Die Philosophie der Armut
von Mahir Ali
03.06.2008 — ZNet
Vor einigen Wochen hatte George W. Bush eine Erleuchtung, welche er der Welt gern mitteilen wollte. „In einigen der ärmsten Länder der Welt“, verkündete er, „können steigende Preise den Unterschied dazwischen ausmachen, ob man am Tag eine Mahlzeit kriegt oder nichts zu essen bekommt.“ Er und seine Landsleute, so wird deutlich, sind zutiefst beunruhigt über dieses mysteriöse Phänomen in fernen Ländern und der Präsident der Vereinigten Staaten wünschte „eine klare Botschaft in die Welt zu senden, dass Amerika den Kampf gegen den Hunger in den kommenden Jahren anführen wird“.
Gut zu wissen! Eine radikale Abwende von der bisherigen Außenpolitik, mit der sich Washingtons Hauptinteresse von einem abstrakten Begriff auf einen anderen verschiebt, wäre in der Tat sogar in den Tagen einer scheidenden Bush-Administration sehr willkommen. Anders als der Krieg gegen den Terror würde ein globaler Kampf gegen den Hunger vermutlich die Rettung von Menschenleben mit einschließen.
„Das amerikanische Volk“, so fuhr Bush fort, „ist ein großzügiges und Anteil nehmendes Volk.“ Was zahlreiche Iraker und Afghanen zweifelsohne bestätigen können. Und zahlreiche andere können das nicht, weil sie am empfangenden Ende der harten Liebe im U.S.-Stil zu Kollateralschäden geworden sind. Wie dem auch sei, ein versuchter rhetorischer Schnörkel diente als Erinnerung daran, dass Bushs Kampf mit der englischen Sprache über abstrakte Nomina hinausreicht: „Wir glauben an die zeitlose Wahrheit“, erklärte er feierlich, „dass demjenigen, dem viel gegeben ist, auch viel erwartet wird.“
Ungeachtet der fragwürdigen Grammatik ist der Sinngehalt des Gesagten einigermaßen deutlich und verlangt nach der Frage: „Wie viel?“ Und die Antwort darauf lautet: 770 Millionen U.S.-Dollar. Man addiere die Mitte April zur Soforthilfe für Nahrung zugesagten 200 Millionen U.S.-Dollar. Um jedoch das wahre Ausmaß der Großzügigkeit der Bush-Administration zu verstehen, berücksichtige man folgenden Sachverhalt: diese Gesamtsumme beläuft sich in etwa auf die Betriebskosten der Kriege im Irak und in Afghanistan für zwei Tage. Ganz genau: Die fehlgeleiteten Abenteuer in jenen beiden Ländern beanspruchen monatliche Aufwendungen in Höhe von 16 Mrd. U.S. Dollar nur für die Vereinigten Staaten. Man bedenke, wie viele leere Bäuche dadurch gefüllt werden könnten.
Bei einer vorsichtigen Schätzung werden sich die Gesamtausgaben für die beiden Kriege auf 3 Billionen Dollar belaufen, so Nobelpreisträger und Ökonom Joseph Stiglitz. Sogar Ressourcen dieses Ausmaßes reichen unter Umständen nicht aus, um die Armut, welche weltweiten Hunger verursacht, zu beseitigen. Dennoch könnten sie die Bestrebungen zu diesem Ziel ein gutes Stück voranbringen.
Doch diese Absicht steht auf der amerikanischen Speisekarte natürlich weder als Aperitif noch als Nachtisch. Man darf vernünftigerweise fragen, warum man sie auch dort finden sollte. Schließlich können die Vereinigten Staaten doch nicht für schlecht verwaltete Volkswirtschaften auf den unterschiedlichsten Erdteilen verantwortlich gemacht werden, oder? Dieser Grund erscheint berechtigt genug. Dennoch würde es kaum einen Sinn ergeben, die Rolle der vom Westen dominierten Welthandelsorganisation (WTO)1, des Internationalen Währungsfonds (IWF)2 und der Weltbank nicht zu berücksichtigen. Die so genannten Strukturanpassungsprogramme (SAP)3 sind z. B. auf Privatisierung und Eliminierung von Subventionen in verschiedensten Bereichen ausgerichtet, was nachweislich die Verwundbarkeit der Armen erhöht, jener, die nichts als ihre Arbeitskraft zu verkaufen haben. Darüber hinaus neigen solche Maßnahmen dazu, ein entscheidendes Ungleichgewicht zur Geltung zu bringen: während Drittweltländer angehalten werden, ihre Bauern nicht zu subventionieren, setzen z. B. die EU und die Vereinigten Staaten ihre Agrarsubventionen fort. Im Ergebnis wird es für Entwicklungsländer also günstiger, Westprodukte zu importieren. Ihre eigenen Bauern dagegen werden aus dem Markt gedrängt. Ein plötzlicher, starker Anstieg der Importpreise – beispielsweise als Ergebnis eines neuen Höchststands der Treibstoffpreise – kann dann unsäglichen Schaden anrichten. Die derzeitige Krise, welche zu Unruhen aufgrund von Nahrungsengpässen auf dem ganzen Erdball geführt hat, ist teilweise auch eine Folge des Drängens auf Biokraftstoffe, Erdölsubstitute, welche den Treibhauseffekt vermeintlich reduzieren. Trotz ihres Unwillens zu akzeptieren, dass fossile Brennstoffe mit am meisten zur Erderwärmung beitragen, stehen die Vereinigten Staaten voll und ganz hinter dieser Neuorientierung. In den USA und (was viel schlimmer ist:) anderswo sind – trotz andauernder Zweifel ob der Brauchbarkeit von Biokraftstoffen als Erdölersatz – große Flächen, welche einst Nahrungsmittel produzierten, nun mit am Brennstoffmarkt verwertbaren Pflanzen bebaut worden. Alternativen zu Erdöl sind zweifelsohne notwendig, aber Experten gehen davon aus, dass Ethanol (Alkohol) schwerlich die beste Lösung sein kann, da dessen Beitrag zum Treibhauseffekt nicht so weit unter demjenigen des Erdöls liegt.
