Damit der Krieg weitergeht
Die Bundeswehr verstrickt sich weiter am Hindukusch. Welche Ziele verfolgt die »internationale Gemeinschaft«?
von Paul Schreyer
02.02.2009 — Ossietzky 01/2009
Zu Weihnachten flackerten wieder solche Meldungen über die Bildschirme
in deutschen Wohnzimmern: »Angriff auf Bundeswehrsoldaten im Norden
Afghanistans«. Derartige Schlagzeilen scheinen allerdings nicht stärker
zu wirken als die jährlichen Warnungen vor der Gefahr von
Feuerwerkskörpern. Alles verpufft im Rauch.
Doch die Zahl der Attacken von Taliban und Widerstandsgruppen wächst
unaufhaltsam. Pünktlich zum Jahreswechsel hat auch der US-Botschafter
in Kabul seine Statistik aktualisiert. Derzufolge sind 2008 in
Afghanistan etwa 2.000 Anschläge verübt worden – gut doppelt so viele
wie im Vorjahr. Zeitversetzt wächst die Zahl westlicher Soldaten in der
Region. Die USA wollen ihr Truppenkontingent bis zum kommenden Sommer
von derzeit etwa 31.000 auf über 50.000 Soldaten erhöhen. Und die NATO
plant, die Stärke der Schnellen Eingreiftruppe (Quick Reaction Force)
in Nordafghanistan zu verdreifachen. Seit Juli 2008 stellt die
Bundeswehr diese Kampftruppe. Bisher scheint noch offen zu sein,
welches Land die zusätzlichen Soldaten stellen soll; das
Verteidigungsministerium in Berlin dementierte eine deutsche
Aufstockung.
Der eskalierende Konflikt greift auch immer weiter auf Pakistan über.
Der US-Geheimdienst CIA verschießt schon seit einiger Zeit regelmäßig
von unbemannten Drohnen aus Raketen auf pakistanisches Gebiet, so auch
am Neujahrstag. Nach den Anschlägen im indischen Bombay verstärkte sich
der öffentliche Druck auf das Nachbarland. US-Außenministerin Rice
ermahnte die Regierung in Islamabad: »Pakistan spielt eine
entscheidende Rolle dabei sicherzustellen, daß diese Terroristen nicht
weiter operieren können.«
Doch was geschieht wirklich in Pakistan?
Dexter Filkins, ein Journalist des New York Times Magazine,
der in seinem aktuellen Buch »The forever war« die nach dem 11.
September 2001 entstandenen Krisenherde aus eigener Anschauung
beschreibt, macht in einer in diesen Tagen in der Zeitschrift Geo erschienenen
Reportage klar, warum der sogenannte Antiterrorkampf in Pakistan nicht
vorankommt. Von einem früheren hohen Beamten der pakistanischen
Regierung ließ er sich erklären: Die Taliban am Leben zu erhalten, sei
für Pakistan die sicherste Methode, weiterhin in den Genuß der
Finanzzuschüsse aus den USA für den Antiterrorkampf zu kommen.
Tatsächlich hat die US-Regierung seit 2001 schon zehn Milliarden
US-Dollar an die Verbündeten in Islamabad überwiesen. »Ohne dieses Geld
würde die pakistanische Wirtschaft zusammenbrechen«, sagte der
ehemalige Beamte. »Wir können es uns schlicht nicht leisten, die
Taliban endgültig zu besiegen.« Immerwährender Krieg als Finanzquelle?
Stimmen im Westen wie der Council on Foreign Relations regen nun an,
mit Hilfe der Stammesführer einen Keil zwischen Bevölkerung und
Extremisten zu treiben. Doch offenbar sind auch die Stammesführer Teil
des Problems. Denn die Kämpfe in der afghanisch-pakistanischen
Grenzregion haben auch eine soziale Dimension. Filkins schreibt: »Es
ist den Islamisten vermutlich nicht allzu schwergefallen, die Maliks
(Stammesführer) zu verdrängen. Viele Pakistani hegten längst einen
tiefen Groll gegen das überkommene Malik-System mit seinen erblichen
Privilegien. Die Taliban und ihre Kämpfer kommen dagegen meist aus dem
einfachen Volk. (...) Überall in der Fata-Region (den Stammesgebieten)
erzählen mir die Menschen Robin-Hood-Geschichten über die Taliban: wie
sie die Reichen und Mächtigen in einem Dorf vor ein
›Laster-und-Tugend-Gericht‹ gezerrt haben, damit sie den Armen geben,
was ihnen zusteht. Unter der Herrschaft der Maliks gab es so etwas
nicht. Den Aufstieg der Taliban nehmen viele Pakistani in der Fata
nicht als Bedrohung durch Fanatiker wahr, sondern als eine soziale
Revolution zugunsten der kleinen Leute.«
Darüber erfährt man hierzulande wenig. Solche Informationen passen
schlecht ins Bild. Ohne sie zu berücksichtigen, dürfte es allerdings
schwer werden, Extremisten langfristig das Wasser abzugraben – doch
wollen das die verantwortlichen Strategen im amerikanischen
Sicherheitsapparat überhaupt? Einiges spricht dagegen. Zum Beispiel die
Erkenntnisse eines anderen Kenners der Region: Christoph R. Hörstel.
