Die Mitte hält nicht mehr: Das Wiederaufleben der radikalen Vorstellungskraft
Left Forum, 21.3.2010
von Noam Chomsky
20.04.2010 — Left Forum
Vor einem Monat stürzte Joseph Andrew Stack sein Kleinflugzeug in ein Bürogebäude in Austin Texas, traf ein Büro des IRS [Steuerbehörde der USA] und beging Selbstmord. Er hinterließ ein Manifest, in dem er seine Handlungen erklärte. Dieses Manifest wurde größtenteils ins Lächerliche gezogen, aber ich denke, es hätte Besseres verdient.
Stacks Manifest zeichnet die Lebensgeschichte nach, die ihn zu diesem letzten Verzweiflungsakt geführt hat. Diese Geschichte beginnt damit, wie er als Teenager und Schüler von einem Hungerlohn in Harrisburg PA lebte, das früher einmal das Herz eines großen Industriestandorts war. Seine Nachbarin war eine Frau um die achtzig, die sich von Katzennahrung ernähren musste, die "verwitwete Frau eines Stahlarbeiters im Ruhestand. Ihr Mann hatte sein ganzes Leben lang in den Stahlwerken von Zentral-Pennsylvania gearbeitet mit den Versprechungen von Seiten der großen Unternehmen und der Gewerkschaft, dass er sich im Ruhestand für 30 Jahre Dienstzeit einer Rente und medizinischer Versorgung erfreuen darf. Stattdessen wurde er einer von den Tausenden, denen nichts geblieben ist, nachdem ein unfähiges Management und eine korrupte Gewerkschaft (von der Regierung ganz zu schweigen) ihre Pensionsfonds geplündert und ihren Ruhestand gestohlen hatten. Alles, was ihr zum Leben blieb, war die Sozialfürsorge", und Stack hätte noch hinzufügen können, dass es gemeinsame und wiederholte Anstrengungen der Superreichen und ihrer politischen Verbündeten gab, ihr auch noch dieses Wenige unter fadenscheinigen Begründungen wegzunehmen. Stack entschied sich also, dass er dem Big Business nicht vertrauen könne und versuchte auf sich gestellt klarzukommen, nur um herauszufinden, dass er einer Regierung, die sich um Leute wie ihn nicht kümmert sondern nur um die Reichen und Privilegierten, genau so wenig trauen kann — oder einem Rechtssystem, in dem es, in seinen Worten, "zwei 'Auslegungen' gibt für jedes Gesetz, eines für die sehr Reichen, und eine andere für den Rest von uns." Einer Regierung, die uns allein lässt mit "dem Witz, den sie das amerikanische Gesundheitssystem nennen, dazu den Pharma– und Versicherungs-Firmen, die zehntausende Leute jedes Jahr umbringen", mit einer Fürsorge, die vor allem nach dem vorhandenen Wohlstand und nicht nach Bedürftigkeit rationiert wird. All das innerhalb einer Gesellschaftsordnung, in der "eine Hand voll Gauner und Plünderer unvorstellbare Grausamkeiten begehen kann… und wenn dann die Zeit gekommen ist, dass ihre Absahner-Masche zusammenbricht unter der Last ihrer Habsucht und überwältigenden Dummheit, dann hat diese Regierung keine Schwierigkeiten, ihnen innerhalb weniger Tage, wenn nicht Stunden, mit ihrer ganzen Kraft zur Hilfe zu kommen." Das und vieles mehr.
Stack erzählt uns, dass seine verzweifelte finale Tat eine Bemühung war, sich denen anzuschließen, die bereit sind zu sterben für ihre Freiheit, in der Hoffnung, damit andere aufzuwecken aus ihrem Halbschlaf. Es würde mich nicht überraschen, wenn er dabei den vorzeitigen Tod des Stahlarbeiters im Sinn hatte, der ihm schon als Teenager etwas über die wirkliche Welt beibrachte. Dieser Stahlarbeiter beging keinen Selbstmord im wörtlichen Sinn, nachdem er auf dem Abfallhaufen entsorgt worden war, aber er ist alles andere als ein Einzelfall. Wir können diesen und ähnliche Fälle dem kolossalen Tribut hinzufügen, den die institutionellen Verbrechen des Staatskapitalismus fordern. Es gibt erschütternde Studien über die Entrüstung und den Zorn derer, die an den Rand gedrängt wurden, während zwischen Staat und Unternehmen abgestimmte Programme der Finanzialisierung und Deindustrialisierung zur Schließung von Fabriken und Zerstörung von Familien und Gemeinden führten. Sie offenbaren das Gefühl des akuten Verrats an einer werktätigen Bevölkerung, die daran geglaubt hat, in einem moralischen Vertrag mit Wirtschaft und Regierung ihren Teil im Dienst an der Gesellschaft erfüllt zu haben, nur um dann festzustellen, dass sie nur Instrumente des Profits und der Macht waren — simple Wahrheiten, vor denen sie sorgsam bewahrt worden waren durch die Lehranstalten [doctrinal institutions].
Es gibt erstaunliche Ähnlichkeiten hierzu in der größten Volkswirtschaft der Welt, die Ching Kwan Lee in ihrer einsichtsvollen Untersuchung zur chinesischen Arbeitswelt erforscht hat. Lee zieht einen engen Vergleich zwischen der Wut und Verzweiflung der arbeitenden Klasse in den verlassenen industriellen Sektoren der USA und dem Zorn unter Arbeitern in der Gegend, die sie den "Rostgürtel" Chinas nennt — dem staatssozialistischen industriellen Zentrum im Nordosten, das jetzt im Stich gelassen wird vom Staat, der der staatskapitalistischen Entwicklung des "Sonnengürtels" im Südosten nun den Vorzug gibt. In beiden Regionen beobachtet Lee massive Proteste der Arbeiter, allerdings von unterschiedlicher Art. Im Rostgürtel drücken Arbeiter das selbe Gefühl des Verraten-Seins aus wie ihre Kollegen hier [in den USA], aber in ihrem Fall als Verrat an den maoistischen Prinzipien der Solidarität und dem Einsatz für die Entwicklung der Gesellschaft, von denen sie dachten, dass sie eine moralisch verbindliche Übereinkunft waren, nur um festzustellen, dass, was auch immer einmal daran war, nun zu einem bitteren Betrug geworden ist. Im Sonnengürtel fehlt diese kulturelle Tradition der Arbeiter und sie verlassen sich noch mehr auf ihre Heimatdörfer für Unterstützung und das Familienleben. Sie klagen das Versagen der Behörden an, auch nur den minimalen rechtlichen Anforderungen für halbwegs erträgliche Arbeitsbedingungen gerecht zu werden, und die Bezahlung der Almosen, die Arbeitslohn genannt . Nach offiziellen Statistiken gab es im Jahr 2003 58.000 "Massen-Vorfälle" von Protest in einer Provinz des Rostgürtels, an denen insgesamt 3 Millionen Menschen teilnahmen. Ungefähr 30–40 Millionen Arbeiter, die aus Arbeitseinheiten entlassen wurden "werden geplagt von einem tief empfundenen Gefühl der Unsicherheit", das "Zorn und Verzweiflung" hervorruft im ganzen Land, so Lee. Sie erwartet, dass noch Schlimmeres kommen könnte, da eine schwelende Krise der Landlosigkeit auf dem Land die Überlebensgrundlage für die Arbeiter im Sonnengürtel untergräbt, die noch nicht mal dem Anschein nach so etwas wie unabhängige Gewerkschaften haben, während die Arbeiter im Rostgürtel noch nicht einmal die Unterstützung einer Zivilgesellschaft genießen, wie sie hier oft noch existiert. Die Arbeiten von Lee und die Untersuchungen zum US-Rostgürtel zeigen deutlich, dass wir die Tiefe der moralischen Entrüstung nicht unterschätzen sollten, die hinter der wütenden und oft genug selbst-zerstörerischen Verbitterung über die Macht von Regierungen und Unternehmen steht.