Solange jedoch Pflanzen zur Herstellung von Biokraftstoff profitabler als Nahrungsmittelpflanzen bleiben, werden sie weiterhin angebaut werden. Die Strukturanpassungsprogramme sowie die Regeln der WTO sind darauf ausgelegt, diesen Prozess zu unterstützen: die resultierende extreme Armut, Hunger und Beschäftigungslage befinden sich außerhalb ihres Aufgabenbereichs. China und Indien werden von andauernd als Beispiele der neuen ökonomischen Weltordnung angeführt, wobei jedoch beständig ignoriert wird, dass ihre so genannten Wachstumsraten auf dem Entzug von Rechten basieren, welche das internationale Proletariat im 20. Jahrhundert verzweifelt zu sichern suchte. Die wachsende Ungleichverteilung des Wohlstands in diesen und anderen Ländern wird ebenso selten für erwähnenswert befunden.
Der derzeitige Nahrungsmittelnotstand ist den oben erwähnten Phänomenen geschuldet sowie weiteren Faktoren wie Dürren (welche ein Resultat der Erderwärmung sein könnten) und – im anderen Extrem – der Spekulation an den Finanzmärkten. Der Ölpreis hat sich in Abwesenheit erkenntlicher Engpässe spiralartig hochgeschraubt und Saudi Arabien hat wahrscheinlich nicht grundlos dem Druck widerstanden, das Exportvolumen zu erhöhen.
Unter den derzeitigen Umständen ist Wohltätigkeit von der Art, wie sie Organisationen der Vereinten Nationen und die Bush-Regierung anvisieren, möglicherweise der gangbarste Weg, um ein Massenverhungern zu verhindern. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir es uns leisten können, die langfristigen Implikationen der gegenwärtigen Krise zu ignorieren, die die Absurdität des Marktfundamentalismus als akzeptablem Status Quo bestätigt.
Der Niedergang des kommunistischen Blocks – und mit ihm der des Phänomens des real existierenden Sozialismus – vor einigen Jahrzehnten förderte den Eindruck, dass der Kapitalismus über alle anderen möglichen Alternativen triumphiert hatte. Das ist allerdings nicht der Fall. Heute ist es wichtiger denn je, die Tatsache herauszustellen, dass – auch wenn der Zusammenbruch ökonomischer Systeme, welche sich auf die Führung kommunistischer Parteien verließen, aus bestimmten Gründen unumgänglich war – dies nicht so verstanden werden sollte, dass der Kapitalismus die einzig mögliche Alternative sei. Die gegenwärtige Welle des Hungers kann durch Lösungen, die im Wesentlichen auf Wohltätigkeit basieren, verbessert werden. Es ist aber wahrscheinlich, dass Tausende von Menschen sterben werden, bevor die Abwegigkeit der bestehenden Ordnung anerkannt werden wird. Auf lange Sicht wird nicht so sehr eine Alternative zum Neokonservativismus, sondern vielmehr zum Kapitalismus benötigt. Es gibt Grund zur Hoffnung, dass diese Alternative gefunden werden wird. Wie Karl Marx es vor langer Zeit hinwies, kann der Philosophie der Armut nicht erlaubt werden, bestehen zu bleiben. Im 19. Jahrhundert bestand seine Entgegnung in der Darlegung der Armut der Philosophie. Wie in vielerlei Hinsicht bleiben auch hier die Marx’schen Ideen eine weitere Erforschung wert.
Anmerkungen
1 WTO: World Trade Organisation.
2 IWF: Internationaler Währungsfonds. Englisch: International Monetary Fund (IMF).
3 SAP: Structural Adjustment Programme. Zu deutsch: Strukturanpassungsprogramm. – Die Strukturanpassungsprogramme sind vom IWF und der Weltbank in hoch verschuldeten Ländern der Dritten Welt oder Osteuropa geforderte wirtschaftliche Maßnahmen als Bedingung für Kreditvergaben respektive Schuldenerlasse.
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