fragte Philip Watts, der Präsident von Shell, in ernsthaftem Tonfall während der Versammlung des Weltwirtschaftsforums in New York. Gerade die Tatsache dass letztes Jahr am Forum in Porto Allegre französische Präsidentschaftskandidaten, acht Regierungsmitglieder (mit Premiereminister Jospin), sowie 200 Bürgermeister von Weltstädten anwesend waren, ist ein Indiz dafür, dass der weltweite Widerstand gegen den Neoliberalismus zu einer planetaren Realität wurde. Nichtsdestotrotz ist es auch eine Warnung vor der wohl grössten Herausforderung an die Subversivität der Bewegung selbst im Namen der Zivilgesellschaft.

Aber sie fragen nach dem Balkan. Hier ist die Praxis des Zuhörens und Bereuens der Zivilgesellschaftsrhetorik und -praxis gang und gäbe. Worum geht es?

Der kapitalistische Diskurs wechselt, ohne es einzugestehen, seinen glorifizierenden Ansatz in einer Metamorphose, die einem sprachlos lässt. Die rhetorischen Feuerwerke schliessen Wortbildungen wie Gegenseitiges Einverständnis, Transparenz, Ethik und mein Lieblingswort Geschlossenheit ein. Um das aktuelle System in seinem neuen Outfit erscheinen zu lassen, braucht es Partner jene die ihm eine Absage erteilen. Womit die Komödie der Zivilgesellschaft beginnt, der Lärm und die wohldosierte Verärgerung, die neue Mythologie des Bürger-Kameraden, der in der Strategie der Autoritäten die Rolle erhält, die Neinsager zu integrieren.

Albert: Können sie mir einige Beispiele geben?

Grubacic: Eine solche Partnerschaft für den sozialen Frieden auf dem Balkan dient dazu, den sozialen Monolog beizubehalten. Kritisierst du das neoliberale Wirtschaftsmodell der serbischen Minister, wirst du dazu aufgeordert werden, deine Sichtweise darzulegen. Bist du überrascht darüber, dass Rumänien daran ist, das neokoloniale Abkommen mit den USA zu unterschreiben, wird der Verteidigungsminister dich empfangen und sorgfältig zuhören. Bist du besorgt über die Armut in Kroatien, besuche die von der Regierung organisierte Konferenz zur Armutsbekämpfung.

Das System dadurch erneuern, dass man es kritisiert, Bereitschaft, mit denen, die es ablehnen, zusammen zu arbeiten, Paternalismus im Namen der Partizipation alle diese Aspekte sozialer Kontrolle sind so alt wie das System selbst. Gemäss den Schriften des Soziologen Luc Boltansky hat die Ablehnung, mit der der Kapitalismus in den Siebzigerjahren konfrontiert war, zur Schaffung eines neuen kapitalistischen Geistes, darauf bedacht, Kritik zu schwächen, indem ihre Angemessenheit zugegeben wird, oder sie ganz einfach zu vermeiden, indem gar nicht erst auf sie eingegangen wird geführt. Soziale Kontrolle auf dem Weg der Zivilgesellschaft ermöglicht eine Interaktion verschiedener Spielarten der Herrschaft. Autoritäten können fiktive Konflikte lenken, in denen sie die künstlichen Gegner ihrer Wahl sich zu sozialen Schwierigkeiten äussern lassen, die sie dann zusammen, durch Dialoge nicht lösen, nicht einmal teilweise zumal ohne ernsthafte Verluste für das System.

Wird das System in Frage gestellt, bekämpfen die Eliten natürlich die Opposition und setzen sich für Änderungen in einer begrenzten Form ein, die das System nicht gefährden werden. Daher kommt die Ausrichtung der Zivilgesellschaft auf reformistisches Gedankengut, das die Ablehnung einiger Aspekte des Systems gutheisst, das aber die Infragestellung des Systems nicht toleriert. Zivilgesellschaft neigt in anderen Worten dazu, die Spielregeln hier und dort ein wenig zu ändern, gleichzeitig aber da sie integriert wird weiterhin unterwürfig am Spiel teilzunehmen.

Albert: Sie suggerieren damit, dass über die Zivilgesellschaft und reformistisches Organisieren (das die Aufrechterhaltung des Systems voraussetzt) hinaus etwas passieren muss. Woran denken sie?

