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Zum Gedenken an Chiles 11. September

von Paul Street

10.09.2003 — ZNet

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“Fast perfekt”. Ein anderer, noch blutigerer 11. September.

Die Ereignisse des 11. September - sie waren monumental horrend, tragisch, kriminell. Tiefflieger über einer wichtigen Stadt Amerikas. Gebäude gehen in Flammen auf. Die offizielle Todesstatistik weist mehr als 3000 Opfer aus. Tausende Unschuldige brutal abgeschlachtet. Ihre Angehörigen schrecklicher Ungewissheit über das Schicksal ihrer vermissten Ehemänner, Frauen, Schwestern, Cousinen u. Kinder ausgeliefert. Ein Land Amerikas im Schock, die Zukunft ungewiss - denn die Täter konnten sich Verhaftung und Bestrafung entziehen. Der 11. September - ein dunkler, blutiger Tag historischen Ausmaßes, Präludium zu Regression, Repression und weiterem Blutvergießen.

Natürlich ist hier vom Sturz der demokratisch gewählten Regierung Chiles die Rede - der Regierung Präsident Salvadore Allendes, am 11. September 1973: eine furchtbare Wende. Die Tiefflieger gehörten der chilenischen Airforce an. Sie waren auf Befehl des chilenischen Generals Augusto Pinochet aufgestiegen und bombardierten La Moneda, den Präsidentenpalast. Allende, der sich selbst als Marxist bezeichnete, tötete sich, bevor es andere tun konnten. Das Fußballstadion von Santiago: hunderte echter oder vermeintlicher Allende-Anhänger sterben im Kugelhagel. Das Stadion wird zum Folterzentrum, zum Konzentrationslager. Im ganzen Land - auf Straßen, in den Militärgefängnissen - ermorden die Truppen Pinochets während der ersten Monate nach dem 11/09/73 20 000 Menschen, 60 000 werden gefoltert, 1 Millionen Chilenen werden ins Exil getrieben. Ein führender Analyst für internationale Beziehungen, William I. Robinson: Es war “der blutigste Coup in der Geschichte Lateinamerikas” (Robinson, Promoting Polyarchy: Globalisation, US Intervention, and Hegemony (Cambridge, MA: Cambridge University Press, 1996), S. 46). Der damalige US-Marineattaché Patrick Ryan, in jenem schwarzen September mit der ‘United States Military Group’ in Chile, bezeichnet den Coup in einem Bericht als “fast perfekt”. Ryan an seine Vorgesetzten: Es war ein großer Sieg “für freie Männer mit Zielen, die dem Wohle Chiles dienten und nicht dem des eigennützigen Welt-Marxismus” (Situation Report, Navy Section, United States Military Group, Valparaiso, Chile, 1. Oktober 1973: online: http://www.gwu.edu/~nsarchiv/NSAEBB/NSAEBB8/ch21-01.htm

Das staatsterroristische Wüten galt der Linken, es galt den massenpopulären Sozialbewegungen (“Marxisten” und anderen). Diese hatten Allende im September 1970 an die Macht gebracht. Jetzt wurden die chilenischen Gewerkschaften und andere Volksorganisationen aufgelöst, die Kliniken für Arme geschlossen. 26 Zeitungen und Magazine verschwanden. Der chilenische Staat u. die chilenische Gesellschaft, sie wurden auf allen Ebenen militarisiert. Davor war Chile die (rühmliche) Ausnahme in Lateinamerika gewesen - mehr zivile Freiheiten, mehr bürgerlich-demokratische politische Institutionen, die von Staat und Gesellschaft auch respektiert wurden. Als Nächstes wurde die politische Ökonomie Chiles im Einklang mit der “freien Marktwirtschaft” restrukturiert - will heißen, es kam zu staatlicher Protektion für die Reichen und brutaler Marktdisziplin für die Armen. Fabriken, Land, Minen und Fabriken - zum Nutzen der Öffentlichkeit unter öffentliche Leitung gestellt - wurden jetzt ihren “rechtmäßigen” Besitzern retourniert, “gerettet” im Interesse des noblen Ziels egoistischer kapitalistischer Profite - in Übereinstimmung mit dem Ratschlag mehrerer “Wirtschaftsexperten” der University of Chicago. Sie waren ins Land gekommen, um Milton Friedmans Wahnvorstellung zu verbreiten, Kapitalismus und Demokratie seien identische Phänomene. Die Folgen der neuen “Freiheit” und “Demokratie” - in sozio- ökonomischer Hinsicht waren sie gravierend. Während der ersten zehn Jahre der Pinochet-Herrschaft wurden zwar die Reichen reicher, aber der Prozentsatz der Chilenen unterhalb der offiziellen Armutsgrenze kletterte von 17% auf 40%. Damit verbunden eine massive Kürzung der Ausgaben im Gesundheitsbereich bzw. für Gesundheitsprogramme. Dies führte zu einer Explosion armutsspezifischer Krankheiten bei jenen, die am Fuß der immer steilereren chilenischen Pyramide lebten. Und wer diese Politik, die zu aristokratischen Verhältnissen führte, infrage stellte, riskierte, ermordet oder gefoltert zu werden - durch einen Fascho-Staat der “freien Marktwirtschaft”.

