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Erklärung von Prof. Noam Chomsky vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen am 23. Juli 2009

Themendialog zu'Responsibility to Protect' ('Verantwortung zum Schutz', R2P)

von Noam Chomsky

06.08.2009 — ZNet

— abgelegt unter:

Die Diskussion über die 'Verantwortung zum Schutz'* (R2P) und die mit ihr verwandte "humanitäre Intervention" werden regelmäßig und bis heute von einem rappelnden Gespenst im Kleiderschrank gestört: Es heißt Geschichte.

Durch die Geschichte ziehen sich gewisse Prinzipien zu internationalen Themen. Diese Prinzipien sind ziemlich allgemeingültig. Da ist zum einen die Maxime des Thukydides: Die Starken können tun, was sie wollen, während die Armen ihr Leid ertragen müssen. Eine Folgerung aus diesem Satz wird von (dem heute lebenden Völkerrechtler) Ian Brownlie als "hegemonialer Ansatz in der Gesetzgebung" bezeichnet. Die Stimme der Mächtigen schaffe Präzedenzfälle, so Brownlie.

Ein weiteres Prinzip lässt sich aus den Aussagen von Adam Smith (1723 - 1790) über die Politik im England seiner Tage ableiten: Die "wichtigsten Architekten" der Politik - damals "Kaufleute und Manufakturbetreiber -, stellten sicher, so Smith damals, dass ihre Interessen "in besonderer Weise berücksichtigt" würden, so "traurig" die Folgen für andere auch wären, das heißt, für Menschen in England, aber noch weit mehr für Menschen, die unter "der rohen Ungerechtigkeit der Europäer", vor allem im eroberten Indien (um das es Smith vor allem ging), zu leiden hatten.

Das dritte Prinzip lautet: Jede Form von Gewalt in internationalen Angelegenheiten wurde und wird praktisch mit der 'Verantwortung zu schützen' gerechtfertigt. Nur um dies zu illustrieren, verweise ich auf eine akademische Studie von Sean Murphy, in der er aus der Zeit zwischen dem Kellogg-Briand-Pakt und der Verfassung der 'Charta der Vereinten Nationen' drei Beispiele herausgreift: den japanischen Angriff auf die Manschurei, Mussolinis Einmarsch in Äthiopien und Hitlers Besetzung von Teilen der Tschechoslowakei. Alle drei Einmärsche waren begleitet von hochtrabender Rhetorik über die heilige Pflicht, eine leidende Bevölkerung zu schützen sowie von faktischen Rechtfertigungen. Dieses Grundmuster ist bis heute erkennbar.

Es lohnt sich, an die Geschichte zu erinnern, wenn wir hören, dass die so genannte 'Verantwortung zum Schutz' (R2P) beziehungsweise ihre Cousine, die "humanitäre Intervention", die "neue Norm" (emerging norm) in internationalen Angelegenheiten werden sollen. Diese Norm galt schon immer - wir können zurückgehen, so weit wir wollen. Nehmen wir zum Beispiel die Gründungszeit Amerikas. Im Jahre 1629 wurde der Küstenkolonie von Massachusetts vom (englischen) König eine Charta gewährt, in der es hieß, die Erlösung der Eingeborenen von ihrem bitteren Los, Heiden zu sein, sei "das prinzipielle Ziel dieser Ansiedelung". Das Große Siegel (Great Seal) der Kolonialisten zeigt einen Indianer, der sagt: "Kommt herüber und helft uns". Und so wurden die englischen Kolonialisten ihrer Verantwortung zu schützen gerecht, indem sie fortfuhren, die Eingeborenen "auszulöschen" und "auszurotten", um es mit ihren eigenen Worten zu sagen. Natürlich taten sie es auch zum eigenen Wohl, wie ihre ehrbaren Nachfahren später erläuterten.1630 hielt John Winthrop seine berühmte Predigt, in der er die neue Nation als "gottgewollt" und "eine Stadt auf einem Hügel" bezeichnete. Bis heute wird regelmäßig auf Winthrops inspirierende Rhetorik zurückgegiffen, wenn es gilt, Verbrechen zu rechtfertigen. Schlimmstenfalls handle es sich  um "Abweichungen" von der noblen Mission der 'Verantwortung zu schützen'.