Grubacic: Wir müssen vom Konzept der Zivilgesellschaft Abschied nehmen zugunsten einer Vision einer anderen Gesellschaft, die nicht auf Klassen-, religiöser oder ethnischer Diskriminierung beruht. Wir brauchen eine partizipative Gesellschaft, die sich einer authentischen Politik von unten verpflichtet.

Um sich einer solchen Gesellschaft anzunähern, ist es nötig, die Teilnahme am Spiel aufzukünden, das System zu verlassen, abstrakten Sozialschmerz aufzugeben und Sozialen Konflikt zu wählen, sowie mit der traditionellen soziopolitischen Kommunikation und Organisation zu brechen. Ein solcher Konflikt würde implizieren, sich nicht für ewig auf die typischen Parteien zu verlassen, nicht auf hierarchische Handelsgewerkschaften noch auf bürokratisierte Nichtregierungsorganisationen, um einem Weg Richtung neuer Verbindungsmodelle zu gehen.

Hier auf dem Balkan ist es Zeit für einen horizontalen sozialen Dialog. Jeder vertikale Dialog, den die Geschichte uns zeigte, hat sich zu einem Monolog gewandelt, indem die Arbeiterinnen zuerst ihre Stimme verlieren und dann ihren Lohn. Demgegenüber sehen wir uns dazu veranlasst, uns für einen horizontalen Dialog einzusetzen, einen sozialen Dialog geführt von allen Teilnehmerinnen des sozioökonomischen Prozesses von allen Arbeitern, einschliesslich jener, die ihren Job verlieren werden, Arbeitslosen, die ihn bereits verloren haben, Flüchtlingen und Vertriebenen, die nichts zu verlieren haben, Studenten, die sich die Universität nicht leisten können, Aktivisten sozialer Bewegungen, Frauen und vielen mehr.

Albert: Wohin soll dieser soziale Dialog führen?

Grubacic: Er könnte sofort die kleinste gemeinsame Vorgehensweise ansteuern, ein soziales Recht, das folgendes einschliessen würde: Eine Forderung nach einem Minimallohn, Zurückweisung von Privatisierung als Modell, und Entwicklungsstrategien, die Profite der Bewahrung nichterneuerbarer Ressourcen und der natürlichen Umwelt unterordnen, darüber hinaus aber auch langfristige Ziele einer ganzen neuen Wirtschaft. Statt einen produktionsfetischistischen Privatisierungskult anzupreisen würde ein horizontaler Dialog wohl zum Eintreten für solidarische und partizipative ökonomische Beziehungen führen, darin einbegriffen eine andere Art des Übergangs, die Wert auf kollektive Initiative und wirkliche Demokratie legt, und die mit dem Preis des Leidens und der Würde und allem anderen, das kostbarer ist als der Profit, rechnet.

Albert: Sie sagen, sie streben nach Demokratie, wirklicher Demokratie. Was stellen sie sich darunter vor?

Grubacic: Ich denke auf dem Balkan ist die Zeit gekommen, in der soziale Bewegungen versuchen sollten sogar über Demokratie hinaus, Selbstverwaltung, oder partizipative Verwaltung, wie ich es gerne bezeichne, neu zu erfinden. Die Jugoslawische Erfahrung sollte hier keine Entmutigung darstellen. In Jugoslawien gab es zwar keinen Privatbesitz an den Produktionskräften, aber es gab ein Marktsystem dass wirtschaftliche Optionen drastisch einschränkte und eine Konzern-Arbeitsteilung, die eine herrschende Koordinatorenklasse in Einkommen und Macht über die Arbeiterinnen stellte. Dies waren die Wurzeln unseres ökonomischen Bösen.

Es hatte also in Wirklichkeit nie, im so genannt sozialistischen Jugoslawien, reale Selbstverwaltung gegeben, sondern nur eine rhetorische Referenz dazu. Es gab ein Phänomen das Djilas eine neue classe politique nannte, was auf den Staat sicherlich zutrifft, aber um weiter als Djilas zu gehen, der nur eine politische Bürokratie ausmachte, ist es nötig zu sehen, dass wir durch unsere ökonomischen Strukturen bedingt auch eine herrschende Koordinatorenklasse hatten. Es kann keine partizipative Verwaltung geben in einer Situation, in der die Wirtschaftsweise auf Märkten und Konzern-Arbeitsteilung beruht, wie auch immer der Staat aussehen mag, bürokratisch oder nicht.

