Die neue Kriegsmoral Israels
von Neve Gordon
05.01.2009 — The Nation / ZNet
Wenn man in diesen Tagen israelische öffentliche Fernsehsender (z.B. Kanal 1) einschaltet, kann dies eine verstörende Wirkung haben, so dass ich diese Gewohnheit in letzter Zeit aufgegeben habe. Nachdem wir aber mit unseren zwei Kindern für drei Tage in der Wohnung festsaßen, beschlossen meine Frau und ich, meine Mutter zu besuchen, die weiter nördlich lebt, wo unsere Kinder unbehelligt von Raketen draußen spielen können. Wie die meisten Israelis ist meine Mutter eine eifrige Nachrichtenzuschauerin und gestern abend leistete ich ihr vor dem Fernseher Gesellschaft.
Man sah das übliche. Bilder und Stimmen von leidenden jüdischen Israelis mit einem extrem nationalistischen Beigeschmack. Ein Beitrag zeigte beispielsweise eine jüdische Mutter, deren Sohn vor 2 Jahren in Gaza umgekommen war. Man erfuhr, dass der Sohn Soldat in der Golani-Infantrie-Brigade gewesen und mit seiner Einheit in den Gaza-Streifen eingedrungen war, um den entführten Soldaten Gilad Shalit zu befreien.
“Sie schossen nicht in alle Richtungen, weil seine Kameraden keine Zivilisten verletzen wollten, so dass palästinensische Milizen meinen Jungen töten konnten”, wurde die Mutter zitiert. Als der Reporter sie zum jetzigen Angriff von Gaza befragte, sagte sie: “Wir sollten sie mit allen Mitteln bekämpfen, aber wir sollten keine Zivilisten töten, nur Hamas”. Der Beitrag endete mit einer Großaufnahme vom Gesicht der Mutter und ihren Worten: “Ich gehe in sein Zimmer und umarme sein Bett, weil ich ihn nicht mehr umarmen kann.”
So bleibt Isreal das ewige Opfer, trotz der steigenden Zahl der Toten im Gaza-Streifen. In den letzten Jahren habe ich mich zum kritischen Beobachter der israelischen Nachrichten entwickelt und kann das darin heraufbeschworene Image von Israel und seiner jüdischen Mehrheit als Opfer durchschauen. Egal, was passiert, wir werden als die moralischen Akteure in diesem Konflikt dargestellt. Daher schockieren mich Reportagen wie diese nicht mehr, in denen die große Zahl der Todesopfer in Gaza ignoriert und das jüdische Leiden betont wird. Was mich jedoch während der Sendung aus der Fassung brachte, war eine kurze Aussage eines Reporters, der am Freitag über den Einlass eines humanitären Hilfskonvois in den Gaza-Streifen berichtete.
Meine Mutter und ich erfuhren, wie andere israelische Zuschauer auch, dass 170 Laster mit von der türkischen Regierung gespendeten Grundnahrungsmitteln durch den Carmi-Grenzübergang nach Gaza eingelassen worden waren. Dass nichts über die Umstände dieses Nahrungtransports gesagt wurde, überraschte mich ebensowenig wie die fehlende Berichterstattung über die Tatsache, dass 80% der Einwohner von Gaza sich nicht selbst ernähren können und auf humanitäre Hilfe angewiesen sind und dass diese Zahl täglich steigt. Man erfuhr nichts über die akute Nahrungsmittelkrise in Gaza oder den kompletten Mangel an Heizöl, Gas zum Kochen und die Knappheit von fließendem Wasser. Der Zuschauer wird nicht darüber informiert, dass das palästinensische Gesundheitssystem kaum funktionstüchtig ist oder dass etwa 250.000 Menschen in Nord- und Zentral-Gaza aufgrund der Luftangriffe ohne Elektrizität leben müssen.
Diese Auslassung der Tatsachen erstaunte mich nicht, während ich den Beitrag sah. Aber was mich wirklich schockierte, war die Art, wie der Reporter den Einlass des Konvois nach Gaza rechtfertigte. Als Erklärung für die Zuschauer – die sich vielleicht wundern, warum Israel humanitäre Hilfe für den Gegner in Kriegszeiten zulässt – erläuterte er, dass die internationale Gemeinschaft Druck auf Israel ausüben würde, den Angriff zu stoppen, wenn es zu einer ernsten humanitären Katastrophe unter der palästinensischen Zivilbevölkerung kommen würde.
Die Erklärung, die Israel zum Einsatz von humanitärer Hilfe gibt, ist extrem zynisch. Diese freimütigen Aussagen bringen jedoch auch einen wichtigen Aspekt postmoderner Kriegsführung zutage. So wie man Tiere zum Schlachten auf einem Bauernhof hält, so behauptet die israelische Regierung, dass man Hilfe für die Palästinenser zulässt, so dass Israel freie Hand hat, diese anzugreifen. Und so wie Israel Grundnahrungsmittel für die Palästinenser bereitstellt, während es sie gleichzeitig beschießt, so werden die Palästinenser auch darüber informiert, sogar per Telefon, dass sie ihre Häuser evakuieren müssen, bevor F-16-Jäger mit der Bombardierung beginnen.
Man kann feststellen, dass postmoderne Kriegsführung neben ihrer Fernbedienungs- und Computerspielqualität auch durch ein seltsames neues Moralelement geprägt wird. Es ist, als ob die Meister des Krieges erkannt haben, dass sich Kriege mittlerweile kaum noch zwischen zwei Armeen abspielen und immer öfter mitten under der Zivilbevölkerung ausgetragen werden. Also brauchen sie eine neue „gerechte Kriegstheorie“. Philosophen und Intellektuelle wurden herbeigerufen, um eine neue Moraltheorie des postmodernen Krieges zu entwickeln. Derzeit können wir mit der Zerstörung Gazas die Anwendung dieser Theorie anschaulich miterleben.
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