Die Rückkehr des Baby Doc Duvalier nach Haiti
Will er Druck auf Präsident Préval ausüben, bezüglich der Wahlen?
von Amy Goodman
20.01.2011 — Democracy Now!
Unser Gast:
Kim Ives - Redakteur der 'Haiti Liberté'
Amy Goodman:
25 Jahre, nachdem er aus Haiti flüchtete, ist der ehemalige Diktator Jean-Claude "Baby Doc" Duvalier nach Haiti zurückgekehrt. Duvalier regierte Haiti 15 Jahre lang. Seine Regierungszeit war gekennzeichnet durch Korruption, Folter und Mord an politischen Gegnern. Er verließ das Land, als es 1986 zu Protesten kam. Am Montag kehrte er mit einem Diplomatenpass in das zerstörte Haiti zurück und sagte, er sei (Zitat) "hier, um zu sehen, wie ich meinem Land helfen kann."
Chaotische Szenen spielten sich am Dienstag ab, als haitianische Polizisten Duvalier in dem Luxushotel, in dem er abgestiegen war, verhafteten. Sie brachten ihn zur Befragung in das Büro der Staatsanwaltschaft von Port-au-Prince. Duvalier wird Korruption, Diebstahl und die Veruntreuung von Geldern vorgeworfen. Schätzungen gehen von bis zu einer Milliarde Dollar aus, die Duvalier sich unrechtmäßig angeeignet haben soll.
Duvaliers Rückkehr nach Haiti erfolgt wenige Wochen vor der Stichwahl um das Präsidentenamt. Die größte politische Partei des Landes - Famni Lavalas - war von den Wahlen ausgeschlossen worden. Lavalas ist die Partei des ehemaligen Präsidenten Jean-Bertrand Aristide, der sich noch immer im südafrikanischen Exil befindet.
Wir sind nun mit dem Journalisten Kim Ives verbunden, um mit ihm die neuesten Entwicklungen auf Haiti zu besprechen. Ives ist Redakteur der 'Haiti Liberté'.
Willkommen bei Democracy Now!, Kim. Sagen Sie uns bitte etwas zu den Taten dieses Mannes; erklären sie es den Leuten, die sich nicht so gut mit Haiti auskennen.
Kim Ives:
Baby Doc kam 1991, nach dem Tod seines Vaters, an die Macht. Dieser war 1957 durch Wahlen an die Macht gekommen. 1964 erklärte er sich zum Präsidenten auf Lebenszeit. Damals entfielen rund 3 Millionen Stimmen auf ihn - bei lediglich 3000 Gegenstimmen. Der Vater gab das Privileg an den Sohn weiter. Das Duvalier-Regime war ein äußerst repressives und korruptes Regime. Duvalier junior - "Baby Doc" genannt - war eine Art Playboy-Diktator. Er fuhr in schnellen Schlitten durch die Gegend und warf den halb verhungerten Bauern am Straßenrand ein paar Geldstücke zu. Im Land wuchs die Abscheu vor diesem Regime.
Aber auch die Ungeduld der USA wuchs, zumal die Millionen von Dollars, die Amerika in das Land pumpte (um eine Infrastruktur für amerikanische Geschäftsinteressen zu schaffen (es ging um den Bau von Billiglohnfabriken)), stattdessen auf den Schweizer Konten von Jean-Claude Duvalier landeten. Also drängten sie ihn 1986, das Land zu verlassen. Sie verfuhren so, wie sie mit etlichen Diktatoren dieser Welt verfahren: Es gibt eine Scheinwahl, bei der die (von den USA) auserkorene "Marionette" Sieger wird; dann wird der bisherige Diktator ersetzt. Allerdings klappte diese Methode im Falle Haiti nicht so ganz. Die USA hatten Marc Bazin zum Wahlsieger auserkoren. Stattdessen siegte Jean-Bertrand Aristide bei den Wahlen 1990.
Amy Goodman:
Wieviele Haitianer wurden unter Francois Duvalier ("Papa Doc") und danach unter Jean-Claude Duvalier ("Baby Doc"), der diese Woche nach Haiti zurückgekehrt ist, ermordet? Was glauben Sie?
