Zum Internationalen Frauentag
von Judy Rebick
08.03.2003 — ZNet Sustainer Programm
Die Autorin Judy Rebick lehrt an der Ryerson-Universität von Toronto/Kanada 'Soziale Gerechtigkeit und Demokratie' (Sam Gindin Chair). Der vorliegende Artikel erschien erstmalig auf rabble.ca, Herausgeberin Judy Rebick (www.rabble.ca).
Eines von vielen Friedensprojekten, die momentan über den Globus fegen, ist das sogenannte 'Lysistrata-Projekt'* - es erinnert daran, Frauen-Widerstand gegen Krieg gibt es schon lange in der Menschheitsgeschichte. Einerseits gefällt mir die Wiederentdeckung dieser antiken Komödie - Frauen, die ihren Männern den Sex verweigern, weil diese in den Krieg ziehen -, andererseits wäre mir eine modernere Variante von Frauenwiderstand lieber gewesen. Oder wie wäre es mit dieser Geschichte: Frauen formieren sich zu einer globalen Armee der Gewaltlosigkeit, in allen Ländern erheben sie sich gegen die männlichen Machtinhaber? Wir kaufen nicht mehr bei ihnen ein, arbeiten nicht mehr für sie - innerhalb u. außerhalb unseres Heimes - wir umsorgen sie nicht mehr, verhalten uns nicht mehr, wie es sich gehört. Stattdessen koalieren wir mit jenen Männern (Koalition der Willigen), die ebenso genug haben von patriarchaler, kolonialistischer Gewalt als Treibstoff der Gesellschaft - Männer, die bereit sind, ihre Privilegien aufzugeben, um mitzumachen beim Kampf zur Beendigung dieser Situation. Erste Forderung: Händigt eure Massenvernichtungswaffen aus. Natürlich würde das in erste Linie George W. Bush betreffen. Aber auch in allen übrigen Staaten würden die Frauen die Zerstörung sämtlicher Großwaffen fordern - anschließend auch die Zerstörung der andern Waffen. Nächste Forderung: Alle Männer, die gewaltätig sind - sei es in den eigenen vier Wänden, am Arbeitsplatz, auf der Straße oder als Polizist bzw. Soldat - werden zu 'Terroristen' erklärt u. in volkseigenen Trainings-Centern umerzogen, um so von ihrer Gewalt loszukommen. Die Länder mit den größten Waffenarsenalen wären als erstes dran, aber die Forderungen stellen die Frauen - die Frauen jedes einzelnen Lands dieser Erde.
Mit Entwaffnung allein ist es jedoch nicht getan. Was wir brauchen, ist ein Regimewechsel. Lange genug haben sich die Männer an der Macht festgekrallt. Das kontinuierliche männliche Machtmonopol stellt die größte Bedrohung für den Weltfrieden überhaupt dar - und nicht nur für den Weltfrieden, auch für den Erhalt der Umwelt, ja letzten Endes für das planetare Überleben. Es gibt keine Alternative. Und es gibt für uns kein Nachgeben, bis sie nachgegeben haben u. zurückgetreten sind. Dann werden die Frauen das Ruder übernehmen. Seit den 60ger Jahren versucht die Frauenbewegung, das Patriarchat zu stürzen. Damals begriffen wir, die männliche Herrschaft über uns wird mittels deren wirtschaftlicher Dominanz in Kombination mit romantischen Liebesmythen u. dem Mythos von der männlichen Überlegenheit aufrechterhalten. Letzten Endes ist es aber so, dass Männer ihre Macht nur mit Hilfe von Gewalt sichern können - das heißt, durch die Androhung bzw. Praktizierung von Gewalt: die gleiche Art von Gewalt, die gleiche Art von wirtschaftlicher Dominanz kombiniert mit jenem Mythos rassischer Überlegenheit, die es damals europäischen Staaten möglich machten, Kolonien zu beherrschen bzw. diese Herrschaft abzusichern. Alle Herrschaft wurzelt in Gewalt u. Gewaltandrohung. Und das ist genau der Grund, weshalb 'Krieg' ein zutiefst feministisches Thema ist.
