Der Gazakrieg – Mord vom Himmel
von Shmuel Amir
15.01.2009 — Left Forum
Nach Beginn des Angriffes auf den Gazastreifen nahm Ehud Barak die Pose von Julius Caesar ein, der beim Überschreiten des Rubikon verkündigte: „Der Würfel ist gefallen’ und dann erklärte, nun hat der Kampf begonnen. Er lässt die Frage offen: ‚Welcher Kampf genau?’ Wie wir alle wissen, müssen es zwei Seiten sein, um mit einander kämpfen zu können; aber hier im Gazastreifen gibt es da zwei Seiten, wenn Gaza aus der Luft bombardiert wird? Gibt es auf der einen Seite nicht eine Luftwaffe, die mit den besten Kampfflugzeugen ausgestattet ist, geliefert von ihren Freunden, den USA, während auf der andern Seite eine völlig hilflose Bevölkerung ist, die einem Bombardement ausgesetzt ist, das vom Himmel regnet. Gibt es denn einen Krieg, wenn nur die eine Seite kämpft? Deshalb ist der Kampf, den der israelische Verteidigungsminister Barak verkündigte auch kein Krieg, sondern eine Jagd. Eine Jagd auf Menschen, denen die geringsten Mittel fehlen, um Widerstand zu leisten und die von der Luft her ermordet werden. Eine leichte Beute. Ich erinnere mich an romantische Filme, die wir früher sahen, in denen zwei Gegner mit Schwertern kämpften. Wenn der eine von ihnen, gar der Böse von ihnen, sein Schwert verlor, dann hat ihm sein Gegner das Schwert zurück gegeben, um zu vermeiden, dass er einen unbewaffneten Hilflosen tötet. So war es in den Filmen. In der Wirklichkeit von heute steht die eine Seite ohne Schwert vor einem Feind, der von Kopf bis Fuß bewaffnet ist; und sie nennen es Krieg. Der Krieg im Gazastreifen sieht viel mehr wie ein Massaker aus.
Der 1. Luftangriff begann am 27. Dezember. Er dauerte vier Minuten, während denen 200 Menschen getötet wurden. Die zweite Angriffwelle kam wenige Minuten später. Bis zur Bodenoffensive wurden über 400 Palästinenser getötet und vier Israelis wurden von Qassam-Raketen getötet. Im ganzen wurden 1436 Palästinenser und 13 Israelis getötet, (davon 3 durch die eigenen Leute). Die Zahl der palästinensischen Verwundeten liegt bei über 5000 – auf der israelischen Seite schätzt man ca. 50. Diese Zahlen erzählen die Geschichte des ungleichen „Gazakrieges“.
Der koloniale Hintergrund
Zu dieser Art des Tötens, diesem Morden, das im Gazastreifen statt fand, gibt es einen Hintergrund und eine Geschichte: die kolonialen Beziehungen zwischen Juden und Palästinensern in Israel begannen lange vor der Errichtung des Staates Israel. Besonders erstaunlich ist das Verhältnis der Getöteten über die Jahre hinweg, aber vor allem im Gazakrieg: es ist 1 ( Israeli) zu 100 (Palästinenser). Dieses Verhältnis ist nicht zufällig, sondern beschreibt das Verhältnis, das in Kolonialkriegen als normal betrachtet wurde.
Der Schriftsteller und Gelehrte Sven Lindqvist diskutiert dieses Thema in seinem Buch „Löscht alle Wilden aus“, das vor 15 Jahren auf englisch erschienen ist. Lindqvist untersuchte den europäischen Kolonialismus in Afrika im ausgehenden 19. Jahrhundert. Wenn wir die koloniale Unterdrückung und die Methoden, die jetzt gegen das palästinensische Volk angewendet werden, besser verstehen wollen, dann würden wir gut daran tun, dieses Buch zu lesen.
Lindqvist beschreibt z.B. die Schlacht zwischen der britischen Armee und der Armee der Derwische in Omdurman ( Sudan). Der Krieg war vom britischen Empire geführt worden, um den Sudan zurück zu erobern. Lindqvist benützte Beschreibungen von Winston Churchill, der damals ein junger Militärkorrespondent für eine englische Zeitung war. In jener Schlacht wurde eine große Armee ( die ‚Derwische“) von der Kolonialarmee zerstört, die zwar klein, aber mit der besten militärischen Technologie der damaligen Zeit ausgerüstet war. Die Engländer hatten Maxim-Kanonen, deren Reichweite viel weiter waren als die der antiquierten Gewehre, die die Derwische hatten. Deshalb konnten sie die Armee der Eingeborenen beschießen, bevor diese sie überhaupt wahrnahmen.
Die berittenen Derwische waren nach Churchills Beschreibung sehr mutig und stürmten wütend gegen die englische Armee, aber fast alle wurden getötet, bevor sie direkten Kontakt mit den englischen Soldaten hatten. Während der Schlacht hatte die britische Armee kaum Verluste. Die britische Presse veröffentlichte Bilder von einem Kampf von Mann zu Mann zwischen Derwischen und Engländern, aber diese Bilder waren gefälscht – solch eine Schlacht fand nicht statt.