Kim Ives:
Nun, es gibt verschiedene Schätzungen. 1986 ging man davon aus, dass während der Amtszeit beider Duvaliers insgesamt rund 10 000 Menschen ermordet worden waren. Einige Schätzungen sprechen allerdings von bis zu 50 000 Toten.
Amy Goodman:
Weshalb ist er nach Haiti zurückgekehrt und wie konnte ihm das gelingen?
Kim Ives:
Nun, wir glauben, dass es irgendwie mit der aktuellen Situation zusammenhängt - mit dem Konflikt um die Wahlen. Die 'Organisation Amerikanischer Staaten' (OAS) verlangt von Noch-Präsident Préval, die Ergebnisse der Wahlen vom 28. November 2010 nicht zu akzeptieren. Die Wahl war eine absolute Lachnummer - mit erschreckenden Unregelmäßigkeiten. Prévals Wahlkommission ('Provisional Electoral Council') behauptete, dass der offizielle Kandidat der Partei Prévals, Jude Célestin, Zweiter geworden sei - nach Mirlande Manigat, einer rechtsgerichteten Neo-Duvalier-Kandidatin und dass sie vor...
Amy Goodman:
Ist sie nicht die Witwe eines ehemaligen haitianischen Präsidenten?
Kim Ives:
Yeah, sie ist die Ehefrau, nicht die Witwe, eines ehemaligen Präsidenten. Leslie Manigat lebt noch. Er wurde 1988 vom Militär eingesetzt, nachdem es bei den Wahlen 1987 zu einem Blutbad gekommen war. (Kommen wir wieder zurück zu den aktuellen Wahlen.) Die OAS sagte: Nein, nein, nein, dieses Wahlergebnis ist nicht korrekt. Gemäß des tatsächlichen Ergebnisses würde Michel Martelly in die Stichwahl (mit Mirlande Manigat) gehen. Martelly - bekannt als "Sweet Mickey" - ist Kompas-Musiker, und er war für den Putsch (gegen Aristide). Er landete bei der Wahl knapp auf dem dritten Platz und sollte, nach Meinung der OAS, auch an der Stichwahl teilnehmen. Doch dagegen setzt Préval sich zur Wehr. Er hat nicht einmal auf den Bericht der OAS reagiert und scheint deren Methoden anzuzweifeln. Wir glauben, dass die Rückkehr Jean-Claude Duvaliers Préval unter Druck setzen soll und ihm zeigen soll... in gewisser Weise soll die Basis des Duvalier-Lagers mobilisiert werden. Duvalier ist wirklich das Symbol der alten Garde, die vor 25 Jahren abgetreten ist.
Amy Goodman:
In vielen Berichten ist derzeit davon die Rede, dass die internationale Gemeinschaft Préval gedroht habe, ihn ins Exil zu schicken, sollte er die neuen Wahlergebnisse nicht akzeptieren.
Kim Ives:
Richtig. Auf Haiti hat offenbar ein Treffen stattgefunden, an dem auch der ehemalige OAS-Botschafter für Haiti, Seitenfus, teilgenommen hat und worüber er anschließend plauderte. Er wurde wegen dieser Offenheit gefeuert. Laut Seitenfus wurde auf dem Treffen darüber diskutiert, ob man Préval in einen Flieger setzen und außer Landes schaffen sollte. Nachdem Préval zehn Jahre lang - als Präsident - allen Befehlen der USA, Frankreichs und Kanadas gehorcht hat, muss er nun feststellen, dass er beim geringsten Aufmucken, beim kleinsten Versuch, etwas selbst zu entscheiden, ganz schnell abgeschoben werden kann.
Amy Goodman:
Baby Doc Duvalier ist nach Haiti zurückgekehrt und wurde gestern verhaftet - jedenfalls scheint es so.