In den ländlichen Gebieten Indiens finden wir etwas Ähnliches vor, wo der Nahrungsmittelkonsum der großen Mehrheit scharf zurückgegangen ist mit der teilweisen Umsetzung neoliberaler Reformen, während die Selbstmorde unter Bauern ungefähr im selben Maß ansteigen wie die Anzahl der Milliardäre, begleitet von Lobreden auf das Wachstumswunder Indiens. Ein Wachstumswunder für einige, ja, aber nicht ganz so attraktiv für die Arbeiter, die nach Indien umziehen mussten um die Lohnkosten von IBM zu reduzieren, dessen Arbeitskräfte mittlerweile zu drei Vierteln im Ausland arbeiten. "Business Week" nennt IBM nicht zu Unrecht die "vollkommene Verkörperung des amerikanischen Unternehmens": Es wurde zu einem globalen Giganten bei Großrechnern nicht zuletzt dank der unabsichtlichen Freigiebigkeit der amerikanischen Steuerzahler, die auch die IT-Revolution wesentlich bezuschusst haben, auf die sich IBM genau wie der Rest der High-Tech Ökonomie verlässt — meistens unter dem Vorwand, dass die Russen vor der Tür stehen.
Es gibt viel aufgeregtes Gerede dieser Tage über eine große globale Machtverschiebung und Spekulationen, ob (oder wann) China die USA als beherrschende Weltmacht ablösen könnte, zusammen mit Indien — was, falls es passieren sollte, nur bedeuten würde, dass das globale System zu einem Zustand zurückkehren würde wie vor den europäischen Eroberungen. Das Wachstum ihres BIP war zuletzt in der Tat spektakulär. Aber es gibt dazu noch mehr zu sagen. Im "Human Development Index" der UN nimmt Indien weiterhin einen Platz ganz am Ende ein, jetzt an 134. Stelle, etwas oberhalb von Kambodscha, hinter Laos und Tadschikistan. China kommt auf Platz 92, etwas über Jordanien, unter der Dominikanischen Republik und dem Iran. In diesem Vergleich rangiert Kuba, das seit 50 Jahren unter starkem Druck der USA steht, auf Platz 52, dem höchsten in Zentral-Amerika und der Karibik, nur wenig unterhalb von Argentinien und Uruguay. Indien und China leiden auch unter einer extrem hohen Ungleichheit, weshalb weit über eine Milliarde ihrer Einwohner noch tiefer rangieren in dieser Skala. Darüber hinaus müsste eine genauere Berechnung über die konventionellen Maße hinausgehen und die hohen Kosten [dieses Wachstums] beinhalten, die China und Indien nicht länger ignorieren können: ökologische Folgen, Erschöpfung von Ressourcen etc.
Diese Spekulationen über eine globale Verschiebung der Macht übersehen etwas, das wir alle wissen: Nationen, losgelöst von der internen Machtverteilung, sind nicht die wahren Akteure in internationalen Beziehungen, eine Binsenweisheit, auf die uns der unbelehrbare Radikale Adam Smith aufmerksam gemacht hat. Er erkannte, dass die führenden Architekten der Macht in England die Eigentümer der Gesellschaft waren, in seinen Tagen die Händler und Fabrikbesitzer, die sicher stellten, dass die Politik sich genauestens ihren Interessen fügen musste, wie "schmerzlich" die Folgen für die Bevölkerung Englands und, schlimmer noch, die Opfer der "barbarischen Ungerechtigkeit der Europäer" im Ausland auch sein würden: Die Britischen Verbrechen in Indien waren die Hauptsorge eines altmodischen Konservativen mit moralischen Werten.
Für seine modernen Bewunderer werden Smiths Binsenweisheiten lächerlich gemacht als "bemühte Theorien darüber, wie die Weltgeschichte manipuliert wird von schattenhaften unternehmerischen/imperialistischen Netzwerken", eines der tragischen Hinterlassenschaften der 60er Jahre, um David Brooks, den Denker der New-York-Times zu zitieren; das heißt, eigentlich der 70er Jahre, oder 1776, um genau zu sein. Eines von vielen Beispielen, die zeigen, wie es um das intellektuelle und moralische Niveau des "Konservatismus" heute bestellt ist im Vergleich zu dem, was seine Helden noch sehr genau verstanden haben.
Um nichts zu verheimlichen, sollte ich wohl erwähnen, dass ich als der Bösewicht identifiziert werde, der diese Ketzerei von Adam Smith übernommen hat.
Wenn man sich diese radikale Binsenweisheit von Smith vor Augen führt, gibt es in der Tat eine globale Machtverschiebung, allerdings nicht die, die sich auf der Hauptbühne abspielt: eine Verschiebung von der weltweiten Arbeiterschaft hin zum transnationalen Kapital, die während der neoliberalen Jahre extrem eskaliert ist. Die Kosten davon sind substantiell, einschließlich der Joe Stacks der USA, verhungernden Bauern in Indien und Millionen von protestierenden Arbeitern in China, wo der Anteil der Arbeitslöhne am nationalen Einkommen noch stärker fällt als in den meisten anderen Teilen der Welt.