“In unserem eigenen besten Interesse”. Die Rettung Chiles vor der “Verantwortungslosigkeit” seiner eigenen Bevölkerung

Alles geschah mit Unterstützung und unter dem politischen Schutz der US-Powereliten - sie applaudierten. Als der amerikanische Botschafter in Chile sein Unbehagen bezüglich Pinochets Folterpraxis zum Ausdruck brachte, wurde er vom damaligen amerikanischen Außenminister Henry Kissinger scharf zurechtgewiesen. Verdeckte Aktionen der USA standen unter Kissingers Aufsicht, und Kissinger stellte sicher, dass der Botschafter nicht in die Serie “schwarzer Operationen” Anfang der 70ger involviert war. Für Kissinger und Präsident Richard Nixon spielten humanitäre Erwägungen keine Rolle. Im Kalten Krieg war es vorrangiges Ziel, den globalen Kapitalismus und Amerikas multinationale Konzern-Interessen vor dem Virus des “Marxismus” zu schützen. Präziser: Es ging darum, die virulente Idee zu vernichten, eine nationale Wirtschafts- und Sozialpolitik sollte und könnte mit egalitären und kollektiven Zielen und mit nationaler Selbstbestimmung in Einklang gebracht werden. Die meiste Angst scheint Kissinger davor gehabt zu haben, das Beispiel einer erfolgreichen links-demokratischen chilenischen Regierung könnte auf Italien abfärben - ein Land, in dem linke Parteien es schafften, innerhalb eines existenten parlamentarisch-politischen Systems stark zu werden. Als Nixon im Jahr 1970 von Allendes Wahl erfuhr, sagte er zu Kissinger und CIA-Direktor Richard Helms, die neugewählte Regierung Chiles sei “inakzeptabel”. Nixon wies die Stars seiner dunklen Außenpolitik an, eine Strategie zu entwickeln, damit Allende sein Amt nicht antrat. “Unkalkulierbare Risiken inbegriffen”, so Helms Notiz auf Nixons Anweisung. “Die Botschaft raushalten. $10 000 stehen bereit, wenn nötig, mehr. Vollzeit-Job - für die besten unserer Männer... Die Wirtschaft muss aufschreien. 48 Stunden Zeit für Aktionsplan”.

Kissinger sagte einmal, er sehe “keinen Grund”, warum die USA tatenlos zusehen sollten, wenn eine Nation “marxistisch wird”, nur weil “deren Volk verantwortungslos ist”. Zu dieser Einschätzung passt auch, dass Kissinger und die CIA zentral in Anstrengungen involviert waren, die Regierung Allende zu destabilisieren und zu stürzen. Dazu wurden verschiedendste Mittel eingesetzt - inklusive militärischer Gewalt. Die zentrale u. illegale Einmischung der USA in die inneren Angelegenheiten Chiles ist inzwischen umfangreich dokumentiert und wissenschaftlich festgehalten. Im Appendix dieses Artikels finden Sie eine Liste vieler diesbezüglicher Quellen. Ein Jahr nach jenem von den USA angestifteten Coup behauptete der neue US-Präsident Gerald Ford (ins Oval-Office gekommen dank einer Reihe “schwarzer” interner “Operationen” des Weißen Hauses, die im Heimatland des Imperiums unter dem Namen ‘Watergate’ berüchtigt wurden), die Handlungen der USA zur Installierung Pinochets seien “im besten Interesse des chilenischen Volks” gewesen “und ganz sicher in unserem eigenen besten Interesse”.