Kim Ives:
Ja, es hat den Anschein, als sei er verhaftet worden. In Wirklichkeit haben sie ihn nur befragt. Das Justizsystem auf Haiti funktioniert etwas anders. Wir haben den 'juge d'instruction', eine Art ermittelnde Staatsanwaltschaft, die sich die Beweislage anschaut und dann entscheidet. Das kann bis zu drei Monate dauern. Erst dann wird der Staatsanwalt wohl entscheiden müssen, ob er Jean-Claude Duvalier vor Gericht stellt oder nicht. Man könnte sagen, gegen Duvalier wird so halb und halb ermittelt. Sie ermitteln zwar gegen ihn, aber er wir hier nicht vor Gericht gestellt werden.
Amy Goodman:
Aber Aristide darf nicht nach Haiti zurück. Er ist die mit Abstand populärste Persönlichkeit im Land und versucht in die Heimat zurückzukehren, aber es ist ihm nicht möglich.
Kim Ives:
Korrekt. Er befindet sich nach wie vor im südafrikanischen Exil - seit er am 29. Februar 2004 durch einen Staatsstreich entmachtet wurde. Ein Team der U.S. Navy Seals kidnappte ihn in seinem Haus in Tabarre und brachte ihn nach Afrika.
Amy Goodman:
Wir haben nicht mehr ganz zwei Minuten. Die Geschehnisse, über die wir gerade gesprochen haben, ereignen sich, während das Land in Trümmern liegt. Kurz nach dem Erdbeben bin ich mit Kim Ives zusammen durch Haiti gereist. Sechs Monate nach dem Erdbeben waren wir wieder gemeinsam dort. Wie geht es Haiti heute? Und wie hängt diese Sache hier mit der Tatsache zusammen, dass es auf Haiti nach wie vor keinen echten Wiederaufbau gibt?
Kim Ives:
Nun, Haiti, ist und bleibt die einzige militärisch besetzte Nation in der westlichen Hemisphäre, und es leidet unter den Folgen des Erdbebens. Immer noch leben 1,3 Millionen Menschen in Zelten oder unter Planen. Die Cholera hat nahezu 4000 Menschen das Leben gekostet, ohne dass ein Ende in Sicht wäre. Es gibt so unglaublich viel Armut und Elend in diesem Land. Aber das alles ist nicht die Hauptsorge Amerikas. Seine Hauptsorge ist schlicht, wie es die Okkupation Haitis kaschieren kann, wie es die haitianische Bevölkerung im Grunde reinlegen kann. Zum ersten Mal seit 20 Jahren - seit Aristide zum ersten Mal an die Macht gewählt wurde (1990) -, sind heute zwei Neo-Duvalier-Kandidaten im Rennen. Beide könnten potentiell siegen - bei diesen total manipulierten Wahlen. Das Volk schreit nach Neuwahlen, nach Annullierung dieser Wahlen, aber es findet kein Gehör.
Amy Goodman:
Die neuesten WikiLeaks-Veröffentlichungen enthalten einige Dokumente, aus denen hervorgeht, dass die USA auch Brasilien unter Druck setzen, damit es Aristide nicht die Rückkehr ermöglicht.
Kim Ives:
Genau. Sie haben Druck auf Brasilien ausgeübt. Heute erschien übrigens eine weitere interessante WikiLeaks-Veröffentlichung: Ein brasilianischer General, der 2006 angeblich in seinem Hotelzimmer Selbstmord verübt hat...
Amy Goodman:
... ein General der MINUSTAH, der UNO-Truppen auf Haiti...
Kim Ives:
der UNO-Truppen (MINUSTAH), genau. Angeblich (laut WikiLeaks) soll er ermordet worden sein. Ich hatte gleich das Gefühl - denn das Bild der Leiche zeigt, dass er gerade ein Buch gelesen hatte. Es kommt selten vor, dass jemand beschließt, sich umzubringen, während er gerade ein Buch liest.
Amy Goodman:
Nun, wir werden natürlich weiterverfolgen, wie es auf Haiti weitergeht. Kim Ives, vielen Dank, dass Sie bei uns waren. Yves ist Journalist der 'Haiti Liberté'.
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