In seiner sehr aufschlussreichen Arbeit bemerkt Martin Hart-Landsberg, dass China eine führende Rolle in der eigentlichen globalen Machtverschiebung spielt, indem es weitgehend zur Fertigungsanlage eines regionalen Produktionssystems wurde. Japan, Taiwan und andere asiatische Volkswirtschaften exportieren Einzelteile und Komponenten nach China und stellen das meiste der fortgeschritteneren Technologie. Viel Besorgnis erregt das wachsende US-Handelsdefizit mit China, aber weniger beachtet wird die Tatsache, dass das Handelsdefizit zwischen Japan und dem Rest Asiens stark zurückgegangen ist mit der Entstehung dieses neuen regionalen Produktionssystems. Die US-Hersteller folgen dem selben Kurs und liefern Teile und Komponenten an China zum Zusammenbau und den Export, der meistens wieder zurück in die USA führt. Für die Finanzinstitutionen, Einzelhandels-Riesen, die Besitzer und das Management der herstellenden Industrien und für Sektoren, die eng verbunden sind mit den Schnittstellen der Macht, ist all das einfach himmlisch. Nicht für Joe Stack und viele andere wie ihn.
Um die öffentliche Stimmungslage besser zu verstehen, lohnt es, sich daran zu erinnern, dass die gewöhnliche Verwendung des BIP als Maß für ökonomisches Wachstum sehr irreführend ist. Es gab Versuche, realistischere Maße zu finden, so wie den "General Progress Indicator", der vom BIP Ausgaben abzieht, die der Öffentlichkeit schaden zufügen (Verbrechen, Verschmutzung, usw.) und einen geschätzten Wert der tatsächlichen Wohlstands hinzufügt (freiwillige Arbeit, Freizeit, etc.). In den USA stagniert der GPI seit den 1970ern, obwohl das GDP gestiegen ist, ein Wachstum also, dass in nur wenige Taschen ging. Dieses Ergebnis korreliert mit Untersuchungen der Sozial-Indikatoren, den Standard-Maßstäben der Gesundheit einer Gesellschaft. Sie sind dem ökonomischen Wachstum bis in die Mitte der 1970er Jahre hinein gefolgt, begannen dann aber zu sinken bis auf das Niveau von 1960 im Jahr 2000 (dem letzten verfügbaren Datum). Die Korrelation zur Finanzialisierung der Ökonomie und neoliberalen sozio-ökonomischen Maßnahmen ist schwer von der Hand zu weisen und auf keinen Fall in irgend einer Weise einzigartig für die USA.
Es ist wahr, dass am Prozess der Deindustrialisierung nichts wesentlich Neues dran ist. Besitzer und Manager suchen natürlicherweise immer nach den niedrigsten Arbeitskosten, Anstrengungen, da etwas anders zu machen, wie die berühmt gewordenen Versuche von Henry Ford, wurden durch die Gerichte niedergeschlagen, so dass dies jetzt zu einer rechtlichen Verpflichtung geworden ist. Ein Mittel dazu ist die Verlagerung der Produktion. In früheren Tagen fand diese Verlagerung zum größten Teil intern statt, besonders in die Süd-Staaten, wo Arbeiter härter kontrolliert und unterdrückt werden konnten. Großkonzerne wie die US Steel Corporation des heiligen Philantropen Andrew Carnegie, konnten auch von einer neuen Form von Sklavenarbeit profitieren, die geschaffen wurde durch die Kriminalisierung der schwarzen Lebenswelt nach dem Wiederaufbau im Jahr 1877, einem wesentlichen Bestandteil der amerikanischen industriellen Revolution, kontinuierlich bis hin zum Zweiten Weltkrieg. Das wiederholte sich teilweise während der letzten neoliberalen Periode im Drogenkrieg, der als Vorwand benutzt wurde, um die überflüssige, mehrheitlich schwarze Bevölkerung, in die Gefängnisse zu treiben und so nebenbei einen neuen Vorrat an Zwangsarbeitern in staatlichen oder privaten Haftanstalten geschaffen hat, wovon vieles gegen internationale Arbeitsabkommen verstößt. Für viele Afroamerikaner ist ihr Leben, seit sie exportiert wurden in die Kolonien, kaum den Fesseln der Sklaverei entkommen oder hat sich noch verschlimmert.
In der hoch respektablen Zeitschrift der Amerikanischen Akademie der Künste und Wissenschaften [American Academy of Arts and Sciences] können wir lesen, dass "das Gefängnissystem in Amerika zu einem Leviathan heran gewachsen ist, ohne Vergleich in der Menschheitsgeschichte," womit die USA zur "Heimat der größten Bestrafungs-Infrastruktur zur massenhaften Plünderung von Freiheiten geworden ist, die sich auf dem Planeten finden lässt", meistens der Freiheit von Schwarzen, was ein Ergebnis der vergangenen 30 Jahre ist, so wie die Tatsache, dass die USA "die Welt nicht nur anführen bei den Inhaftierungsraten sondern ebenso bei der Vergütung von Führungskräften". Tatsachen, die "immer mehr als miteinander verbunden wahrgenommen werden “, wie ein Professor der Harvard Business School aufgezeigt hat, ebenso wie die Tatsache, dass die USA, was grüne Technologien betrifft, weit abgeschlagen sind hinter dem Großteil der Welt, besonders China und Europa.
Es ist einfach, manches an der Art und Weise ins Lächerliche zu ziehen, in der Joe Stack und andere wie er ihre ursprünglichen und gerechtfertigten Sorgen artikulieren, aber sehr viel angemessener wäre der Versuch, zu verstehen, was hinter ihrer Wahrnehmung und ihrem Handeln liegt, und im Besonderen, uns zu fragen, wieso die radikale Vorstellungskraft versagt dabei, ihnen einen konstruktiven Weg anzubieten, während die politische Mitte sehr sichtbar auseinander fällt und diejenigen, die dagegen Klage erheben, in Richtungen mobilisiert werden, die keine geringe Gefahr darstellen, für sich selbst und für andere.
Stacks Manifest schließt mit zwei eindrucksvollen Sätzen: "Das Kommunistische Credo: Von jedem entsprechend seiner Fähigkeit, für jeden nach seinen Bedürfnissen. Das Kapitalistische Credo: Von jedem nach seiner Leichtgläubigkeit, für jeden entsprechend seiner Habgier."
Stack nimmt kein Blatt vor den Mund, wo es um das kapitalistische Credo geht. Wir können nur darüber spekulieren, was er meinte mit dem "kommunistischen Credo", dass er diesem gegenüber stellt. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass er es ansah als ein Ideal mit einer ursprünglichen moralischen Kraft. Wenn das so ist, wäre es nicht wirklich überraschend. Einige von ihnen mögen sich an die Umfragen im Jahr 1976 erinnern, zur Zweihundertjahrfeier, in denen Menschen eine Liste von Aussagen gegeben wurde mit der Frage, von welchen sie denken, dass sie in der Verfassung stehen. Zu dieser Zeit hatte niemand die geringste Ahnung, was in der Verfassung steht, deshalb bedeutete die Antwort "steht in der Verfassung" vermutlich: "so offensichtlich richtig, dass es einfach drin stehen muss." Eine Aussage, die eine solide Mehrheit für sich verbuchen konnte, war Joe Stacks "Kommunistisches Credo".
