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Argentinien: Interview mit einer der Mütter von der Plaza de Mayo

Ex-Diktator Jorge Videla zu lebenslanger Haft verurteilt

von Amy Goodman

23.12.2010 — Democracy Now!

 

Unser Gast:

 Hebe De Bonifini ist eine der Gründerinnen von 'Mütter der Plaza de Mayo'; in dieser Organisation schlossen sich viele Mütter von Personen zusammen, die während der argentinischen Militärdiktatur "verschwanden".

 

Der einstige argentinische Diktator Jorge Videla wurde Anfang dieser Woche zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Der 85jährige ehemalige Armeegeneral regierte Argentinien in den 70ger und 80ger Jahre, in der Zeit der so genannten "dreckigen Kriege".

 

Im vergangenen November hatte ich Gelegenheit, mit Hebe De Bonfini in Buenos Aires zu sprechen. Damals nahm Democracy Now! in Argentinien an der Konferenz 10th World Association of Community Radio Broadcasters teil. An diesem alljährlichen Treffen beteiligen sich Hunderte Community-Radiosender aus aller Welt.

 

Ich danke Andrés Conteris, der dieses Interview mit Hebe De Bonafini (ins Englische) übersetzt hat.

 

Amy Goodman:

Bitte beginnen Sie, indem Sie uns Ihren Namen nennen und den Namen der Organisation, der Sie angehören. Was wollen Sie in Argentinien erreichen?

 

Hebe De Bonafini (übersetzt):

Mein Name ist Hebe. Ich bin die Präsidenten der 'Mütter der Plaza de Mayo'. Was wir hier, in Argentinien, tun? Abgesehen von den Verfahren (gegen Jorge Videla und andere ehemalige Juntamitglieder), mit denen sich unsere Anwälte befassen, versuchen wir, Argentinien neu aufzubauen - es zu dem Land zu machen, von dem unsere Kinder geträumt haben. Wir setzen uns für den Bau von Häusern und Schulen ein und versuchen, die vernachlässigten Viertel lebenswert zu machen. Wir versuchen, Menschen, die zu Außenseitern gemacht wurden, in Arbeit zu bringen. Ihre Familien hatten vielleicht schon seit zwei oder drei Generationen keine Arbeit mehr. Sie haben in Kartons gelebt oder hielten sich durch Diebstähle über Wasser. Wir gehen in die Dörfer und bilden sie aus. Anschließend bauen sie ihre Häuser in Eigenbau. Allerdings machen wir es nur unter der Bedingung, dass sie sich weiterbilden und ihre Grund- und Volksschulausbildung zu Ende bringen. Wir organisieren auch Lebensmittelausgaben, wo wir den Hungernden Lebensmittel geben. Wir zeigen, wie man Häuser baut. Wir zeigen, wie man eine Gesundheitsstation oder ein Hospital auf die Beine stellt. Diese Menschen haben in kaputten Unterkünften aus Blech gehaust. Wir haben anständige Wohnungen gebaut - die netter und anständiger aussehen als mein eigenes Haus. Früher lebten sie im Dreck. Wir haben ihnen diese Häuser - vollmöbliert - gegeben.

 

Amy Goodman:

Können Sie uns etwas über Ihre eigene, ganz persönliche Geschichte erzählen - wie Sie, nun, wie Sie die 'Mütter der Plaza de Mayo' gegründet haben?

 

Hebe De Bonafini (übersetzt):

Normalerweise erzählen wir unsere persönliche, spezifische Geschichte nicht, denn es wäre doch sehr ungerecht, wenn ich meine Geschiche erzähle und etwas länger quassle, so dass die anderen Mütter ihre Geschichten nicht erzählen können. Die Geschichten ähneln sich sehr. Einige von uns vermissen ein Kind, andere zwei oder drei. Ich persönlich vermisse drei Kinder. Der eine wurde auf der Straße gekidnappt, die andere von Zuhause entführt und der Dritte wurde bei einem Gewerkschaftstreffen verschleppt. Das waren die typischen Orte, an denen es passierte - nicht zu vergessen die Universitäten. Das waren also die wichtigsten Orte, an denen sie Menschen entführten.

 

Amy Goodman:

Waren es Ihre Söhne oder ihre Töchter?

