Der ehemalige CIA-Analyst Ray McGovern wurde bei einer Rede von Hillary Clinton verprügelt und verhaftet
McGovern hatte Clintons Rede 'stillen Widerstand' entgegengebracht
von Amy Goodman
18.02.2011 — Democracy Now!
In der vergangenen Woche hielt US-Außenministerin Hillary Clinton eine lange Rede, in der es um die globale Freiheit des Internet ging. Als sie zu dem Teil kam, in dem sie die Regierungen des Iran und Ägyptens verurteilte, weil diese Demonstranten verhaftet und verprügelt hätten, wurde Ray McGovern gewaltsam aus dem Publikum entfernt und verhaftet. Er war aufgestanden und hatte Clinton - in stummem Protest gegen die amerikanische Außenpolitik - den Rücken zugekehrt. Ray McGovern ist uns nun aus Washington D.C. zugeschaltet.
Unser Gast:
Ray McGovern ist ein ehemaliger hochrangiger CIA-Analyst; zu seinen Aufgaben gehörte es, die täglichen Kurzberichte für den Präsidenten zusammenzustellen. Er war zudem Vorsitzender des Ausschusses zur Einschätzung der Lage der Nation (National Intelligence Estimates). Heute ist er Mitglied der Organisation 'Veterans for Peace'.
Juan Gonzalez:
Am Dienstag hielt Hillary Clinton eine ausführliche Rede, in der sie weltweite Freiheit für das Internet forderte. In ihrer Rede, an der George Washington University, verurteilte Clinton die Regierungen Ägyptens und des Iran, weil diese Demonstranten verhaftet und verprügelt hatten.
(Einspielung):
US-Außenministerin Hillary Clinton:
Worum es bei den Geschehnissen in Ägypten und im Iran geht (wo es diese Woche wieder zu Gewalt gegen Demonstranten, die sich für grundlegende Freiheiten einsetzen, gekommen ist), reicht weit über das (Thema) Internet hinaus. In beiden Fällen protestierten Menschen, weil sie mit ihren politischen und ökonomischen Lebensbedingungen unzufrieden sind. Sie standen da und marschierten und sangen - und die Behörden verfolgten, blockierten und verhafteten sie. (Ende)
Amy Goodman:
Wenige Augenblicke, bevor Hillary Clinton diese Worte sprach, wurde ein 71jähriger Mann gewaltsam aus Clintons Veranstaltung geworfen und verhaftet. Was hatte er getan? Er hatte der US-Außenministerin den Rücken zugewendet. Einige TV-Kameras haben einen Teil der Geschehnisse festgehalten.
(Einspielung)
US-Außenministerin Hillary Clinton:
Dann hat die (iranische) Regierung den Stecker gezogen, sodass die Telefone nicht mehr funktionierten. Auch die Signale eines TV-Satelliten wurden gestört. Der Internet-Zugang wurde fast den ganzen... blockiert. (Ende)
Ray McGovern (Schreit):
Das hier ist Amerika! Das hier ist Amerika! Und wer sind Sie? Wer sind Sie? (Ende)
Juan Gonzalez:
Die Schreie, die Sie eben gehört haben, stammen von Ray McGovern. Das war, als die Sicherheitsleute in weggeschleppt haben. Sie haben ihm blaue Flecken und blutige Verletzungen zugefügt. Anschließend wurde er verhaftet. McGovern ist ein ehemaliger Offizier des Armeegeheimdienstes. Er war 27 Jahre lang bei der CIA. Er war einer der Leute, die Präsident George H.W. Bush (senior) täglich einen Kurzbericht (Briefing) gaben. Inzwischen ist er zu einem lautstarken Kritiker der US-Außenpolitik geworden. Er ist uns nun aus Washington D.C. zugeschaltet. Ray, sind Sie ernstlich verletzt? Berichten Sie uns, was passiert ist.