Ich habe diese Bemerkung qualifiziert mit den Worten "zu dieser Zeit." Heute lernt ein Teil der Bevölkerung die Verfassung auswendig und huldigt ihr, den Worten zumindest. Das letzte Konvent der Tea-Party gab einen Katechismus heraus für ihre Kandidaten: Eine Forderung darin ist, dass sie darin übereinstimmen müssen, die Steuergesetzgebung zu verschrotten und durch etwas zu ersetzen, das nicht länger sein darf als 4543 Wörter — eben so lang wie der Text der Verfassung, ohne Zusätze. Nur einige dieser Zusätze teilen diese Aura des Heiligen wie ganz besonders der zweite Zusatz in der letztgültigen Interpretation der Reaktionäre des Obersten Gerichtshofs [Supreme Court], aber der Erste Zusatz ist schon fragwürdiger wegen dem, was er bedeuten könnte für die Trennung von Staat und Kirche. Am selben Tag gab Texas seine neuen Anforderungen an Schulbücher bekannt, die praktisch im ganzen Land angewendet werden durch die Größe des texanischen Marktes. Jefferson wurde aus der Liste derjenigen gestrichen, die die Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts inspirierten, und ersetzt durch Thomas Aquinas, Calvin und Blackstone. Diese Entscheidung reflektiert den Widerwillen gegen Jefferson, der neben anderen Ketzereien den Satz prägte über die "Trennung von Staat und Kirche". Für die aktuelle Version des Konservatismus sind die USA ein christliches Land, so etwas wie die Islamische Republik des Iran oder der Jüdische Staat Israel. In diesem Zusammenhang wird Golda Meir aufgeführt als Pflichtteil des Lehrplans, aber kein einziger Lateinamerikaner. Dies liegt voll auf der Linie des ganz normalen Rassismus, der am rechten Rand des religiösen Sektors ein seltsames Amalgam ergibt aus extremem Antisemitismus und gleichzeitiger Unterstützung für Israel. Solche Fragen sind von nicht geringer Bedeutung, wenn wir versuchen, nach vorne zu schauen.
Der Anti-Steuer Extremismus der Tea-Party Bewegung ist nicht so unmittelbar selbstmörderisch wie Joe Stacks verzweifelte Aktion, aber immer noch selbstmörderisch, aus Gründen, die wohl nicht weiter ausgeführt werden müssen. Kalifornien ist heutzutage ein dramatisches Beispiel dafür: Das weltweit größte öffentliche System für höhere Bildung wird dort demontiert. Gouverneur Schwarzenegger sagt, dass er gezwungen sei, die staatlichen Gesundheits– und Fürsorge-Programme zu beseitigen, wenn die Bundesregierung nicht bereit ist, dafür 7 Milliarden Dollar abzuzweigen, und andere Gouverneure stimmen darin ein. Zur selben Zeit nimmt eine mächtige Bewegung für die Rechte der Bundesstaaten Gestalt an, die fordert, dass die Bundesregierung sich nicht in ihre Angelegenheiten einzumischen habe — eine schöne Illustration für das, was Orwell "doublethink" nannte: die Fähigkeit, gleichzeitig zwei sich widersprechende Ideen im Geist zu halten und beiden Glauben zu schenken, praktisch das Motto unserer Tage. Die Notlage Kaliforniens ist zu großen Teilen das Ergebnis von Anti-Steuer Fanatismus. Andernorts sieht es ähnlich aus, sogar in wohlhabenden Stadtrandsiedlungen.
Die Förderung der Anti-Steuer-Stimmung gehört seit langem zu den Aufgaben der Business-Propaganda, die das System der Lehrmeinungen beherrscht. Den Leuten muss der Hass auf und die Angst vor der Regierung eingetrichtert werden, aus guten Gründen: Von den existierenden Machtsystemen ist die Regierung dasjenige, das dem Prinzip nach, und manchmal tatsächlich, der Öffentlichkeit gegenüber verantwortlich ist und die Verwüstungen durch die private Macht einschränken kann; die logische Folge davon, "die Regierung loszuwerden", ist das folgende Stöhnen unter dem noch größerem Gewicht von niemandem verantwortlichen privaten Tyranneien. Aber die Anti-Regierungs-Propaganda der Unternehmenswelt muss fein abgestimmt werden: Unternehmen befürworten selbstverständlich einen mächtigen, starken Staat, der im Sinne der "führenden Architekten" (Adam Smith) arbeitet, die heute nicht mehr Händler und Hersteller sind, sondern multinationale Konzerne und Finanzinstitutionen. Diese in sich widersprüchliche Propagandabotschaft zu konstruieren ist nicht eben einfach. Aus diesem Grund wird den Menschen antrainiert, das Haushaltsdefizit zu hassen und zu fürchten, das ein notwendiges Mittel ist, um die Wirtschaft wieder zu stimulieren nach ihrer Zerstörung durch die dominanten finanziellen Institutionen und ihrer Gefolgschaft in Washington. Aber gleichzeitig soll die Bevölkerung die Schulden gut heißen, die fast zur Hälfte dem wachsenden militärischen Budget geschuldet ist, das immer neue Rekordwerte erreicht. Was dem Budget schließlich den Rest gibt, ist das grausame und hoffnungslos ineffiziente privatisierte System der Gesundheitsvorsorge, ein Geschenk an die Versicherer und die große Pharmaindustrie.
Trotz solcher Schwierigkeiten wurden die Aufgaben der Propaganda mit großem Erfolg durchgeführt. Ein Beispiel ist die öffentliche Haltung gegenüber dem 15. April, an dem Steuerzahlungen fällig werden. Lassen wir für einen Moment den Gedanken an eine freiere und gerechtere Gesellschaft beiseite — in einer funktionierenden Demokratie von der Art, wie sie formal existiert, wäre der 15. April ein Tag der Freude: Wir kommen zusammen um die Programme umzusetzen, die wir ausgewählt haben. Hier ist es ein Tag der Wehklage: Irgendeine außerirdische Streitmacht kommt über uns, um uns unser hart erarbeitetes Geld zu stehlen. Das ist ein deutliches Zeichen für den Erfolg der intensiven Bemühungen der hochgradig klassenbewussten Geschäftswelt darin, das zu erreichen, was ihre Veröffentlichungen "den immer währenden Kampf um das Bewusstsein der Menschen" nennen, und wie auch noch in der abgeschmacktesten Propaganda liegen darin einige Körnchen Wahrheit, welche die Joe Stacks dieser Welt sehr wohl wahrnehmen.
