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Bushs Akzeptanz der türkischen Lüge, die Armenier seien in einem "Bürgerkrieg" umgekommen

Eine Holocaustleugnung im Weißen Haus

von Robert Fisk

14.11.2007 — The Independent / ZNet

Wie tief sind die Mächtigen gefallen! Präsident George Bush war der Kreuzzugskönig, der das Schwert gegen die Mächte der Dunkelheit und des Bösen zog. Es gäbe nur "sie oder wir“. Er werde für uns den ewigen Krieg gegen den "Weltterror" weiterführen. Nun hat sich Bush als Feigling erwiesen. Ein paar türkische Generäle und eine Multimillionen schwere Public-Relations-Kampagne im Sinne der Leugner des 'Türkischen Holocaust' haben den Löwen in ein Lamm verwandelt. Nein, kein Lamm. Das Lamm ist von Natur ein Symbol der Unschuld. Bush hat sich in ein Hausmäuschen verwandelt, in ein kleines Wesen, das aus der Ferne mit einer Ratte verwechselt werden kann. Gehe ich zu weit? Ich denke nicht.

"Was bisher geschah", ist nur allzu bekannt. 1915 starteten die türkisch-ottomanischen Behörden den systematischen Völkermord an mehr als anderthalb Millionen christlichen Armeniern. Es gibt Fotographien, diplomatische Berichte und die Originaldokumente der Ottomanen. Auch ein Prozess gegen die Ottomanen nach dem 1. Weltkrieg - siehe Winston Churchill und Lloyd George - ist in voller Länge dokumentiert, und es gibt einen drastischen Report des Britischen Außenministeriums über die Jahre 1915/16, der belegt, dass alles wahr ist. Sogar einen Film hat man entdeckt - Originalarchivmaterial, gedreht von westlichen Militärfilmern im 1. Weltkrieg. Es war der erste Holocaust des 20. Jahrhunderts - durchgeführt vor den Augen deutscher Offiziere, die die Methoden später perfektionierten, als sie 6 Millionen Juden auslöschten. Der Völkermord an den Armeniern ist tatsächlich so real, wie das traurig kleine Grüppchen armenischer Überlebender bis heute behauptet.

Doch die Türken dulden nicht, dass wir es aussprechen. Sie erpressen die westlichen Staaten - einschließlich der britischen Regierung und der amerikanischen - sich dem schamlosen Leugnen zu beugen. Dazu zählt das Gerede über einen "Bürgerkrieg", in dem die Armenier angeblich umgekommen seien, dazu zählt die Aussage, die Armenier hätten ja mit Russland, dem Feind der Türkei, kollaboriert, dazu zählt die Aussage, die Zahl der toten Armenier sei nicht so hoch gewesen, wie behauptet, dass ebenso viele türkische Muslime getötet worden seien (es macht mich müde, ständig reagieren zu müssen, weil jede Regierung und jede Nachrichtenagentur, aus Angst vor Ankaras Zorn, genau solche Dinge sagt).

Und nun akzeptieren Präsident Bush und der US-Kongress diese Lügen. Letzten Monat hatte das Komitee für Auslandsbeziehungen des US-Repräsentantenhauses in einer Abstimmung den Massenmord an den Armeniern als genozidalen Akt verurteilt. Bush hätte den kurzen historischen Moment nutzen können, um Größe zu beweisen. Amerikanische Armenier - alte Überlebende des Genozids - fanden sich bei einem Plenum des Repräsentantenhauses ein, um der Debatte zu folgen. Aber als die fossilen türkischen Generäle begannen, Bush zu drohen, gab dieser klein bei. Das war klar.

Hören wir zunächst General Yasar Buyukanit in einem Interview mit der türkischen Tageszeitung Milliyet. Er ist der Oberbefehlshaber der türkischen Streitkräfte. Die Entscheidung für die Resolution durch das US-Repräsentantenhaus sei "traurig und besorgniserregend" hinsichtlich der "starken Bindungen" zwischen der Türkei und den Nato-Partnern. Buyukanit tat so, als hätten alle Mitglieder des Repräsentantenhauses für die Resolution gestimmt und sagte weiter: "Unsere militärischen Beziehungen zu den USA sind schlechter als früher... Die USA haben sich in diesem Zusammenhang selbst in den Fuß geschossen".