 

Hebe De Bonafini (übersetzt):

Zwei Söhne und eine Tochter. Auch die Ehefrau einer meiner Söhne wurde entführt. Sie ist für mich wie eine Tochter, denn sie wohnten mit mir in einem Haus. Die Entführungen meiner drei Kinder ereigneten sich in einem Zeitraum von anderthalb Jahren.

 

Amy Goodman:

1977?

 

Hebe De Bonafini (übersetzt):

1977 wurden die ersten Beiden entführt; Während der Fußballweltmeisterschaft 1978 geschah die dritte Entführung. Seit dem ersten Moment - seit sie meinen ersten Sohn entführt haben -, bin ich aktiv. Und ich habe nie aufgehört. Damals gab es die Organisation der Mütter noch nicht. Wir gingen einfach auf die Straße und suchten Mütter. Am 30. April 1977 gründeten wir die 'Mütter'. Und seit diesem Augenblick, seit diesem Tag, gehen wir immer auf die Plaza de Mayo. Kein Tag (Donnerstag) ist seitdem vergangen, an dem wir nicht dort waren.

 

Amy Goodman:

Haben Sie irgendetwas herausfinden können über ihre beiden Söhne, über ihre Tochter oder ihre Schwiegertochter?

 

Hebe De Bonafini (übersetzt):

Einige unserer Mütter bekamen Informationen von Leuten, die aus den Internierungslagern* entlassen wurden. Einige von uns waren hartnäckiger bei ihrer Suche. Wir sprachen mit denen, die aus den Internierungslagern* freigekommen waren. Sie sagten so Dinge wie: "Ja, da war diese eine Person. Sie lebt - sie lebt jetzt in der Stadt Ensenada". Also gingen wir hin und forschten dort nach. So gehen wir jedem einzelnen Hinweis nach, der uns zu einer Person führt, die sie terroristiert haben. Wenn die Menschen aus den Internierungslagern* entlassen wurden, waren sie oft noch verschreckter und wollten nicht einmal mit uns reden.

 

Auf diese Weise habe ich erfahren, dass sie meinen Ältesten zunächt auf die Polizeistation (comisaria) gebracht haben. Es war die Polizeistation Clinica. Ich erfuhr bald, dass man ihn 20 Tage lang gefoltert hat - fast zu Tode. Ich erfuhr es von einem, der die Polizeistation wieder verlassen konnte. Ich wollte dorthin gehen. Ich ging hinein und schrie, mein Sohn sei hier. Sie schlugen mich dort zusammen und warfen mich auf die Straßen hinaus.

 

Amy Goodman:

Und wie hieß Ihr Sohn?

 

Hebe De Bonafini (übersetzt):

Jorge. Mein Sohn war in mehreren Internierungslagern*. Das war die übliche Praxis damals. Meinen Jüngsten haben sie in ein großes Internierungslager* gebracht. Es hieß La Cacha.

 

Amy Goodman:

Wie hieß er?

 

Hebe De Bonafini (übersetzt):

Raúl. Der Ort wird La Cacha genannt. Raúl war eines von vielen "Kindern" in diesem Lager. Er wurde bei einem Gewerkschaftstreffen verschleppt. Als es passierte, waren dort viele Leute. Die Frau meines ältesten Sohnes entführten sie aus einem Süßwarenladen.

 

Amy Goodman:

Wie hieß sie?

 

Hebe De Bonafini (übersetzt):

Maria Elena. Sie brachten sie also in das Internierungslager Puente Coce (12. Brücke). Es liegt nahe der Kleinstadt Ezeiza. Sie war eine wunderschöne, hübsche junge Frau. Sie zwangen sie dort, für die Verschleppten zu kochen. Sie taten es, um Streit anzufangen. Sie weigerte sich zu kochen, das Essen zuzubereiten, und sie erschossen sie an Ort und Stelle. Sie feuerten (auf sie).

 

Amy Goodman:

Sie wollte kein Essen zubereiten?

 

Hebe De Bonfini (übersetzt):

Sie weigerte sich zu kochen. Deshalb wurde sie erschossen. Was das Lager La Cacha angeht, so ließen sie dort alle "Kinder", all diese jungen Leute, verhungern. Sie gaben ihnen kein Essen und kein Wasser mehr, und dann starben sie dort. Niemand kann von jenem Ort berichten, weil es keine Augenzeugen gibt. Niemand hat das Lager lebend verlassen.