Albert: Denken sie, für eine ökonomische Vision einzutreten, die danach verlangt, Märkte durch partizipative Planung sowie Konzernarbeitsteilung durch Ausgewogene Tätigkeitsfelder [balanced job complexes] zu ersetzen, und die was sie partizipative Verwaltung nennen, autoritären Entscheidungsmethoden vorzieht, könnte nützlich sein auf dem Balkan?

Grubacic: Die Brauchbarkeit eines solchen Modells, desjenigen, welches wir partizipative Ökonomie nennen, ist gross in den heutigen Balkanländern. Ein antiautoritäres, linkslibertäres Wirtschaftssystem, das ein gewisses Niveau wirtschaftlicher Aktivität beibehält, um Bedürfnisse zu decken und Potentiale zu erfüllen und gleichzeitig Solidarität, Vielfalt, Gleichheit und partizipative Verwaltung fördert, mit positiven Implikationen auch für andere Teile des Lebens und die wichtigsten Bereiche der Gesellschaft wie zum Beispiel Kultur, Familienleben und Staatswesen, verspricht uns Klassenlosigkeit und eine mächtige Alternative zu den momentan im Balkan propagierten neoliberalen Modellen wie auch zu den autoritären Systemen, die vorher in diesem Teil Osteuropa, mein Jugoslawien inbegriffen, existierten und die ich Koordinatorenökonomien nennen möchte. Sie haben Recht, dass ich den Begriff Selbstverwaltung auf dem Balkan nicht gebrauchen würde, denn meiner Ansicht nach ist ein Streit um Bezeichnungen Zeitverschwendung. Aus taktischen Gründen müssen wir es vermeiden, unser Anliegen durch eine irreführende Bezeichnung zu verschleiern. Sollte ich in Ex-Jugoslawien über Sozialismus und Selbstverwaltung zu reden beginnen, werden mich die Leute ansehen als ob ich ein Anhänger von Tito oder ein Mitglied von Milosevics sozialistischer Partei wäre. Sie werden über diese falsche Assoziation hinaus nichts hören. Ich denke, wir haben keine Zeit für diese Art der Verwirrung. Es schadet der Kommunikation so sehr, als ob wir vor den Leuten in Belgrad auf Japanisch sprechen würden, mehr sogar.

Der Balkan, oder der grösste Teil dieser Region, ist sicherlich der mit Abstand ärmste Teil Europas. Das häufigste Wort hier ist Streik. Und ich denke nicht, dass wir ein Recht dazu haben, Zeit in endlosen Diskussionen darüber zu verschwenden, welche Klasse nun ein revolutionäres Potential besitzt, oder wofür Sozialismus wirklich steht. Es reicht mir zu sagen, dass ich für partizipative Verwaltung bin (genau dasselbe meinend was sie unter Selbstverwaltung verstehen), meine Anliegen in einer Weise zu kommunizieren, die Verständnis ohne Vorurteile ermöglicht. Und ich bin zufrieden damit, zu sagen, ich sei für Parecon und nicht für Sozialismus, aus demselben Grund. Für Sozialismus einzutreten heisst für die Leute hier du bist für Unterdrückung. Es würde keine Türe zu einem horizontalen Dialog öffnen. Aber zu sagen, du bist für eine neue Wirtschaftsweise, mag helfen, diese Tür aufzustossen.

Albert: Aber werden die Leute mit der Auffassung etwas anfangen können, dass der Marktsozialismus in Wirklichkeit ein Marktkoordinatorismus war und dass er aus diesem Grund nicht demonstriert, es könne keine bessere Zukunft jenseits vom Kapitalismus geben?

Grubacic: Ich denke diese Einsicht ist noch nicht sehr verbreitet. Aber es gibt keinen speziellen Grund, der dies verhindern würde. Zumindest gibt es einige Aktivistinnen und aktiv Forschende, die versuchen, diese Auffassung zu stützen. Ich möchte an dieser Stelle insbesondere ein Netzwerk namens DSM erwähnen, eine Vereinigung antiautoritärer Gruppen die versucht, einen guten Weg zu finden, die Idee von Ausgewogenen Tätigkeitsfeldern innerhalb der neu entstehenden Sozialbewegungen zu verankern, die ausserdem versucht, ihre politische Kommunikation zu optimieren indem sie Gebrauch von der neuen Sprache macht, die die Leute nicht verwirrt und neue Wege Politik zu betreiben beschreitet.

Albert: Denken sie die Leute empfänden die Vorstellung von Ausgewogenen Tätigkeitsfeldern [balanced job complexes] als Korrektiv dazu, was sie an ihren Arbeitsplätzen erlebt haben oder würden sie es als ultralinken Exzess mit verheerenden Implikationen ansehen?

