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Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko - ein Jahr danach

Interview mit Betroffenen aus der Region

von Amy Goodman

20.04.2011 — Democracy Now!


Ein Jahr, nachdem im Golf von Mexiko die Ölbohrinsel 'Deepwater Horizon' explodierte, klagt die Bevölkerung der betroffenen Küstenregionen über gesundheitliche Probleme - wie starker Husten, Migräne oder Augenentzündungen. Es sind Symptome, die auftreten, wenn Personen über längere Zeit Chemikalien ausgesetzt waren. Die Fischer und Shrimps-Fischer berichten von immensen Umsatzrückgängen. Sie fürchten, dass die Ölverschmutzung das Leben im Meer langfristig schädigen wird. Viele Anwohner/innen berichten zudem von Problemen mit bei den Entschädigungszahlungen durch BP. Wir sind mit David Pham von 'Boat People SOS' verbunden. Diese landesweite vietnamesisch-amerikanische Organisation arbeitet mit Fischereigemeinden zusammen, die von der Ölverschmutzung in Alabama betroffen sind. Wir werden auch mit Tracie Washington, der Präsidentin des 'Lousiana Justice Institute' in New Orleans sprechen und mit Kieran Suckling in Portland.


Amy Goodman:
Diese Sondersendung widmet sich dem ersten Jahrestag des 'Blowouts' unter der BP-Ölbohrinsel 'Deepwater Horizon', im Golf von Mexiko. Dies ist die schlimmste Ölkatastrophe in der Geschichte der USA. Wir fragen nach den Spätfolgen - für die Gesundheit der Menschen und für die Umwelt. Die Bevölkerung der angrenzenden Küstengemeinden klagt über gesundheitliche Probleme (starker Husten, Migräne, entzündete Augen), wie sie normalerweise auftreten, wenn Personen über einen längeren Zeitraum Chemikalien ausgesetzt waren. Die Arztrechnungen steigen. Gleichzeitig haben die Anwohner/innen immer weniger Möglichkeiten, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die Fischer und Shrimps-Fischer berichten über Rekordeinbußen beim Verkauf. Sie fürchten, das Leben im Meer könnte langfristig geschädigt werden und damit auch die Wirtschaft der Region. Angler berichten von schwarzen Stellen, faulenden Flossen und Verfärbungen bei Fischen, die sie im Golf gefangen haben. Gleichzeitig zeigen sich Wissenschaftler besorgt über die Chemikalien (Dispersierungsmittel), die bei den Säuberungsaktionen nach der Ölpest eingesetzt wurden, um das Öl zu verteilen: Sie könnten bestimmte Tierarten und/oder deren Lebensräume gefährden.

Um mehr zu erfahren, sind wir nun mit David Pham in Mobile/Alabama verbunden. Er ist Mitglied von 'Boat People SOS', einer landesweiten vietnamesisch-amerikanischen Organisation, die mit Fischergemeinden zusammenarbeitet, die von der BP-Ölkatastrophe betroffen sind. Er ist uns per Video-Stream zugeschaltet. In New Orleans sind wir mit Tracie Washington, der Präsidentin des 'Louisiana Justice Institute', verbunden. Wir sind zudem mit Kieran Suckling in Portland/Oregon verbunden. Er ist Direktor des 'Center for Biological Diversity' (Zentrum für Artenvielfalt).

David Pham:
Guten Morgen, Amy. Danke, dass wir zugeschaltet sind.

Ein Jahr danach sehen wir, dass sich an unserer Situation, verglichen mit 2010, nichts geändert hat. Niemand weiß wirklich, wie es weitergehen wird. Im vergangenen Jahr stellten wir uns die Frage: Wird Alabama und unsere Fischerei betroffen sein? Heute wissen viele aus unserer Gemeinde einfach nicht mehr, was als Nächstes kommt. Wir... wir warten auf unsere ultimativen Entschädigungen. Und was wird geschehen, wenn die Entschädigungsverfahren abgeschlossen sind? Werden sie wieder (als Fischer) arbeiten können? Falls nicht, was sollen sie sonst tun? Ich sage Ihnen, viele Austern- und Krabbenfischer... Krabben zu fischen qualifiert nicht gerade für viele andere Berufe.