 

Einige Internierungslager* sind Gegenstand von juristischen Ermittlungen, weil es Augenzeugen gibt, die diese Lager lebend verlassen konnten - zum Beispiel La ESMA. Es gibt viele Augenzeugen, die La ESMA wieder verlassen haben. Aber über die anderen Orten gibt es keine Zeugen, weil man sie alle hingerichtet hat.

 

Auch drei unserer 'Mütter' wurden entführt - tatsächlich. Es waren die Drei, die am meisten wussten. Ende 1977 wurde die erste 'Mutter' entführt.

 

Amy Goodman:

Eine der Mütter, die auf der Plaza de Mayo mitmarschierte?

 

Hebe De Bonafini (übersetzt):

Ja. Azucena, Maria und Esther hießen die drei Frauen, die drei 'Mütter'. Azucena Villaflor war in der Peronistischen Bewegung. Sie war dort sehr aktiv. Maria Ponce arbeitete mit der 'Church of the Third World' zusammen. Esther war Biochemikerin und auch sehr aktiv. Sie stammte aus Paraguay und hatte ihr Land wegen der Stroessner-Diktatur verlassen. Sie wurden zwischen dem 8. und dem 10. Dezember 1977 entführt. Damals schwoll die Bewegung der 'Mütter' auf 200 Mitglieder an.

 

Wir waren gezwungen, wieder ganz von vorne anzufangen. Niemand wollte mehr auf die Plaza de Mayo kommen. Also gingen wir jeweils zu zweit oder dritt zu den Müttern der Verschwundenen nach Hause und sagten: "Wir sind nunmal in der Situation, dass (unsere) Söhne und Töchter verschwunden sind. Und nun sind auch noch (drei) Mütter verschwunden. Wir müssen etwas unternehmen und werden diesem Martyrium nicht nachgeben." Ich spreche deshalb von einem Martyrium, weil sie alles mit uns anstellten. Doch es gelang uns, die Organisation der Mütter auf die Beine zu stellen. Wir sind seither sehr gewachsen. Heute machen wir alles. Wir sind sehr groß geworden.

 

Unsere heutige Position ist sehr radikal. Wir 'Mütter' haben unsere Mutterschaft zu einer sozialen Sache gemacht. Schließlich sind nicht alle Mütter von Verschwundenen Mitglieder bei uns. Es wäre ungerecht, wenn wir nur für Einige der betroffenen Mütter Forderungen erheben würden - und nicht für alle. Wir beschlossen daher, im Namen aller Forderungen zu stellen. Auf den Taschentüchern, die wir (bei den wöchentlichen Demonstrationen auf der Plaza de Mayo) tragen, steht nicht nur der Name des verschwundenen Sohnes oder der verschwundenen Tochter. Wir haben alles abgelehnt, was mit Einzelkämpfertum zu tun hat. Aus diesem Grund haben wir auch die finanzielle Wiedergutmachung abgelehnt, die man uns angeboten hat - denn, was nur mit Gerechtigkeit wiedergutzumachen ist, kann nicht mit Geld geheilt werden. Wir haben auch die Exhumierung von Skeletten, von Leichen, abgelehnt. Erstens, weil wir glauben, dass Revolutionäre unsterblich sind und nichts mit einem Säckchen voll Knochen zu tun haben, und zweitens, weil niemand je Verantwortung übernommen und gesagt hat: "Ja, ich war es; ich habe sie getötet. Warum sollten wir es (das Geld) also annehmen, wenn sie's nicht einmal zugeben?

 

Amy Goodman:

Woher nahmen Sie die Kraft um weiterzumachen - nachdem einige 'Mütter' verschwunden waren beziehungsweise gekidnappt?

 

Hebe De Bonafini (übersetzt):

Es lag an der enormen Verantwortung. Wir hatte die Organisation gemeinsam aufgebaut; gemeinsam hatten wir uns engagiert. Wir hatten uns dazu verpflichtet, unser Engagement für die Kinder niemals aufzugeben. Zunächst ging es darum, sie lebend wiederzufinden. Später ging es um Gerechtigkeit und darum, weiterzumachen, wo sie aufgehört hatten; (wir wollten) tun, was sie wollten, dass es getan wird, wofür sie ihr Leben gegeben haben.