Lindqvist schließt daraus: ‚In der Omdurman-Schlacht wurde die ganze sudanesische Armee zerstört, ohne in den Schussbereich des Feindes gekommen zu sein. Diese Art des Tötens aus großer Entfernung wurde zu einer europäischen ‚Spezialität’. Die britischen Kanonen waren besonders effektiv gegen unbewaffnete Dörfer. Lindqvist schreibt auch: Die Europäer wurden die ‚Götter der Kanonen’, die ihre Opfer niederstreckten, bevor ihre Feinde sie erreichen konnten. Die europäische Expansion in Asien und Afrika eröffnete eine neue Periode des Imperialismus. ‚Militärische Überlegenheit wurde von zu vielen Europäern als geistige und sogar als biologische Überlegenheit angesehen.
Der englische Kolonialkampf jener Zeit ähnelt dem Luftangriff gegen den Gazastreifen in noch anderer wichtiger Hinsicht: die israelische Bewunderung für die ‚außerordentliche Leistung’ beim Morden in Gaza. Auch in England wurden damals die Berichte über den Sieg mit großer Begeisterung aufgenommen. Der Kommandeur der Kampagne Lord Kitchener wurde von der Königin und allen Briten mit Jubel empfangen.
Die Kolonialmächte kämpften aus einer Position mit absolutem militärischen Vorteil. Angesichts dieser Tatsache konnten sie nicht verstehen, dass die Eingeborenen es wagten, Widerstand zu leisten. Die Europäer schrieben den Widerstand der Eingeborenen ihrer Dummheit und der natürlichen Primitivität ihrer Rasse zu. Die wirkliche Motivation der Einheimischen - der starke Wunsch, frei von ihrem Unterdrücker zu sein - konnten die Kolonialherren nicht verstehen.
Die koloniale Struktur in unserer Region hat seinen Ursprung in dem fortgesetzten zionistischen Kolonialkrieg, der seit über hundert Jahren währt und sich seit den Eroberungen von 1967 intensiviert hat.
Tom Segev, eine fast einsame Stimme im Lärm des patriotischen Chors, entschied sich vor kurzem in Haaretz ( 19.12.08) einige alte Wahrheiten über den jüdisch-arabischen Konflikt darzustellen. Er war auch nicht ängstlich, die zionistische Ideologie als Quelle unserer ungenauen Vermutungen über die Palästinenser zu erwähnen:
‚Israel hat gegen die Palästinenser einen Schlag durchgeführt, um ihnen ‚eine Lektion zu erteilen’. Dies ist die Prämisse, die das zionistische Unternehmen von Anfang an begleitet hat;
wir stellen Fortschritt und Aufklärung, vernünftige Kultiviertheit und Moral dar; die Araber sind ein primitiver und leidenschaftlicher Haufen, ignorante Jugendliche, die erzogen und unterrichtet werden müssen, damit sie verstehen. All dies natürlich mit der Methode von ‚Zuckerbrot und Peitsche’.
Segev fährt fort: „Das Bombardieren des Gazastreifens ist dafür gedacht, das ‚Hamas-Regime’ zu eliminieren; auch dies entspricht der Vermutung, die die zionistische Bewegung von Anfang an begleitet hat, nach der es möglich sein wird , eine ‚moderate’ Führung über die Palästinenser zu setzen, die Konzessionen bei ihren nationalen Hoffnungen machen würde. Wir verteidigen uns hier nur.“
Segev betont anschließend:
Der Kampf ist jedoch nicht gegen eine terroristische Organisation, die die Bevölkerung des Gazastreifens zu Geiseln nimmt, sondern eine national religiöse Bewegung, die viele Anhänger hat. Seit Beginn der zionistischen Präsenz in Erez Israel (Palästina) hat es keine militärische Aktion gegeben, der anspruchsvolle Verhandlungen mit den Palästinensern vorausgegangen wären.
Außer den militärischen Aktionen erinnert Segev an Programme, in denen es darum ging, (nach dem Sechs-Tage-Krieg) arabische Familien aus dem Gazastreifen in die Westbank umzusiedeln. (Ich erinnere mich an jene Version: Sobald die Kämpfe beendet waren, ermittelte der israelische Ministerpräsident Eshkol, wie weit ein „Transfer“ der Araber aus dem Gazastreifen in den Irak möglich ist, um an ihrer Stelle Juden im Gazastreifen anzusiedeln.
Die Bodenaktion im Januar 2009: wie wird sie enden?
