Afghanistan: ein neues Kriegsjahr
von Norman Solomon
01.10.2009 — Counterpunch
Der Monat begann mit einem Bericht in der New York Times, in dem stand: "Der Präsident, der Vizepräsident und eine Reihe Generäle, Berater, Geheimdienstchefs, Diplomaten und Kabinettsmitglieder kamen am Mittwoch für drei Stunden in einem fensterlosen Raum im Weißen Haus zusammen, um über den neuen Kurs in Afghanistan zu beratschlagen".
Diesen Monat beginnt das neunte Jahr, in dem sich die USA in einem Krieg in Afghanistan engagieren. "Fensterlos" - eine Metapher, die gut zu passen scheint. Die Denkstrukturen und die Bandbreite der Optionen, über die in den höchsten Kreisen Washingtons diskutiert wird, sind bemerkenswert abgeschirmt. Der "neue Kurs" wird ein Abklatsch des bisherigen sein.
Während es an Sicherheit fehlt, ist eiserne Entschlossenheit offensichtlich.
Es gilt das unausgesprochene Mantra: "Im Zweifel - weiter töten". Die schwierige Frage ist allerdings: Wen exakt soll man töten und wie?
Die Nachrichten sind voller Berichten, wie man "Counterinsurgency" mit "Counterterrorismus" mixen könnte. Je deftiger der Jargon aus Washington, desto größer das Lob der aktuell Klügsten und besten Köpfe. Man pfeift - angesichts von Gräbern an fernen Orten, die sich mit Menschen füllen.
Nichts deutet darauf hin, dass das Weiße Haus einen Plan hat - angesichts der Pein in Afghanistan. Es ist eines der ärmsten Länder der Welt. Die USA bringen immer neue Geschenke: 1 Dollar für den Krieg, 1 Cent für alles andere - das ist die Devise.
Der Brief war ordentlich verfasst - mit blauer Tinte. "Ich habe genug und bin fertig", stand darin. "Meine Hoffnung ist, dass Sie, alle Unternehmer und alle Mitleidigen, meine respektvolle Bitte um Hilfe - um Gottes willen - erhören werden. Ich bin zertreten. Ich hoffe, Sie begreifen meine Situation".
"Ich heiße Sayed Ali - (und bin) aus dem Geresh-Distrikt in der Provinz Helmand". Seine Situation war wirklich verzweifelt. Er lebte in einem verdreckten Flüchtlingslager in Kabul.
Einige Augenblicke, nachdem er mir den Brief gegeben hatte, riss er ihn wieder aus meiner Hand. Er zügelte den Zorn, der in seinem Gesicht immer deutlicher wurde. Ein paschtunischer Wortschwall ergoss sich kaskadenartig. Der Übersetzer versuchte, Schritt zu halten.
Sayed Ali sagte, er habe seinen Brief schon anderen Offiziellen übergeben, doch nichts habe sich geändert. Monat für Monat lebt er in diesem Gott verlassenen Camp, das aus nicht viel mehr besteht als aus Gräben und improvisierten Zelten.
Zwei Wochen später - Mitte September - traf ich mich mit einigen wenigen Kongressabgeordneten und Leuten aus dem Stab des Kongresses, mit einigen der Progressivsten vom Kapitolshügel. Als ich auf das Thema 'Flüchtlinge in Kabul' zu sprechen kam, - viele sind heimatlos, weil die USA Südafghanistan bombardieren -, führte die Diskussion ins Leere.
Eine unausgesprochene Botschaft hing in der Luft: Verzweifelte Flüchtlinge sind etwas Normales in einem Krieg. So ist es nunmal.
Washington anerkennt das Leid und den schwärenden Zorn von Sayed Ali und anderen Flüchtlingen in dieser furchtbaren Situation nicht. Das unausgesprochene Kalkül Washingtons lautet: Wir sind denen praktisch nichts schuldig. Es geht um Prioritäten, wissen Sie.
Natürlich erscheinen viele Foto-Reportagen und Nachrichtenberichte über US-Hilfsprojekte. Sie werden im Tandem mit den Militäroperationen der US-Armee und der Marines umgesetzt. Doch die Summen, die für den Wiederaufbau in Afghanistan ausgegeben werden, sind lächerlich im Vergleich zu den Kriegsausgaben.
"Wir stützen uns auf moralische Prinzipien, wenn wir unsere Aktionen rechtfertigen, aber wir zerstören und vernichten eine alte, antiquierte Welt, die wir nicht begreifen", schrieb der pensionierte Armee-General und Autor Douglas Macgregor am 28. September in 'Defense News'. "Unsere Truppen sind keine Anthropologen oder Soziologen, es sind Soldaten und Marines, die geschickt wurden, um antiquierten Gesellschaften den Willen Amerikas aufzuzwingen. Das Resultat ist gegenseitiger Hass - nicht überall, aber an so vielen Orten, dass es ausreicht, um das zu füttern, was US-Militärführer als "Aufstand" bezeichnen..."
Heute ergehen sich Medien und Politiker in den USA darüber, man müsse in Afghanistan eben klüger und raffinierter vorgehen. Die Vorstellung, ein Land in Ordnung zu bringen, während man gleichzeitig Krieg führt, ist in Washington eine populäre Fantasie.
"Ich möchte nicht, dass Ausländer hier Straßen und große Gebäude für mich bauen, wenn ich in meinem Haus Blut aufwischen muss", sagte der Ladenbesitzer Haji Dawood Khan aus der Provinz Helmand Ende September zu einem Reporter der Financial Times. Die Zeitung zitierte zudem den Geschäftsmann Mohammad Karigar aus der Provinz Kandahar mit den Worten: "Je mehr ausländische Truppen, desto mehr werden sie von den Menschen gehasst".
Wenige Politiker und Journalisten in Washington erwähnen die Tatsache, dass 90% der aktuellen Ausgaben der US-Regierung für Afghanistan für militärische Operationen bestimmt sind.
Viel Geld wurde ausgegeben, um Sayed Alis Nachbarschaft in Helmand zu bombardieren. Wenn es darum geht, seine aktuelle Verzweiflung zu lindern, ist indes kein Geld da.
Sayed Ali spricht stellvertretend für zahllose Menschen. "Ich bitte Sie respektvoll um Hilfe - um Gottes willen".
Mehr als acht Monate sind vergangen, seit Obama seine Amtseinführungrede hielt, in der er zu den Regierungschefs anderer Länder sagte: "Ihr sollt wissen, dass eure Völker euch danach beurteilen werden, was ihr aufbauen konntet, nicht, was ihr abreißt". Auch Präsident Obama wird danach beurteilt werden.
Norman Solomons neues Buch heißt: 'Made Love, Got War'
Twitter
RSS Feed
