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Die Hinrichtung der Rosenbergs vor 57 Jahren

Interview mit dem Sohn der amerikanischen "Atomspione", Robert Meeropol

von Amy Goodman

30.12.2010 — Democracy Now!

Das US-Außenministerium prüft noch immer, ob eine Anklage gegen Julian Assange, aufgrund des 'Espionage Act' aus dem Jahr 1917, möglich ist. Wir sprechen heute mit Robert Meeropol, dem Sohn von Julius und Ethel Rosenberg - den einzigen US-Bürgern, die je aufgrund dieses Gesetzes verurteilt und hingerichtet wurden. Ihr Todesurteil gilt als das umstrittendste in der Geschichte der USA. In der vergangenen Woche veröffentlichte Meeropol ein Statement, das auf breites Interesse stieß. Er wollte WikiLeaks damit unterstützen. Meeropols Worte:

"Meine Eltern wurden aufgrund des nicht verfassungskonformen Spionagegesetzes (Espionage Act) hingerichtet. Hier die Gründe, warum wir kämpfen müssen, um Julian Assange zu beschützen.*"

 

Unser Gast:

Robert Meeropol - der jüngste Sohn von Ethel und Julius Rosenberg - ist Gründer und leitender Direktor des 'Rosenberg Fund for Children'

 

Amy Goodman:

(...) Eine der wichtigsten Stories in diesem Jahr war natürlich WikiLeaks - Juan?

 

Juan Gonzalez:

Nun, als WikiLeaks-Mitbegründer Julian Assange im Dezember aus britischer Haft entlassen wurde, spielte er das Risiko einer Auslieferung nach Schweden herunter. In Schweden soll er zu Anschuldigungen wegen angeblich strafrechtlich relevanten sexuellen Verhaltens befragt werden. Vor dem Gerichtsgebäude sagte Assange, eine mögliche Auslieferung an die USA bereite ihm mehr Sorgen.

 

(Einspielung)

Julian Assange:

Ich fürchte mich nicht sonderlich davor, nach Schweden abgeschoben zu werden. Was mir viel mehr Sorgen bereitet, ist eine (mögliche) Auslieferung an die USA. Unter meinen Anwälten in den USA geht heute so ein Gerücht um. Bis jetzt ist noch nicht bestätigt, dass die USA (bereits) eine Anklage gegen mich haben. (Ende)

 

Juan Gonzalez:

Es gibt noch keine Anklage gegen Assange. Dennoch heißt es in einigen Berichten, das amerikanische Justizministerium habe eine Grand Jury (in Virginia) zusammengestellt, die eine Anklage gegen Assange ausarbeite - wegen WikiLeaks Veröffentlichung zehntausender Geheimdokumente der US-Regierung.

 

Anfang des Monats bestätigte US-Vizepräsident Joe Biden, dass die USA nach einer Möglichkeit suchten, gegen Assange vorzugehen, während er in Großbritannien unter Hausarrest steht. In einem Interview bei 'Meet the Press' sagte Biden, Assange könnte ein, ich zitiere, "Hightech-Terrorist" sein.

 

(Einspielung:)

US-Vizepräsident Joe Biden:

Ich würde sagen, (er) ist eher ein Hightech-Terrorist, als (die Enthüller) hinsichtlich der 'Pentagon-Papiere'. Sehen Sie, dieser Kerl hat Dinge getan, die das Leben und die Arbeit von Menschen, die sich in anderen Weltregionen aufhalten, zerstört oder gefährdet haben. Er hat es für uns schwieriger gemacht, unseren Geschäften mit unseren Bündnispartnern und Freunden nachzugehen." (Ende)

 

Amy Goodman:

US-Offizielle halten es für möglich, Julian Assange unter dem 'Espionage Act' von 1917 anzuklagen. Sie schlagen Gesetzesergänzungen vor, um allen möglichen legalen Hürden bei einer Strafverfolgung vorzubeugen.