Grubacic: Ich verbringe viel Zeit damit, mit Arbeiterinnen zu reden, innerhalb und ausserhalb der vom Staat kontrollierten Gewerkschaften. Ich habe stark den Eindruck, sie gäben diesem partizipativen Modell den Vorzug, sobald sie davon hören, oft sogar ganz von alleine. Dasselbe gilt für die aktiven Basisgruppen. Meine Ausführungen zu Parecon als ökonomisches Modell scheinen die Leute zu begeistern. Natürlich gibt es Personen, die dies als ultralinken Exzess ansehen, auch solche die es in bekannter Manier verabscheuen. Gerade kürzlich war ich an einer öffentlichen Debatte mit einem der Autoren der neoliberalen Reformen unseres Landes beteiligt. Der Kerl schrie Neokommunismus! Neokommunismus! während der ganzen langen Debatte. Dafür wird er ja wohl auch bezahlt. Aber ich glaube nicht, dass diese neue Klasse intellektueller Kommissare des Balkans unser Zielpublikum sein sollte, und im Gegensatz dazu sind Arbeiter sehr aufnahmebereit.

Ausgewogene Tätigkeitsfelder, soweit ich die Idee verstehe, meint eine Situation, in der jeder Job eine Mischung von Aufgaben und Verantwortlichkeiten beinhaltet, so dass die gesamthafte Lebensqualität und insbesondere die Einflusssphäre der Arbeit bei allen vergleichbar ist.

Es ist meiner Meinung nach sehr schwierig, sich nicht mit einer gesellschaftlichen Version einverstanden zu erklären, die die Hierarchie zwischen Managerinnen und Arbeiterinnern, Anwälten und Fliessbandarbeitern beseitigt. Wie kann jemand dagegen sein, die Funktionen beizubehalten, während sie gerecht verteilt werden?

Unter arbeitenden Menschen und Aktivistinnen, die für soziale Gerechtigkeit kämpfen stosse ich auf überwiegend positive Reaktionen. Eine Vision einer partizipativen Gesellschaft, in der die Mischung der Aufgaben und Zuständigkeiten jeder Person mit ihren Fähigkeiten übereinstimmt und daneben eine gerechte Arbeitsteilung in Bezug auf Routine- und mühseligen und interessanten und ermächtigenden Bedingungen und Zuständigkeiten fördert scheint mit den Hoffnungen der Leute in Einklang zu sein. Dies trifft auch auf die partizipative Verwaltung zu bei der die Stimme der Leute proportional höher gewichtet wird in den Entscheidungen, die ihr Leben betreffen.

Albert: Wie steht es mit der ausschliesslichen Entlöhnung für Aufwand und Einsatz? Denken sie die Leute befürchten, dies zu tun würde ihre Chancen auf Reichtum verringern oder die Produktion behindern, oder denken sie, sie würden zur Einsicht gelangen, dass die ausschliessliche Entlöhnung für Aufwand und Einsatz die Gerechtigkeit ebenso wie ihre Einkommen erhöhen würde?

Grubacic: Die bisherigen Rückmeldungen waren sehr interessant. Tatsächlich ist es für viele linke Wirtschaftswissenschaftler ich erinnere mich an eine Debatte mit einem vortrefflichen alten Mann, einem grossen Ökonomen namens Branko Horvart äusserst kontrovers, nur den Aufwand bzw. Einsatz, den die Arbeit für die Leute darstellt zu belohnen. Was ich zugegebenermassen nicht begreife ist, warum es so schwierig für einige Anti-Kapitalistinnen ist selbst dann wenn sie die schädliche Sozialisierung berühmte Wirtschaftswissenschaftler zu werden durchgemacht haben die Ungerechtigkeit zu erkennen, die darin liegt, mehr zu bekommen, weil man produktiver ist aufgrund von besseren angelernten Fähigkeiten oder grösserem genetisch bedingtem Talent, oder weil man die besseren Werkzeuge besitzt, von der höheren Entlöhnung wegen grösserer Macht oder grösserem Besitz ganz zu schweigen.

