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Eine geteilte Nation

Barbara Ehrenreich stellt im TIME-Interview ihr neues Buch vor

von Barbara Ehrenreich

09.07.2008 — Time.com

— abgelegt unter:

Die Sozialkritikerin Barbara Ehrenreich schrieb einst über das Leben als Beschäftigte im Niedriglohnsektor ("Nickel and Dimed"*) und über die Suche nach einem Job mit "weißem Kragen" ("Bait and Switch"**). Kürzlich unterhielt sich Jeremy Caplan von TIME mit ihr über ihr aktuelles Buch "This Land is Your Land: Reports From a Divided Nation".

Time: Was verbindet Ihr neues Buch mit "Bait and Switch" oder "Nickel and Dimed"? Gibt es überhaupt eine Verbindung?

Ehrenreich: Die anschwellende Ungleichheit in unserer Nation und das Elend der unteren Klassen und der Mittelschicht in unserer polarisierten Gesellschaft (sind die Parallelen).

Einige behaupten, der grundlegende Lebensstandard sei heute höher, als er es historisch in Amerika je war. Wie antworten Sie darauf?

Nun, ich würde sicher nicht im 18. oder 19. Jahrhundert gelebt haben wollen - so gesehen. Aber ich denke in etwas kleineren zeitlichen Dimensionen. Ich glaube, dass die Ungleichheit seit den 70ger Jahren wirklich zugenommen hat. In den vergangenen Jahren sahen wir, wie die Löhne und Gehälter der Durschnittsbürger stagnierten und sie immer weniger Sozialleistungen von ihren Arbeitgebern bekamen. Ich denke, in den letzten Jahren sind wir dem Potential - das wir Amerika historisch immer zugetraut haben -, nicht gerecht geworden.

Was sind, Ihrer Meinung nach, die wichtigsten Ursachen?

Ich denke, es herrscht ein Klassenkampf - von den Reichen ausgehend. Die Oberen quetschen die Arbeitenden so richtig aus, sie wollen immer mehr aus ihnen herausholen.

Rührt das nicht vom internationalen Wettbewerb und der Globalisierung her?

Ich denke, das ist seit langem eine billige Entschuldigung. Alles, was an dieser Ökonomie unsympathisch ist - abnehmende Löhne, Arbeitsüberlastung - wird unserer notwendigen Wettbewerbsfähigkeit angelastet. Aber wenn ich mir die oberen Etagen so ansehe, dann sehe ich, dass zum Beispiel Amerikas Manager, verglichen mit den durchschnittlichen Arbeitern, sehr viel mehr verdienen, als dies bei Managern in anderen Ländern der Fall ist.

Sie kritisieren viele Großunternehmen - einschließlich Wal-Mart. Gibt es nicht auch positive Modelle, Konzerne, die sich wie gute Bürger verhalten?

Ja. Ich denke Costco ist der Anti-Wal-Mart. Costco zahlt weit höhere Löhne und hat weit bessere Sozialleistungen. Das Unternehmen ist profitabel, und die Preise sind niedrig. Ich sympathisiere zudem mit American Apparel, einem Textilunternehmen, das Alltagskleidung aus Nicht-Sweatsshop-Produktion anbietet. Und da ist Ben Cohen - von Ben & Jerry - der sich in einer nationalen Kampagne gegen die Ungleichheit bei Besitz und Einkommen engagiert. Er setzt sich auch dafür ein, Unternehmen mehr in die Verantwortung zu nehmen. Ja, es gibt sehr viele positive Beispiele.

Welchen Weg in die Zukunft sollte das US-Gesundheitssystem nehmen?

Wir brauchen eine allgemeine Krankenversicherung, die finanziell aus einer Hand bezahlt wird - wie dies in anderen zivilisierten Ländern der Fall ist. Die privaten Krankenversicherer stehen dem jedoch im Weg. Alle fürchten sich vor ihnen, Clinton, Obama, McCain, keiner ist bereit zu sagen: "Sie müssen aus dem Weg, weil sie keinen guten Job machen". Ich meine, diese Land hatte keine Angst vor der Sowjetunion oder - früher - vor England. Es hatte keine Angst vor Saddam Hussein. Warum nehmen wir es nicht mit unseren eigenen privaten Krankenversicherungsgesellschaften auf?

Viele bezweifeln, dass die Regierung das Gesundheitssystem effizient managen könnte.

Nun, ist der private Sektor etwa effizient? Nein. Man hat uns das nur so lange eingebläut: Der öffentliche Dienst könne die Dinge nicht so gut managen, hieß es. Aber im Falle des Gesundheitswesen sehen wir, wie der private Sektor auf tragische, katastrophale Weise versagt hat. Wir haben gelernt, dass das Motiv 'Profit' kein gutes Motiv ist, um Gesundheitsleistungen zu erbringen. Dieses Motiv ist keine gute Basis. In Amerika sind Krankheitsschulden der häufigste Grund für Bankrott.