 

Amy Goodman:

Können Sie uns etwas über das forensische Projekt sagen und das DNA-Projekt?

 

Hebe De Bonafini (übersetzt):

Nein, damit haben wir nichts zu tun. Das machen doch eher Großmütter - und nicht die Mütter. Die Großmütter gehen nicht auf die Plaza de Mayo. Ihre Aufgabe ist es, herauszufinden - sie versuchen, ihre Enkel und Enkelinnen zu finden beziehungsweise ihre Knochen, die Knochen der Toten. Wir tun das nicht. Die Gründe habe ich schon genannt. Uns ist inzwischen klar geworden, dass nicht alle wieder auftauchen werden. Ich will mir meine Kinder nicht als ein Bündel Knochen vorstellen. Sie haben ihr Leben gegeben - für etwas, das sie erreichen wollten, für eine sehr große Sache. Wir können uns nicht mit Beerdigungen aufhalten - das ist westlicher, christlicher Stil - oder mit einem Tröpfchen Blut, DNA. Nein, darum geht es uns nicht.

 

Amy Goodman:

Hebe, können Sie uns etwas über das weiße Taschentuch sagen, das Sie tragen?

 

Hebe De Bonafini (übersetzt):

Wenn alle 'Mütter' beisammen sind, sind wir 200. Angefangen haben wir mit 14 Frauen, doch dann waren wir irgendwann mehr als 200. Mitte Oktober 1977, am Tag der Jungfrau Maria, war es, der hier mit einer öffentlichen Veranstaltung begangen wird, bei der (kirchliches) Asylrecht gilt. Also gingen viele junge Leute hin. Auch die 'Mütter' beschlossen hinzugehen. Zu dieser Zeit kannten wir uns noch nicht richtig. Wir benutzten noch Codenamen - wie Beba, Pipa oder Chola, Kosenamen eben. Wir kannten unsere tatsächlichen Namen noch nicht. Also beschlossen wir, uns durch etwas Spezielles nachts kenntlich zu machen, denn wenn wir 70km (auf dem Platz) gelaufen sind, wurde es immer schon nacht. "Warum stecken wir uns nicht ein Taschentuch (oben) rein?" schlug eine Mutter vor. Zu der Zeit waren Papiertaschentücher bei den Müttern noch nicht üblich. Das erste Taschentuch war also ein echtes Tuch. Später schrieben wir den Namen (des/der Verschwundenen) darauf. Dann sozialisierten wir unsere Sache und bezogen alle Mütter mit ein. Wir schrieben folglich die Namen aller (Verschwundenen) darauf. Es ist zu unserem Markenzeichen in der Welt geworden. Es ist wie eine Umarmung durch unsere Kinder. Diese Taschentücher stehen für das Leben - nicht für den Tod. Wir wollen nicht, dass man uns mit dem Tod in Verbindung bringt. Wir wollen nur mit dem Leben in Verbindung gebracht werden.

 

Wir besitzen jetzt dieses Gebäude - La ESMA. Es soll kein Museum sein sondern eine Kunstschule. Wir gaben ihm einen neuen Namen: 'Ecune' (phon.). Das heißt, es ist ein kultureller Raum für unsere Kinder. Heute gibt es dort Theatervorstellungen. Es ist ganz toll. Auch Ältere gehen hin, Kinder gehen hin, alle Leute. Es war einmal ein Ort des Todes (als Internierungslager). Wir haben erneut 'ja' zum Leben gesagt und Leben in die Bude gebracht. Ich sagte zu Präsident Néstor Kirchner, dass wir die Militärakademie der Marine für uns haben wollen. Wir wollten das Gebäude. Dort wurden die Leute zu Folterern und Killern ausgebildet. Doch heute lehren wir dort Lebenslektionen und (wir lehren), wie man Menschen glücklich macht. Und doch ist es ein- und derselbe Ort.

 

Amy Goodman:

Was ist mit den Fotos, die Sie auf der Plaza de Mayo mit sich herumgetragen haben?

