Das Konzept für den Angriff auf Gaza war von langer Hand geplant
von Jonathan Cook
13.01.2009 — ZNet
Nazareth. Am vergangenen Wochenende lehnte Israel den Vorschlag der UNO für einen Waffenstillstand ab. Währenddessen spekulieren israelische Militäranalysten, wie die nächste Stufe des Angriffs auf Gaza aussehen wird. Von einer "dritten Phase" im Kampf ist die Rede.
In der ersten Phase wurden mehrere tausend Ziele aus der Luft angegriffen. Danach erfolgte die Bodenoffensive: Israelische Truppen sind in weite Teile des Territoriums des Gazastreifens eingedrungen. Die dritte Phase würde eine massive Ausweitung dieser Operationen bedeuten.
Und es würde die Einberufung Tausender Reservisten bedeuten, die derzeit ihr Training in mehreren Militärbasen in der Wüste Negev abschließen sowie die Zerstörung und Besetzung besiedeltem Territoriums, das noch näher am Kern von Gaza-Stadt (der wichtigsten Hochburg der Hamas) liegt. Die Zahl der zivilen Opfer würde in Phase 3 wahrscheinlich rapide steigen.
In einer vierten Phase könnte man die Hamas stürzen und Gaza direkt wiederbesetzen. Dies wird offensichtlich weder von der Armee, noch von der politischen Führung Israels angestrebt, die die wirtschaftlichen und militärischen Kosten fürchten.
In den kommenden Tagen ist mit einer Ausweitung von 'Operation gegossenes Blei' zu rechnen - sollte Israel entscheiden, dass die Verhandlungen bei der UNO und andernorts nicht nach seinem Gusto sind. Israelische Kampfflugzeuge werfen Flugblätter über Gaza ab, in denen die Bevölkerung vor einer bevorstehenden Eskalation gewarnt wird: "Bleiben Sie in Sicherheit, indem Sie unseren Anordnungen folgen".
In der vergangenen Woche warnte Premierminister Ehud Olmert, die militärischen Optionen der Armee seien noch nicht ausgeschöpft.
Diese Operationen wurden von langer Hand vorbereitet - wie Verteidigungsminister Ehud Barak zu Beginn der Offensive selbst zugab. Er sagte damals, die Armee und er hätten diesen Angriff schon seit mindestens sechs Monaten geplant. Es gibt Hinweise, dass das Konzept für die Invasion sogar um einiges älter ist. Wahrscheinlich wurde es vor 18 Monaten entworfen.
Damals vereitelte die Hamas einen Umsturzversuch ihres Erzrivalen Fatah, die von den USA unterstützt wird. Die Flucht vieler Fatah-Mitglieder aus Gaza in die Westbank hatte Mr. Barak wahrscheinlich davon überzeugt, dass die von Israel verhängte Langzeitblockade über die kleine Enklave Gaza nicht ausreichend sein würde, um die Hamas in die Knie zu zwingen.
Mr. Barak weitete die Blockade aus. Es kam zu Engpässen bei der Stromversorgung und beim Treibstoff. Viele gehen davon aus, dass man auf diese Weise Druck auf die zivile Bevölkerung Gazas ausüben wollte, damit sie sich gegen die Hamas auflehnt. Möglich ist auch, dass die Blockade ein zentraler Punkt in Baraks Militärstrategie ist. Jeder General weiß, dass es einfacher ist, gegen eine müde, hungrige und frierende Armee (oder hier Miliz) zu kämpfen - vor allem, wenn auch die Familien und Freunde der Kämpfer verhungern.
Einige Monate später sprach Baraks loyaler Stellvertreter Matan Vilnai jene berüchtigten Worte: Wenn das Raketenfeuer (auf Israel) weiterginge, so Vilnai, würden die Bewohner von Gaza einer "Shoah" entgegensehen. "Shoah" ist die hebräische Umschreibung für den 'Holocaust'.