Hier in Kanada war die Friedensbewegung von jeher Teil der Frauenbewegung - und umgekehrt. Lange bevor die meisten von uns überhaupt geboren waren, haben sich Frauen wie Muriel Duckworth u. Ursula Franklin schon für den Frieden eingesetzt. Unbeirrbar gaben sie ihre Botschaft seither an neue Generationen weiter. 'The Voice of Women for Peace' (Stimme der Frauen für Frieden) war eine der Gründungsorganisationen des 'National Action Committee on the Status of Women', NAC (Nationales Aktionskomitee zum Status der Frauen). Forscher erachten 'The Voice of Women...' für die erste feministische Organisation - der Zweiten Generation - hier in Kanada. Gegründet wurde sie 1960 - zunächst eher Frauenorganisation - so Duckworth - denn feministische Organisation. Schließlich entsprach die damalige Situation der heutigen: Als Folge des Wettrüstens schien das Überleben des Planeten gefährdet. Die Frauen erhoben aber nicht nur ihre Stimmen, sie organisierten zum Beispiel auch Kampagnen für einen Stopp der Atomtests. Die feministischen 'Peaceniks' verweigerten sich dem Freund- Feind-Schema. So lud 'The Voice of Women...' beispielsweise im Jahr 1967 eine Delegation nordvietnamesischer Frauen auf Kanada-Tour ein. "Damals sah man sie ja als 'Feind'", so Duckworth heute. Aber 'The Voices of Women...' hatte erkannt, frau hatte mit den Frauen des Vietkong mehr gemein als mit der männlichen Administration in Washington, die Bomben auf die Menschen dieses Volks abwerfen ließ.
Auch im letzten Golfkrieg spielten Frauen eine Schlüsselrolle. Eine maßgebliche Organisatorin der damaligen 'Peace Caravan' (die Antikriegs-Proteste in ganz Kanada organisierte) war Yvonne Stanford aus Alberta. "Ich hoffe, die heutige Friedensbewegung kann auf dem aufbauen, was wir damals gemacht haben", sagt sie mir. In dieser Situation, in der die Völker der Welt gegen den Krieg aufstehen, sind die Stimmen der Feministinnen wichtiger denn je. Muriel Duckworth bringt es auf den Punkt: "Die Leute sind gegen diesen Irak-Krieg. Aber was ihnen noch klarwerden muss: der Krieg an sich muss ausgerottet werden". In Vancouver organisiert eine feministische Direkte-Aktion-Gruppe Antikriegs-Proteste überall in der Stadt. Vor einem Rekrutierungsbüro der Armee haben sie 'tote Babies' (Puppen natürlich) auf dem Bürgersteig ausgelegt. Aber leider dringt die feministische Stimme in den Antikriegs-Aktionen insgesamt noch zu wenig durch, sind die Frauen noch zu unsichtbar.
Der 8. März ist internationaler Frauentag (IWD). In Toronto lautet das Motto des diesjährigen IWD-Marsches: 'Frieden und Freiheit'. Auch in den weltweiten IWD-Aktivitäten fokussiert frau auf das Thema 'Frieden'. Nutzen wir daher den diesjährigen Frauentag u. feiern wir den jahrhundertealten Kampf der Frauen für Frieden u. gegen männliche Vorherrschaft. Und noch etwas: Sorgen wir dafür, dass die momentane Friedensbewegung zu einer anti-unterdrückerischen u. anti-dominanten Bewegung wird. Denn eines muss klar sein: Solange auch nur eine unserer Beziehungen auf Dominanz beruht, werden wir die extremste Form der Dominanz, die allen zugrundeliegende, nie besiegen können.
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Anmerkung d. Übersetzerin
*In der griechischen Komödie 'Lysistra' von Aristophanes geht es um die Athenerin Lysistra, die die Frauen Hellas zu einem Sexstreik mobilisiert, um so ihre Männer dazu zu bringen, den Krieg zu beenden.
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