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Der militärisch-industrielle Komplex - 50 Jahre seit Präsident Eisenhowers berühmter Abschiedsrede

Ein Interview mit William Hartung

von Amy Goodman

20.01.2011 — Democracy Now!

50 Jahre sind vergangen, seit Präsident Eisenhower seine berühmte Abschiedsrede hielt

 

 

William Hartung über sein neues Buch: 'Prophets of War: Lockheed Martin and the Making of the Military-Industrial Complex' (Kriegspropheten: Lockheed Martin und wie der militärisch-industrielle Komplex geschaffen wurde)

 

Democracy Now! vom 20. Januar 2011

 

In dieser Woche war der 50. Jahrestag der berühmten Abschiedsrede von Präsident Dwight D. Eisenhower an die Nation. In seiner Rede warnte er vor dem Aufstieg des "militärisch-industriellen Komplexes". Wir sprechen nun mit William Hartung. Er ist Direktor der 'Arms and Security Initiative' der New America Foundation. Hartung hat die Story des größten amerikanischen Rüstungskonzerns, Lockheed Martin - beziehungsweise desse Rolle beim Aufstieg des militärisch-industriellen Komplexes - untersucht. Hartungs neues Buch trägt den Titel: 'Prophets of War: Lockheed Martin and the Making of the Military-Industrial Complex'.

 

Juan Gonzalez:

In dieser Woche vor 50 Jahren, am 17. Januar 1961, hielt US-Präsident Dwight D. Eisenhower seine berühmte Abschiedsrede.

 

(Eingespielt:)

Präsident Dwight D. Eisenhower:

Meine amerikanischen Landsleute. Heute Abend komme ich zu Ihnen mit einer Abschiedsbotschaft und um Abschied zu nehmen. Und ich möchte, dass Sie, meine Landsleuten, einige meiner abschließenden Gedanken mit mir teilen. Wir waren gezwungen, eine permanente Rüstungsindustrie sehr großen Ausmaßes zu schaffen. Dreieinhalb Millionen Männer und Frauen sind - direkt - in das Verteidigungsestablishment involviert. Alles in allem hat dies Auswirkungen auf jede Großstadt, auf jedes Staatsgebäude und jedes Büro der Bundesregierung - in ökonomischer, politischer und selbst in spiritueller Hinsicht. Wir akzeptieren, dass dies eine unumgängliche Entwicklung war, doch müssen wir auch deren gravierende Auswirkungen begreifen und dürfen hierin nicht versagen. In den Ratsgremien (Räten) der Regierung müssen wir uns dagegen wappnen, dass der militärisch-industrielle Komplex zu großen Einfluss gewinnt - ob er es bewusst oder unbewusst versucht (spielt keine Rolle). Das potentielle Risiko, dass eine unbefugte Macht aufsteigt, was verheerend wäre, besteht und wird weiterhin bestehen." (Ende)

 

Juan Gonzalez:

Das war ein Auszug aus Eisenhowers Abschiedsrede vom 17. Januar 1961. Sie ist auch in der Dokumentation 'Why We Fight' enthalten. 50 Jahre sind seit dieser Rede vergangen, und viele Menschen sind der Ansicht, dass der militärisch-industrielle Komplex heute mächtiger ist als je zuvor.

 

Amy Goodman:

Unser nächster Gast hat sich mit dem Aufstieg des militärisch-industriellen Komplexes befasst und zwar anhand des größten Rüstungsunternehmens der USA: Lockheed Martin. Dieser ist ein Allround-Waffenkonzern. Jedes Jahr schließt er mit dem Pentagon Verträge im Wert von mehr als $29 Milliarden ab. Das heißt, circa jeder zehnte Dollar, den das US-Verteidigungsministerium für Rüstungsverträge an Privatfirmen ausgibt, fließt an Lockheed Martin.

 

William Hartung ist Direktor der 'Arms and Security Initiative' der New America Foundation.

Sein neues Buch handelt von Lockheed Martin und heißt: 'Prophets of War: Lockheed Martin and the Making of the Military-Industrial Complex'. Er ist heute bei uns im Studio.

