'Big Oil' kehrt in den Irak zurück
Shell, Exxon Mobil, BP und Total schließen Verträge mit Bagdad
von Patrick Cockburn
23.06.2008 — ZNet
Beinahe vier Jahrzehnte, seit Saddam Hussein die vier größten Ölfirmen des Westens aus dem Irak vertrieb, verhandeln diese über eine Rückkehr in das Land. Ende des Monats wollen Royal Dutch Shell, BP, Exxon Mobil und Total mit der Regierung in Bagdad mehrere Abkommen unterzeichnen. Es wären die ersten Verträge des Irak mit westlichen Ölfirmen - seit dem von den USA geführten Einmarsch 2003.
Wie das irakische Ölministerium gestern mitteilte, geht es bei den Verträgen um technische Unterstützung und Reparaturdienste für die größten Ölfelder des Irak. Die Rückkehr von "Big Oil" ist natürlich Wasser auf die Mühlen all jener im Mittleren Osten, die immer behaupteten, der heimliche Grund hinter dem Sturz des Saddam-Regimes sei der leidenschaftliche Wunsch des Westens gewesen, Kontrolle über Iraks Öl zu gewinnen. Auch viele Iraker sehen die Verträge mit Missbehagen. Sie fürchten, die Kontrolle über die großen Ölreserven des Landes könnte verloren gehen.
Man geht davon aus, dass der Irak über die zweitgrößten Ölreserven im Nahen/Mittleren Osten verfügt - nach Saudi-Arabien. Die Ausbeutung dieser Reserven stockt seit dem Jahre 1990 - als Saddam Hussein in Kuwait einmarschierte und die UNO daraufhin Sanktionen über den Irak verhängte.
Die großen Ölfirmen brennen darauf, in den Irak zurückzukehren. Allerdings sorgen sie sich um ihre Sicherheit und über die langfristige Stabilität des Irak. Die neuen Verträge sollen für zwei Jahre gelten. Es geht darin nicht um Ölkonzessionen, sondern um Dienstleistungsabkommen, die dafür sorgen sollen, dass der Irak seine Produktion von heute 2,5 Millionen Barrel Rohöl pro Tag um eine weitere halbe Million steigern kann.
Die Verträge sehen vor, dass die Ölunternehmen sich aussuchen können, ob sie sich ihre Leistungen in Öl oder in Cash bezahlen lassen. Jeder der geplanten Verträge hat angeblich ein Volumen von $500 Millionen. Dem Irak bietet sich durch diese Abkommen eine Möglichkeit, an ausländische Expertise zu gelangen - bevor das irakische Parlament über ein umstrittenes, neues Ölgesetz entscheiden wird.
Schon einmal agierten die oben genannten vier Ölfirmen gemeinsam im Irak. Damals bildeten sie die Iraq Petroleum Company. Von den 20ger Jahren des vorigen Jahrhunderts bis 1972, als die irakische Ölindustrie verstaatlicht wurde, beutete das Großunternehmen Iraq Petroleum Company das Öl des Irak aus.
Auf lange Sicht haben sich die vier Unternehmen im Wettbewerb gut platziert. Schließlich geht es (in den Verträgen) um einige der größten Ölfelder im Irak - von Kirkuk im Norden bis nach Rumeila, an der Grenze zu Kuwait. (Obwohl es auch im Norden Öl gibt, befinden sich die größten Ölreserven des Irak doch im äußersten Süden.)
Seit dem Einmarsch der Amerikaner sind die Iraker misstrauisch, wenn sich Ausländer in ihre Ölindustrie einmischen. Viele sind der Überzeugung, die heimliche Absicht hinter dem US-Einmarsch sei die Übernahme des irakischen Öls gewesen. Aber der irakische Ölminister, Hussein Shahristani, sagt, der Irak werde an seinen Naturressourcen festhalten. "Falls der Irak Hilfe von internationalen Ölfirmen benötigt, wird er sie einladen, mit dem Nationalen Irakischen Ölunternehmen (Inoc) zu kooperieren und zwar zu Konditionen, die für den Irak akzeptabel sind und ihm höchste Einnahmen ermöglichen".
Doch in der langen Zeit der Sanktionen ging der Inoc viel technisches Wissen verloren. Im Moment exportiert der Irak 2,1 Millionen Barrel pro Tag. Für das Jahr 2008 wird mit Öleinnahmen in Höhe von insgesamt $70 Milliarden gerechnet. Doch die Administration der irakischen Regierung ist zu inkompetent und korrupt, um die Strom- und Wasserversorgungssysteme wiederherzustellen. Übrigens besitzt die irakische Regierung $50 Milliarden in der Federal Bank of New York.