Vor kurzem begann das zweite Stadium des ‚Gazakrieges’. Die Presse berichtet, dass Armeevertreter dem politisch Verantwortlichen berichtete, dass sie keine Ziele mehr hätten und es deshalb nötig sei, eine militärische Invasion tief in den Gazastreifen hinein auszuführen. Die Kampfbedingungen werden jetzt etwas andere sein als im ersten Stadium des Konfliktes, da man erwartet, dass es hier handfesten Kontakt zwischen beiden Seiten geben wird. Selbst unter diesen Bedingungen wird das Kräfteverhältnis weiter so sein, dass es – wie beim Libanonkrieg - weit entfernt davon sein wird, dass es sich um gleichwertige Gegner handelt. Die meisten Verluste auf palästinensischer Seite wurden durch einen Krieg verursacht, der aus der Ferne kontrolliert wurde: aus der Luft, vom Meer und vom Land durch Artillerie. Auch die Bodenoffensive war nicht eine unter Gleichen. Die koloniale Struktur, die Israel auf den Widerstand der Gaza-Kämpfer legte, blieb bestehen: auf der einen Seite eine große moderne Armee mit raffinierter, technischer Ausrüstung und auf der andern Seite eine leicht bewaffnete Guerillagruppe.
Es gibt bereits Berge von Texten über die Geschichte von Israels Kriegen im Gazastreifen: Wer hat begonnen? Siedelten die Araber zuerst im jüdischen Gazastreifen oder umgekehrt? Wer war ein Siedler innerhalb einer dichtbevölkerten Gegend und nahm 20% des Landes und einen wesentlichen Teil der Wasserreserven? Wer verhinderte die Schaffung einer industriellen Infrastruktur oder gar Elektrizitätswerke und beklagt sich danach, dass ‚wir’ den Strom liefern, obwohl uns die Gazaer beschießen? Und wer verließ Gaza „ ohne zu bezahlen’ und beklagt sich noch, dass sie uns nicht dankbar dafür sind? Diese Fragezeichen bleiben auch bei der Frage hängen, wie kommt jede Seite zu ihrer militärischen Ausrüstung: durch Tunnel ( Schmuggel! Schleichhandel) oder über See- und Flughäfen in Israel (legitim und korrekt) oder wer verletzt die Feuerpause (‚Tahdiya’) und spielt hinterher den ausgeraubten Kossacken, als man wieder anfing, Qassam-Raketen abzufeuern?
Wir sollten viele andere Fragen ohne Diskussion angehen: wer tötet vorsätzlich friedliche Zivilisten und wer tötet drei-vier mal so viele Zivilisten und nun 100 mal mehr, tut es aber ‚unabsichtlich’? Hier als Beispiel ein paar Fakten aus einem B’tselem-Bericht: In sieben Jahren seit Beginn des Abfeuerns der ersten Qassam bis zu Beginn des letzten Angriffes auf den Gazastreifen wurden 13 Israelis getötet. In der selben Zeit wurden 2990 Palästinenser getötet, einschließlich 634 Kinder. Während dieser Periode tötete Israel 4781 Leute im Gazastreifen und auf der Westbank. Der größte Teil waren Zivilisten, einschließlich Frauen und Kinder. Diese Fakten sollen berücksichtigt werden, wenn wir uns mit der Frage herumschlagen, wer die Terroristen sind oder wie weit der ‚Hamasterror’ geht verglichen mit dem ‚Staatsterror’ Israels.
Bei all diesen Fragen – so wichtig sie auch sind – wird die Wurzel des Problems nicht gefunden .
Die Wurzeln des israelisch-palästinensischen Konfliktes waren und bleiben bis heute die Beziehungen zwischen dem Eroberer und den Eroberten, zwischen dem Unterdrücker und den Unterdrückten, zwischen dem Belagerer und den Belagerten, zwischen dem Kolonialherren und dem Eingeborenen.
In den besetzten Gebieten möchte der Staat Israel nur die unterworfenen Palästinenser sehen, die es nicht wagen werden, angesichts der anhaltenden Kontrolle über ihr Leben, ihren Kopf zu heben. Diejenigen, die wahren und einen dauerhaften Frieden zwischen beiden Völkern wünschen, sollten wissen, dass das Ende des palästinensischen Widerstandes und ein Friedensvertrag erst nach der Beendigung der Kolonisierung in all seinen Formen kommen wird.
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Eine absolut treffende Darstellung von Herrn Amir.
Es handelt sich natürlich nicht um Krieg gegen die Palästinenser sondern um Massacker die einem ganz speziellen Ziel dienen (neben einigen "Unterzielen"), nämlich der ethnischen Säuberung ganz Palästinas, und das nennt man Völkermord!
Eine andere Deutung der furchtbaren Vorgänge, auch zuletzt in Ghaza, ist garnicht möglich. Das hat Herr Amir sauber auseinandergesetzt.Müsste eigentlich auch für diejenigen deutschen Politiker einsichtig sein,die gerade in Genf unter Protest den Saal verließen, als Präsident Ahmadineschad die Israelis als Rassisten einordnete. Die sollten mal diesen Essay von Herrn Amir lesen.
C.Pichlo