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Arbeiterbesetzungen und Dominoeffekt

Fabrikbesetzungen in Argentinien und Chicago

von Marie Trigona

10.12.2008 — ZNet

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Viele Menschen werden von der Besetzung der Fabrik Republic Windows & Doors in Chicago am 5. Dezember wohl überrascht sein. Doch in den Arbeitern Amerikas, die einer äußerst düstere wirtschaftliche Zukunft entgegenblicken, löst der Sitzstreik von Chicago einen Funken aus. Diese Arbeiter haben genug von Bürgschaften für Konzerne und verlorenen Jobs. Mitten in einer massiven Finanzkrise - mit vielen Entlassungen und einer Rezession, die immer tiefer dringt -, bleiben den Arbeitern kaum Alternativen zu 'direkten Aktionen', um ihre Rechte zu verteidigen.

In Chicago hat eine Gruppe Arbeiter beschlossen, ihre Fabrik zu besetzen. Sie verlangen eine Abfindung und Sozialleistungen. Ihnen war überraschend gekündigt worden. Es geht um die Fabrik Republic Windows & Doors. 50 Arbeiter wechseln sich in einem Sitzstreik ab: Sie sitzen entweder entschlossen auf ihren Faltstühlen oder kümmern sich um die stillgelegten Maschinen. Draußen schwenken Unterstützer und Gewerkschaftsgenossen Solidaritätstransparente für den Chicagoer Sitzstreik: 'Bank of Amerika bekommt Bürgschaft, Arbeiter werden verkauft'.

Die Arbeiter der Firma Republic Windows & Doors setzen ein beispielhaftes Zeichen für Millionen, die in Amerikas aktueller Rezession ihre Arbeitsplätze verlieren. Sie sind die Stimme der Arbeiter, die die geplanten Notfallbürgschaften für die Wall Street als unfair empfinden, als ultimativen Schmerz, der dem arbeitenden Amerika zugefügt wird. Die Bank of America zählt zu den Gewinnern der Wall Street. Die BoA ist die zweitgrößte Bank der USA und Hauptprofiteur der geplanten Bankbürgschaften der US-Regierung. Die BoA weigerte sich, der Firma Republic Windows & Doors einen Kredit über 1,5 Millionen Dollar zu gewähren, mit der die Firma Urlaubsgelder und eine Abfindung für die Mitarbeiter finanzieren wollte, auf die die Arbeiter ein Anrecht haben.

"Millonen von Arbeitern in den USA wird der Job entrissen oder sie arbeiten kurz. Die meisten werden von der Geschäftsleitung einfach unter den Teppich gekehrt", sagt Daniel Gross, Organisator des internationalen Gewerkschaftsbundes der Metaller: Industrial Workers of the World. In den USA gingen dieses Jahr bislang 1,9 Millionen Jobs verloren - die höchste Rate seit 15 Jahren. Und die Wirtschaft zeigt keine Anzeichen, dass sie sich in den kommenden Monaten erholt. Die unfairen Entlassungen und faulen Bürgschaften könnten der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Gross: "Den Arbeiter von Republic Windows & Doors wäre es nicht anders ergangen. Stattdessen unternahmen sie den sehr einfachen, eleganten Schritt zu Sitzstreik und einer Fabrikbesetzung".

Fabrikbesetzungen durch Arbeiter - als Arbeiterselbstverteidigungsstrategie - sind seit Beginn der Industriellen Revolution bekannt, als Mittel, um sich gegen schreckliche Arbeitsbedingungen, unsichere Arbeitsplätze oder Entlassungen zu wehren. Aber in Lateinamerika setzen Arbeiter das Mittel 'Fabrikbesetzung' nicht nur ein, um ihren Forderungen Gehör zu verschaffen, sondern auch, um Selbstverwaltung zu praktizieren.