Mehr Konsumtionsrechte ausschliesslich aufgrund von grösseren Entbehrungen und grösseren Anstrengungen zu erhalten ist moralisch richtig und schafft auch so scheint es mir angemessene Anreize dadurch, dass nur belohnt wird, was wir beeinflussen können und nicht, was wir nicht beeinflussen können. Augenfälligerweise sind die Leute, mit denen ich in meinem Land darüber geredet habe Arbeiterinnen, Bäuerinnen, Aktivistinnen dieser Idee gegenüber weitaus aufgeschlossener als meine lehrenden Kollegen, sogar mehr als antikapitalistische Intellektuelle im Allgemeinen. Doch ich schätze, das ist keine Überraschung.

Albert: Aus den USA stammend begegnen wir nicht allen Denkströmungen, die in Europa existieren. Was den Balkan betrifft, treten sie für eine partizipative Ökonomie und damit verbundenen Ansätzen für Politik, Gender, usw. ein. Aber ich frage mich, ob andere linke Ansätze dort mehr Anklang finden, sogar unter den Zuhörerinnen, mit denen sie arbeiten zum Beispiel Ideen, die aus der Arbeit von Hardt und Negri abgeleitet werden und die Leute, die es für wichtig halten, sich auf das Empire und die Multitüde zu konzentrieren. Erhalten diese Sichtweisen Unterstützung auf dem Balkan? Leisten sie irgendeinen positiven Beitrag? Sehen sie eine Beziehung zu den pareconistischen Ideen, oder widersprechen sich diese beiden Sichtweisen?

Grubacic: Jawohl, das sehr interessante Buch von Hardt und Negri ist eine beliebte Lektüre unter vielen linken Intellektuellen, sagen mir die Leute, die es verstanden haben. Ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich Unterstützung erhält. Es ist äusserst schwierig, weiter zu kommunizieren was sie zu sagen versuchen: sie kultivieren einen Stil, der die grosse Mehrheit der potentiellen Leser ausschliesst, der sogar die meisten Hochgebildeten in einem Zustand der Verwirrung zurücklässt. Ein Buch zu lesen, das ein Empire genanntes Ding beschreibt, das angeblich die Nationalstaaten transzendiert ist, wie ich annehme, eine befremdende Erfahrung in einem von US-Truppen besetzten Land. Ich denke es ist wertvoll für marxistische Intellektuelle in einem Land, in dem der Marxismus die offizielle Staatsideologie war. Für sie, nehme ich an, ist es herausfordernd. Aber ich zweifle daran, dass es irgendeinen bedeutenden Einfluss in diesem Teil Europas haben wird. Natürlich könnte ich falsch liegen.

Traditionelle marxistische Analysen kapitalistischer Gesellschaften konzentrierten sich auf die Polarisierung von nur zwei Klassen: die kapitalistische Klasse und das Proletariat. Pareconistische Analysen ebenso wie jene von Hardt und Negri präsentieren ein ganz anderes Modell, eines dass die für die Spätmoderne spezifischen Klassendynamiken beschreiben will. Hardt und Negri erkennen die zentrale Dynamik in der Erscheinung einer Wesenheit namens die Multitüde Es ist mir nicht klar, ob irgend jemand wirklich weiss, was das heisst, aber im Grossen und Ganzen scheint es darum zu gehen, dass die Arbeiterklasse ihre privilegierte Position als revolutionärer Initiator verloren hat und dass es nun stattdessen etwas gibt, das die Multitüde genannt wird, das Hausfrauen, Bäuerinnen, Studentinnen usw. mit einschliesst. Ich bin mir nicht sicher, was daran neu sein soll, aber etwas das heraus sticht ist die Minimalisierung der Differenzen zwischen diesen Gruppen. Wir alle werden einfach in der Multitüde aufgehen. Unterschiede zwischen Männern und Frauen, Homos und Heteros, verschiedene Arten von Arbeiterinnen, auch zwischen Arbeitern und Managern usw. rücken in den Hintergrund und erhalten viel weniger Aufmerksamkeit als zuvor, so scheint es.

