Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Artikel Zum Tode von Joseph Rotblat
Artikelaktionen

Zum Tode von Joseph Rotblat

Die politische Rehabilitierung des Joseph Rotblat

von Lawrence S. Wittner

04.09.2005 — History News Network / ZNet

— abgelegt unter:
Joseph Rotblat starb am 31. August 2005 - hochgeachtet. Der Top-Atomwissenschaftler hat in seinem langen Leben viele Ehrungen empfangen. So hat ihn Großbritannien zum Ritter geschlagen. 1995 wurden er und (die von ihm mitbegründete Organisation) ‘Pugwash Conferences on Science and World Affairs’ mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Der Präsident der Pugwash-Konferenzen bezeichnet Rotblat als “überragende Figur auf der Suche nach Frieden in der Welt, der sein Leben der Aufgabe widmete, die Atomwaffen aus der Welt zu schaffen, um schließlich den Krieg selbst aus der Welt zu schaffen”.

Joseph Rotblats unermüdliches Ringen um atomare Abrüstung und Frieden erntete allerdings nicht immer soviel Beifall wie heute - eine Tatsache, die mir bei meinen beiden Interviews mit Rotblat bewusst wurde bzw. bei meinen Recherchen in ehemaligen Geheimdateien der britischen Regierung.

Geboren 1908 in Warschau zog es Rotblat 1939 nach Großbritannien. Zu diesem Zeitpunkt war Rotblat ein vielversprechender junger Physiker. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ging er in die USA. Er befürchtete, Nazi-Deutschland könnte die Atombombe bauen und beteiligte sich am sogenannten ‘Manhattan Projekt’ (amerikanische Atombombe), ein Programm, das - so hofften viele Wissenschaftler damals - die Deutschen von einem möglichen Atomkrieg abschrecken werde. Ende 1944 erfuhr Rotblat vom Scheitern des deutschen Atomwaffenprogramms. Er stieg aus dem ‘Manhattan Project’ aus und kehrte nach England zurück - um fortan gegen den Krieg zu arbeiten. Rotblat handelte aus humanitären Gründen - ein Entschluss, der ihm Konflikte mit den Behörden einbringen sollte. Kurze Zeit, nachdem er seiner US-Aufsichtsperson mitgeteilt hatte, er werde Los Alamos verlassen, beschuldigte ihn der amerikanische Geheimdienst der Spionage für die Sowjetunion. Die Anschuldigung entbehrte jeder Grundlage und wurde schließlich fallengelassen.

Nach Großbritannien zurückgekehrt widmete sich Rotblat zivilen Forschungsprojekten. In der Nachkriegszeit gründete er die ASA (Atomic Scientist Association). Einige der namhaftesten Wissenschaftler Großbritanniens traten der Organisation bei. Wie ihr Pendant, die amerikanische Federation of American Scientists, trat die ASA für Abrüstung und Rüstungskontrolle ein. Die Offiziellen der britischen Regierung - mehr daran interessiert, Atomwaffen zu bauen denn sie abzuschaffen -, waren von den ASA-Aktivitäten alles andere als begeistert. 1947/48 organisierte ASA den “Atomic Train”, um die britische Öffentlichkeit auf die Atomwaffengefahr (und auf den vermeintlichen Nutzen der friedlichen Nutzung der Atomenergie) aufmerksam zu machen. Der damalige britische Premier Clement Attlee sprach sich entschieden gegen eine Kooperation seiner Regierung mit dem Zug-Projekt aus. Im März 1948 machte der Atomzug in London Station. Rotblat lud den Premier zu einem Besuch ein. Auf Anraten des Außen- und des Verteidigungsministers lehnte Attlee Rotblats Angebot ab.