Das Wort von der 'Shoah' wurde umgehend entschärft. Gleichzeitig unterbreiteten Barak und sein Team dem Israelischen Kabinett mehrere taktische Vorschläge für einen Militärschlag.
Es handelte sich um aggessive Maßnahmen, die "Gaza um Jahrzehnte zurückwerfen" sollten, wie es der Oberkommandierende der Armee in Gaza, Yoav Galant, am ersten Tag des Angriffs auf Gaza ausdrückte.
Im März 2008 hatten lokale Medien von einem Plan berichtet, in dem angeblich vorgesehen war, mit Artilleriefeuer und Luftschlägen gegen jene zivilen Viertel in Gaza vorzugehen, aus denen Raketen abgefeuert werden. Ein solcher Angriff hätte jedoch einen Verstoß gegen das internationale Recht dargestellt. Damals wurde berichtet, Mr. Baraks Rechtsberater überlegten sich Wege, wie man diese Verbote umgehen könnte - wohl in der Hoffnung, die internationale Gemeinschaft werde einfach wegsehen.
In dieser Hinsicht waren die Luftschläge gegen Polizeistationen (in Gaza), mit denen die Offensive begann, ein erster Erfolg. Dabei gab es Dutzende von Toten. Laut internationalem Recht sind Polizisten keine Kombatanten - eine Tatsache, die hier fast immer unbeachtet blieb.
Doch Israel griff auch eine Reihe von absolut zivilen Zielen an - Regierungsgebäude, Universitäten, Moscheen, medizinische Kliniken und Schulen. Man versuchte, eine Verbindung zwischen der Hamas (der Regierung der Enklave Gaza) und diesen öffentlichen Einrichtungen herzustellen und sie so zu legitimen Zielen zu erklären - mit wenig Erfolg.
Ein zweiter Punkt der Militärstrategie war es, bestimmte Regionen Gazas zu "Kombatzonen" zu erkären, in denen die Armee schalten und walten konnte, wie sie wollte. Die Bevölkerung sollte fliehen - falls nicht, würde sie ihren zivilen Status verlieren und zu einem legitimen Ziel.
Diese Politik wurde anscheinend umgesetzt. Darauf deuten auch die abgeworfenen Flugblätter hin. Mit dieser Kampagne wurden die Bewohner gewarnt, bestimmte Regionen - zum Beispiel die Region Rafah und Nordgaza - zu verlassen. In den vergangenen Tagen prahlten israelische Kommandeure mit der extremen Brutalität, mit der sie in diesen Regionen vorgingen.
Bezüglich Rafah und Nordgaza scheint man das Ziel zu verfolgen, diese Regionen weitgehend zu entvölkern. Im Falle Rafah will man erreichen, dass das Ausheben von Tunneln nach Ägypten erschwert wird. Im Falle Nordgaza will man erreichen, dass die Raketen mit großer Reichweite, die von hier abgeschossen werden, nicht eines Tages Tel Aviv erreichen werden.
In der dritten Phase sollen diese Strategien wahrscheinlich signifikant ausgeweitet werden, während die Armee gleichzeitig weiter vorrückt. Vielleicht wird man Teile Gazas zu abgeriegelten Militärzonen erklären - praktisch unter Abdrängung der dort lebenden Bevölkerung in die bevölkerungsreichsten Hauptzentren.
Vor einem Jahr hatte Mr. Barak seine Strategie veröffentlicht. Damals schlug der israelische Innenminister Meir Sheetrit vor, die Armee solle sich "ein Viertel in Gaza aussuchen und es dem Erdboden gleichmachen". Falls die dritte Phase eintritt, wird es sich erweisen, ob Israel eine solche Maßnahme durchführen wird.
Jonathan Cook ist Autor und Journalist. Er lebt in Nazareth. Sein aktuelles Buch heißt: 'Disappearing Palestine: Israel's Experiments in Human Despair' (erschienen bei Zed Books).
www.jkcook.net
Eine Version dieses Artikels ist in The National mit Sitz in Abu Dhabi erschienen (www.thenational.ae) erschienen.
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