 

Nun, das oben genannte 'Spionagegesetz' (Espionage Act) hat für unseren nächsten Gast besondere Bedeutung. Wir sprechen gleich mit Robert Meeropol, dem jüngsten Sohn von Julius und Ethel Rosenberg. Sie waren die einzigen US-Bürger, die je wegen 'Verschwörung zum Zwecke der Spionage' verurteilt wurden. Die Todesurteile gegen sie werden als die umstrittendsten in der US-Geschichte bezeichnet.

 

Die US-Regierung hatte dem Ehepaar vorgeworfen (und einem dritten Angeklagten, namens Morton Sobell), dazu beigetragen zu haben, das 'Atomgeheimnis' an die Sowjetunion zu verraten. Ihre Sympathisanten sagen, es habe keinerlei Beweise gegeben, dass Ethel Rosenberg an der Spionage-Aktion beteiligt war. Julius Rosenberg hatte tatsächlich Informationen an die Sowjetunion weitergeleitet. Allerdings habe keine dieser Informationen zur Entwicklung der Atombombe beigetragen.

 

Hier ein Ausschnitt aus einer Nachrichtensendung - unmittelbar nach der Hinrichtung der Rosenbergs:

 

Newsreel:

Dateline: Sing Sing, den 19. Juni 1953. Jemand hat das Geheimnis der amerikanischen Atombombe an die Russen verraten. Diese Tatsache steht außer Zweifel; die ganze Welt weiß davon. Die US-Bundesregierung hat zwei in New York geborene (US-Bürger) des Verbrechens beschuldigt, Julius und Ethel Rosenberg. Doch beide beteuerten bis zum Schluss ihre Unschuld an dem Diebstahl. Im April 1951 befand sie ein Bundesgericht - unter Vorsitz von Richter Irving R. Kaufman - für schuldig und verurteilte sie zum Tod auf dem Elektrischen Stuhl, damit sie für ihren kriminellen Verrat bezahlen. (Ende)

 

Amy Goodman:

Julius und Ethel Rosenberg wurden am 19. Juni 1953 getötet. Sie starben auf dem Elektrischen Stuhl (im New Yorker Gefängnis Sing Sing). Der jüngere Sohn des Ehepaares, Robert Meeropol, war damals 6 Jahre alt. Er hat ein Buch verfasst: 'An Execution in the Family: One Son's Journey', und er hat die Stiftung 'Rosenberg Fund for Children' gegründet, deren leitender Direktor er ist. In der vergangenen Woche veröffentlichte er ein viel beachtetes Statement, mit dem er WikiLeaks unterstützen will*: "Meine Eltern wurden aufgrund des nicht verfassungskonformen Spionagegesetzes (Espionage Act) hingerichtet. Hier die Gründe, warum wir kämpfen müssen, um Julian Assange zu beschützen". Robert Meeropol ist uns nun aus Chicopee in Massachusetts zugeschaltet.

 

Willkommen bei Democracy Now!. Warum glauben manche Leute, sie müssten für Julian Assange kämpfen?

 

Robert Meeropol:

Erst einmal, danke für die Einladung.

 

Nun, die Sache hat verschiedene Ebenen, mit denen wir uns hier auseinandersetzen sollten. Vielleicht fangen wir am besten damit an, uns klar zu machen, welche Anklage ihm drohen könnte: 'Verschwörung' - als Verstoß gegen das Spionagegesetz von 1917. Seit der Zeit nach dem 11. September 2001, sagen viele Leute in den USA, sie fühlten sich in diesem Land, seit dem 11. September, an die McCarthy-Ära erinnert. In der McCarthy-Ära fühlten wir uns an die Nachwehen des amerikanischen Eintritts in den Ersten Weltkrieg erinnert, also an die Zeit zwischen 1917 und den frühen 20ger Jahren. Der Erste Weltkrieg war in den USA sehr unpopulär. Man bemühte sich, die Öffentlichkeit zu überzeugen. Doch diese Kampagnen waren ein zweischneidiges Schwert - zum einen, weil es Propganda war, die Unterstützung für einen Krieg zusammentrommelte, zum anderen, weil dieses Gesetz eingeführt wurde (Espionage Act). Es wurde 1917 beschlossen. Damit sollten in erster Linie Kriegsgegner kriminalisiert werden. Und weil man die Kritiker der Regierungspolitik kriminalisierte, landeten Hunderte hinter Gittern. Der Berühmteste von ihnen war wohl Eugene Debs, der damalige Präsidentschaftskandidat der Socialist Party. Er hielt seine Kandidatur aufrecht, und erhielt - während er im Gefängnis saß -, fast 1 Million Stimmen. Das war 1920. Nach einer Weile ebbten diese ganzen repressiven Dinge wieder ab. Doch in der McCarthy-Ära wurden sie wiedereingeführt.

