Abzug oder Dauerpräsenz? Mit Hunderten von Millionen baut das US-Militär die US-Stützpunkte im Irak weiter aus
.... zum Beispiel die Basis in Balad
von Jeremy Scahill
01.09.2010 — Democracy Now!
Einleitung: Sharif Abdel Kouddous
In seiner Ansprache am Dienstagabend aus dem Oval Office sagte Präsident Obama, die USA hätten Hunderte ihrer Basen geschlossen beziehungsweise an die Irakis übergeben. Doch viele der US-Stützpunkte im Irak werden weiter bestehen bleiben - ebenso wie die riesige US-Botschaft in Bagdad, die so groß ist wie 80 Football-Felder. Hier der Bericht ('Enduring Presence' (Dauerpräsenz)) der unabhängigen Journalistin Jacquie Soohen von 'Big Noise Films' (Erstausstrahlung auf Al Jazeera English in der Sendung: 'Empire)).
Sharif Abdel Kouddous:
Wenden wir uns nun Präsident Obamas Ansprache vom gestrigen Abend zu. Er sagte, die USA hätten Hunderte Stützpunkte geschlossen oder an die Irakis übergeben. Doch viele US-Basen im Irak werden bestehen bleiben - ebenso die riesige US-Botschaft in Bagdad, die so groß ist wie 80 Football-Felder.
Hier ein Bericht der Journalistin Jacquie Soohen von 'Big Noise Films' (Erstausstrahlung bei 'Empire'/Al Jazeera English):
(Einblendung)
Amerikanischer Soldat:
Wir gehen heim! Wir haben gesiegt! Es ist vorbei! Amerika (unverständlich), ich liebe dich! Ich liebe dich!
Jacquie Soohen:
Am 18. August - spät nachts - überquerte die 4th Stryker Brigade der US Army die Grenze nach Kuwait und feierte in aller Öffentlichkeit das offizielle Ende der Kampfeinsätze im Irak.
Amerikanischer Soldat:
Guter Job, Jungs! Zeit, zu gehen!
Jacquie Soohen:
Doch weitere 50 000 kampffähige US-Soldaten werden im Land bleiben; daher scheint die Besatzung alles andere als beendet.
Andrew Bacevich:
Die Obama-Administration wird darauf beharren, es handle sich um keine Kampfsoldaten mit einer Kampf-Mission. Doch wenn auf deinem Territorium 20 000, 30 000 oder 40 000 ausländische Soldaten stationiert sind.... Was wie Besatzung aussieht, wie Besatzung riecht und sich wie Besatzung anhört, ist, meiner Meinung nach, auch Besatzung.
Jacquie Soohen:
Das aktuelle Abkommen mit dem Irak über den Status der (amerikanischen) Streitkräfte, 'Status of Forces Agreement', sieht den vollständigen Abzug der Amerikas und ein Ende der Besatzung vor. Derweil planen das amerikanische Militär und das US-Außenministerium emsig an einer "Dauerpräsenz" (wie sie es nennen), denn das (oben erwähnte) Abkommen endet mit dem 31. Dezember 2011. Das (amerikanische) Militär investiert immer noch Hunderte von Millionen in seine Stützpunke - wie diesen hier, in Balad/Irak -, um deren Infrastruktur zu verbessern. Schwer vorstellbar, dass sie alles, was sie hier errichten, einfach im Stich lassen werden.
Colonel Sal Nodjomian:
Die Joint Base Balad (Stützpunkt Balad) umfasst circa 25,9 Quadratkilometer; das entspricht ungefähr 2600 Hektar. Zum Vergleich: Die Andrews Air Force Base, direkt vor Washington DC, ist um rund 20% kleiner. Dabei haben wir hier, in Balad, nicht mal Golfplätze. Das zeigt, wie groß die Sache ist. Rund 28 000 Menschen haben in der Joint Base Balad ihr Zuhause.
Es ist dieses hintere Zentrum - hinter den T-Mauern.
