Der Blick von einer Kreuzfahrerburg
von Alexander Cockburn
25.05.2008 — CounterPunch / ZNet
Krak des Chevaliers, Syrien. Vor 30 Jahren, als der Staat Israel erst die Hälfte seines Weges seit seiner Gründung 1948 hinter sich gelegt hatte, interviewte ich General Matti Peled in New York. Als israelischer Armeegeneral war er als harter Administrator der Besetzten Gebiete bekannt gewesen. Nach seiner Pensionierung wandelte er sich zur Taube. Er drängte Israel öffentlich, ernsthaft mit den Palästinensern zu verhandeln, die illegalen Siedlungen aufzugeben, sich auf die Grenzen von 1967 zurückzuziehen und sämtliche großen Hindernisse für einen wirklichen Frieden aus dem Weg zu räumen.
"Was wird Ihrer Meinung nach passieren," fragte ich damals den Ex-General, "falls keine israelische Regierung je die Stärke aufbringt, diesen Weg einzuschlagen?"
"Oh, wir werden enden wie die Kreuzfahrer, denke ich. Es wird eine gewisse Zeit dauern, aber am Schluss werden wir weg sein - wie sie", antwortete er. Zum damaligen Zeitpunkt war es erstaunlich, einen Israeli, vor allem einen Militär, so reden zu hören. Damals (wie heute und immer) liebte es die Israellobby in den USA, Israel als umkämpften Staat darzustellen. Israel sei nur einen Schritt von der Auslöschung durch blutdürstige Araber entfernt, falls die USA dem Land nicht unbegrenzte Subventionierung und eine an keinerlei Bedingungen geknüpfte Diplomatie einräumten.
Damals glaubten Viele, ein annähernd tolerierbarer Deal - im Rahmen der UNO-Resolutionen - sei realisierbar. Die Palästinenser würden zwar nicht das bekommen, was sie wollten aber wenigstens einen halbwegs zusammenhängenden kleinen Staat. Die (israelischen) Siedlungen würden nicht weiter ausgebaut oder sogar zurückgebaut.
2008 wirken diese Vorstellungen so antiquiert wie eine viktorianische Weihnachtskarte. Heute sieht die Vorstellung eines Palästinenserstaates, wie sie von voreiligen Israelis hin und wieder hervorgezaubert wird, so aus: ein Patchwork aus separierten Enklaven, mit begrenztem Zugang zu Wasser, eingezwängt durch israelische Siedlungen und abgetrennt durch Militärstraßen, auf denen nur Juden fahren dürfen.
Hamas - die politische Partei, der verzweifelte Palästinenser ihre Stimme gaben -, wird von den USA und der EU als Terrororganisation stigmatisiert. Als ich damals General Peled interviewte, war Jimmy Carter der amtierende Präsident der USA. Vor wenigen Wochen verurteilte Carter die israelische Belagerung Gazas als abstoßendes Verbrechen gegen Zivilisten und wurde daraufhin selbst als Terrorkomplize beleidigt.
Stimmt, in den USA wird die Rolle der Israellobby heute mehr hinterfragt als noch vor einer Generation. Aber diese Fragen sind nur ein Kräuseln auf den riesigen Meereswogen einer vollmündigen Unterstützung des US-Kongresses für alles, was von Israels Falken verlangt wird. Keine(r) der Mainstream-US-Präsidentschaftskandidaten 2008 traut sich, etwas anderes zu tun, als vor der Israellobby zu kuschen. Es verhält sich nicht anders als in all den Jahren zuvor. Hillary Clinton erregte leichte Irritation, als sie sagte, falls der Iran die Existenz Israel bedrohe, würde er durch die USA "abgeschafft" (wörtlich: "obliterated"). Bei hartnäckigem Nachhaken würden ihre Rivalen allerdings dasselbe sagen. Was heißt zudem "bedrohen"? "Bedrohen" kann so gut wie alles heißen.