Es wäre ein Leichtes, ähnliche Beispiele aus der Zeit anderer Großmächte auf dem Höhepunkt ihrer Macht zu zitieren. Verständlich, dass die Mächtigen es vorziehen, uns zu erklären: Vergesst die Geschichte, blickt nach vorne! Für die Schwachen allerdings wäre diese Option unratsam.

Das Gespenst im Kleiderschrank. Vor 60 Jahren erschien es, als der Internationale Gerichtshof (IGH) seinen ersten Fall verhandelte. Dabei ging es um den Korfu-Kanal. Das Gericht entschied, dass es "das angebliche Recht auf Intervention als die Manifestation einer Politik der Gewalt bewerten" müsse, "die in der Vergangenheit zu den ernsthaftesten Verstößen geführt hat und die - wie unzulänglich die internationale Organisierung auch sein mag -, keinen Platz im internationalen Recht finden darf...; es ergibt sich aus der Natur der Sache, dass (Interventionen) den mächtigsten Staaten vorbehalten bleiben würden und die Ausübung von Gerechtigkeit als solcher leicht pervertiert werden könnte".

Die gleiche Perspektive spiegelte sich auf dem ersten Treffen des 'Gipfels des Südens', der im April 2000 stattfand. 133 Staaten nahmen daran teil. Sicherlich hatten sie die Bombardierung Serbiens noch im Hinterkopf, denn der Gipfel lehnte das "so genannte 'Recht' auf humanitäre Intervention" ab, das keine rechtliche Basis in der 'Charta der Vereinten Nationen' oder in den allgemeineren Prinzipien des internationalen Rechts" finde. Die Rhetorik bestätigte die wichtige 'Deklaration über Freundschaftliche Beziehungen' (UNGA Resolution 2625) der Vereinten Nationen von 1970. Diese Rhetorik wurde unter anderem auch auf dem Ministertreffen der 'Bewegung der Blockfreien' 2006 in Malaysia wiederholt. Auch hier stand die Wortwahl für die traditionellen Opfer - in Asien, Afrika, Lateinamerika und der arabischen Welt.

Zur selben Schlussfolgerung gelangte im Jahr 2004 auch ein hochrangiges UNO-Gremium - das 'Panel on Threats, Challenges and Change' (Gremium über Bedrohungen, Herausforderungen und Wandel). Es schloss sich der damaligen Auffassung des Internationalen Gerichtshofes und der 'Bewegung der Blockfreien' an und kam zu dem Schluss: "Artikel 51 (Recht auf Selbstverteidigung) muss weder erweitert noch eingeschränkt werden, was den Umfang (des Artikels), auf den man sich seit langem verständigt hat anbelangt". Das Gremium fügte hinzu: "Jenen, die auf diese Reaktion mit Ungeduld reagieren, muss zur Antwort gegeben werden, dass in einer Welt voller potenziell wahrgenommener Bedrohungen, die Gefahr für die globale Ordnung und die Norm der Nichteinmischung, auf der diese (Ordnung) nach wie vor beruht, einfach zu groß ist, um unilaterale, präventive Akte als legal zu akzeptieren - im Unterschied zu kollektiv anerkannten Aktionen".

Diese Grundhaltung wurde auf dem UNO-Weltgipfel 2005 übernommen. Der Gipfel betonte bereits zuvor akzeptierte Standpunkte. Er betonte jedoch auch die Bereitschaft "zu kollektivem Handeln... durch den Sicherheitsrat und in Übereinstimmung mit der Charta... falls friedliche Mittel sich als inadäquat erweisen und nationale Autoritäten manifest daran scheitern sollten, ihre Bevölkerungen" gegen schwere Verbrechen "zu schützen". Es war eine Aussage, die vor allem die Wortwahl von Artikel 42 präzisieren sollte, der den UNO-Sicherheitsrat zur Anwendung von Gewalt autorisiert. Das Gespenst bleibt im Kleiderschrank - falls, und dies ist ein sehr betontes Falls, es sich um einen Sicherheitsrat handelt, der ein neutraler Schiedsrichter ist und für den die Maximen von Thukydides und Adam Smith nicht gelten. Ich werde darauf zurückkommen.