Eine weitere atemberaubende Veranschaulichung des Erfolgs der Propaganda, mit erheblichem Einfluss auf die Zukunft, ist der Kult um den Mörder und Folterer Ronald Reagan, einem der großen Verbrecher der modernen Zeit, der auch einen untrüglichen Instinkt darin bewiesen hat, die brutalsten Terroristen und Mörder auf der ganzen Welt zu begünstigen, von Zia ul-Haq und Gulbuddin Hekmatyar im heutigen AfPak [Afghanistan/Pakistan] über die engagiertesten Mörder in Zentral-Amerika bis hin zu den südafrikanischen Rassisten, die geschätzte 1,5 Millionen Menschen getötet haben und unterstützt werden mussten, weil sie von Nelson Mandelas ANC angegriffen wurden, einer von "mehreren berüchtigten Terroristengruppen" auf der Welt, wie die Reaganiten 1988 feststellten. Und immer weiter so, mit erstaunlicher Konsistenz. Das grausige Register seiner Taten wurde schnell aus dem Gedächtnis vertrieben, um mythischen Konstruktionen den Vorzug zu geben, die sogar einen Kim il-Sung beeindruckt hätten. Außer für andere Heldentaten wurde er zum Apostel der freien Märkte geweiht, obwohl er protektionistische Barrieren aufbaute wie kein anderer Präsident nach dem Zweiten Weltkrieg — wahrscheinlich mehr als alle anderen zusammen genommen — und massive Regierungsinterventionen in der Wirtschaft umsetzte. Er wird gepriesen als der große Vertreter der Idee einer "kleinen Regierung" und von law-and-order. Der Regierungsumfang wuchs proportional zum BIP während seiner Jahre im Amt, während er die Geschäftswelt davon in Kenntnis setzte, dass Arbeitsrecht nicht mehr durchgesetzt werden, so dass illegale Kündigungen von Gewerkschaftsvertretern sich unter seiner Aufsicht verdreifachten . Sein Hass auf die arbeitende Bevölkerung wurde vielleicht nur übertroffen von seiner Verachtung für reiche schwarze Frauen, die in Limousinen herum fahren, um ihre Sozialhilfe-Checks einzusammeln [vgl. "welfare queen", ein Ausdruck, der von Reagan selbst geprägt wurde].
Es dürfte nicht notwendig sein, mit dieser Aufzählung fortzufahren, aber das Ergebnis sagt uns viel über die intellektuelle und moralische Kultur. Für Präsident Obama war diese monströse Kreatur eine "Gestalt des Wandels" ["transformative figure"]. Am ruhmreichen Hoover Institut der Standford University wird er geehrt als kolossale Gestalt, dessen "Lebenshauch über das Land zu wehen scheint, uns beobachtend, wie ein warmer und freundlicher Geist". Wir landen in Washington auf dem Reagan International Airport — oder, wenn wir das vorziehen, am John Foster Dulles International Airport, womit ein anderer prominenter terroristischer Befehlshaber geehrt wird. Seine Leistungen beinhalten die Installation des Folter-Regimes des Schah [im Iran] und die Herrschaft eines der bösartigsten Terroristen Zentralamerikas, dessen Heldentaten bis zu wirklichem Völkermord im Hochland reichten, während Reagan den schlimmsten dieser Massenmörder, Rioss Montt, als einen "Mann von großer persönlicher Integrität" lobte, der "sich völlig der Sache der Demokratie verschrieben hat" und das Opfer falscher Beschuldigungen von Menschenrechtsorganisationen sei.
Es ist schmerzhaft festzustellen, dass viele der Joe Stacks, deren Leben dieser "warme und freundliche Geist" ruinierte, in seine Huldigung einstimmen und sich beeilen, unter dem Schutzschirm von Macht und Gewalt Zuflucht zu nehmen, den er symbolisiert.
All das weckt Erinnerungen an andere Tage, in denen die Mitte keinen Bestand hatte. Ein Beispiel, dass nicht vergessen werden sollte, ist das der Weimarer Republik: der Höhepunkt der westlichen Zivilisation in den Wissenschaften und Künsten, auch angesehen als eine beispielhafte Demokratie. Während der 1920er Jahre erlebten die traditionellen liberalen und konservativen Parteien, die das [Kaiser]reich immer während regiert hatten, einen unaufhaltsamen Niedergang, deutlich schon bevor dieser Prozess noch verstärkt wurde durch die Große Depression. Die Koalition, die General Hindenburg 1925 wählte, war nicht so sehr verschieden von der Massenbasis, die Hitler 8 Jahre später ins Amt hievte, indem sie den Aristokraten Hindenburg dazu nötigte, sich den "kleinen Feldwebel" als Kanzler zu wählen, den er verachtete. Sogar 1928 noch hatten die Nazis weniger als 3% Wählerstimmenanteil. Zwei Jahre später klagte die angesehene Berliner Presse über den Anblick der vielen Millionen in diesem "hoch zivilisierten Land", die "ihre Stimme der gewöhnlichsten, hohlsten und krudesten Scharlatanerie" gegeben hatten. Die Mitte war am Zusammenbrechen. Die Öffentlichkeit war soweit gekommen, das unaufhörliche politische Ringen der Weimarer Politik zu verachten, den Dienst der traditionellen Parteien für die Interessen der Mächtigen und ihr Unvermögen, sich der Probleme des Volks anzunehmen. Sie wurden von den Kräften angezogen, die sich der Hochhaltung der Größe der Nation verschrieben hatten und ihrer Verteidigung gegen vermutete Bedrohungen in einem wiederbelebten, bewaffneten und vereinigten Staat, marschierend in eine glorreiche Zukunft, angeführt von der charismatischen Figur, die "den Willen der ewigen Vorsehung, des Schöpfers des Universums" ausführte, wie er den gebannten Massen einredete. Bis Mai 1933 hatten die Nazis größtenteils nicht nur die traditionellen Regierungsparteien zerstört, sondern ebenso die großen Parteien der Arbeiterklasse, die Sozialdemokraten und Kommunisten, zusammen mit den mit ihnen verbundenen sehr mächtigen Vereinigungen. Die Nazis erklärten den ersten Mai zum Feiertag, als "Tag der Arbeit", etwas, das zu erreichen die linken Parteien niemals in der Lage gewesen waren. Viele arbeitende Menschen nahmen teil an den enormen patriotischen Demonstrationen mit mehr als einer Millionen Menschen im Herzen des "Roten Berlin", wo sie sich Bauern, Handwerkern, Ladenbesitzern, paramilitärischen Einheiten, christlichen Organisationen, Sport– und Schützenvereinen und dem Rest der Koalition anschlossen, die mit dem Zusammenbruch der Mitte Gestalt annahm. Zu Beginn des Krieges marschierten schätzungsweise 90% der Deutschen im Gleichschritt mit den Braunhemden.
