Al-Schabab in Somalia
Handelt es sich um eine somalische oder um eine globale Bewegung?
von Nir Rosen
30.08.2010 — Time / ZCommunications
Als die somalische Miliz al-Schabab die Verantwortung für den Selbstmordanschlag in Uganda übernahm, bei dem 76 Menschen starben, während sie Fußball schauten, meinten die Medien, es handle sich um einen Al-Kaida-Anschlag auf die Fußballweltmeisterschaft. Diese Interpretation war natürlich falsch. Sie illustriert jedoch etliche der Probleme, die entstehen, wenn man das Raster des 'Kriegs gegen den Terror' auf Somalia anwendet und entsprechend reagiert bzw. entsprechende Sichtweisen entwickelt.
Sicherlich gibt es eine Beziehung zwischen al-Schabab und al-Kaida. Doch al-Schabab ist eine unabhängige Organisation. Das Motiv für die Selbstmordbomben von Kampala hängt mit al-Schababs Kampf gegen die kontinuierlichen Militärinterventionen in Somalia zusammen und nicht mit irgendeiner globalen Dschihad-Agenda. In erster Linie galt der Anschlag Uganda, denn Uganda ist eine Schlüsselkomponente bei der Mission der 'Afrikanischen Union' (A.U.) in Somalia. Mit dieser Mission versucht die A.U., die belagerten verbliebenen Mitglieder der somalischen Regierung zu stützen - eine Regierung, die allgemein als korrupt, gierig, ineffizient und illegitim gilt. Für al-Schabab handelt es sich um ein Regime, das von außen aufgezwungen wurde. Doch im Grunde ist es noch nicht einmal ein 'Regime', sondern nur noch eine Gruppe, die den Flughafen und den Präsidentenpalast kontrolliert - geschützt durch ugandische Waffen.
Der Grund für al-Schababs Popularität in Somalia hat ihre Wurzeln in der tiefgreifenden Ablehnung der dortigen Öffentlichkeit gegenüber ausländischen Interventionen: Zwischen 2006 und 2009 fand - mit Unterstützung der USA - ein äthiopischer Einmarsch statt; anschließend marschierten die Streitkräfte der A.U. ein und sollten für Frieden sorgen. Äthiopische Kampfflugzeuge flogen Operationen über Mogadischu - inklusive schwerer Angriffe auf zivile Viertel. Danach kehrten sie zum Flughafen zurück, der von den Truppen der A.U. kontrolliert wurde/wird. In den Augen vieler Somalis handelt es sich um ein- und dieselbe Streitmacht. Die Somalier lachen nur über die Behauptung Ugandas, die ugandischen Soldaten seien Peacekeeper, denn diese Truppen stehen im Bürgerkrieg eindeutig aufseiten der Reste des alten Regimes. Einen Tag nach den Bomben auf die Fußballfans in Uganda bombardierte die A.U. zivile Viertel in Mogadischu. es war schlimmer als üblich. Insgesamt starben in der Hauptstadt in diesem Juli 200 Zivilisten durch Granatbeschuss der A.U.,
Das erklärte Motiv für die Bomben von Uganda heißt Rache für den Tod Tausender somalischer Zivilisten, die von der A.U. getötet worden seien. Ein weiterer Grund dürfte die Frustration al-Schababs über den eigenen Stillstand sein. Zwar ist al-Schabab stark genug, die so genannte Regierung lahmzulegen, aber es ist al-Schabab derzeit noch nicht möglich, an die Macht zu kommen oder auch nur eine der ugandischen Stellungen zu überrennen.
Der Grund hierfür ist die ausgeprägte militärische Schwäche der Al-Schabab. Die Organisation ist weit davon entfernt, ein ausgeklügeltes Dschihadisten-Netzwerk zu bilden. Al-Schabab ist eine Gruppe aus hochmotivierten Kämpfern und kriminellen Banden, die in Entführungen verwickelt sind. Zwar ist das Operationsgebiet der Organisation größer als das aller anderen in Somalia. Andererseits kontrolliert al-Schabab nur einen kleinen Teil dieser Gebiete wirklich. Immer wieder kommt es vor, dass al-Schabab von rivalisierenden islamistischen Milizen besiegt wird. Der Führung der Organisation dürfte bewusst sein, dass sie die Unterstützung und Popularität im Volk einbüßen wird, falls sie in Somalia zivile Ziele angreift. Einige Clans in Zentral-Somalia haben al-Schabab vor kurzem aus ihrem Stammesgebiet verbannt, und dass al-Schabab in anderen Stammesgebieten Präsens zeigt, sollte nicht mit Kontrolle über diese Gebiete verwechselt werden.
Vielleicht sieht sich al-Schabab mittlerweile gezwungen, sich neue Ziele - jenseits von Somalia - zu suchen. Was die Kontrolle über Somalia angeht, so ist die Organisation an ihre Grenzen gestoßen. Sehr wahrscheinlich plant sie Anschläge in Äthiopien, Dschibuti und Kenia - möglicherweise in Form von Racheakten für die schlechte Behandlung, die Exil-Somalier in diesen Ländern erfahren haben. Doch auch die Möglichkeiten der Organisation, den Kampf ins Ausland zu tragen, sind begrenzt. Hinzu kommt, dass die Disziplin innerhalb der Organisation zu wünschen übrig lässt. 2008 - auf dem Höhepunkt der Kämpfe gegen die Äthiopier - war es einer Untergruppe von al-Schabab nicht möglich, die Sicherheit ausländischer Journalisten gegenüber anderen Untergruppen der Organisation zu gewährleisten.