Auch während der 50ger Jahre blieb das Verhältnis zwischen Rotblat und der britischen Regierung gespannt. In dieser Zeit kooperierte Rotblat eng mit dem Philosophen Bertrand Russell. Am 9. Juli 1955 unterschrieb Rotblat das Russell-Einstein-Manifest. Darin werden die Nationen gewarnt - sollten sie ihre Atomkriegspläne weiter vorantreiben, werde dies die totale Zerstörung der Zivilisation zur Folge haben. Das alles führte zu den sogenannten “Pugwash-Konferenzen”* (benannt nach einem Ort im kanadischen Nova Scotia, wo das erste Treffen 1957 auf privatem Grund stattfand). Ziel der Pugwash-Konferenzen war es, Wissenschaftler beider Seiten des “Eisernen Vorhangs” an einen Tisch zu bringen, um ohne Polemik und in ernsthafter Atmosphäre über die existierende atomare Bedrohung zu diskutieren. Die Konferenzen waren low-key und wurden außerhalb der wissenschaftlichen Gemeinde kaum wahrgenommen. Dennoch standen die britischen Offiziellen den Pugwash-Konferenzen und insbesondere Joseph Rotblat (der die Organisationsarbeit zum größten Teil übernahm) äußerst misstrauisch gegenüber. 1959 wurde Rotblat Generalsekretär der Organisation.

Das britische Außenministerium war ursprünglich überzeugt, “die Kommunisten” würden versuchen, die Pugwash-Konferenz 1958 zu benutzen, um “die sowjetische Forderung nach einem Atomwaffenbann durchzusetzen”. Daher versuchte man, Skepsis gegenüber dem Projekt zu wecken. Aber nachdem Rotblat bei einem Mitglied der britischen Atomenergiebehörde, J.D. Cockcroft, angefragt hatte, wen man zu der Konferenz einladen könnte, entschieden Cockcroft und das Außenministerium, es sei die bessere Strategie, einfach auf der Welle mitzuschwimmen und einen verlässlichen Vertreter der Regierungsposition als Konferenzteilnehmer vorzuschlagen. Wie ein britischer Diplomat bemerkte, verlief die Konferenz “äußerst ruhig und aus unserer Sicht nicht ohne Erfolg”. Aber die Regierung blieb auf der Hut. Als Pläne für eine Pugwash-Konferenz in Wien bekannt wurden, warnte das britische Außenministerium, möglicherweise “wird diese aus unserer Sicht gefährlicher werden als ihre Vorgänger(-Konferenzen)”. Die kommunistischen Teilnehmer könnten “massiv Propaganda gegen Atomwaffen machen”. Hinzu komme, dass “Lord Russell und Professor Rotblat dem Organisationskomitee angehören”. Aus Sicht der britischen Regierung waren die Pugwash-Konferenzen kaum etwas anderes als “Treffen der kommunistischen Front”.

Mit der Zeit steigerte sich das Interesse der britischen Regierung an atomarer Rüstungskontrolle. Langsam begann sich die Politik zu ändern. Rotblat bot Cockcroft einen Platz im Beratungsgremium des britischen Pugwash-Komitees an. Cockcroft fragte beim Außenministerium nach. Dieses riet ihm zu - so könne er wenigstgens dazu beitragen, dass Pugwash nicht “für Propagandazwecke missbraucht” werde. Allerdings riet das Außenministerium Cockcroft davon ab, schon an der nächsten Pugwash-Konferenz 1960 in Moskau teilzunehmen. Im Laufe des Sommers änderte das Außenministerium seine Meinung wieder und drängte Cockcroft, politisch zuverlässige Wissenschaftler als Konferenzteilnehmer anzuwerben. Das Außenministerium wollte die Pugwash-Bewegung jetzt für seine Zwecke vereinnahmen. Als Reaktion auf eine entsprechende Anregung Cockcrofts vertrat ein Mitarbeiter des Außenministeriums folgende Meinung: “Es wäre sehr hilfreich, die Royal Society davon zu überzeugen, eine britische Teilnahme zu sponsern... falls dies zu einer Abwicklung des jetzigen Pugwash-Komitees führt”.