Amy Goodman:
Sagen Sie uns generell: Wie steht es um die wirtschaftliche Existenz des Personenkreises, den Sie - als Organisation 'Boat People SOS' - vertreten? Wen vertreten Sie eigentlich? Was heißt "Boat People" (Bootmenschen)?

David Pham:
'Boat People SOS' wurde vor 30 Jahren ins Leben gerufen. Damals half die Organisation vietnamesischen Flüchtlingen, die nach dem Vietnamkrieg herüberkamen. Nach (Hurrikan) 'Katrina' eröffneten wir drei Büros an der Golfküste, um uns um die Probleme der vietnamesisch-amerikanischen Gemeinde vor Ort zu kümmern. Nach der Ölkatastrophe haben wir unser Aufgabenfeld erweitert. Wir helfen nicht nur vietnamesisch-amerikanischen Menschen sondern generell Menschen, die aus Südostasien kommen und letztendlich dem ganzen Landkreis Mobile/Alabama. Entschuldigung, können Sie Ihre Frage wiederholen?

Amy Goodman:
Wie ist die Lage - ein Jahr später? Wie sehen die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen für den Personenkreis aus, den Sie vertreten?

David Pham:
Da gibt es sehr viel. Im Bayou La Batre selbst sind 70 bis 75 Prozent der Menschen arbeitslos - könnte man sagen. Im Grunde gibt es in dieser Stadt nur zwei Gewerbe: den Schiffsbau und die Tiere aus dem Meer. In den Schiffswerften tut sich nicht viel - aufgrund der Rezession. Und nun hat BP auch noch der Fischerei ein Ende bereitet. Ein Großteil unserer Gemeinde ist arbeitslos geworden. Sie wurden abhängig von einem System, das ihnen eigentlich helfen sollte, das es ihnen leichter machen sollte. Stattdessen hat es ihnen jedoch noch mehr Kopfschmerzen bereitet und den Familien viel Schmerz zugefügt.

Amy Goodman:
Das 'Louisiana Environmental Network' (Louisiana Umweltnetzwerk) hat Betroffene befragt - Menschen, die bei den Säuberungen, nach der Katastrophe, halfen: Taucher, Fischer, Küstenbewohner/innen. Sie klagen seit der BP-Ölkatastrophe über ungewöhnliche gesundheitliche Probleme. Clayton Matherne war Ingenieur. Er war in der Region tätig, als die Bohrinsel 'Deepwater Horizon' explodierte:

(Einspielung)
Clayton Matherne:
Ich komme kaum noch aus dem Bett. Ich habe Probleme mit dem Atmen. Ich kann mir nichts mehr merken. Ich kann nicht mehr richtig sehen. Ich huste und spucke ständig Blut. Ich bin immer so zittrig und wakelig. Ich kann keine Flasche Wasser aufmachen oder auch nur halten. Die Vergiftung durch die Chemikalien führt bei mir zu Kopfschmerzen. Die Schmerzen sind so stark, dass sie auf einige Hirnnerven drücken, so dass ich Lähmungserscheinungen habe. (Ende)

Amy Goodman:
Ich wende mich nun an Tracie Washington. Sie ist Präsidentin des 'Louisiana Justice Institute'. Sie arbeitet mit den nichtweißen Gemeinden in der Golfregion zusammen. Tracie - wie typisch sind die oben geschilderten Gesundheitsstörungen?

Tracie Washington:
Leider würde das die Regierung und (einige) Wissenschaftlern als "Anekdötchen" abtun. Ich denke nicht, dass es sich lediglich um Anekdoten handelt. Viele Fischer hier unten berichten über gesundheitlichen Beeinträchtigungen - in Plaquemines und in der unteren Region des Landkreises (Parish) Jefferson. Die Schweregrade sind natürlich verschieden, Amy, aber die Menschen sind tatsächlich krank. Leider bekommen sie von den Regierungsoffiziellen nur zu hören: "Es besteht kein ursächlicher Zusammenhang" oder "wir können keinen Zusammenhang zwischen den Folgen des Ölaustritts und Ihren körperlichen Beschwerden, ihren körperlichen Gebrechen, erkennen." Ich frage mich, wie lange brauchen diese Leute noch, um einen Zusammenhang zu erkennen und Entschädigungszahlungen aus dem BP-Fonds zu genehmigen, damit die Menschen, die körperliche Beeinträchtigungen erlitten haben, wieder gesund werden können?