Das letzte Essay in Ihrem neuen Buch trägt den Titel: "God owes us an apology" (Gott schuldet uns eine Entschuldigung). Sie bezweifeln, dass Gott omnipotent und absolut gut ist.

Der Tsunami im Dezember 2006 hat mich inspiriert, dies zu schreiben. Nach diesem Ereignis gab es all dieses Geschwafel von religiöser Seite - von Imamen bis zu führenden Evangelikalen: Dort wo der Tsunami wütete, hätten Menschen womöglich eine Sünde begangen und würden bestraft. Was mich erstaunte, war die Annahme, Gott müsse allmächtig und durch und durch gut sein. Lange Zeit beteten die Menschen dieser Welt ja nicht zu guten Göttern. Die Idee (eines guten Gottes) ist neu. Die antiken griechischen Götter oder die Hindu-Gottheiten sind ziemlich amoralisch - die meisten jedenfalls. Wenn wir glauben, dass Gott allmächtig und gut ist, dann landen wir in einer Sackgasse. Um mich in die große Atheismus-Debatte, die Dawkins und viele andere angeregt haben, einzumischen: "Was, wenn Gott unsere Interessen einfach herzlich egal sind?"

In einem anderen Essay ziehen Sie einen Vergleich zwischen dem Handeln einiger evangelikaler Kirchen in den USA und dem der Hamas. Können Sie uns das ein wenig erläutern?

Was mich erstaunt, wenn ich von Zeit zu Zeit eine dieser Mega-Kirchen besuche: Es handelt sich um echte, riesige, soziale Dienstleistungszentren. In einer solchen Mega-Kirche gibt es keine Hinweise auf Jesus mehr. Was ich sagen will, die "Fallen", die ich eigentlich (mit Kirche) assoziiere, sind weg - die Kreuze, all diese Dinge. Stattdessen gibt es eine Unterstützergruppe für verprügelte Frauen und eine Gruppe für nachschulische Aktivitäten. Es gibt Gruppen für arbeitslose Fachkräfte usw.. Sie füllen wirklich Lücken. Früher hätten das vielleicht öffentliche oder sekulare Dienstleister angeboten. Auch die Hamas - und ich denke, auch die Hisbollah - schaffen sich ihre Basis, indem sie soziale Dienste anbieten, die die Menschen von keiner anderen Seite bekommen können.

Wie stehen Sie zu der Präsidentenwahl?

Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass viele Leute George Bushs Wirtschaftspolitik mit McCain fortsetzen wollen und werde mich weiter dafür einsetzen, sie davon abzubringen. Zudem bin ich der Meinung, dass eine Menge Druck auf Obama nötig sein wird - sonst wird seine ökonomische Volksorientierung oberflächlich bleiben. Wir müssen ihn in diesem Punkt weiter unter Druck setzen.

Sie haben Hillary Clinton während ihrer Wahlkampagne als aggressiv und bellizistisch bezeichnet. Warum stehen Sie ihr kritisch gegenüber?

Yeah, hier stehe ich also für Obama - eine alte, weiße Feministin. Ursprünglich war ich ja für John Edwards, weil er beim Thema ökonomische Ungleichheit und Armut der stärkste Kandidat war. Ich war immer gegen Hillary Clinton, weil sie den Krieg unterstützt hat. Mit "bellizistisch" meinte ich nicht ihre Haltung zu Obama sondern (ihre Haltung) gegenüber der Welt. Als sie sagte, der Iran gehöre "getilgt" (obliterated), nun, das gab mir den Rest. In Teheran leben Kinder. Ich denke, sie hat bei außenpolitischen Themen viel zu bereitwillig ihren Machismo herausgekehrt.

Sind Sie optimistisch, dass sich das Land in die Richtung bewegt, die Sie favorisieren?

Ich bin heute optimistischer, als ich es seit langem war. Ich glaube, die Dinge laufen in eine sehr viel progressivere Richtung. Man denke nur an die Tatsache, dass alle drei Top-Kandidaten der Demokraten im Vorwahlkampf ökonomisch stark an der Volksmeinung orientiert waren. Das gab es 2004 und 2000 nicht. Da ist heute so, weil es für viele Leute an so vielen Fronten derart übel läuft. Der Ton der ganzen Debatte im Land hat sich definitiv verändert, es ist ein neuer Ton.

Anmerkung d. Übersetzerin

* Deutsche Ausgabe: 'Arbeit poor'

**Deutsche Ausgabe: 'Qualifiziert und Arbeitslos'

Übersetzt von: Andrea Noll
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