Der historische Bezug

Auf den Tag genau 28 Jahre nach Chiles 11. September wurde die Welt erneut Zeuge eines Akts unvorstellbarer Gewalt - eines anderen, noch spektakuläreren. Das nationale Fernsehen übertrug live, die zugrundegelegten ideologischen und geopolitischen Parameter waren andere. Mit ziemlicher Sicherheit waren in diesem Fall die Schuldigen in den Reihen extremistischer islamischer Terror-Netzwerke des Mittleren Ostens zu suchen. Aber es gibt ein paar sehr interessante, dunkle Gemeinsamkeiten zwischen den beiden 11/9-Ereignissen. Politik der USA war es, im mutmaßlichen Interesse multinationaler US-Konzerne und des Weltkapitalismus, Demokratie und soziale Gerechtigkeit zu verhindern, und dies galt nicht nur für Chile und auch nicht nur für die offizielle Ära des Kalten Kriegs (1945-1991). Es waren dieselben Grundziele wie beim US/Pinochet-Coup, wenn die USA antidemokratische Coups gegen andere (aus US-Sicht) extrem “linke” Regierungen unterstützten, in manchen Fällen auch selbst durchführten, (als extrem “linke” Regierung galt jeder Staat, der auf eigenem souveränem Territorium eine Entwicklung förderte, die signifikant autonom gegenüber dem von den USA dominierten weltkapitalistischen Wirtschaftssystem war): Syrien (1949), Iran (1953), Irak (1963), Indonesien (1965), Griechenland (1967). Den autoritären Regimen des Nahen/Mittleren Ostens andererseits wurde massive wirtschaftliche und militärische Unterstützung gewährt: Regime, die ihre demokratischen und linken Oppositionen unterdrückten und ihre heimischen Ökonomien ausländischen Konzernen - vor allem US-Konzernen - öffneten bzw. sie von ihnen dominieren ließen. Die USA bewaffneten Israel, sie führten Kriege, sie erzwangen eine tödliche, 10 Jahre währende Sanktionenkampagne gegen den Irak, sie stationierten Truppen im Heiligen Land des Islam, ohne Deadline, sie deckten Israels langfrististige rassistische Annexion palästinensischen Gebiets. Die USA finanzierten die extreme arabische Rechte, sie unterstützten erzreaktionäre islamische Extremisten wie Osama bin Laden - eine wertvolle Waffe in jenem Kalten Krieg, der der US-Kampagne zur Niederschlagung von nationaler Selbstbestimmung, von Demokratie und sozialer Gerechtigkeit in Ländern wie Iran, Vietnam, Nicaragua u. Chile als Vorwand diente. Es gelang den USA - während aber auch nach Ende des offiziellen Kalten Kriegs - weitgehend, die Linke auszulöschen, Demokratien zu unterhöhlen bzw. regionale Entwicklungen generell dem imperialen Zwang zu unterwerfen. Damit schufen sie im Nahen/Mittleren Osten eine Situation, in der wenig Raum blieb für einen “normalen” (d.h. westlichen bzw. parlamentaristischen) Umgang mit sozialen, politischen und damit verbundenen internationalen Problemstellungen in der Region. Dies führte zu Rückstoßeffekten oder ‘Blowbacks’ (interner CIA-Ausdruck für unbeabsichtige Nebenwirkungen der geheimen US-Außenpolitik). Der Blowback verlief von der Peripherie des Imperiums zum Himmel über New York City u. Washington D.C., zu den Straßen dieser Städte. So hatten in Washington im Jahr 1976 Handlanger Pinochets (die einem von der CIA gesponserten internationalen Killerteam mit dem Code-Namen “Operation Condor” angehörten) einen ehemaligen Allende-Anhänger und seinen US-amerikanischen Fahrer ermordet: Olando Letelier u. Randy Moffit. Wie gruselig logisch, dass George W. Bush ausgerechnet Kissinger - der eine führende Rolle im staatsterroristischen Akt von 11/09/73 spielte -, zum Vorsitzenden einer Kommission auf Bundesebene machen wollte, die sich mit den US-Sicherheitslücken im Vorfeld des 11/09/01 (ein Ereignis, das dem Staatsterrorismus der USA bzw. dem von ihnen gesponsertem Staatsterrorismus ganz neue Türen öffnen sollte) befasste.