Amy Goodman:
Sie haben einmal gesagt: "Man kann keine Dispersierungsmittel auf Arme sprühen und erwarten, dass sie einfach verschwinden". Was haben Sie damit gemeint?

Tracie Washington:
Nunja, leider... Ich habe eine Analogie gebraucht. Im Grunde geschieht es hier ständig.  Ich meine, nach dem Auftreten der Ölverschmutzung haben sie einfach gedacht, wir gehen raus in den Golf und versprühen diese Chemikalien, damit das Öl verschwindet. Ich meine, man lernt bereits im Grundkurs 'Physik', dass eine Substanz nicht aus dem Nichts kommt und auch nicht in Nichts verwandelt werden kann; nur ihre Form ändert sich. In diesem Fall ist das Zeug auf den Grund des Golfes gesunken. Um in der Analogie zu bleiben: Auch die ärmeren Bewohner/innen der Region sind nicht einfach "verschwunden", weil man ein paar Dollars an sie verteilt hat, Amy. Es gibt hier echte Arme. Wenn sich eine Katastrophe ereignet, sind sie verwundbar, sehr verwundbar, ganz gleich, ob die Katastrophe nun von Menschen gemacht ist oder ob es sich um eine Naturkatastrophe handelt, wie bei (Hurrikan) 'Katrina'. Die Sache mit BP ist menschgemacht. Die Armen sind Opfer beider Kathastrophen geworden. Wir haben uns, als Nation, nicht klargemacht, dass die Regierung die Pflicht hat, etwas zu tun, damit diese Leute nicht mehr so verwundbar sind.

Amy Goodman:
Nun, wie sollte man, Ihrer Meinung nach, dafür sorgen, dass Menschen weniger 'verwundbar' sind? Seit 'Katrina' leben in New Orleans weniger Menschen - weniger Nichtweiße. Auch im Falle der BP-Ölkatastrophe ging die nichtweiße Bevölkerung zurück. Sie ist  einfach zusammengeschrumpft.

Tracie Washington:
Sie ist einfach zusammengeschrumpft. Ich möchte an das anknüpfen, was Ihr erster Gast gesagt hat: Wir müssen dafür sorgen, dass diese Gemeinden künftig nicht mehr nur von einer oder vielleicht zwei Industrien abhängig sind. In der unteren Region von Plaquemines - in den unteren Regionen der Landkreise Jefferson und Plaquemines - gibt es Ölindustrien und Fischindustrien. Eine Koexistenz ist nicht möglich. Öl und Wasser stoßen sich ab. Sie können nicht koexistieren. Man hat die Menschen in ihren Gemeinden in eine Situation gebracht, in der sie sich im Grunde entscheiden müssen. Es ist eine schreckliche Entscheidung. Was sie können, ist fischen. Für viele Menschen in diesen Gemeinden ist es, meiner Meinung nach, etwas ganz Normales (zu fischen). Doch du kannst nicht fischen, wenn überall gebohrt wird und (Öl-)Quellen entstehen. Wir wissen, dass es dabei auch zu Katastrophen kommt. Wir wissen, dass es zu Ölkatastrophen dieser Art kommt. Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen künftig nicht mehr so verwundbar sind durch die wirtschaftlichen Folgen derartiger Ereignisse.

Wie Sie wissen, haben BP - und (der Regierungsbeauftragte für den BP-Entschädigungsfonds) Ken Feinberg - gesagt, dass sie für Austern keine Entschädigung zahlen werden. Warum nicht? Warum zwingen wir die Menschen, ihre Existenz aufzugeben, ihre Art zu Leben komplett aufzugeben und warten 5 oder 10 Jahre ab, bis wir feststellen: "Wißt ihr was, das Öl könnte eventuell die Austernkolonien geschädigt haben". Die Menschen sollten nicht gezwungen werden, zu beweisen, dass es so kommen wird. Es sollte eine vorausschauende Expertise erstellt werden: Das Öl, das heute am Grund des Golfes liegt, wird die Austernkolonien, die Austern, zerstören, und wir zahlen den Leuten eine Entschädigung dafür".

Amy Goodman:
Apropos Umwelt und Umweltschäden. Uns ist Kieran Suckling zugeschaltet. Er ist Exekutivdirektor des 'Center for Biological Diversity' (Zentrum für Artenvielfalt). Können Sie uns etwas zu diesem ersten Jahrestag sagen? Was hat sich getan - seit jener großen Explosion im Golf von Mexiko, Kieran?