 

Willkommen bei Democracy Now!

 

William Hartung:

Danke.

 

Amy Goodman:

Wie sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen, ein Buch über die Bedeutung dieses gigantischen US-Rüstungskonzerns zu schreiben?

 

William Hartung:

Nun, ich denke, er (Lockheed Martin) ist der größte und korrupteste (Rüstungskonzern) und der mit dem größten politischen Einfluss. So produziert er zum Beispiel Clusterbomben, die im Nahen/Mittleren Osten eingesetzt werden. Sie entwerfen Nuklearwaffen und Kampfflugzeuge. Sie entwerfen Schlachtschiffe. Sie decken sozusagen das gesamte Waffenspektrum ab. Zudem lagern sie auch aus Sie arbeiten mit der CIA und dem FBI zusammen. Sie arbeiten für das amerikanische Volkszählungsbüro IRS (Census Bureau). Sie sind für die US-Regierung zu einem Vollservice-Vertragspartner geworden. Sie haben Einfluss auf alle Bereiche unseres Lebens, wirklich. Sobald wir mit der Regierung interagieren, ist Lockheed Martin, sehr wahrscheinlich, mit dabei.

 

Juan Gonzalez:

Ich war etwas geschockt über Einiges, was Sie gesagt haben: das Volkszählungsbüro? Was hat Lockheed Martin mit dem Zensus zu tun?

 

William Hartung:

Nun, sie helfen, die Bevölkerungsdaten (der US-Bevölkerung) auszuwerten. Dort laufen Leute herum, die diese kleinen Poloshirts von Lookheed Martin tragen. Sie verarbeiten ganze Lastwagenladungen Daten. Und sie haben bei der Entwicklung (des Zensus) mitgeholfen. Sie stecken gewissermaßen mittendrin.

 

Amy Goodman:

Wie konnte Lockheed Martin so groß werden?

 

William Hartung:

Nun, die Verschmelzung von Unternehmen, wie sie in den 90ger Jahren stattgefunden hat, war ein wichtiger Punkt. Angefangen hat es allerdings mit dem Zweiten Weltkrieg. Und als Norm Augustine die Verschmelzung zwischen Lockheed Martin und (dem Konzern) Marietta umsetzte, wurden sie zum absolut größten Konzern. Seit dieser Zeit haben sie keine echte Konkurrenz mehr.

 

Amy Goodman:

Lockheed und Martin Marietta...

 

William Hartung:

... verschmolzen zu einem einzigen Konzern, ja.

 

Juan Gonzalez:

Sie lagerten auch aus - wie Sie bereits erwähnt haben - und boten ihre Dienste lokalen Regierungsstellen an. Hier, in New York City, zum Beispiel hat Lookheed Martin einen Vertrag mit der Verkehrsbehörde (Metropolitan Transportation Authority) abgeschlossen. Im Grunde soll Lookheed ein Überwachungssystem für die New Yorker Untergrundbahnen entwickeln.

 

William Hartung:

Stimmt.

 

Juan Gonzalez:

Auf diese Weise kamen sie immer mehr mit dem Sammeln geheimdienstlicher Daten und mit den Informationssystemen der Regierungsstellen vor Ort in Berührung. Können Sie uns erklären, wie das geschehen konnte?

 

William Hartung:

Nun, sie kauften eine Firma auf, die, hier, in New York, in einen Parkplatz-Skandal - Parksünden - verwickelt war. Als Nächstes lagerten sie nach Florida aus, wo sie soziale Dienstleistungen anboten. Auch in Texas versuchten sie, an so genannte Wohlfahrts-Verträge zu kommen. Außerdem beteiligten sie sich (am Entwurf) eines Überwachungssystems für die New Yorker Untergrundbahn. Das wurde allerdings zum Desaster. Sie hatten einen Vertrag über $212 Millionen - und wurden gefeuert. Alll diese Aktivitäten betrieben sie circa 5 Jahre lang. Schließlich hatten sie in 44 Bundesstaaten Verträge. Allerdings versagten sie bei der Durchführung. Sie brachten ihre Jobs nicht zu Ende. Schließlich wurden sie an so vielen Orten gefeuert, dass sie diese Sachen wieder aufgegeben haben.