Vor 8 Jahren erlebten die argentischen Arbeiter eine vergleichbaren Krise. Im Dezember 2001 befand sich Argentinien in der schlimmsten Finanzkrise seiner Geschichte. Steigende Arbeitslosigkeit, Kapitalflucht und der Zusammenbruch der Industrie - auf diesem Hintergrund fanden die Fabrikübernahmen (durch Arbeiter) statt. Die Arbeitslosigkeit erreichte Rekordhöhen - mit einer Arbeitslosenrate von über 20%. Weitere 40% der Bevölkerung konnten keine angemessene Beschäftigung finden. Folge: Mehrere hundert Fabriken und Geschäfte wurden von ihren Mitarbeitern besetzt. In den meisten Fällen erfolgte die Besetzung wegen nicht gezahlter Löhne, für eine Abfindung, für Sozialversicherungsbeiträge oder lang ausstehende Urlaubsansprüche. In vielen Fällen wollte man mit der Besetzung sicherstellen, dass die Fabrikbesitzer den Maschinenpark und das Lager nicht plünderten, um diese Werte später zu veräußern. Doch mehr und mehr nahm die Forderung der Arbeiter nach Sicherung ihrer Arbeitsplätze zu. Sie hatten wenig Hoffnung, dass ihre Bosse jemals zurückkehren würden, um die Schulden, die sie bei ihren Mitarbeitern hatten, zu begleichen. So entwickelten die Arbeiter einen Plan, um die Produktion neu zu starten - ohne Boss oder dergleichen.

Mehr als 10 000 Menschen arbeiten heute in einer der 200 von Arbeitern besetzten Fabriken Argentiniens. Viele der wiederangeeigneten Fabriken sind allerdings von Räumung bedroht. Die Arbeiter der besetzten argentinischen Fabriken sagen oft, sie hätten erreicht, was den Bossen egal ist: Arbeitsplätze schaffen und im Sinne der Gemeinde produzieren.

Angesichts der aktuellen Wirtschaftskrise in den USA fragen sich viele argentinischen Arbeiter ohne Bosse, wann die amerikanischen Arbeiter in ihre Fußstapfen treten werden. Auf einer Panel-Tagung über wiederangeeignete Betriebe, die im November stattfand, fragte Ernesto Gonzalez, der im Druckhaus Chilavert arbeitet, das von den Mitarbeitern geleitet wird: "Stellt euch vor, General Motors in Detroit käme unter Arbeiterkontrolle... wir könnten die Welt verändern. Warum nicht - wenn es hier, am andern Ende der Welt, möglich ist?"

Die Vorstellung, dass Amerikas Autofarbriken in Detroit als Arbeiterkooperativen produzieren, scheint ein verrückter Traum zu sein. Aber für Gonzalez, der bei Chilavert arbeitet, ist ein solcher Traum Realität. Chilavert ist ein Druckhaus in Buenos Aires, das von seinen Mitarbeitern besetzt wurde. 2001, während der Finanzkrise in den südamerikanischen Staaten, hielt Gonzalez seinen Arbeitsplatz besetzt und kämpfte. Er und seine Kollegen sind heute mit ihrem Projekt rechtlich anerkannt.

Aber Buenos Aires ist nicht Detroit. In Detroit wartet der Autohersteller General Motors gierig auf eine 15-Milliarden-Notfallbürgschaft. In Chicago halten Arbeiter ihre Fabrik besetzt. Chicago kann auf die Tradition des Haymarket und der Haymarket-Märtyrer zurückblicken und auf eine Tradition der radikalen Gewerkschaftsorganisierung. Die Besetzung der Republic of Windows & Doors ist die erste Fabrikbesetzung in den USA seit den Sitzstreiks in den 30ger Jahren.

Die Besetzung der Fabrik in Chicago und die argentinischen Fabrikübernahmen durch Mitarbeiter haben etwas gemeinsam: Beidesmal geht es um eine Strategie, mit der Arbeiter ihre Rechte verteidigen und über ihr eigenes Schicksal entscheiden können. Harte Zeiten erfordern verzweifelte Maßnahmen. Die Arbeiter in den USA stehen endlich auf. "Das Resultat (des Sitzstreiks in Chicago) ist elektrisierend", so Gross. "Im ganzen Land bekunden Arbeiter ihre Solidarität, und die Ideen werden auf die eigene Arbeitsplatzsituation übertragen". Und es ist ein Zeichen, dass die Zeiten sich ändern, wenn sogar der neugewählte Präsident Obama seine Unterstützung für die Arbeiter der Chicagoer Fabrik verbal bekundet.

Währenddessen sehen sich in Argentinien einige der erfolgreichsten Beispiele für Arbeiterselbstverwaltung mit ernsthaften juristischen Problemen konfrontiert. Viele der wiederangeeigneten Betriebe sind von Räumung bedroht. Die lokalen Verwaltungen sowie die Nationalregierung sind gegen Gesetze für Arbeiterselbstverwaltung. Ein Beispiel ist das Hotel BAUEN. Das Hotel hat 19 Stockwerke und 180 Zimmer. Es ist wieder in Betrieb, seit die Mitarbeiter es 2003 übernommen haben. Im vergangenen Jahr verhängte ein Bundesrichter ein Räumungsurteil gegem die BAUEN-Kooperative. Ein nationales Enteignungsgesetz wäre vielleicht die letzte juristische Chance für die Kooperative, und selbst dann besteht immer noch das Räumungsurteil.