 

Hebe de Bonafini (übersetzt):

Wir tragen diese Fotos heute nicht mehr. Hier - sehen Sie, das ist ein Foto, das wir - ein Foto, auf dem alle Fotos zu sehen sind, die wir damals getragen haben. Wir haben die Fotos immer mit uns herumgetragen und sie dann in eine Pyramide (auf dem Platz) gesteckt. Wir bedeckten die Pyramide auf der Plaza de Mayo mit diesen Fotos. Sie waren unbeschriftet: Fotos ohne Namen. Wir haben alle Fotos - unserer Kinder - in die Kulturhalle gebracht. Wir nennen sie 'Galerie der Bildnisse der Revolutionäre'. Es ist ein äußerst beeindruckendes, starkes Symbol, das zeigt, dass sie da sind, dass sie präsent sind.

 

Amy Goodman:

Warum haben Sie sich ausgerechnet die Plaza de Mayo für ihre Demonstrationen ausgewählt?

 

Hebe de Bonafini (übersetzt):

Weil dieser Platz direkt vor dem Regierungssitz liegt. Es war ein Wagnis, dorthin zu gehen. Es war uns nicht erlaubt, dort zu sein. Es ist - es ist wie beim Weißen Haus. Es war stets ein Wagnis.

 

Amy Goodman:

Hebe, können Sie uns etwas über die Bedeutung der Prozesse sagen, die gerade stattfinden?

 

Hebe de Bonafini (übersetzt):

In den Fällen (von Verschwundenen), wo wir Beweise haben, werden wir vor Gericht miteinbezogen. Es geht bei diesen Prozessen um Internierungslager*. Wir haben ein großes Team von Rechtsanwälten, die an diesen Fällen arbeiten. Vor 10 oder 8 Jahren, so um den Dreh, überlegten wir uns: Wie soll man sich an uns erinnern? Denn wir Mütter werden immer älter. Wir sind heute zwischen 80 und 96 Jahre alt. Wir haben uns also gefragt, wie wollen wir in Erinnerung bleiben? Als Mütter, die Jagd auf einige Militärs gemacht haben, um Gerechtigkeit zu erlangen? Oder wollten wir als Frauen in Erinnerung bleiben, denen es gelungen ist, die Heimat wiederaufzubauen - das Land aufzubauen, für das unsere Kinder gekämpft haben? In unserem Alter fragen wir uns: Was ist wichtiger - einen Mann des Militärs ins Gefängnis zu bringen oder einem Kind Nahrung zu geben, eine Wohnung und vielleicht eine Ausbildung und eine Krankenversicherung - um es glücklich zu machen?

 

Wir haben uns für Letzteres entschieden: Wir wollen Kinder glücklich machen. Daher gründeten wir die Organisation 'Shared Dreams'. Wir haben dieses neue System zum Bau von Wohnhäusern. Wir bauen wirklich sehr hübsche Häuschen. Wir tun das, damit die notdürftigen Behelfsdörfer verschwinden, in denen die verzweifelten Armen leben. Es geht einem so zu Herzen, zu sehen, wie Menschen im Dreck leben - und drei Monate später arbeiten Männer und Frauen zusammen am Bau neuer Häuser. Es ist für sie noch ungewohnt. Sie fühlen sich wieder wie Menschen, wie Bürger/innen ihres Landes. Wir wollen ihnen Arbeit vermitteln und fragen nicht, was sie vorher gemacht haben, um zu leben. Eine Chance auf Arbeit verändert das Leben dieser Menschen. Sie vergessen die Drogen und den Alkohol. Diese Veränderung zu erleben, ist eine tiefe Erfahrung - einfach klasse.

 

Amy Goodman:

Was sagen Sie zu Jenen, die sagen: "Warum blickt ihr zurück? Schaut nach vorne. Das ist doch schon Geschichte".

 

Hebe De Bonafini (übersetzt):

Du kannst kein Land aufbauen, wenn du keine Geschichte hast. Aber wir schauen nicht zurück und lassen uns durch die Vergangenheit nicht lähmen. Es geht nicht nur um die Erinnerung. Wir verweisen darauf, dass es fruchtbare Erinnerungen geben muss, um etwas aufbauen zu können. Das war der Grund, weshalb wir beschlossen haben, nach vorne zu schauen und weiter zu kämpfen - damit die Leute das bekommen, worauf sie ein Anrecht haben. Wir konnten es tun, weil Präsident Kirchner mit unserem Vorschlag, ein Abkommen zu schließen, einverstanden war - denn wir haben ja kein Geld. Vielleicht haben wir ein wenig Prestige; wir werden respektiert, weil wir niemanden bestehlen. Und am Ende diesen Jahres werden 10 000 Häuser fertiggestellt sein. Das ist uns sehr, sehr wichtig. Es sind enorm viele Häuser geworden.