 

Amy Goodman:

Sprechen Sie bitte über die Bedeutung der Rede Eisenhowers. Was meinte er - vor 50 Jahren -, wenn er vom "militärisch-industriellen Komplex" sprach?

 

William Hartung:

Nun, er machte sich Sorgen - nicht nur über die Größe und die Budgets (dieses Komplexes) sondern auch darüber, dass er unsere Demokratie untergaben könnte. Ich denke, Lockheed Martin ist - in vielerlei Hinsicht - auf dem besten Wege dazu. Ich meine, sie haben mit dem Pentagon zusammengearbeitet, um Antikriegs-Demonstranten zu überwachen. Für das FBI haben sie biometrische Identifikationssysteme entwickelt. Was mich nervös macht, ist, dass sie mit dem Zensus-Büro (IRS) zusammenarbeiten. Das ist irgendwie Gänsehaut erregend - weil das IRS so viele Arten von Daten über uns (gesammelt) hat. Ich weiß nicht, ob ein Rüstungskonzern DAMIT befasst sein sollte.

 

Juan Gonzalez:

Lockheed Martin war auch das Unternehmen, das mit (der Geheimddienstaktion) 'Total Information Awareness' zu tun hatte, oder?

 

William Hartung:

Sie hatten mit 'Counterintelligence Field Activity' zu tun, was eng damit zusammenhing.

 

Amy Goodman:

Sie (William Hartung) sagen auch, Lockheed Martin betreibe Außenpolitik - seine eigene Außenpolitik.

 

William Hartung:

Ja, in vielerlei Hinsicht. Sie waren nicht nur in die Lobbyarbeit für den Irakkrieg verwickelt, sie haben ihre Leute sogar in Liberia, wo sie dazu beitragen, das dortige Justizsystem wiederaufzubauen. Sie richten Flüchtlingslager ein. Sie haben beim Wahlkampf in der Ukraine mitgeholfen. Sie halfen auch, die Verfassung Afghanistans niederzuschreiben. Sie machen sehr Vieles. Sie sind sozusagen für die "sanfte Seite" der Außenpolitik zuständig und verdienen daran.

 

Amy Goodman:

Welche Rolle spielen sie bei den Wahlen?

 

William Hartung:

Nun, sie stellen Monitoren (Überwacher/innen) ein, die dann die Wahlen überwachen - an Orten wie Bosnien.

 

Amy Goodman:

Ich denke an die Wahlen hierzulande.

 

William Hartung:

Oh.

 

Amy Goodman:

Pumpen sie Geld in die US-Wahlen?

 

William Hartung:

Sie investieren rund $12 Millionen in jeden Wahlzyklus. Das Geld geht entweder an Kandidaten oder wird in Lobbyarbeit investiert. Und sie haben ihre Leute drinnen - wie etwa Buck McKeon, der das 'Armed Services Committe' (Streitkräfteausschuss des US-Senates) leitet. Sie sind sein größter Geldgeber. Sie sind auch der größte Geldgeber von Daniel Inouye, der das 'Appropriations Committee' im US-Senat leitet.

 

Amy Goodman:

Die bekommen also Geld vom Pentagon, von den US-Steuerzahlern - und dann entscheiden sie, wen sie als Wahlsieger haben wollen?

 

William Hartung:

Im Grunde läuft das so. Sie recyceln unser Geld im politischen System, genau.

 

Amy Goodman:

Wir müssen jetzt Schluss machen. Ihr Buch ist bemerkenswert. Bill Hartung ist Direktor der 'Arms and Security Initiative' der New America Foundation. Sein neues Buch heißt: 'Prophets of War: Lockheed Martin and the Making of the Military-Industrial Complex'. Sie finden demnächst auf unserer Webseite www.democracynow.org einen Link zu einem längeren Exklusiv-Interview mit William Hartung.

 

 

 

 

Übersetzt von: Andrea Noll
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