Die Welt ist zu komplex, als dass die Geschichte sich wiederholen könnte, aber es gibt nichtsdestotrotz Lektionen, die man im Gedächtnis behalten sollte, und sogar Erinnerungen. Ich bin gerade alt genug um mich zu erinnern an die erschreckenden und unheilverkündenden Tage von Deutschlands Abstieg vom Anstand zur Nazi-Barbarei, in den Worten des hervorragenden Gelehrten der deutschen Geschichte Fritz Stern, der uns mitteilt, dass er die Zukunft der Vereinigten Staaten im Sinn hat, wenn er den "historischen Prozess“ analysiert, „in dem das Unbehagen gegen eine entzauberte säkulare Welt sich entlud im ekstatischen Ausbruch der Unvernunft".
Dies ist ein mögliches Resultat des Zusammenbruchs der Mitte, als die radikale Vorstellungskraft, obwohl sie stark war in dieser Zeit, nichtsdestotrotz unzureichend blieb.
Die Stimmung in der Bevölkerung heute ist komplex auf eine Weise, die zugleich hoffnungsvoll und besorgniserregend ist. Ein Beispiel dafür sind die Einstellungen gegenüber Sozialausgaben bei denen, die sich selbst in Umfragen als “anti-government“ beschreiben. Eine jüngere wissenschaftliche Studie stellt fest, dass diese mit großer Mehrheit die "Aufrechterhaltung oder den Ausbau der Ausgaben im Bereich der sozialen Sicherheit, Kinderbetreuung und Hilfeleistungen an Arme" und andere Maßnahmen der sozialen Wohlfahrt unterstützen, obwohl ihre Unterstützung deutlich abfällt, "wenn es um Hilfeleistungen für Schwarze und Sozialhilfeempfänger" geht. Die Hälfte dieser Fürsprecher einer Reduktion der Rolle der Regierung glaubt, dass "diese Ausgaben zu gering sind, um die Armen zu unterstützen". In der Bevölkerung im Ganzen finden sich Mehrheiten, in einigen Fragen sehr deutliche, die glauben, dass die Regierung zu wenig investiert, um die Gesundheit der Bevölkerung zu verbessern und zu bewahren, sowie bei Sozialleistungen, Drogenabhängigen und Programmen zur Kinderfürsorge — obwohl hier wiederum eine Ausnahme gemacht wird, wo es um die Hilfeleistungen für Schwarze und Sozialhilfeempfänger geht, was zum Teil, wie ich annehme, ein Tribut an die Schurkereien Reagans ist.
Diese Ergebnisse geben einen Hinweis darauf, was erreicht werden könnte durch ein Engagement, dass noch nicht mal ansatzweise an radikale Vorstellungen heran reicht, und einige der Hindernisse, die zur Erreichung dieser und erheblich weiter gehender Ziele überwunden werden müssen.
Die Wahlen in Massachusetts im Januar, die die Mehrheiten im Senat verschoben haben, bieten einige weitere Einblicke in das, was passieren kann, wenn die Mitte nicht mehr standhält und diejenigen, die an noch so begrenzte reformerische Maßnahmen glauben, es nicht schaffen, die Bevölkerung zu erreichen. In diesen Wahlen um die Nachfolge für den Senatssitz des "liberalen Löwen" Ted Kennedy, kandidierte Scott Brown als die 41. Stimme gegen die Gesundheitsfürsorge, für die Kennedy sein gesamtes politisches Leben lang gekämpft hatte. Eine Mehrheit war gegen die Vorschläge von Obama, aber vor allem, weil sie der Versicherungs-Branche zu sehr entgegen kamen. Landesweit gesehen ergab sich weitgehend dasselbe Bild.
Eine interessante Eigenart fand sich im Wählerverhalten bei Gewerkschaftsmitgliedern, der natürlichen Wählerschaft Obamas. Von denen, die überhaupt wählen gingen, stimmte eine Mehrheit für Brown. Gewerkschaftsführer und Aktivisten berichteten, dass Arbeiter verärgert waren über Obamas Politik im Allgemeinen, aber besonders erbost über seinen Standpunkt in Fragen Gesundheitsversorgung. Wie einer von ihnen zu Protokoll gab, "beharrte er weder auf einer staatlichen Gesundheitsversorgung noch auf einem deutlichen Auftrag an die Arbeitgeber, Versicherungen anzubieten. Es war schwer zu übersehen, dass die einzige Frage, in der er eine unnachgiebige Haltung zeigte, die Besteuerung der Bezüge“ aus der Gesundheitsvorsorge war, die durch gewerkschaftliche Kämpfe erkämpft worden war, womit er sein Wahlversprechen zurückzog.
Es gab in den letzten Tagen der Wahlkampagne massive Finanzspritzen von den Fonds der Finanzmanager. Das war ein Teil eines breiteren Phänomens, das auf dramatische Weise offenlegt, warum Joe Stack und andere allen Grund haben, von der Farce angewidert zu sein, die sie gelehrt wurden, als Demokratie in Ehren zu halten.
Obamas primäre Klientel waren Finanzinstitutionen, die eine derart beherrschende Stellung in der Wirtschaft gewonnen haben, dass ihr Anteil an den Unternehmensgewinnen von einigen Prozent in den 70ern angestiegen ist auf heute fast ein Drittel. Sie gaben Obama den Vorzug vor McCain, und kauften zum größten Teil die Wahlen für ihn. Sie erwarteten, dafür belohnt zu werden, und das wurden sie auch. Aber vor einigen Monaten, in einer Reaktion auf die steigende Wut der Joe Stacks, begann Obama damit, die "gierigen Banker" zu kritisieren, die gerade erst durch die öffentliche Hand gerettet worden waren, und schlug sogar einige Maßnahmen vor, um ihren Exzessen Einhalt zu gebieten. Die Bestrafung für dieses abweichende Verhalten folgte auf dem Fuß. Die großen Banken gaben an prominenter Stelle bekannt, dass sie ihre Unterstützung zu den Republikanern verschieben würden, wenn Obama mit seiner offensiven Rhetorik fortfahren sollte.