Fabio Resino, ein Mitarbeiter der BAUEN-Kooperative glaubt, Ängste vor einer Arbeitslosigkeit, könnten der Weigerung der argentinischen Regierung, die von Arbeitern besetzten Fabriken zu unterstützen, weiteren Zündstoff geben. Die sich verschärfende globale Krise reißt Argentinien mit in die Spirale. "BAUENs Situation ist kein isolierter Prozess. Es ist ein Angriff, um einen Prozess zu stoppen, der 2001 begann, als die Arbeiter die Betriebe übernahmen, die von ihren ehemaligen Bossen leergeräumt wurden. Heute ist ein sehr kritischer Moment für das Land. Die globale Krise kann (in Argentinien) zu Fabrikschließungen und Massenentlassungen führen, wir wir das schon erlebt haben. Für Viele an der Macht ist es nicht angenehm, ein Beispiel für einen Betrieb zu haben, der wiederangeeignet wurde; daher wird die Wiederaneignung der Betriebe und die Arbeiterselbstverwaltung attackiert", sagt er.

Die argentinischen Arbeiter, die ihre Fabriken besetzt haben, setzten damit Ideen erfolgreich in die Praxis um, die die Logik des Kapitalismus in direkter Weise herausfordern: besetzen, Widerstand leisten, produzieren. Sie schufen demokratische Arbeitsplätze, Gemeindeprojekte und Netzwerke der Solidarität mit sozialen Bewegungen rund um die Welt. Am wichtigsten ist jedoch, dass sie das kapitalistische Modell - Profit vor Menschen (profit over people) - infrage stellen. Dies könnte der Schlüssel sein, um die Frage zu beantworten, weshalb Argentiniens Regierung die vielen existierenden Fabriken und Betriebe in Arbeiterselbstverwaltung nicht unterstützen will.

Viele Kollegen ziehen eine Parallele zwischen dem Sitzstreik in der Chicagoer Fabrik und dem Arbeiteraufstand in Argentinien. "Obgleich die Besetzung durch die Arbeiter der Republic Windows & Doors in vielen Aspekten anders ist als die Beispiele von Arbeiterbesetzungen in Argentinien, lohnt es sich, über die erstaunlich vergleichbare Situation nachzudenken, in der sich Arbeiter in beiden Ländern wiederfinden und darüber, wie sie dagegen ankämpfen", schreibt Ben Dangl, Redakteur von www.Upsidedownworld.org in einem aktuellen Artikel.* Dangl hat Recht, wenn er schreibt, dass der unerwartete Entschluss der Arbeiter von Republic Windows & Doors, ihren Betrieb zu besetzen, Arbeiter auf der ganzen Welt inspirieren könnte, ihre Forderungen zu artikulieren.

Der Sitzstreik in der Chicagoer Fabrik ist nicht nur ein Lichtblick in harter Zeit. Er zeigt eine Strategie, um die Wende von Grund auf aufzubauen. Könnte die Besetzung in Chicago einen Dominoeffekt haben? Die argentinischen Fabriken und Betriebe bieten einen Zukunftsblick in eine Welt, die diesen Dominoeffekt in großem Stil umsetzt. Wie würde sie aussehen? Diese Welt wäre ein Ort ohne Bosse, ohne Hierarchie, ohne Unterdrückung und Ausbeutung. Wer weiß - vielleicht handelt es sich bei der Besetzung in Chicago und den Arbeiterselbstverwaltungen in Argentinien um Zeichen, dass die Welt bereit ist für die Realisierung utopischer Träume.

Marie Trigona ist Autorin, Radiomacherin und Filmerin. Sie lebt in Buenos Aires. Sie erreichen Sie unter mtrigona@msn.com Für weitere Information zu den argentinischen Modellen der Selbstverwaltung siehe www.agoratv.org

Anmerkung d. Übersetzerin

* Der hier angesprochene Artikel ist auch auf der internationalen ZNet-Seite erschienen: 'Workers Occupy Chicago Factory' von Ben Dangl www.zmag.org/znet/viewArticle/19897

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Übersetzt von: Andrea Noll
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