 

Das besagte Gesetz, der Espionage Act, wurde und wird kritisiert: Das Gesetz sei ein Versuch, die verfassungskonforme Definition von "Verrat" zu ändern. Wissen Sie, den Gründervätern unserer Nation war es sehr wichtig, dass pfleglich mit dem Wort 'Verrat' umgegangen wird. Sie wollten nicht, dass es ständig durch die Gegend gebrüllt wird, um Leute anzugreifen, die lediglich anderer Meinung sind. Daher grenzten sie die Definition von 'Verrat' in der Verfassung massiv ein: "dem Feind Hilfe und Unterstützung gewähren" (giving aid and comfort to the enemy) heißt es dort. Nur DANN konnte man wegen Verrats verurteilt werden. Dem TV-Ausschnitt aus den 50ger Jahren, den wir gerade eingespielt bekamen, war zu entnehmen, dass meine Eltern aufgrund des Espionage Act von 1917 angeklagt wurden und "für ihr Verbrechen des Verrats" exekutiert wurden, wie es in der Presse hieß. Folglich war dies ein Versuch, mit jener Definition von 'Verrat', wie sie die amerikanische Verfassung vorsieht, aufzuräumen. Jetzt sollte schon Dissens Verrat sein.

 

Nun, heute sind wir viel weiter, und das Risiko besteht, dass Julian Assange gemäß des Espionage Act angeklagt wird. Übrigens ist in diesem Gesetz über viele Seiten hinweg von Dingen die Rede, die kein Mensch begehen kann.

 

Wenn heute jemand Informationen veröffentlicht und verbreitet, die unsere Regierung als geheim eingestuft hat, könnte diese Person eine hohe Haftstrafe erwarten. Auch das sollte in einem größeren Kontext gesehen werden. Eine funktionierende Demokratie ist auf den freien Fluss von Informationen angewiesen. Doch in den USA - im Amerika nach dem 11. September - wurde der Komplex der Sicherheit massiv ausgebaut. Das heißt, eine Vielzahl von Material kann heute als 'geheim' eingestuft werden - und wenn du diese "Geheimnisse" veröffentlichst, könnte es passieren, dass du ins Gefängnis landest. Natürlich zerfrisst dies die Basis einer Demokratie Genau das passiert hier gerade. Dabei muss noch nicht einmal der Begriff "Verschwörung" bemüht werden.

 

Amy Goodman:

Wir sprechen mit Robert Meeropol, dem jüngsten Sohn von Ethel und Julius Rosenberg. Jetzt eine kurze Pause. Danach geht es weiter mit unserem Gast. Hier ist Democracy Now! democracynow.org (...) Wir sind in einer Minute zurück.

 

(Pause)

 

Amy Goodman:

'Strange Fruit' - das stammt von seinem Adoptivvater, Abel Meeropol. Er hatte die beiden kleinen Söhne des hingerichteten Ehepaares Rosenberg damals adoptiert. Die beiden Söhne heißen Michael und Robert Meeropol. Letzterer ist uns jetzt aus Massachusetts zugeschaltet. Er hat vor ein paar Tagen ein Statement abgegeben, in dem er zur Unterstützung für Julian Assange aufruft. Der Grund ist, dass seine Eltern, Julius und Ethel Rosenberg, die einzigen Menschen waren, die je aufgrund des Spionagesetzes (Espionage Act) hingerichtet wurden - ein äußerst berühmter Fall - und dass Julian Assange vonseiten der US-Regierung eine Anklage aufgrund dieses Gesetzes zu befürchten hat. Juan?