Sicherlich kämpfen auch ausländische Kombatanten in den Reihen von al-Schabab mit. Einige somalische Führer der Organisation verdienten sich ihre Streifen als Freiwillige im Afghanistankrieg. Manche Schabab-Mitglieder sehen sich als Teil der Bewegung von Osama bin Laden. Sie nehmen jedoch keine Befehle von dieser Seite entgegen. Einer der Hauptgründe, weshalb sich al-Schabab der al-Kaida verbunden sieht, hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass al-Schabab die arabischen Geldgeber der al-Kaida anlocken will. (Umgekehrt benutzen die lokalen Feinde al-Schababs das Argument des 'Counterterrorismus', um westliche Unterstützung zu erhalten.) Doch selbst auf diesem Gebiet hat al-Schabab so ihre Probleme, da die islamistischen Konkurrenten von al-Schabab in den salafistischen Kreisen im Ausland bekannter sind und einen besseren Ruf genießen.
Bestimmt glauben Einige in den Reihen von al-Schabab, sie kämpften für Gott und Ruhm (das tun amerikanische Soldaten schließlich auch). Die Führung der Organisation jedoch ist pragmatischer und interessiert sich mehr für Innenpolitik. Die Schabab-Führung besteht ausschließlich aus Somaliern - die unterschiedlichen Clans angehören. Um im somalischen Chaos überleben zu können, musste sich al-Schabab äußerst geschickt verhalten, und verschiedene Stammeskonflikte zu ihren Gunsten nutzen. Die Somalis definieren sich in erster Linie über ihren Stamm. Westliche Politiker mögen den Somalia-Konflikt als einen Krieg zwischen islamistischen Somaliern und gemäßigten Somaliern bewerten, in Wirklichkeit ist die Sache weit komplizierter. Es geht um komplexe Rivalitäten zwischen verschiedenen Stämmen, zwischen Händlern, Bauern und Herdenbesitzern. Es geht um Themen wie Verlust von Besitz, Furcht vor Verlust der Bürgerrechte, um Zugang zu Geldquellen, um soziale Ungleichheit und politische Macht. Es geht um vieles - nur nicht um den Dschihad.
Doch al-Schabab muss vorsichtig sein (obwohl der Islam mancherorts schon in Konkurrenz zu den Vertrauensmechanismen der Stammesbeziehungen zu treten beginnt). Manche Clan-Führer tolerieren die Anwesenheit al-Schababs auf ihrem Gebiet - nicht etwa, weil sie mit ihren Zielen einverstanden sind, sondern um der Regierung zu demonstrieren, wie unzufrieden sie mit der offiziellen Ressourcenverteilung oder mit (ihrer) politischen Stellung sind. Würden sich alle Stammesführer gegen al-Schabab wenden, so wäre die Organisation nichts weiter als eine kleine Dschihadisten-Gruppe, die eine harte Linie fährt, sich aber in keinem Landesteil durchsetzen könnte.
Ironischer Weise war al-Schabah früher die Jugendriege jenes islamischen Regimes, das sich für kurze Zeit in Somalia hielt. Dieses Regime wollte die Herrschaft der Warlords und der Clans überwinden. Heute müssen sich die (Nachfolger) dieser Regierung einen Weg durch die verschiedenen Gruppen und deren Aktionen bahnen. Es ist ein Balanceakt. Ein somalischer Stamm hat mehr als einen Führer: Der Machteinfluss verteilt sich auf mehrere Älteste, Geschäftsleute, Militärführer und andere Personen. Wird ein prominentes Mitglied eines Stammes zu einflussreich, spaltet sich der Stamm, und es kommt zu Rivalitäten. Das sorgfältig ausbalancierte Gleichgewicht der Zielsetzungen gerät aus den Fugen. Bis jetzt scheint sich al-Schabab nur auf kleinere Clans verlassen zu können bzw. auf schwache Clans mit Problemen.
All diese Faktoren sind äußerst somalisch. Sie zeigen, dass es problematisch ist, 'Somalia' als einen Konflikt zwischen Moderaten und Dschihadisten zu interpretieren. Doch al-Schabab erhält tatsächlich Unterstützung von außen, nämlich aus Eritrea - einem dezidiert säkularen Staat. Eritrea spielt eine Rolle, da es der Todfeind Äthiopiens ist. Hinzu kommt eine weitere Einnahmequelle aus dem Ausland (neben ausländischen Regierungen und Organisationen): Einige Leute aus der somalischen Diaspora gehören zu den größten ausländischen Spendern für al-Schabab. Sie unterstützen al-Schabab allerdings nicht, weil sich diese Organisation wie al- Kaida aufführt, sondern weil die Mitglieder von al-Schabab häufig Angehörige dieser Exilanten sind: Cousins, Freunde, Stammesbrüder.
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