Ölminister Shahristani äußerte sich sehr kritisch über die Kurdische Regionalregierung (KRG). Die KRG habe, im kurdischen Teil des Irak, Ölkonzessionen versteigert, ohne das Ölministerium in Bagdad mit ein zu beziehen. In einem Interview mit The Independent im vergangenen Jahr sagte Shahristani, Inoc werde keine Geschäftsbeziehungen mit Ölfirmen eingehen, die ein Abkommen mit der KRG geschlossen haben. Er bezweifle sehr, so Shahristani, ob dieses Öl überhaupt exportiert werden könne - ohne Pipelines. "Wollen sie es etwa in Eimern hinaustragen?" fragte er damals.
Einige der kleinen Ölfirmen, die ein Abkommen mit der KRG geschlossen haben - in der Hoffnung, die Kurden und die Zentralregierung würden sich langfristig einigen -, werden wohl irgendwann profitabel an die großen Ölfirmen weiterverkaufen.
Die Verträge über "technische Unterstützung" - wie die Dienstleistungsverträge genannt werden -, könnten ein Türöffner für die großen Ölfirmen sein, um in den Irak zurückzukehren. Ölminister Shahristani sagt, die in den Verträgen aufgeführten Ölfelder würden demnächst für den Wettbewerb freigegeben - für langfristige Entwicklungsprojekte. "Gegen Ende des Monats oder Anfang nächsten Monats werden wir die ersten Lizenzen vergeben", so Shahristani.
Die gestiegenen Ölpreise bedeuten für den Irak, dass kein unmittelbarer Druck besteht, die Ölproduktion zu steigern. Das irakische Parlament misstraut grundsätzlich allen Abkommen, die darauf schließen lassen, dass hier Eigentumsrechte an irakischem Öl (über Teilhaber-Verträge an der Produktion) an ausländische Firmen abgetreten werden sollen.
Saddam Hussein hatte einst das Öl des Irak verstaatlicht. In seinen vielen Jahren an der Macht war dies eine seiner wenigen Aktionen, die auch heute noch sehr populär sind. Irakische Parlamentarier haben Angst vor allem, was danach aussieht, als würde die Privatisierung - im Interesse ausländischer Firmen - durch die Hintertüre wiedereingeführt.
Die großen Vier und die Geschichte der Kontrolle über das irakische Öl
Für die vier Ölgiganten bedeuten die neuen Verträge die Rückkehr in ein Land, mit dem sie eine lange Geschichte verbindet. BP, Exxon Mobil, Total und Shell waren einst die vier Teilhaber eines britisch-amerikanisch-französischen Konsortiums im Irak. Mehr als 40 Jahre lang kontrollierten sie die Ölressourcen des Landes.
Die Iraq Petroleum Company (früher Turkish Petroleum Company) wurde 1912 von jenen Ölunternehmen gegründet, die es darauf abgesehen hatten, in Teilen des Ottomanischen Reiches Ressourcen an sich zu raffen.
Formal eingetragen wurde das Unternehmen im Jahre 1928. Die vier Shareholder waren damals zu je 23,75% an der Ölförderung beteiligt. Die restlichen circa 5% gingen an Calouste Gulbenkian, einen armenischen Geschäftsmann.
1931 wurde ein Vertrag mit dem Irak unterzeichnet, mit dem das Unternehmen die absolute Kontrolle über die Ölfelder von Mosul erhielt - im Gegenzug zahlte es eine jährliche Steuer.1958 putschte sich Saddam Hussein an die Macht. 1972 erfolgte die Verstaatlichung des Öls.
Twitter
RSS Feed

Die Kontrolle über "Big Oil" im Irak war selbstverständlich einer der Hauptgründe für unsere Hegemonialmacht um über den Irak herzufallen.
Andere vor Mr. Bush haben da auch schon keine Hemmungen gekannt wenn sie sich auf den Weg zu diesem Lebenselexir machten (die Ölfelder in Baku am Kaspischen Meer). Das ging damals aber letztendlich furchtbar ins Beinkleid mit ungeheueren Kosten, auch und besonders an Menschenleben!
Der irakische Öl/Blut Cocktail wird auch aus ökonomischer Sicht unbezahlbar werden, wenn eines Tages Bilanz gezogen wird! In beiden Fällen, beim run zum Kaspischen Meer damals, und im Falle Irak heute waren/sind skrupellose Irre am Werk, sollte man meinen.