 

Juan Gonzalez:

Robert, ich möchte Sie gerne etwas fragen. Diese ganze Sache, von der Sie da gesprochen haben - dass die Regierung womöglich versuchen könnte, Julian Assange gemäß des Espionage Act anzuklagen, selbst wenn man unberücksichtigt lässt... selbst wenn man davon ausginge, dass der Espionage Act verfassungskonform wäre, allein schon die Vorstellung.... Es handelt sich (bei Assange) um keinen US-Bürger; er hat sich nicht einmal in Amerika aufgehalten. So jemanden wegen Verstoßes gegen das US-Spionagegesetz anzuklagen, wäre wirklich eine ganz neue Dimension der Arroganz des amerikanischen Justizsystems. Ich denke da an die Macht, die es - überall auf der Welt - ausüben könnte.

 

Robert Meeropol:

Ja, das ist richtig. Aber vergessen wir nicht den Fall 'Manuel Noriega' - und natürlich Guantánamo und die Geheimgefängnisse auf der ganzen Welt. Unsere Regierung weigert sich, die universelle Jurisdiktion anderer Staaten oder die des Internationalen Gerichtshofs anzuerkennen. Wir nehmen uns die Freiheit, nach Gutdünken anzuklagen. Und wenn wir jemanden zu fassen kriegen - egal, wo auf der Welt.... Ich denke, das ist das "Vorrecht" eines Imperiums. Was wir hier sehen, ist die Realität. Ich mag diese Realität nicht, aber es ist die aktuelle Realität.

 

Amy Goodman:

Ich möchte weitere Nachrichten vom Juni 1953 einspielen. Die folgenden Reportagen wurden kurz vor der Exekution der Rosenbergs gesendet - nachdem ihre letzten Gnadengesuche abgelehnt worden waren. So regt sich zum Beispiel ein Nachrichtenreporter über die Demonstranten auf, die für die Rosenbergs demonstrieren.

 

(Einspielung)

Reporter:

Hinter den steinernen Mauern des Sing-Sing-Gefängnisses warteten die Rosenbergs schon den ganzen Tag auf Nachrichten, die ihr Schicksal betreffen. Seit ihrer ersten Verurteilung zum Tode - weil sie Atomspionage für Russland geplant haben -, sind mehr als zwei Jahre verstrichen. Rabbi Irving Koslowe, ein Gefängnispfarrer, geht hinein. Er wird nicht mehr herauskommen, ehe die Exekutionen vorbei sein werden. Diese sollen kurz vor Sonnenuntergang stattfinden, denn mit dem Sonnenuntergang an diesem Tag (Freitag), beginnt, laut dem jüdischen Kalender, der heilige Sabbat. Eine Matrone, Mamie Crayton, kommt heraus. Sie hat Ethel Rosenberg besucht. Sie sagt, die Frau weigere sich zu akzeptieren, dass sie bald sterben werde. Sie beteuere weiter ihre Unschuld. Bundespolizisten haben das Gefängnis umstellt, um Demonstranten abzuwehren. Doch auch heute sind keine gekommen. Die Stunden schleppen sich dahin. Julius Rosenberg ist 35, seine Frau Ethel 37. Sie sind 14 Jahre und einem Tag verheiratet und haben zwei Söhne. Heute Abend haben sie gekochte Eier, einen Makkaronisalat und Tee zu sich genommen. Für die übliche Henkersmahlzeit blieb keine Zeit. Ihr Schicksal wird sich in Washington entscheiden. Hier die Story von David Brinkley.