Aber die Übernahmepläne scheiterten. Die britische Regierung wollte die Themen für die Pugwash-Treffen mitbestimmen und dafür sorgen, dass weitere Regierungsoffizielle eingeladen werden. Sehr zum Ärger der Regierung legte sich Rotblat quer. Im Oktober 1963 beschwerte sich ein Mitarbeiter des Außenministeriums: “Die Schwierigkeit ist, wie bringen wir Prof. Rotblat dazu, auf unsere Gedanken einzugehen... Er ist zweifellos einer, der eifersüchtig auf seine Unabhängigkeit und wissenschaftliche Integrität bedacht ist”. “Es wäre daher vorrangig nötig, einen neuen Organisator für die britische Delegation” zu finden. “Aber ich weiß nicht, ob man darauf hoffen kann”.

Trotz der unterschwelligen Abneigung gegenüber dem unabhängigen und integeren Rotblat äußerte sich die britische Regierung jetzt positiv über die Pugwash-Konferenzen. So sagte ein Offizieller des britischen Verteidigungsministeriums im Januar 1962, Pugwash sei “inzwischen eine äußerst respektable Organisation”. Das Innenministerium allerdings hielt am alten Kurs fest und gab Anweisung, Pugwash wie ein “schmutziges Wort” zu behandeln. Das Außenministerium parierte, nein, die Pugwash-Bewegung sei inzwischen “offiziell abgesegnet”. Ein Mitarbeiter des Außenministeriums erklärte diesen Sinneswandel so: “Dieser Prozess, dass” sowjetische Experten, “ausgebildet werden, wird für uns nützlich sein”. “Auch von unseren eigenen Wissenschaftlern können wir einige nützliche Ideen aufgreifen... Es ist unwahrscheinlich, dass sie uns mit ihren Vorschlägen blamieren.” Letzter Punkt: “Falls jemals ein Durchbruch erzielt werden wird, wäre es durchaus denkbar, dass ihm eine Konferenz wie diese den Weg geebnet hat”.

Tatsächlich erfolgte dieser Durchbruch schon bald. Im Jahr 1963 kam ein Abkommen über ein teilweises Atomwaffentestverbot zustande - ein Abkommen zur Atomwaffenkontrolle, für das die Pugwash-Konferenzen eine Schlüsselrolle gespielt hatten. Jedenfalls hatte die britische Regierung keinen Zweifel an dieser Tatsache. 1964 erhielt der Pugwash-Organisator Joseph Rotblat die Auszeichnung CBE - Commander of the British Empire.

Das ist der Lauf der Welt: Heute ein gefährlicher Friedensketzer, morgen ein Held. Abraham Lincoln - hartnäckiger Kritiker des mexikanisch-amerikanischen Kriegs - wurde zum beliebtesten Präsidenten seines Landes. Oder denken wir an Robert LaFollette. Man erklärte ihn zum Schurken und verbrannte seine Puppe öffentlich, weil er gegen den Ersten Weltkrieg war. Später wurde LaFollette zum geachtetsten Senator seines Landes (USA). Martin Luther King Jr. - einst wegen seines Protests gegen den Vietnamkrieg verurteilt -, wird heute als großer Mann des Friedens verehrt.

In der heutigen Zeit, in der uns die Regierungen nie endende militärische Aufrüstung und Kriege verkünden, sollten sich Oppositionspolitiker vielleicht wieder dieses Phänomens bewusst werden.

Dr. Wittner ist Professor für Geschichte an der State University of New York/Albany. Der Titel seines aktuellen Buchs lautet: ‘Toward Nuclear Abolition: A History of the World Nuclear Disarmament Movement, 1971 to the Present’ (Stanford University Press). Erstabdruck des vorliegenden Artikels auf History News Network.

Anmerkung d. Übersetzerin

*weitere Informationen zu den Pugwash-Konferenzen unter http://de.wikipedia.org/wiki/Pugwash

Übersetzt von: Andrea Noll
Artikelaktionen