Kieran Suckling:
Nun, die Folgen für die Natur sind verheerend. Wir schätzen, dass mehr als 6 000 Meeresschildkröten und rund 26 000 Meeressäuger (Delfine und Schweinswale) getötet wurden und rund 82 000 Seevögel. Eine der schlimmsten Folgen ist, dass das Sterben nicht aufhört. Die Katastrophe ist noch vorbei. Jetzt, in diesem Moment, werden tote Delfine und Schildkröten voller Öl an Strände gespült.

Amy Goodman:
Sprechen wir über die eingesetzten Dispersierungsmittel.

Kieran Suckling:
Ja, die Sache mit den Dispersierungsmitteln ist besonders ärgerlich. Als ob das Öl nicht schon schlimm genug gewesen wääre, sprühte man diese hochgiftigen Substanzen darauf. Für viele Tiere ist das Zeug um ein Vierfaches giftiger als das Öl. Und Letzteres verschwand dennoch nicht. Es wurde nur in kleinere Stücke aufgebrochen und sank in die Tiefe, manchmal bis auf den Meeresgrund. Wir haben also einerseits diese unglaubliche Chemiebrühe - in einer Größenordnung, wie wir sie noch nie gesehen haben. Bei keiner der bisherigen Ölkatastrophen wurde soviel von diesem Öl verteilenden chemischen Zeug in den Ozean gesprüht, ohne, dass man weiß, wie es sich auf die Natur auswirken wird. Die versprühten Chemikalien wirken tödlich auf das natürliche Leben. Meine Organisation, das 'Center for Biological Diversity' (Zentrum für Biologische Vielfalt) führt gerade einen Prozess, in dem es darum geht, ob diese Chemikalien auch bei künftigen Öllecks eingesetzt werden dürfen - denn es ist eine furchtbar schlechte Lösung für solche Fälle. Es geht immer nur darum, das Öl zu verstecken - und nicht, es zu beseitigen.

Amy Goodman:
Sie prozessieren wegen der Dispersierungsmittel?

Kieran Suckling:
Stimmt, ganz genau. Trotz der furchtbaren Auswirkungen dieser Mittel ist die Regierung immer noch der Meinung, sie könnte sie bei der nächsten Ölkatastrophe wieder einsetzen. Die amerikanische Öffentlichkeit weiß nicht, aus welchen Chemikalien diese Mittel bestehen, und es gab nie eine Umweltuntersuchung zu ihren Auswirkungen auf das Leben in der Natur und auf die Menschen. Wir sagen der Regierung: "Ihr könnt nicht so weitermachen und sie erneut einsetzen. Zumindest müsst ihr zuvor die Folgen für die Umwelt erforschen lassen. Besser wäre es jedoch, sie nicht mehr einzusetzen".

Amy Goodman:
Ich meine....  'ProPublica' hat gerade den Pulitzer-Preis bekommen (für eine andere Veröffentlichung). Sie schreiben in einem Artikel: "Zwei Sorten Dispersierungsmittel, die BP im Golf (von Mexiko) versprüht hat, sind in Großbritannien nicht für den Einsatz bei Ölverschmutzungen zugelassen." Interessant. Schließlich geht es hier um BP (British Petroleum). Sie können sie in der Heimat also nicht einsetzen - aber am Golf. Da die (amerikanische Umweltbehörde) "EPA diese Produkte genehmigt hat", so der Artikel weiter, "setzt BP sie weiter als Dispersierungsmittel ein - in größeren Mengen als Dispersierungsmittel je bei einem Ölunfall in der US-Geschichte eingesetzt wurden." Was sagen Sie dazu, Kieran?

Kieran Suckling:
Yeah, war schon spektakulär, was sie mit diesen Chemikalien gemacht haben. Meiner Meinung nach hat die Regierung Russisches Roulette gespielt, als sie BP erlaubte, damit weiterzumachen. Sie haben gerade erwähnt, dass die eingesetzten Chemikalien in Europa verboten sind. Eines der Probleme war, dass sie eine Menge von dem Zeug hatten, das sie in Europa nicht verwenden durften. Sie mussten es wegschaffen. Sie mussten es wegtransportieren. Das war ihre Chance, Geld mit einem Produkt zu machen, das sie anderswo ohnehin nicht loswerden konnten. Also schütteten sie Millionen Gallonen von dem Zeug in den Ozean.