 

David Brinkley:

Es sind die letzten Minuten, bevor die Rosenbergs im Gefängnis Sing Sing auf dem Elektrischen Stuhl hingerichtet werden. Derweil haben ihre Anwälte in Washington heute die letzten, noch möglichen juristischen Winkelzüge zu ihrer Rettung unternommen. Es begann um die Mittagszeit, beim Obersten Gerichtshof. Normalerweise geht es hier ruhig zu, aber heute ist er von Gruppen neugieriger Menschen umstellt. Das Gericht trat gegen Mittag zusammen - um 6 Minuten nach 12 Uhr - und gab seine Entscheidung bekannt: Der Hinrichtungsaufschub im Falle der Rosenbergs sei aufgehoben. Zwei Tage zuvor hatte Richter Douglas diesen Aufschub gewährt. Doch jetzt schien das Ende gekommen - doch es war noch nicht soweit. Die Anwälte beantragten einen erneuten Aufschub. In dieser Zeit wollten sie ein neues Gnadengesuch an Präsident Eisenhower richten. Das Gericht gab bekannt, es werde darüber beraten.

 

Währrenddessen hielt ein Lobbyist, der aus Washington gekommen war, um für die Rosenbergs tätig zu werden, die Parade (Demonstration) vor dem Weißen Haus am laufen. Vorbeifahrende Autofahrer riefen etwas heraus und fragten: "Warum geht ihr nicht nach Russland?" Ansonsten gab es keine Unruhen, so dass die Polizei sie (die Demonstranten) gewähren ließ. Sie sangen sogar ein kleines Lied, das sie extra für diese Situation geschrieben hatten. Doch auch mit der Mahnwache und der Singerei hatten sie keinen Erfolg, denn inzwischen hatte die Staatsanwaltschaft beim Obersten Gerichtshof einen Sieg errungen und verließ das Gebäude. Der Gerichtshof hatte einem erneuten Aufschub nicht zugestimmt (...)

 

Die Antwort des Präsidenten (Eisenhower) kam schnell. Hier seine Antwort, die durch einen Presseoffizier des Weißen Hauses verlesen wurde.

 

Presseoffizier des Weißen Hauses:

Was Sie jetzt hören werden, ist ein Auszug aus dem Statement, das der Präsident der Vereinigten Staaten soeben herausgegeben hat: "Ich bin überzeugt, dass der Verlauf dieses Falles nur einen Schluss zulässt: Die Rosenbergs sind in den Genuss jeder Vorsichtsmaßnahme gekommen, die der amerikanischen Justiz möglich ist. Meiner Ansicht nach ist es keine Frage, dass mit dem ersten Verfahren (gegen sie) und mit der langen Reihe von Widerspruchseingaben sämtliche juristischen und rechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Im Verlauf dieses Falles gab es unzählige Komplikationen und technische Fragen, doch keiner der Richter hat je einen Zweifel daran gelassen, dass sie (Ethel und Julius Rosenberg) sich schwerster Spionageakte schuldig gemacht haben. Daher wäre eine Einmischung der Exekutive in diesem Falle nur unter äußerst außergewöhnlichen Umständen angemessen.

 

Wenn Feinde der Demokratie für schuldig befunden wurden, derart schreckliche Verbrechen begangen zu haben, wie im Falle der Rosenbergs - die dafür verurteilt wurden -, wenn das rechtliche Prozedere, das die Demokratie vorsieht, maximal ausgeschöpft wurde, um das Leben verurteilter Spione zu retten, wenn die Gerichte der USA sich in ihren jeweils völlig unabhängigen Entscheidungen einig sind, dass hier schuldig zu sprechen war und das Urteil gerecht, so werde ich in dieser Sache nicht intervenieren".

 

David Brinkley:

Der Präsident und der Generalstaatsanwalt werden bis zuletzt erreichbar sein - sollten die Rosenbergs sich in letzter Minute entscheiden, doch noch zu reden. (Ende)

 

Amy Goodman:

In der folgenden Einspielung aus der Nachrichtenberichterstattung vor dem Gefängnis Sing Sing beschreibt ein Reporter, der als Augenzeuge zugelassen war, wie Ethel Rosenberg auf dem Elektrischen Stuhl starb. Wie viele Medienleute jener Zeit lässt auch Bob Considine erkennen, dass er in diesen beiden Fällen für die Todesstrafe ist. Er war Reporter für den International News Service.