Jacquie Soohen:
Sal Nodjomian, ein Oberst der US Air Force, führt uns durch die Siedlung (auf dem Stützpunkt Balad), die einer kleinen amerikanischen Stadt entspricht. Hier gibt es alles - drei große Trainingshallen, mehrere Shopping-Center, ein Kino und Freizeitanlagen. 2003 gingen die Militärplaner, die die Anlage entwarfen, davon aus, dass der Luftwaffenstützpunkt Balad dauerhaft bestehen bleiben würde. Während überall im Irak kleinere USAußenposten geschlossen werden, wird Balad weiter ausgebaut. In Militärkreisen glauben manche nach wie vor, dass die US Air Force auch nach der Deadline 2012 hier bleiben wird.
Colonel Sal Nodjomian:
Unsere Führung denkt darüber nach, wie sie unsere Präsenz hier, im Irak,
reduzieren könnte. Doch was den Stützpunkt Balad betrifft, so ist häufig die Rede davon, dass er wohl eher zu den semi-permanenten bzw. strategischen Überwachungsbasen gehören wird, die bleiben.
Andrew Bacevich:
Ich vermute, die US-Regierung und die Regierung des Irak werden Wege finden, um das Versprechen, die US-Basen zu schließen, etwas zu "verfeinern". Wie Sie wissen, haben wir hier, in Großbritannien, seit einem halben Jahrhundert amerikanische Luftwaffenstützpunkte. Sie werden nur nicht "Stützpunkte der US Air Force" genannt, sondern "Stützpunkte der Royal Air Force" - obwohl sie doch der amerikanischen Air Force gehören, mit allem Drum und Dran. Es gilt also Wege zu finden - Wege, um eine Verpflichtung zu umgehen, die zunächst einmal luftdicht zu sein scheint.
Colonel Sal Nodjomian:
Falls ein Abkommen erzielt wird und die Iraker uns bitten zu bleiben oder uns einladen zu bleiben - in welcher Funktion auch immer (in einer Ausbilderfunktion oder in einer unterstützenden Funktion), so ist das machbar, dann wird das beschlossen.
Jacquie Soohen:
Es bleibt abzuwarten, ob in manchen dieser großen Stützpunkte weiterhin konventionelle US-Streitkräfte stationiert sein werden. Allerdings gibt es andere (amerikanische) Truppen, die definitiv vorhaben, auch nach der Deadline zu bleiben. Es handelt sich um 4500 Elite-Soldaten der 'Special Operation Forces'. Sie werden an der Ausbildung der Iraker beteiligt sein und bei Counterterrorismus-Missionen kooperierend mitwirken.
Brigadegeneral Simeon Trombitas:
Einige unserer Berater arbeiten mit den irakischen Counterterrorismus-Forces (INCTF) hier zusammenarbeiten - mit der gesamten (Kommando-)Kette.
Jacquie Soohen:
Brigadegeneral Simeon Trombitas zeigt uns eine Trainingsübung der irakischen Counterterror-Forces, mit denen seine Männer gemeinsam trainieren und arbeiten. Er sagt, (seine Leute) verbrächten die meisten Zeit am Tag Seite an Seite mit irakischen Offizieren.
Birgadegeneral Simeon Trombitas:
Überall auf der Welt - so auch in dieser Region - sind Sondereinsatzkräfte.... wissen Sie, wir Sondereinsatzkräfte sind etwas Besonderes, weil wir die Beziehungen zu ausländischen Einsatzkräften pflegen. Für eine gewissen Zeit arbeiten wir zusammen.
Jeremy Scahill:
Die USA werden weiter irakische Sondereinsatzkräfte ('Special Operations Forces') ausbilden. Im Grunde läuft es auf eine "Irakisierung" der amerikanischen Besatzung hinaus.
Brigadegeneral Simeon Trombitas:
Wissen Sie, wir pflegen diese Beziehungen, damit wir unsere Werte vermitteln können und auf Dauer aufrechterhalten. Und je länger wir zusammenarbeiten, desto mehr mögen sie uns.
Jeremy Scahill:
Das soll heißen, die USA können sagen, "wir haben im Irak keine militärische Besatzung" mehr", während gleichzeitig amerikanisches Militär effektiv Einsatzkräfte befehligt, die sich nur als "Eingeborene" verkleidet haben und im Grunde Hilfstruppen der USA sind.