 

Amy Goodman:

Hebe - wenn Sie an die Zeit vor 1976 zurückdenken: Welche Vorzeichen gab es, wenn Sie so zurückdenken (vielleicht haben Sie sie damals noch nicht so ernst genommen), dass ihr Land in diese Richtung abdriften würde?

 

Hebe De Bonafini (übersetzt):

Vor 1976 gab es viele Tote. Die Zustände waren Mafia ähnlich. Da war dieses antikommunistische Bündnis, das Menschen tötete - schon vor 1976. Auch junge Leute wurden damals getötet. Der Verfolgungsdruck war enorm. Unsere Kinder waren militant. Sie lebten immer mit der Gefahr. Aber dass es so ernst würde, dass es so schlimm kommen würde, haben wir nicht gedacht - wirklich nicht. Ich war Hausfrau und arbeitete zu Hause. Die Kinder studierten. Vor 1976 waren wir eine ganz normale Familie.

 

Amy Goodman:

Haben Sie Ihre Kinder je gefragt: "Warum macht Ihr das?"

 

Hebe de Bonafini (übersetzt):

Ich habe sie manchmal sogar unterstützt. Manchmal brauchten einige der Kids eine Unterkunft und bekamen sie bei uns. Aber es war im Großen und Ganzen eine gemütliche Sache - helfen zu können, ohne ein Risiko einzugehen. Mein Sohn sagte zu mir: "Komm, demonstrier' doch mit uns für die Inhaftierten!" Doch ich sagte: "Nein, aber ich werde die Schilder vorbereiten, die ihr bei dem Marsch hochhalten wollt." Das war nicht ganz so verbindlich.

 

Amy Goodman:

Erinnern Sie sich noch an den Tag, an dem Sie zum ersten Mal marschiert sind und eines dieser Poster hochgehalten haben?

 

Hebe De Bonafini (übersetzt):

Ich habe an keiner Demonstration für die Inhaftierten teilgenommen - bis sie meine eigenen Kinder geholt haben. Als sie meine Kinder verschleppt hatten, ging ich, zusammen mit einer Gruppe anderer Mütter, auf die Plaza de Mayo, und wir hatten Poster dabei - das berühmte Poster, das sich an (den damals regierenden Militärdiktator Jorge) Videla richtete. Im Laufe der Monate wurde unsere Bewegung größer. Dann kam die Polizei auf uns zu und sagte: "Verschwindet!" Das war der Punkt, an dem wir anfingen zu marschieren.

 

Amy Goodman:

Was war das für ein "berühmtes Poster für Videla"?

 

Hebe De Bonafini (übersetzt):

Dieses Poster war ein (offener) Brief. Es ist ein Brief, den wir Mütter geschrieben hatten - ein sehr naiver Brief, in dem Eltern sich nach dem Verbleib ihrer Kinder erkundigen. Wo sind unsere Kinder? Das war die eigentliche Frage.

 

Amy Goodman:

Hat Videla geantwortet?

 

Hebe De Bonafini (übersetzt):

Nein.

 

Amy Goodman:

Was war damals mit den Medien los?

 

Hebe De Bonafini (übersetzt):

Damals stand die Presse aufseiten des Militärs. Folglich galten wir - die Mütter - als gefährlich. Jeden Donnerstag, wenn wir auf die Plaza de Mayo gingen, um unsere Mahnwache abzuhalten, wurden wir verhaftet - jedesmal. Sie ließen uns frei, und wir gingen wieder hin - jeden Donnerstag.

 

Amy Goodman:

Was war mit den Medien - was war mit Clárin oder La Nácion?

 

Hebe De Bonafini (übersetzt):

Sie brachten nichts darüber.

 

Amy Goodman:

Sie berichteten nicht darüber?