Auch im Falle Irak wird versucht, bei günstiger Gelegenheit, gleich in einem Abwasch, andere Wunschträume mit zu verwirklichen.
Man erinnert sich nur an die Plünderung der Kulturschätze des Irak (der Menschheit) beim Einfall der Amerikaner in Bagdad! Auch das von langer Hand geplant, denn einige Monate vor dem Überfall wandte sich die Vereinigung der Galleristen und Museen der USA an ihre Regierung und reichten schon mal die Wunschliste durch. Als erste Amtshandlung der neu zu implantierenden Regierung im Irak schlugen sie vor, die extrem restriktiven irakischen Ausfuhrgesetze für Kunst - und Kulturgüter abzuschaffen. Dass sie das Problem dann noch "gründlicher" lösen würden, hätten sie sich nie träumen lassen. Man erinnert sich an die TV-Bilder der "Räumung" des Museums in Bagdad!
Über den Abschluss für Exklusiv-Lieferverträge für irakisches Öl mit Rusland und Frankreich redet auch keiner mehr, und die Drohung S. Hussains, den Ölhandel in Zukunft in Euro zu faktorieren, ist logischerweise auch vom Tisch.
Auch die 20 Milliarden Dollar, die in den USA für die leidende irakische Bevölkerung aus dem irakischen Ölhandel, zu Sadamas Zeiten, " verwahrt" wurden, die man seinerzeit in England als "vermisst" gemeldet hatte, haben sich wohl entgültig in Luft aufgelöst!
Beim "Beseitigen" von Zeugen im Irak, also beim "Prozess" gegen ehemalige enge US-Freunde um Sadam Hussain, ist auch, seltsamerweise, irgendwie vergessen worden zu klären, wo der Delinquent eigentlich die Massenvernichtungswaffen her hatte, mit denen er seinerzeit über den Iran hergefallen ist (da hatten die USA auch noch eine Rechnung zu begleichen, man erinnert sich:die Besetzung der US-Botschaft und ein paar andere Rüpeleien).
Man erinnert sich auch noch gut an die Gasangriffe auf den Iran und an die Tausende von Gasopfern! Ein gewisser Mr. Rumsfeld, der mit all dem etwas zu tun haben soll, ist von der Bildfläche verschwunden und lässt nun Gras wachsen...
Nebenher ist auch ein inniger Wunsch Israels durch die USA und die "Willigen" erfüllt worden, als man die einst blühendste Gesellschaft des Nahen Ostens in die Steinzeit zurückbombte.
Nicht nur die Öl- auch die US-Rüstungsindustrie, sowie andere US Unternehmen, schlagen sich feixend auf die Schenkel. Einen solchen Rollgriff in die Staatskasse hätten sie sich noch 2003 niemals träumen lassen, als sie ihr Volk und den Rest der Welt, durch ihren militärischen Demokratisierungsschlag, vor dem Untergang bewahrten!
Und außerdem, nach diesem Rundumschlag im Irak (und Afghanistan) wissen nun alle bösen Anrainer, besonders der Iran, was ihnen blühen kann, wozu unsere Freunde in Washington und ihre Helfershelfer fähig sind, wenn sie sich ohne Rücksicht auf Verluste für Demokratie und Freiheit einsetzen!
Auch der Attentatsversuch auf Präsident Bush sen. ist auf altbiblische Weise durch den von Gott gesandten gerächt worden (einem, oder vieleicht mehreren der "Mordbuben" sollen sogar, bei lebendigem Leibe, die Köpfe abgerissen worden sein).Wenn man so mit Tieren umgeht, gäbe es einen weltweiten Aufschrei und man würde als US-Präsident nicht mehr gewählt werden,aber bei der Vorzeigedemokratie...
Aus der Sicht Washingtons und auch aus der Sicht unserer Bundeskanzlerin und ihrer Freunde ist das Wüten im Irak also nicht nur negativ zu sehen. Frau Merkel soll sogar nachträglich geäussert haben, als all diese "Erfolge" abzusehen waren, dass unter ihrer Fuchtel Deutschland gleich von vornherein ganz anders im Irak mit eingestiegen wäre. Wenn das die Deutschen wüssten..., und was die Bundeswehr da alles an "Erfolgserlebnissen" verpasst hat... Vieleicht dachte Frau Merkel aber auch bei ihrer Äußerung daran, dass Mr.Bush und seine Freunde den "Unwilligen" gedroht hatten, dass sie bei der Verteilung der "Friedensrendite" (Öl-Konzessionen, Aufbauaufträge etc.) leer ausgehen könnten?
C.Pichlo