 

(Einspielung)

Bob Considine:

Ihr Tod war viel härter. Als es aussah, als hätte sie genug Strom abbekommen, um einen normalen Menschen zu töten - exakt soviel, wie ihr Mann bekommen hatte, der daran gestorben war -, gingen die Ärzte zu ihr hinüber und zogen das billige kleine Gefängniskleid (dunkelgrün, leicht bedruckt) herunter und legten das Stethoskop an. Dann sahen sie sich um und blickten einander an. Sie wirkten etwas betroffen. Sie schienen überrascht zu sein, dass sie nicht tot war. Währenddessen hatten die Assistenten, in der Annahme, dass sie schon tot sei, die furchtbaren Elektroden und Fesselgurte entfernt, den schwarzen (Bauch-)Gurt usw.. Das alles musste nun wieder angelegt werden, und sie bekam noch einen Stromschlag. Erneut stieg eine furchtbare Rauchwolke von ihrem Kopf auf und stieg in den erleuchteten Himmel. Nach zwei weiteren Stromstößen dieser Art trat Ethel Rosenberg ihrem Schöpfer gegenüber, dem sie eine Menge zu erklären hat. (Ende)

 

Amy Goodman:

Das war Bob Considine vom International News Service. Er beschrieb die Exekution von Ethel Rosenberg. Unser Gast ist Robert Meeropol, ihr jüngster Sohn. Er ist uns aus Massachusetts zugeschaltet. Juan?

 

Juan Gonzalez:

Nun, Robert Meeropol, Sie waren noch ein kleiner Junge - als dieser furchtbare Bericht entstand. Ich frage mich, wie sie reagiert haben? Hinzu kommt, dass neue Beweise aufgetaucht sind, die darauf hinweisen, dass ihre Eltern nichts damit zu tun hatten - zumindest mit Sicherheit nichts mit Spionage für... nichts damit zu tun hatten, Atomgeheimnisse an die Russen zu übergeben. Und ihre Mutter war wohl absolut unschuldig.

Was sagen Sie dazu?

 

Robert Meeropol:

Nun, zunächst einmal möchte ich sagen, dass es für mich jedes Mal schlimm ist, Bob Considines Schilderung zu hören - oder die letzten Tage meiner Eltern Revue passieren zu lassen. Vielleicht wundern sich die Leute, dass ich so ruhig und cool reagieren kann. Nun, zum Teil liegt das an dem 'Rosenberg Fund for Children', dem ich mein Leben gewidmet habe. Er soll Kindern von in Amerika verfolgten Aktivisten helfen - ihnen eine Ausbildung ermöglichen und ihnen auch emotional beistehen. Es sind Menschen, wie ich es war. Ich denke, wir sind verwandte Seelen. Sie durchleiden, was ich durchlitten habe. Weil ich diesen positiven Weg gefunden habe, Dampf abzulassen und meinen Schmerz, meinen Zorn und meine Wut zu bewältigen, kann ich wieder positiv auf die Dinge reagieren.

 