Jacquie Soohen:
Zu den Tausenden von Sondereinsatzkräften für Spezialoperationen und einer unbekannten Zahl US-Air-Force-Personal soll noch eine Armee aus 7000 Söldnern hinzukommen, die das US-Außenministeriums anheuern will - so hat es bekanntgegeben. Sie sollen auf fünf der permanenten Posten im Irak verteilt werden.
Jeremy Scahill:
Ja, viele US-Soldaten werden das Land verlassen. Doch was wir gerade jetzt erleben ist, dass das US-Außenministerium eine Militarisierung seiner Operationen im Irak durchführt. Außenministerin Hillary Clinton hat die Verdopplung der Zahl bewaffneter privater Sicherheitskontraktoren im Irak beantragt und diesem Antrag auch noch einen Antrag des Pentagon zur Modernisierung seiner Militärausrüstung (Hubschrauber des Typs 'Black Hawk', Panzerfahrzeuge usw.) angeheftet. Was wir derzeit im Irak erleben, ist eine Besatzung in kleinerem Maßstab, die nur anders genannt wird. (Ende Einspielung)
Sharif Abdel Kouddous:
Das war ein Bericht von Jacquie Soohen von 'Big Noise Films'. Er enthielt u.a. Beiträge des unabhängigen Journalisten (und Korrespondenten für 'Democracy Now!) Jeremy Scahill.
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Im Irak läuft nichts anderes ab, als auch sonst auf der Welt, wo sich das Imperium einen Vasallen schafft. Wenn die Satrapen installiert sind, in der Regel der moralische Abschaum des jeweiligen Landes, wenn die Kollaborateure ihre Posten bezogen haben und an den Schalthebeln sitzen, dann ist das scheinheilig als Krieg bezeichnete Völkerrechtsverbrechen beendet und die Reedukationsprogramme kommen zum Einsatz.
Dann wird der sog. Krieg mit anderen Mitteln fortgesetzt.
Mittel, die ein ganzes Volk auslöschen können, psychisch, ein Völkermord der ganz besonders perfiden aber wirksamen Art.
Vor allem endet nun die direkte Verantwortung der Okkupanten für das Schicksal der Okkupierten und von nun an sind diese armen Kreaturen für ihr Elend selbst verantwortlich - jedenfalls nach dem Völkerrecht und der Haager Landkriegsordnung.
Der Irak befindet sich im Moment in etwa der Lage, in der sich das besetzte und zerschlagene Deutschland um 1949 herum befand, als man uns das Grundgesetz und den Überleitungsvertrag unter den Arm drückte und den deutschen Kollaborateuren das Weitere überließ.
Für einen älteren Deutschen ist jeder Schritt dieses Verbrechens gegen das Volk von Irak ganz leicht zu durchschauen, weil hier ein altbekanntes und sehr bewehrtes Muster abläuft. Das auch fast immer wieder mit dem selben Ergebnis endet.
In dem Bericht von J. Scahill sind alle Infos enthalten, die eine fortschreitende planmäßige und niemals endende Besetzung eines Landes schildern, nach dem deutschen Muster!
Wenn die Iraker auch so reagieren wie die Deutschen nach ihrer Unterwerfung, was sehr, sehr fraglich ist,dann laufen in diesem "Irak" nach 10 Jahren Iraker herum, die aber nur noch wie Iraker aussehen und keine mehr sind.
Iraker, die ihre Geschichte nicht mehr kennen und auch keine Ahnung von der einmaligen Kulturgeschichte ihres Volkes mehr haben, Iraker die mit größter Verachtung durch die Brille ihrer Unterdrücker auf die Geschichte ihres Volkes zurückblicken. Iraker, die glauben, dass ihre Geschichte mit dem Überfall ihrer "Befreier" auf ihr Land begann!
Der Friedensnobelpreisträger im Oval- Office macht alles richtig, genauso wie es zu erwarten war. Er wird die Macht der Finsternis, die in der Kulisse hinter ihm lauert, nicht enttäuschen!
Mr. Obama ist der lebende Beweis dafür, was man mit einer Demokratie alles machen kann, wenn man nur clever genug ist und vor allem die nötige Verschlagenheit und Niedertracht mitbringt!
C. Pichlo