In der vergangenen Woche reiste George Bush nach Israel (es war nicht ironisch gemeint, dass diese Reise ausgerechnet am Jahrestag der 'Naqba' (Israels Vertreibung der Palästinenser 1948) stattfand). Bush hoffte, seine achtjährige Submission gegenüber Israels Falken mit einer Art "Oslo-2-Abkommen" abrunden zu können - ein Abkommen, das den israelischen Landraub permanent absegnen und alle UNO-Abkommen in den Papierkorb der Geschichte verweisen soll. Sein Pech nur, dass seine Israelreise ausgerechnet mit den schwersten Korruptionsanschuldigungen zusammenfiel, die je auf das Haupt des israelischen Premiers Ehud Olmert niederprasselten. Olmert stammelte Entschuldigungen für die massiven Finanzspenden an ihn durch Morris Talansky (mit Sitz in Long Island). Olmert verpflichtete sich, im Falle einer Anklage zurückzutreten. Es sieht so aus, als seien seine Tage im Amt gezählt. Das Zusammenflicken einer neuen Koalition wird einige Zeit in Anspruch nehmen.
Was auch immer Bush in der Knesset schwadronierte, die US-Politik in der Region hat einen demütigenden Schlag erlitten, weil die libanesische Regierung ihre Bemühungen einstellte, das Kommunikationssystem der Hisbollah und deren umfassendes Verkehrsüberwachungssystem am Beiruter Flughafen zurückzustutzen. In Israel herrscht derweil Empörung über die Raketensalven aus Gaza auf die israelische Stadt Ashkelon. Niemand wird in diesem Zusammenhang vergessen, dass die Hisbollah fähig ist, vergleichbare Salven abzufeuern. In Riad bekam Bush eine Abfuhr der Saudis, als er versuchte, das Königreich zu motivieren, seine Ölproduktion zu steigern.
Anfang der Woche stand ich auf dem Krak des Chevaliers, der größten Burg der Kreuzfahrer und blickte gen Süden Richtung Israel. Die Burg befindet sich rund vier Autostunden außerhalb von Damaskus und erhebt sich über der syrischen Küstenebene. Der langatmige T.E. Lawrence bezeichnete sie einst als "wahrscheinlich best erhaltene und insgesamt bewundernswürdigste Burg der Welt". Die Kreuzfahrer des Hospitalerordens konnten von ihr nie mit Gewalt vertrieben werden - wenngleich Saladin es versuchte. Erst der ägyptische Mameluken-Sultan Baybars überlistete sie im Jahre 1271, durch Verhandlungen, zum Rückzug. Die Kreuzfahrer hatten die Burg bis dahin 162 Jahre lang gehalten.
Ich stand auf dem großen Südturm (der erst in den 30ger Jahren des letzten Jahrhunderts von französische Ingenieuren fertig gestellt wurde) und dachte zurück an General Peleds Aussagen über Israel und die Kreuzfahrer. Sie hatten diese Burg dreimal solange gehalten wie Israel bis heute existiert. Die Falken haben Israels Sicherheit nicht gestärkt - diese Anklage erheben Peled und Dutzende andere Tauben in den vergangenen Jahren. Mittel- und langfristig haben die Falken die Sicherheit Israels sogar einem gravierenden Risiko ausgesetzt. Das Gleichgewicht der Macht in der Region hat sich massiv verschoben – seit die USA hier vor ein oder zwei Generationen noch die Dominanz innehatten. Bush wird bald Geschichte sein. Olmert wird vielleicht noch früher Geschichte sein. Alle neuen Besucher in Israel bekommen eine Tour durch Yad Vashem verordnet. Vielleicht sollte es auch eine Pflichttour auf die Burg Krak des Chevaliers geben - für alle Politiker, die mit Israels Sicherheit und mit Gerechtigkeit für die Palästinenser befasst sind.
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