 

Hebe De Bonafini (übersetzt):

Sie berichteten so, als würde in Argentinien nichts Schlimmes passieren. Die 'Verschwundenen' seien eine reine Erfindung. Das komme aus Europa oder von Gruppen, die das Image unseres Landes schädigen wollten. Erst als die Mütter auf die Straße gingen, wurde unsere Geschichten langsam bekannter. Die Presse brachte es erst groß raus, als eine nordamerikanische Journalistin mit uns sprach. Sie stellte uns sehr indirekte Fragen. Als die Polizei ihr auf die Schliche kam, fragte ein Polizist nach ihren Papieren. Wir sagten ihr: "Geben Sie denen nicht Ihre Papiere, denn Sie werden sie nicht wiederbekommen." Wir Mütter bildeten einen Kreis um den Polizisten und bestanden darauf, dass er der Frau ihre Papiere zurückgeben sollte. Er bekam es etwas mit der Angst zu tun und gab ihr die Papiere zurück. Die Story wurde weltweit publik: Die Mütter der Plaza de Mayo, die nach ihren (verschwundenen) Kindern suchen, haben eine nordamerikanische Journalistin auf der Plaza beschützt.

 

Amy Goodman:

Wer war das?

 

Hebe De Bonfini (übersetzt:)

Es war eine Journalistin, die nach Argentinien gekommen war. In der Geschichte der 'Mütter' ist ihr Name verewigt. Im Augenblick komme ich nicht darauf. Sie war eine sehr couragierte Frau.

 

Aus den USA kam auch Terence Todman zu uns - als Abgesandter der dortigen Menschenrechts-Gemeinde. Wir wollten, dass Todman uns besucht. Um 11 Uhr gingen wir auf die Plaza de Mayo (um ihn zu treffen). Aber weil sie um ihr Image bangten - was diesen Menschenrechtler anging -, schickte die Regierung Videla einen Delegierten, einen Abgesandten der Regierung. Sie sagten, wenn wir Mütter weggingen, würden sie den Menschenrechtler empfangen. Es gab einen Streit zwischen uns Müttern. Einige sagten: "Lasst uns gehen, dann werden sie uns empfangen". Andere beharrten: "Nein, wir werden bleiben". Einige Mütter gingen tatsächlich - andere blieben.

 

Als Nächstes fuhr ein Militärlastwagen - mit schweren Waffen - vor. Sie stiegen aus. Als sie alle das Fahrzeug verlassen hatten, sagten wir: "Zielt und schießt!" An diesem Punkt war die Journalistin (aus Nordamerika) absolut fasziniert von unserem Mut. Sie sagte: "Wie könnt ihr das nur tun?" Sie war in diesem Augenblick nicht in der Lage zu berichten. Doch die Sache wurde bekannt. Die Journalisten, die kamen, um über unsere Geschichte zu berichten, wurden verfolgt. Es war nicht leicht. Sie (die Regierung) wollte auf keinen Fall, dass irgendetwas nach draußen dringt

 

Amy Goodman:

Woher haben Sie diesen Mut genommen?

 

Hebe De Bonafini (übersetzt:)

Ach, einfach so. Alle stellen uns immer diese Frage. Wenn Sie ein Kind haben, denken Sie nicht an sich. Sie machen sich Gedanken, ob das Kind gesund zur Welt kommt. Sie denken nicht an sich selbst. Sie wollen ein Kind haben. Das ist alles. Und das bleibt auch so. Es ist, als ob sich die Geburt immer wiederholen würde. Du kannst einfach nicht an dich denken.

 

Amy Goodman:

Was würden Ihre Kinder zu Ihnen sagen, wenn sie heute hier wären - was glauben Sie?

 

Hebe De Bonfini (übersetzt:)

Sie würden 'Mutter' zu mir sagen - oder "Dicke". Es war ein lieb gemeinter Spitzname für mich. So haben sie mich immer genannt.

 

Amy Goodman:

Hatten Sie nur diese drei Kinder?

 

Hebe De Bonfini (übersetzt:)

Heute sind sie alle meine Kinder. Ich habe 30 000 Kinder.

 

Amy Goodman:

Vielen, vielen Dank.

 

 

Anmerkung d. Übersetzerin

 

*In der englischen Übersetzung steht an diesen Stellen 'concentration camp'. Ich habe bewusst mit 'Internierungslager' übersetzt.

 

 

 

 

 

 

Übersetzt von: Andrea Noll
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