Hören wir uns nun an, was Mr. Bush dem türkischen Generalstab - aufmerksamkeitsheischend - zu sagen hatte: "Wir alle bedauern zutiefst das Leid (!) des armenischen Volkes... Doch diese Resolution ist nicht die richtige Reaktion auf das historische Massentöten. Ihr Beschluss würde den Beziehungen zu einem Schlüssel-Partner in der Nato und im globalen Krieg gegen den Terror großen Schaden zufügen." Ich weiß vor allem seine Stelle über den "globalen Krieg gegen den Terror" sehr zu schätzen. Niemand - abgesehen von den Juden Europas - hat mehr Terror erlitten, als die Armenier 1915 in der Türkei. Ist die Nato wichtiger als die historische Wahrheit? Wenn die Nato tatsächlich so wichtig ist - vielleicht werden die Bushs dieser Welt eines Tages sogar den Holocaust an den Juden gegen den militärischen Wiederaufstieg Deutschlands abwägen, wer weiß.

Schämen sollten sich auch Jene, die behaupten, sie würden den Krieg im Irak gewinnen - unter ihnen der zunehmend desorientierte General David Petraeus (US-Kommandeur im Irak) und der desillusionierte US-Botschafter in Bagdad, Ryan Crocker. Beide warnten, die Verabschiedung einer Armenien-Genozid-Resolution bis zum Letzten würde "der Kriegsanstrengung im Irak schaden". Damit wir uns recht verstehen, hinter der dreckigen Völkerkriegsleugnung steckt viel Geld.

So hat der ehemalige republikanische Abgeordnete Robert L Livingston aus Louisiana von den Türken $12 Millionen für seine Firma erhalten, die Livingston Group. Er hatte es zweimal geschafft, die moralische Gerechtigkeit in ihrem Lauf zu behindern und eine Kongress-Resolution zum Genozid verhindert. Livingston begleitete türkische Offizielle persönlich auf das Kapitol, um US-Kongressabgeordnete unter Druck zu setzen. Sie verstanden die Botschaft: Wird die Resolution weiterverfolgt, so wird uns die Türkei ihre Airbase in Incirlik verweigern. Ein Großteil der US-Versorgung für den Irak verläuft über die Türkei  (70%) - und das meiste davon über Incirlik.

In der realen Welt würde man von Erpressung reden. Bush sah sich zum Nachgeben gezwungen. Noch feiger zeigte sich Verteidigungsminister Robert Gates - der offensichtlich wenig Interesse an historischen Details hat. Petraeus und Crocker, so Gates, "glauben fest, der Zugang zu den Flugfeldern und Straßen und so weiter in der Türkei, wäre sehr gefährdet, wenn die Resolution durchkommt..."

Was für eine bittere Ironie liegt in seinen Worten. Schließlich sind es genau dieselben "Straßen und so weiter", auf denen Hunderttausende Armenier auf ihrem Todesmarsch 1915 unterwegs waren. Viele wurden in Viehzüge getrieben, die sie in den Tod fuhren. Eine der Strecken, auf denen die Züge fuhren, verlief durch den Osten Adanas. Dort war ein wichtiger Sammelpunkt - für die todgeweihten, westarmenischen Christen. Die erste Station auf der Strecke hieß Incirlik. Genau hier liegt heute die große Airbase, um die Mr. Bush so bangt.

Hätte es den Genozid, den Bush leugnet, nicht gegeben (wie die Türken behaupten), müssten die Amerikaner heute die Armenier um Erlaubnis bitten, die Basis in Incirlik zu benutzen. Es gibt noch Überlebende. Zum Beispiel lebt eine alte Frau im englischen Sussex. Sie ist armenische Überlebende aus jener Region und erinnert sich daran, wie türkische Gendarmen der Ottomanen auf einer Straße nahe Adana eine Gruppe aufgeschichteter armenischer Babys anzündete. Wer will, kann die Frau besuchen... Es sind genau diese "Straßen und so weiter", die der geschmacklose Mr. Gates erwähnt.

Keine Bange. Zwar hat die Türkei Bush vor Angst erzittern lassen, doch ist er nach wie vor in der Lage, die mächtigen Perser zu provozieren. Menschen, die "ein Interesse haben, den Dritten Weltkrieg zu verhindern", sollten den Iran davon abhalten, Wissen über Nuklearwaffen zu erlangen, hat uns Bush gewarnt. Ein Witz. Bush hat noch nicht einmal genug Mumm in den Knochen, die Wahrheit über den 1. Weltkrieg zu sagen.

Wer hätte je gedacht, dass der Führer der Westlichen Welt - der uns angeblich gegen den "Weltterror" beschützen will -, sich als David Irving des Weißen Hauses erweist?

Robert Fisk ist Nahostkorrespondent der britischen Zeitung The Independent

Übersetzt von: Andrea Noll
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