Pareconistische Analysen präsentieren, zumindest in Hinblick auf die Wirtschaft, ein Modell einer Drei-Wege-Polarisierung zwischen der Kapitalistenklasse, der Arbeiterklasse und der Koordinatorenklasse. Sie rücken daneben gerade auch Differenzen, die mit Gender, der Sexualität, Rasse, usw. zu tun haben ins Blickfeld, Institutionen identifizierend, die zu diesen unterschiedlichen Positionen führen und versuchen, unterschiedliche Bedürfnisse, Prioritäten, usw. zu verstehen. Weiter sind pareconistische Bemühungen wie die von Hardt und Negri darauf ausgerichtet, die Leute zu Revolutionärinnen zu machen und ich schätze, pareconistische Aktivistinnen könnten jene, die sich solchen Dingen verpflichten eine Multitüde nennen, sobald sie eine bestimmte Zahl erreichen, dagegen würden sie nicht ignorieren, dass die Weise, in der Leute politisch aktiv werden von ihrer gesellschaftlichen Stellung abhängt noch würden sie die Tatsache vernachlässigen, dass einige Leute im Durchschnitt weniger dazu neigen, sich nach links zu bewegen und sogar damit unvereinbare Interessen haben mögen. Ich vertrete den Standpunkt, dass letztere Analyse nützlicher ist.

Tatsächlich beinhaltet der Klassenfokus bei allen linken Analysen, die die Koordinatorenklasse nicht als handelnde Klasse - welche die Führung bei der Ausgestaltung einer neuen Wirtschaftsweise übernehmen kann begreifen, ein Risiko, dass eine Diktatur nicht des Proletariates, sondern der Koordinatorenklasse (der Technokratinnen, Regierungs- und Parteibürokratinnen, professionellen Ideologinnen, Managerinnen) entsteht, so wie es sich in Jugoslawien und der UdSSR zugetragen hat. Die real existierenden Antagonismen zwischen der Koordinatorenklasse, die ihre eigenen Prioritäten setzt, und der Arbeiterklasse, die andere Prioritäten setzt können nicht im Namen der Multitüde weggewünscht werden. Die Beseitigung dieses Konflikts verlangt nach einer Bewegung, die sich ihrer selbst bewusst neue Strukturen gestaltet, die Klassenunterteilungen eliminiert statt der höher gebildeten und mächtigeren Klasse unserer Gesellschaft innerhalb der Bewegung und später innerhalb der Gesellschaft von morgen zu privilegierten Positionen zu verhelfen. Um eine Allianz zu bilden zwischen der Arbeiterklasse und denen in der Koordinatorenklasse, die wahre Gerechtigkeit wollen, um eine starke Bewegung wirklicher Klassenlosigkeit aufzubauen, müssen wir die Antagonismen erkennen, nicht Glauben machen, sie wären nicht vorhanden. Albert: Um abzuschliessen - was ist mit anarchistischen Tendenzen auf dem Balkan? Bewegen sie sich in Richtung der von uns diskutierten Ziele und Zwecke, oder bezwecken sie etwas anderes? Haben sie eine politische Vision für die Region und darüber hinaus? Denken sie die anarchistischen Strömungen sollten pareconistische Bestrebungen positiv finden, oder sollten sie starke Einwände geltend machen?

Anarchismus als politische Philosophie erlebte in den letzten Jahren einen wahrhaftigen Boom auf dem Balkan. Anarchistische, oder anarchistisch inspirierte Kollektive wachsen überall; anarchistische Prinzipien Autonomie, freiwillige Assoziation, Selbst-Organisation, gegenseitige Hilfe, direkte Demokratie sind zur Basis fürs Organisieren innerhalb vieler Gruppen auf dem Balkan geworden.

Doch ich wäre sehr vorsichtig in Hinblick auf die politische Vision, die die Anarchisten auf dem Balkan anzubieten haben. Ernsthaftes Nachdenken über Visionen bleibt ein blinder Fleck des Anarchismus hier, wie übrigens, so schätze ich, an allen anderen Orten auch. Das wird sich hoffentlich ändern.

Und das ist einer der Gründe weshalb ich denke, anarchistische Tendenzen in den Balkanländern sollten die partizipative Ökonomie als eine anarchistische Vision einer Wirtschaftsweise ansehen, die Teilnahme, Klassenlosigkeit und partizipative Verwaltung erzeugt: die obersten Zielsetzungen des Anarchismus. Parecon stimmt überein mit fast allen wichtigen Vorstellungen des traditionellen Anarchismus (Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität, Teilnahme, Gleichheit) ist allerdings darüber hinaus noch anregender für das, worauf ich mich gerne mit dem Ausdruck moderner Anarchismus beziehe, durch seine Anvisierung spezifischer positiver wirtschaftlicher Institutionen, die bei traditionellen Anarchistinnen keine Berücksichtung finden das sind ausgewogene Tätigkeitsfelder und partizipative Planung. Als Anarchisten müssen wir dem eine politische Vision hinzufügen.

Übersetzt von: Silvian Mühlemann
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