Nachdem das gesagt ist, möchte ich hinzufügen, dass ich es sehr gut fand, dass Sie den Schwerpunkt auf meine Mutter gelegt haben - vor allem hinsichtlich der Anklagen, die möglicherweise auch auf Julian Assange zukommen werden: "Verschwörung". Meine Mutter hatte mit dem ganzen Fall nur insofern etwas zu tun, als man annahm oder so tat, als würde man annehmen, sie sei eine Mitwisserin. Sie wurde als Mitwisserin einer Verschwörung verurteilt - einer Verschwörung, bei der es angeblich um geplante Spionage ging. Doch es ging bei dieser Konspiration einzig und allein darum, dass man glaubte, zwei oder mehr Personen hätten sich  zusammengetan, um eine illegale Aktion auszuhecken. Und angeblich sollen sie den ersten Schritt zur Umsetzung ihres Planes getan haben - vielleicht haben sie telefoniert, vielleicht war es ein Gespräch. So lautete die Argumentation im Falle meiner Eltern. Die Hauptbelastungszeugen gegen meine Eltern waren David und Ruth Greenglass. Sie sagten aus, dass meine Mutter bei dem besagten angeblich entscheidenden Spionage-Treffen mit dabei gewesen sei. Sie habe David Greenglass' handschriftliche Notizen abgetippt. Es handelte sich um Beschreibungen einer Skizze. Das war angeblich das "Atomgeheimnis", das verpfiffen werden sollte. Nun, später kam heraus, dass die Aussage falsch war. Greenglass hat das sogar zugegeben. Doch selbst, wenn es gestimmt hätte, würde das doch bedeuten, dass die Regierung der Vereinigten Staaten eine Frau hingerichtet hat, weil sie etwas abgetippt hat.

 

Nun, mich überrascht es nicht, wenn die Regierung auf "Verschwörung" setzt - ob im Falle meiner Eltern oder im Falle der Leute von WikiLeaks. Wenn Sie jemand sind, der sich gerne in Debatten einmischt, der sich viel mit Leuten unterhält, dann braucht die Regierung nur noch eine Person zu finden, die aussagt, dass es bei einer Unterhaltung um durchgesickerte Geheimdokumente gegangen sei - oder wie im Falle meiner Eltern, darum, Informationen an die Sowjetunion weiterzuleiten. Meine Eltern haben sich eben im Schleppnetz verfangen. Man kann Leute dazu bringen, ihre eigenen Freunde zu verraten - indem man ihnen eine mildere Strafe verspricht. Das führt dazu, dass man sich untereinander nicht mehr traut - in einer Gruppe, die sich gegenseitig Halt gegeben hat. So werden Menschen in Angst und Schrecken versetzt, damit sie sich still verhalten.

 

Was wir hier sehen - falls es tatsächlich zu einer Strafverfolgung wegen Verschwörung kommen sollte -, wäre nicht nur ein Angriff auf die Person Julian Assange sondern auch ein Angriff auf die ganze Unterstützergemeinde, auf Leute, die sich für die revolutionäre Idee einsetzen, dass Menschen ein Recht haben, zu erfahren, was ihre Regierung so treibt. Darum dreht sich doch im Grunde alles. Sämtliche Linke und Progressive - oder allgemein alle, die organisatorisch tätig sind - (wären davon betroffen), denn wie kann man organisatorisch tätig sein, ohne "konspirativ" zu sein, wie das die Regierung nennt? So gesehen stellt dies eine Bedrohung für uns alle dar. Das ist der eigentliche Grund, weshalb ich diesen Aufruf gestartet habe - damit wir es alle begreifen. Das Spionagegesetz (Espionage Act) von 1917 ist ein Damokles-Schwert. Es schwebt ganz ruhig über einem und wird so gut wie nie benutzt - aber es könnte jeden Moment herunterfallen und Menschen mit Widerspruchsgeist angreifen - und das auch noch vor dem Hintergrund des wachsenden 'Sicherheitsdenkens', mit dem wir uns heute konfrontiert sehen...

 

Amy Goodman:
Wir haben noch 5 Sekunden...

 

Robert Meeropol:

...ein Oberster Gerichtshof der autoritätshörig ist, stellt eine Gefahr für uns alle dar.

 

Amy Goodman:

Das war Robert Meeropol - Gründer und leitender Direktor des 'Rosenberg Fund for Children'. Vielen Dank, dass Sie bei uns waren. Er war der jüngste Sohn von Ethel und Julius Rosenberg.

 

 

 

 

*Titel des Statements im Original: 'My Parents Were Executed Under the Unconstiutional Espionage Act - Here's Why We Must Fight to Protect Julian Assange'

 

Übersetzt von: Andrea Noll
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