Ray McGovern:
Sie haben sich auf mich gestürzt. Ich konnte wirklich gar nichts mehr sehen. Dabei hatte ich mich nur umgedreht und mich ganz auf mich konzentriert. Mein einziges Verbrechen bestand darin aufzustehen, während alle anderen sich setzten. Ohne Vorwarnung haben sie sich auf mich gestürzt. Ein Kerl, der aussah wie ein Footballer der NFL-Profiliga in Zivilklamotten hat mich, sagen wir mal, "bearbeitet". Ich wusste nicht, wer er war. Deshalb hört man mich auf dem Band auch immerzu schreien: "Wer sind Sie? Wer sind Sie?" Ich habe keine Antwort bekommen. Also - es ging alles sehr schnell und war ziemlich brutal. Die größte Ironie sind die Worte, die Hillary Clinton, vier Abschnitte weiter unten, von sich gab (ihr habt sie ja eingespielt). Das klingt wie bei Franz Kafka.
Wissen Sie, wenn so etwas passiert, muss man es mit Humor nehmen - vor allem, wenn man blaue Flecken davongetragen hat. Die unteren (Verletzungen) kann ich Ihnen leider nicht zeigen. Auf dem Weg in die Sendung habe ein wenig reingehört - ich war ein wenig spät dran. Ich hörte (Hillary) Clinton (in der Kurzeinspielung) sagen: "Wir wenden uns mit aller Macht gegen den Einsatz von Gewalt". Sie hat das gestern gesagt. Sie sei sehr besorgt über die Aktionen der Sicherheitskräfte, sagte sie. Dem kann ich nur zustimmen: Ja! Meine Mitstreiter von 'Veterans for Peace' hatten sie aufgefordert, sich bei mir zu entschuldigen. Das also war ihre Entschuldigung. Doch dann wurde mir klar, dass sie von Bahrain sprach. Einfach kafkaesk!
Amy Goodman:
Sie sind also ernsthaft verletzt worden. Wo - an welchen Körperteilen? Was haben die mit Ihnen angestellt?
Ray McGovern:
Nun, zunächst haben sie mich mit zwei Sets Handschellen - sehr rau - gefesselt. Es waren Handschellen aus Eisen, aus Stahl. Sie schnitten in die Handgelenke ein. Sie können sich das hier mal ansehen - und das hier. Sie haben mir die Hände natürlich auf dem Rücken gefesselt; daher ist sehr viel Blut über meine Hosen geflossen. Sehen Sie meine Hose - voller Blut. Als jemand fragte: "Ist das sein Blut?" antwortete einer der Cops: "Nein, nein, ich habe mich am Finger verletzt." Na klar. Mein ganzer Hosenboden ist mit Blut durchtränkt. Sie warfen mich - nein, sie warfen mich nicht -, sie setzten mich in ein Patrouillenfahrzeug der Polizei. Ich versuche, nicht zu übertreiben. Sie brachten mich auf die Hauptwache der Polizei von Washington D.C. Sie fotografierten mich, nahmen meine Fingerabdrücke (falls man sich wiedersieht) und steckten mich in eine Zelle, die ungefähr so groß war wie die, in die sie (den US-Soldaten und mutmaßlichen WikiLeaks-Informanten) Bradley Manning in Quantico eingesperrt haben.
Amy Goodman:
Ray, wir haben nur noch eine Minute. Warum waren Sie dort und warum sind Sie aufgestanden?
Ray McGovern:
Ich stand auf, um die Tatsache stumm zu bezeugen, dass Hillary Clinton schuld ist am Tod vieler tausender Iraker, Amerikaner, Afghanen und Gott weiß wer noch alles. Ich hoffe, die Iraner werden verschont bleiben. Ich hoffe auch, sie (Clinton) glaubt nicht, dass alle höflich sitzenbleiben und applaudieren werden, während so viele von uns (die meisten von uns kommen in derartige Veranstaltungen erst gar nicht rein) unendlich traurig und wütend sind angesichts der Außenpolitik unserer Regierung. Es gibt kaum Gelegenheiten, um das zum Ausdruck bringen zu können. Ich wollte es absolut gewaltfrei zum Ausdruck bringen - indem ich ihr einfach den Rücken zukehre. Auf meinem T-Shirt stand 'Veterans for Peace'.
Amy Goodman:
Nun, Ray McGovern, vielen Dank, dass bei uns waren. McGovern ist ein ehemaliger Top-Berichterstatter von Präsident George H.W. Bush (senior) und arbeitete mehr als ein Vierteljahrhundert für die CIA.
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