Die würdigen und die unwürdigen Opfer des 11. September

Natürlich weiß nur ein geringer Teil der US-Bevölkerung über den chilenischen 11. September Bescheid. Und daran sind nicht nur offensichtliche Gründe - wie mangelnde Geografiekenntnisse, Zeitmangel oder Sprachprobleme - schuld. Ein in diesem Zusammenhang wichtiger, erklärender Text: das zweite Kapitel (‘Worthy and Unworthy Victims’) in Noam Chomskys u. Edward Hermans Buch: ‘Manufacturing Consent: The Political Economy of The Mass Media’ (New York, NY: Pantheon, 1988). Das Buch erschien zu einem Zeitpunkt, da sich der Kalte Krieg seinem partiellen Ende näherte - mit dem Kollaps der sowjetischen Abschreckung im Hinblick auf die Global-Ambitionen Amerikas (auch dies spielte für den 11. September 2001 eine Rolle). “Ein Propagandasystem”, so die Autoren, “wird Menschen, die in Feindstaaten misshandelt werden, immer als würdige Opfer darstellen, während jene, die von der Regierung des eigenen Landes oder von Klienten(-Staaten) in ebensolcher Weise oder noch schlimmer behandelt werden, unwürdig sind”. Pinochets Opfer wurden mit dem “Feind” identifiziert - dem Feind der USA im offiziellen Kalten Krieg. Dieser Feind hieß Sozialismus bzw. Marxismus: wirkliche soziale Gleichheit und nationale Selbstbestimmung (auch in der “Ära nach dem Kalten Krieg” waren sie die Hauptfeinde der US-Politik). Erst in neuester Zeit wird den Opfern Pinochets ein klein wenig historische Gerechtigkeit vonseiten der beherrschenden Konzern-Staats-Medien der USA zuteil. Diese geringfügige retrospektive Rehabilitierung kommt zudem viel zu spät - viele Jahre nach den furchtbaren Ereignissen. Und kein Vergleich zu der Würdigung, die jene offiziellsten und wertvollsten Opfer in der Geschichte der USA erfahren: Amerikaner, gestorben am einzigen 11. September, der Bedeutung hat für eine Nation, die durch die Geschichte gleitet wie durch einen gefährlichen Nebel selektiver und pervertierter Erinnerung.

Paul Street (pstreet@cul-chicago.org) spricht am Freitag, den 26. September 2003, 12.45 Uhr auf einer Konferenz mit dem Thema: “Is Our Media Serving Us?”) im Columbia College, Hokin Annex, 623 S. Wabash, Chicago, Illinois. Titel seines Vortrags: “State-Run Media”.

Appendix

Eine Quellenauswahl (Verstrickung der USA in den 11. Sept. 1973 bzw. damit in Verbindung stehende Entwicklungen in Chile):

- US Senate, Select Committee to Study Government Operations With Respect to Intelligence Activities, Covert Action in Chile, 1963-1973 (Washington DC: Government Printing Office, 1975)

- United States Congress, Select Committee to Study Government Operations With Respect to Intelligence Activities, Interim Report: Alleged Assassination Plots Involving Foreign Leaders, 94th Congress, 1st Session, November 10, 1975 (Washington DC: Government Printing Office, 1975)

- William Blum, ‘The CIA: A Forgotten History’ (London: Zed, 1986), S. 232-243;

- Seymour M. Hersh, “The Price of Power: Kissinger, Nixon, and Chile”, Atlantic Monthly, 250 (1982), no. 6, 21-58

- Poul Jensen, ‘The Garotte: The United States and Chile’, 1970-73 (Aarhus, Dänemark: Aarhus University Press, 1988)

- Christopher Hitchens, ‘The Trial of Henry Kissinger’ (New York, NY: Verso, 2001), S. 55-76 - “Why Is the U.S. Mum About Pinochet?”, CNN.com (25. Nov. 1998) http://www.cnn.com/WORLD/europe/9 811/25/pinochet.us/

- National Security Archives, The Chile Documentation Project (2000-2001)
< href="http://www.gwu.edu/~nsarchiv/latin_america/chile.htm" class="article">http://www.gwu.edu/~nsarchiv/latin_america/chile.htm

Orginalartikel: Remembering Chile's 9/11
Übersetzt von: Andrea Noll
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