Obama vernahm die Botschaft. Binnen weniger Tage informierte er die Business-Presse, dass Banker prima "Kerle" sind. Er wählte sich für besonderes Lob die Vorstände von zwei führenden Begünstigten der öffentlichen Großmut aus, JP Morgan Chase und Goldman Sachs, und versicherte der Geschäftswelt, dass "ich, wie der Großteil des amerikanischen Volkes, den Erfolg und Wohlstand anderer Menschen nicht beargwöhne", wie etwa die riesigen Bonuszahlungen und Profite, die die Öffentlichkeit wütend machen. "Das ist Teil des Systems der freien Märkte", fuhr Obama fort; korrekterweise, da "freie Märkte" im Sinne der staatskapitalistischen Doktrin interpretiert werden. Sein Rückzug kam allerdings nicht rechtzeitig, um den Geldfluss einzudämmen, der half, den 41. Senatssitz zu gewinnen.
In aller Fairness sollten wir anerkennen, dass die gierigen Banker in einem Punkt recht haben. Ihre Aufgabe ist es, die Profite und ihren Marktanteil zu maximieren, und tatsächlich ist das ihre rechtliche Verpflichtung. Wenn sie das nicht tun, werden sie ersetzt durch andere, die entsprechend handeln. Dies sind die institutionellen Fakten, so wie die inhärenten Ineffizienzen der Märkte es erfordern, systemische Risiken zu ignorieren. Sie wissen dabei sehr genau, dass solche Versehen sehr wahrscheinlich dazu führen, dass die Wirtschaft im Ganzen Schiffbruch erleidet, aber solche Äußerlichkeiten sind nicht ihre Angelegenheit, und können es auch gar nicht sein, aus institutionellen Gründen. Es ist ebenso unfair, sie der "irrationalen Übertreibung" anzuklagen, um diese kurzzeitige Anerkennung der Wirklichkeit durch Alan Greenspan während des Tech-Booms der späten 90er Jahre zu bemühen. Ihre Übertreibung war kaum irrational: sie war ziemlich rational — im Wissen darum, dass, wenn alles zusammenbricht, sie immer noch in die Fittiche des Kindermädchen-Staates flüchten können, mit ihren Exemplaren der Bücher von Hayek, Friedman und Rand unterm Arm. Dasselbe trifft auf die Handelskammer, das "American Petroleum Institute" und den Rest der Unternehmensführer zu, die eine massive Propaganda-Kampagne betreiben, um die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, ihre Sorgen um einen menschengemachten Klimawandel fallen zu lassen — mit großem Erfolg; der Anteil derjenigen, die noch an diesen liberalen [linken] Hoax glauben, hat sich reduziert auf kaum ein Drittel der Bevölkerung. Die Führungskräfte, die mit dieser Aufgabe betraut sind, wissen so gut wie der Rest von uns, dass dieser liberale Schwindel Wirklichkeit ist, und die Aussichten finster. Aber sie erfüllen ihre institutionelle Rolle. Das Schicksal der Spezies ist eine Äußerlichkeit, die sie in dem Umfang ignorieren müssen, wie es notwendig ist, damit marktwirtschaftliche Systeme die Oberhand behalten.
Zurück zu den sehr lehrreichen Wahlen in Massachusetts. Der wichtigste Faktor dort waren die Muster im Wahlverhalten. In den wohlhabenden Vorstädten war die Wahlbeteiligung enthusiastisch hoch. In den städtischen Gegenden, die deutlich demokratisch geprägt sind, war das Wahlverhalten apathisch, die Beteiligung gering. Die Schlagzeilen der Nachrichten lagen richtig darin, zu berichten, dass die Wähler Obama eine Botschaft gesendet hatten: die Botschaft der Reichen war, dass wir sogar noch mehr als das wollen, was du für uns tust. Und vom Rest kam die Botschaft von Joe Stack, in seinen Worten: Die Politiker sind "nicht im geringsten interessiert an mir oder an irgendetwas von dem, was ich zu sagen habe", sehr wohl aber interessiert an den Meinungen und Stimmen ihrer Herren. Ohne Zweifel hatte auch das populistische Bild, das von der PR Maschine fabriziert wurde, darauf einen gewissen Einfluss ("Ich bin Scott Brown, das ist mein Auto", ein "ganz normaler Typ", etc.). Aber dies scheint nur eine untergeordnete Rolle gespielt zu haben. Der Volkszorn ist real und völlig verständlich, angesichts von Banken, deren Geschäfte aufblühen dank der Rettungsaktionen und vielen anderen Geschenken des Babysitter-Staates, während die Bevölkerung noch immer in einer tiefen Rezession leben muss. Sogar die offizielle Arbeitslosenrate steht bei 10% und in der verarbeitenden Industrie auf dem Niveau der Großen Depression, mit einem von sechs Leuten ohne Arbeit und sehr wenig Aussicht auf eine Rückgewinnung der Art von Jobs, die verloren gehen im Zuge der Neugestaltung der Wirtschaft.
Nationale Umfragen offenbaren so ziemlich dasselbe Phänomen. Die letzte, erst ein paar Tage alt, zeigt eine Lücke im Enthusiasmus von 21% zwischen den beiden Parteien, wobei 67% der Republikaner aussagen, dass sie sehr interessiert sind an den Wahlen im November, verglichen mit 46% bei den Demokraten. Eine große Abweichung von der Norm zeigt sich darin, dass unter den registrierten Wähler mit dem höchsten Interesse an den November-Wahlen 10% mehr der Meinung sind, dass die Republikaner besser darin sind, mit der Wirtschaft umzugehen — eine Kombination des soliden Sektors der Republikaner (von denen die meisten wohlhabend sind) und desillusionierten Demokraten. Die Hälfte der Amerikaner würde es am liebsten sehen, wenn jedes Mitglied des Kongress abgewählt würde, darunter auch ihre eigenen Repräsentanten. Die öffentliche Auffassung von Demokratie ist fast so negativ geworden wie die der Geschäftswelt, die jetzt entschlossene Lobby-Arbeit betreibt um sicherzustellen, dass sogar Aktieninhaber keinen Einfluss mehr haben sollen auf die Wahl der Manager, ganz zu schweigen natürlich von anderen Betroffenen, der Arbeiterschaft und den Gemeinden; obwohl einige Liberale nach einer "fairen Position" suchen, "die den Interessenkonflikt zwischen Unternehmen und Anteilseignern überbrücken soll", wie das Wall Street Journal formuliert, und dabei implizit die Entscheidungen der Gerichte vor einem Jahrhundert anerkennt, dass ein Unternehmen identisch ist mit seinem Management.