Der ehemalige ARD-Mitarbeiter (s. seinen Beitrag in Ossietzky 19/08:
»Pakistan – unser nächster Gegner«) bereist seit über 20 Jahren die
Region und arbeitete zuletzt als Coach im Fach »Landeskunde
Afghanistan« für Führungskräfte der Bundeswehr-Schutztruppe für
Afghanistan. In seinem kürzlich erschienenen Buch »Brandherd Pakistan«
schreibt er:
»Wir müssen uns darüber klar sein, daß am Hindukusch, in Zentralasien,
mitten zwischen Iran und China, die Feststellung ›mission accomplished‹
eine Art Horrorvorstellung für amerikanische Interessenvertreter
darstellt: Denn in diesem Fall müßten die USA ihre Truppen
zurückziehen. Und dann macht Asien sich sozusagen selbständig. Der Iran
stellt seine Energierohstoffe chinesischen Abnehmern zur Verfügung –
abgerechnet werden diese Lieferungen bereits heute nur noch zu 40
Prozent in US-Dollars – und dann haben die USA tatsächlich Macht und
Einfluß verloren.«
Diese Überlegungen stehen in diametralem Widerspruch zur offiziell
verlautbarten Position der USA. Barack Obama verkündete schon Monate
vor seiner Wahl zum US-Präsidenten, daß er etwa 7000 zusätzliche
Soldaten in die Region entsenden wolle – selbstverständlich zur
Terrorbekämpfung. O-Ton Obama: »Ich glaube, daß hier der Hauptfokus,
die Hauptfront im Kampf gegen den Terrorismus sein muß.«
Bereits zu Beginn des Jahres 2008 legte zudem der regierungsnahe
deutsche Think Tank »Stiftung Wissenschaft und Politik« (SWP) in einer
Studie nahe, daß Deutschland »die Aufstandsbekämpfung als neue
Einsatzrealität akzeptieren« müsse. Ein SWP-Mitarbeiter antwortete mir
auf die Frage, warum seiner Meinung nach die USA diesen Krieg
eigentlich führen, schlicht: Er werde nicht dafür bezahlt, solche
Fragen zu beantworten.
Die realen Kriegsgründe und einige unangenehme Wahrheiten hat nun
Hörstel im Detail recherchiert. Er faßt zusammen: »Zur Legitimierung
ihrer militärisch durchgesetzten strategischen Hegemonialinteressen in
Asien lassen die USA heimlich über pakistanische Geheimdienste ihre
Gegner hochpäppeln, die sie gleichzeitig durch gewaltsame Eingriffe zu
steuern versuchen. Dieses Doppelspiel sichert den ständigen Zuwachs an
eigenen und verbündeten Truppen in der Region, die dann dazu benutzt
werden, weitergehende geschäftliche Ziele zu erreichen.« Von einem
Gespräch mit einem regelmäßigen Teilnehmer der allwöchentlichen
Geheimdienst-Lagekonferenz im Bundeskanzleramt berichtet Hörstel: »Als
ich fragte, ob denn der BND über diese Doppelpolitik der USA informiert
sei, den Krieg am Hindukusch heimlich zu befördern, um ihn offen
ausweiten zu können, senkte mein Gegenüber den Kopf, sah plötzlich sehr
müde aus und gab völlig schnörkellos zu: ›Ja, wir wissen das.‹«
Die gute Informationslage der Bundesregierung verwundert kaum, ist doch
der BND in Afghanistan traditionell sehr aktiv, »bis an die Grenzen des
Verträglichen«, wie im April 2008 der Spiegel schrieb,
der nebenbei enthüllte: »Als im November 2001 auf dem Petersberg bei
Bonn 38 afghanische Politiker und Stammesvertreter unter Führung der
UNO zusammenkamen, ›wurde manchem von uns ganz flau im Magen‹, erinnert
sich ein Geheimer: Die Anzahl der BND-Zuträger bei der Tagung ging in
den zweistelligen Bereich, mehrere der Minister aus Hamid Karzais
Übergangsregierung führte der Dienst als V-Leute.«
Nicht nur Christoph Hörstel fragt sich angesichts all dessen: »Wie
bekommen wir nur unsere Abgeordneten dazu, diesen Wahnsinn nicht mehr
mitzumachen?«
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