Derartige Chemikalien haben besonders auf kleine Lebewesen in der Natur - auf Weichtiere - eine verheerende Wirkung. Nehmen wir die Austernkulturen. Die hat es wirklich schlimm erwischt. Leider geht das Sterben auch bei den Delfinen und Meeresschildkröten weiter, und wenn wir diese Chemikalien weiter ausbringen, wird die Katastrophe weiter- und immer weitergehen. Das macht uns deutlich, dass wir die grundlegenden Probleme der Offshore-Bohrungen nicht gelöst haben. Wir haben noch immer keine Methode entwickelt, wie wir ein Ölleck unter Kontrolle bringen und die Umwelt säubern können.
Dennoch machen wir immer weiter und bohren ständig neu.

Amy Goodman:
David Pham. Wie läuft es mit den Entschädigungen - wie verläuft dieser Prozess insgesamt? Die Menschen, die sie vertreten: Sind sie unterschiedlich stark betroffen? Die Menschen aus Südostasien, die in Mobile/Alabama leben und in der übrigen Golfregion?

David Pham:
Nun, der Prozess... Wir erleben, dass alles ein wenig kompliziert verläuft. Schon für amerikanische Normalbürger, die dort leben, ist es schwierig nachzuvollziehen. Sie können sich vorstellen, wie schwierig es erst für eine Gemeinde ist, die nur mäßig Englisch versteht. Manche haben keinen höheren Schulabschluss - nur die 10. Klasse. (Es fällt ihnen schwer) ein System zu durchschauen, von dem im Moment ihre Existenz zum großen Teil abhängt, denn die Hilfen der Regierung sind keine echten Hilfen. Wir waren mal in einer Situation, in der wir von BP und dem GCCF (Hilfsfonds für die Opfer der Ölkatastrophe am Golf (Gulf Coast Claims Facility)) abhängig waren: Sie hätten eigentlich für eine adäquate Übersetzung/Interpretation des Verfahrens sorgen sollen. Fehlanzeige. Im Bayou La Batre hatten wir zum Beispiel einen vietnamesischen Mann, der für die Schadensregelung zuständig war. An den Tagen, an denen er nicht im Büro war, saßen viele Klienten dort herum und warteten. Man sagte ihnen, sie sollten an einem anderen Tag wiederkommen - wenn er da sei. Die Latinos und die Kambodschaner haben überhaupt keinen aus ihrer Gemeinde, der sich für sie einsetzen und ihre Ansprüche regeln könnte. Sie können sich vorstellen, dass diese Menschen noch viel mehr Probleme hatten als die vietnamesisch-amerikanische Gemeinde des Bayou La Batre.

Amy Goodman:
Eine Frage an Tracie Washington. Es geht um die Ansprüche. Ich werde gleich einen Clip einspielen, in dem es um dieses Thema geht, um unsere Regierung und BP. Louis Bayhi ist Kapitän eines Charterbootes. Er lebt in Louisiana. Er hat gesundheitlichen Schaden genommen, als er bei einem der Ölsäuberungstrupps war. Das 'Louisiana Environmental Action Network' hat festgehalten, wie es ihm ergangen ist. Er hat keine Entschädigung von BP erhalten:

(Einspielung:)
Louis Bayhi:
Ich weiß nicht, ob irgendwer sein Geld bekommen hat. Ich habe mein Geld jedenfalls nicht bekommen. Nach Ablauf des Vertrages, der über einen Monat lief (was eine hübsche Summe bedeutet), blieben sie uns noch etwas schuldig. Auch die beiden Boote konnten wir für nichts anderes einsetzen als für die Arbeit bei BP; sie mussten ja in Bereitschaft bleiben. Anders gesagt, schuldet mir BP, gemäß ihres Vertrages, wohlgemerkt, nicht meines (Vertrages): $225 000. Sie sind mit den Zahlungen im Verzug, so nenne ich das. Ich meine, ich habe den Vertrag nicht gemacht, sondern die. (Ende)

Amy Goodman:
Tracie Washington...

Tracie Washington:
Ja.

Amy Goodman:
... BP, die Regierung, das Thema 'Entschädigungen', die ganze Prozedur. Wie läuft es - vor allem in den Gemeinden, in denen Sie tätig sind?