Es ist richtig, dass es ein Konjunkturprogramm gab, viel zu gering aber doch mit Wirkung, das über 2 Millionen Jobs gerettet hat nach Angaben des Budgetbüros des Kongresses [Congressional Budget Office]. Aber die Sichtweise der Joe Stacks, dass das trotzdem ein Reinfall war, ist nicht ohne Grund. Mehr als ein Drittel der Regierungsausgaben kommt von einzelnen Bundesstaaten und die Abnahme der staatlichen Ausgaben näherte sich dem Konjunkturprogramm der Bundesregierung an, so dass der Gesamtaufwand zusammen genommen relativ unverändert blieb, so eine Studie des angesehenen "National Bureau of Economic Research".
Es ist völlig klar, dass die Mitte nicht hält, und diejenigen, die davon geschädigt werden, schießen sich wieder ein mal selbst in den Fuß. Die unmittelbare Konsequenz daraus in Massachusetts war das Votum gegen die Entsendung einer pro-gewerkschaftlichen Stimme zur NLRB [National Labor Relations Board, eine staatliche Behörde, dies sich mit Verstößen gegen das Arbeitsrecht befassen soll], die praktisch funktionslos geworden ist seit Reagans erfolgreichem Krieg gegen die werktätige Bevölkerung. Das ist das, was man erwarten kann, wenn konstruktive Alternativen fehlen.
Existieren solche Alternativen? Werfen wir einen Blick auf das industrielle Kernland, nach Ohio, wo GM weiterhin eine Fabrik nach der anderen schließt. Vor einigen Wochen berichtete Louis Uchitelle, einer der wenigen Journalisten, die den Angelegenheiten der Arbeiterschaft Aufmerksamkeit schenken, in der New York Times vor Ort von einer vor kurzem geschlossenen Fabrik. Er schreibt, dass Präsident Obama "nie auch nur versuchte, die Fabrik wieder zu eröffnen, selbst als die Regierung Anteilseigner bei GM mit Kontrollmehrheit geworden war während der Rettung der Auto-Industrie. Stattdessen entsendete er einen Botschafter, um etwas von dem Schmerz zu lindern, der durch die Verwundung der Gemeinschaft entstandenen war, und Hoffnung und Hilfe anzubieten" — Hilfe, die größtenteils nur aus Anregungen bestand. Zur selben Zeit hielt sich ein anderer Botschafter, der Verkehrsminister Ray Lahood, in Spanien auf, und bot spanischen Firmen Geld aus den Konjunktur-Fonds an, um die Anlagen für eine Hochgeschwindigkeits-Bahnstrecke zu bauen, die in den USA bitter benötigt wird, und sicherlich gebaut werden könnte von den hoch qualifizierten Arbeitskräften, die in Ohio in die Armut getrieben werden. Joe Stacks Erfahrungen in Harrisburg wiederholen sich hier.
Im Jahr 1999, als ein republikanisches Mitglied des Kongress, brachte Lahood noch eine Gesetzesvorlage ein, die für eine bundesstaatliche Finanzierung der Verkehrs-Infrastruktur gesorgt hätte. Die Vorlage hätte das Finanzministerium autorisiert, jährlich 72 Milliarden Dollar als zinslose Darlehen an Bundesländer und lokale Verwaltungen für Großinvestitionen bereit zu stellen, inklusive Investitionen in die Transport-Infrastruktur, ohne dieses Geld zu leihen, sondern durch die Ausgabe neuer Banknoten, genauso wie Lincoln den Bürgerkrieg finanzierte und wie Roosevelt während der Großen Depression vorging. Heute verwendet Lahood Fördergelder der Regierung, um in Spanien Verträge mit demselben Zweck abzuschließen. Ein weiteres Zeichen dafür, wie sehr sich die Mitte während der letzten 40 Jahre nach Rechts verschoben hat.
Die radikale Vorstellungskraft sollte eine Antwort anbieten. Diese Fabrik könnte von der Arbeiterschaft übernommen werden mit der Unterstützung der Gemeinden, die in Hoffnungslosigkeit zurück gelassen wurden, und umgebaut werden für die Produktion von Hochgeschwindigkeits-Bahnanlagen und anderen Gütern, die dringend benötigt werden. Diese Idee ist nicht mal besonders radikal. Im 19. Jahrhundert war es intuitiv klar für die Arbeiter von New England, dass "jene, die in den Fabriken arbeiten, sie besitzen sollten", und die Idee, dass Lohnarbeit von Sklaverei sich nur darin unterscheidet, dass sie vorübergehend ist, war so weit verbreitet, dass sie zu einem Slogan der Republikanischen Partei unter Lincoln wurde. Während der letzten Jahre des Booms der Finanzwirtschaft und der Deindustrialisierung gab es wiederholt Bemühungen, die Übernahme von geschlossenen Produktionsstätten durch Arbeiter und Gemeinden umzusetzen. Diese Ideen haben nicht nur für die betroffenen Arbeitskräfte und Gemeinden eine unmittelbare moralische Anziehungskraft, sie wären mit ausreichend öffentlicher Unterstützung auch durchaus machbar — und sehr weitreichend in ihren Implikationen.
Um die radikale Vorstellungskraft und Phantasie wieder aufleben zu lassen und einen Weg aus dieser Wüste heraus zu weisen, braucht es Menschen, die daran arbeiten wollen, die Nebel der sorgsam ersonnenen Illusionen weg zu wischen und die öde Wirklichkeit dahinter aufzudecken, die sich direkt beteiligen in populären Kämpfen, die sie manchmal erst in Gang setzen. Was wir brauchen, kurz gesagt, ist der verblichene Howard Zinn, dessen Tod ein schrecklicher Verlust ist. Es wird keinen zweiten Howard Zinn geben, aber wir können uns ein Beispiel nehmen an seinem Lob der "zahllosen kleinen Aktionen unbekannter Leute", die in den Wurzeln der großen Momente der Geschichte liegen, die zahllosen Joe Stacks, die sich selbst zerstören und vielleicht die ganze Welt, während sie den Weg weisen könnten in eine bessere Zukunft.
Twitter
RSS Feed

Bernd Senf nach Wilhelm Reich
http://www.berndsenf.de
15 Mind-Blowing Facts About Wealth And Inequality In America. Information Clearing House, Grafiken über Einkommens- und Vermögensverteilung in den USA
http://www.informationclearinghouse.info/article25399.htm
http://www.pauljorion.com/blog/?p=11384
http://elboheme.blogspot.com/2010/05/die-wahren-ursachen-der-krise_12.html
BüSo und EIR
http://www.bueso.de
Jürgen Elsässer
http://juergenelsaesser.wordpress.com/buchinfo-bye-bye-usa/
9.11. und Peak Oil
"Crossing the Rubicon - the decline of the American empire at the end of the age of oil"
http://www.fromthewilderness.com
Eberhard Hamer, Mittelstandsinstitut Hannover, und William Engdahl
http://www.zeit-fragen.ch
Bilderberger
http://www.bilderberg.org