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Ein Schlag gegen den Kapitalismus

von Barbara Ehrenreich

22.08.2007 — Huffington Post / ZNet

— abgelegt unter:

Irgendwo in den Hamptons beschimpft in diesem Moment ein Reicher seine Putzfrau und droht seinen Rasenmäher-Jungs mit der Faust. Amerikas Arme sind normalerweise so taktvoll, unsichtbar zu bleiben - für die Multimillionärskaste. Doch plötzlich stürmen sie auf die Bühne und beginnen, das globale Finanzsystem zu zerhauen. Unglaublich. Dies ist vielleicht das erstemal in der Geschichte, dass die Unterdrückten es schaffen, ein unfaires Wirtschaftssystem ohne Revolution zu zerstören.

Es fing damit an, dass sie ihre Hypotheken nicht mehr bedienten. Das Gleiche taten auch viele finanziell strapazierte Mittelschichtler, aber die Armen gingen definitiv voran. Okay, die Hypotheken waren eigentlich betrügerische Kredite, von denen viele schon in den ersten zwei Jahren nach Vertragsunterzeichnung nicht mehr bezahlbar sein sollten. So gab es die sogenannten "NINJA-Kredite" - für Leute "ohne Einkommen, ohne Job oder Vermögen". Jetzt jammern konservative Kolumnisten wie Niall Ferguson über das mickrige "Niveau an ökonomischer Bildung", das es ermöglichte, Leute durch fragwürdige Kredite auszubeuten. Warum haben sich die Leute aus der Unterschicht keine Juristen fürs Kleingedruckte zugelegt? Verfügen sie etwa über keine persönlichen Finanzberater?

Der nächste Schritt der Armen war ebenso diabolisch wie clever. Sie kauften nicht mehr ein. Die "Armen" sind heute etwa deckungsgleich mit der Arbeiterklasse. Sowohl Wal-Mart als auch Home Depot verkündeten für das zweite Quartal enttäuschende Daten. Das stürzte den Markt in eine weitere arktische Schockkrise. H. Lee Scott, Manager des Billiglohnimperiums Wal-Mart, gibt zu: "Es ist kein Geheimnis, dass vielen Kunden am Ende des Monats das Geld ausgeht" - welch unglaubliches Zartgefühl liegt in seinen Worten.

Ich wünschte, ich könnte sagen, bei dem aktuellen Angriff auf den Kapitalismus handle es sich tatsächlich um eine bewusste Strategie der Armen: Geheimtreffen im Pausenraum und auf Parkplätzen - nach dem Motto, der Anführer der revolutionären Zelle sagt: "Vinny, du bedienst diesen Monat mal deine Hypothek nicht, und, Caroline, geh' nicht mehr mit dem Zettel einkaufen, vergiss es, okay?"

Stattdessen spricht alles dafür, dass die Reichen die aktuelle Krise ganz allein über sich gebracht haben.

Der größte private Arbeitgeber in den USA heißt Wal-Mart. Wenn diesem Laden die Kundschaft ausgeht, wird es höchste Zeit für einen langen, strengen Blick in den Spiegel. Schon vor circa hundert Jahren hatte Henry Ford erkannt: Mein Unternehmen wird nur florieren, wenn meine Arbeiter genug verdienen, um sich einen Ford leisten zu können. Wal-Mart scheint nie auf die Idee gekommen zu sein, dass die brutal niedrigen Löhne, die es zahlt, eventuell das eigene Wachstum schmälern - selbst wenn man zu den berühmten Wal-Mart-Niedrigpreisen anbietet.

Traurig aber wahr: Die Leute, die auf Wal-Mart-Niveau verdienen, entscheiden sich eher für Mode der Marke 'Heilsarmee', und für Wal-Mart-Produktsparten wie 'elektronische Geräte', 'Garten und Rasen' oder 'Arznei' haben sie erst recht keine Verwendung.

Es wird noch schlimmer kommen. Leute wie H. Lee Scott drücken mit der einen Hand die Löhne der amerikanischen Arbeiter und winken mit der anderen mit verlockenden Krediten. In Amerika wurde der Begriff des 'anständigen Lohnes' durch den des 'leichten Kredites' ersetzt. Früher arbeitete man für sein Geld, heute soll man für sein Geld bezahlen. Früher konnte man damit rechnen, dass es vom Erarbeiteten eines Tages für ein Häuschen reichen wird. Heute verdient man auf keinen Fall soviel. Doch die Kreditgeber sagen, he, he, was soll's, wir bieten dir einen tollen Kredit!

Kredite zum Zahltag, Rent-to-buy-Möbel, und exorbitante Zinsen auf Kreditkarten für Arme - das alles war erst der Anfang. In ihrer Titelgeschichte über 'The Poverty Business' dokumentierte BusinessWeek (in ihrer Ausgabe vom 21. Mai 2007) die Stampede, die in den letzten paar Jahren losgebrochen ist - um Kredite an jene zu vergeben, die sich die Zinsen am wenigsten leisten können: Kauf' dir dein Traumhaus! Refinanziere dein Häuschen! Kauf' dir ein Auto auf Pump, auch wenn du eigentlich kreditunwürdig bist! Financiamos a Todos! Irgendwie schien es niemanden zu scheren, woher die Armen das Geld für all die vielen angebotenen Kredite nehmen.

Mir persönlich wäre eine etwas aktivere Revolution lieber: Märsche und Kundgebungen, Fahnen und Sit-ins, alles in einer schönen Grundfarbe, vielleicht rot oder orange. Ganz sicher gehört eine Vision dazu - eine Idee davon, was anstelle des schlechten, alten Systems kommen soll: Sozialdemokratie à la Europa, Sozialismus à la Lateinamerika oder auch nur der amerikanische Kapitalismus mit ein paar Regeln?

Der globale Kapitalismus wird die aktuelle Kreditkrise überleben. Die US-Regierung hat bereits eilige Schritte unternommen, um die fiebernden Märkte zu beruhigen. Langfristig jedoch gibt es keine gute Prognose für ein System, das darauf angewiesen ist, den Armen den letzten Cent aus der Tasche zu ziehen. Oder wer hätte je gedacht, dass es zu Verwerfungen an den Londoner und Shanghaier Märkten kommt, nur weil die Börsen in Stockton und Cleveland früher Schluss machen? Die Armen sind aufgestanden und haben sich zu Wort gemeldet. Allerdings ist es weniger ein Protestruf als vielmehr ein leiser, erstickter Schmerzensschrei.

Orginalartikel: Smashing Capitalism
Übersetzt von: Andrea Noll
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