Tracie Washington:
Wissen Sie, es ist der absolute Wahnsinn. Es ist mehr als frustrierend. Ihr letzter Gast sprach über die 'Boat People', über die Menschen aus Südostasien, mit schlechten Englischkenntnissen und wenig Bildung. (Er sagte), sie hätten Probleme mit dem (Entschädigungs-)System. Amy, ich habe einen Batchelor- und Master-Abschluss in Jura, und habe trotzdem Probleme. Ich vertete viele Menschen, die Ansprüche anmelden. Es gibt zwei Arten von Problemen. Über die erste wurde in dem Clip gerade gesprochen. Menschen, die direkt für BP gearbeitet haben und mithalfen, das Öl wegzumachen, wurden nicht entlohnt. Auf der anderen Seite haben wir viele, viele Menschen, die auf das Geld durch unseren Regierungsbeauftragten (staatlicher Aufseher über die Verteilung der Gelder des BP-Fonds), Zar Ken Feinberg, warten. Sie haben einen Anspruch aufgrund ihres (geschrumpten) Einkommens: kleine Geschäfte, Privatpersonen. Doch diesen Leuten (wie Feinberg) geht es eher darum, BP zu schützen als die kleinen Leute davor zu bewahren, betrogen zu werden und dafür zu sorgen, dass sie ausbezahlt werden. $20 Milliarden wurden (in den Fonds) eingezahlt. Mr. Feinberg hat gerade mal $4 Milliarden davon ausbezahlt, oder?

Gestern erhielten wir eine Pressemitteilung, in der von einer größeren Summe  berichtet wurde, die ausgezahlt worden sei, eine Entschädigung. Ich schrieb an Mr. Feinberg zurück. Schließlich ist das 'Louisiana Justice Institute' eine Kanzlei, die dem öffentlichen Interesse dient, die sich für Menschen einsetzt, die in dieser Sache Entschädigungsansprüche haben. Wissen Sie, ich schrieb ihm: "Nun, danke für die Pressemitteilung am Vorabend des Gedenkens an den BP-Ölunfall. Doch was wir brauchen ist mehr als eine (Entschädigung). Was haben Sie unternommen - außer die Menschen bei der US-Staatsanwaltschaft anzuzeigen, weil sie angeblich überzogene Forderungen an BP gestellt haben - $4000, $5000 - und diese Menschen ins Gefängnis zu bringen? Steckt doch die Manager von BP ins Gefängnis. Sie müssen auszahlen." Es ist wirklich mehr als frustrierend hier unten. Die Leute sagen: "Frau Washington, Frau Rechtsanwältin Washington, bitte helfen Sie uns. Helfen Sie uns, dass wir unser Geld bekommen. Von der GCCF (Gulf Coast Claims Facility (Entschädigungsfonds)) hören wir dies, und wenn wir bei BP direkt anrufen, hören wir etwas anderes. Was sollen wir also tun?" Ich bin Anwältin und kann ihnen trotzdem nicht helfen.

Amy Goodman:
Haben Sie das Gefühl, dass die Bundesregierung - nach 'Katrina' und nach dem BP-Ölunfall - den Katastrophenschutz verbessert hat?

Tracie Washington.
Wovor ich mich am meisten fürchte, Amy, ist dass die Bundesregierung gelernt haben könnte, wie man die Regelung von Ansprüchen outsourct, dass sie inzwischen Meister darin ist. Das hieße, dass heute und bei der nächsten Katastrophe (sei es eine Art 'Katrina' oder eine Ölkatastrophe) - wir uns mit 10 Ken Feinbergs und zusätzlich mit der normalen staatlichen Bürokratie abgeben müssten. Ich würde lieber bei einer Person im Umweltschutzministerium anrufen, im Büro von Salazar - anstatt bei dem outgesourcten Ken Feinberg. Wissen Sie, ich will, dass jemand in der Regierung sich für zuständig erklärt. Wenn Sie heute bei der Regierung anrufen, heißt es: "Rufen Sie Ken Feinberg an". Das ist sowas von unbefriedigend.

Amy Goodman:
Tracie Washington - vom 'Louisiana Justice Institute' - vielen Dank, dass Sie uns aus New Orleans zugeschaltet waren.



Übersetzt von: Andrea Noll
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