Es hat Bemühungen gegeben, eine scharfe Trennlinie zwischen R2P und der verwandten "humanitären Intervention" zu ziehen. Dafür mag Einiges sprechen, aber die Belege sind viel zu mangelhaft. Aus gutem Grund ist "das Recht auf humanitäre Intervention" heiß umstritten - vor allem zwischen Nord und Süd - während die 'Verantwortung zum Schutz', R2P, auf dem Weltgipfel 2005 durch einen Konsens akzeptiert, oder besser gesagt bestätigt, wurde. Der Grund dafür war, dass der Gipfel der Wortwahl der 'Verantwortung zum Schutz' (R2P) nichts substantiell Neues hinzugefügt hatte.

Die Rechte, wie sie in den entscheidenden Paragraphen 138 und 139 der Gipfel-Erklärung formuliert wurden, waren nicht ernsthaft umstritten. Im Grunde waren sie (zum Beispiel hinsichtlich des Apartheidstaates Südafrika) bereits bestätigt und umgesetzt worden. Hinzu kam, dass der UN-Sicherheitsrat bereits in Kapitel VII festgelegt hatte, dass er Gewalt anwenden kann, um massive Menschenrechtsverstöße, Bürgerkriege oder Verstöße gegen die Bürgerrechte zu stoppen (siehe die Resolutionen 925, 929 und 940 vom Juni/Juli 1994). Außerdem schreibt J. L. Holzgrefe: Die "meisten Staaten haben Konventionen unterzeichnet, die sie rechtlich dazu verpflichten, die Menschenrechte ihrer Bürger zu respektieren". Die wenigen Erfolge von R2P, die allgemein so sehr gepriesen werden (siehe z.B. der Fall 'Kenia') waren für die Resolution des UN-Weltgipfels 2005 nicht von Bedeutung, obgleich R2P-Terminologie einfloss.

Im Grunde ist die 'Verantwortung zum Schutz' (R2P) - wie auf dem 'Gipfel des Südens' 2000 formuliert - eine Unterkategorie des "Rechts auf humanitäre Intervention". Allerdings wurde der umstrittene Teil, in dem es um das Recht auf Gewaltanwendung ohne Genehmigung des UN-Sicherheitsrates geht, weggelassen. Damit will ich nicht sagen, dass es nicht wichtig war, einen expliziten Fokus auf bestimmte Rechte zu legen, die bereits allgemein akzeptiert sind. Doch die Umsetzung wird zeigen, welche Bedeutung diese Verschiebung bei der Wortwahl hat. In dieser Hinsicht gibt es (bislang) wenig zu feiern.

Doch es gibt Abweichungen von jenen Einschränkungen, die im Falle der Entscheidung über den Korfu-Kanal (durch den Internationalen Gerichtshof) getroffen worden waren bzw. durch Nachfolgeentscheidungen. So bestätigt die Gründungscharta der 'Afrikanischen Union' das "Recht der Union in Mitgliedsstaaten zu intervenieren... falls die Umstände gravierend sind". Das ist ein großer Unterschied zu der Charta der OAS (Organisation Amerikanischer Staaten). Diese verbietet Einmischungen "aus welchen Gründen auch immer in interne und externe Angelegenheiten jedes anderen Staates". Der Grund für diesen Unterschied ist klar. Die Verfassung der OAS wollte verhindern, dass der "Koloss im Norden" (USA) interveniert. Natürlich erlitt sie damit Schiffbruch. Die 'Afrikanische Union' hingegen sah sich - nach dem Zusammenbruch des Apartheidstaates Südafrika - mit keinem vergleichbaren Problem konfrontiert.

Würde man die Doktrin der 'Afrikanischen Union' auf die OAS oder die Nato übertragen,  würde dies bedeuten, dass diese Bündnisse in ihren eigenen Mitgliedstaaten intervenieren könnten. Diese Idee führt zu interessanten und aufschlussreichen Folgerungen über Nato und OAS, die nicht weiter ausgeführt zu werden brauchen. Sie wären nicht umsetzbar. Man denke nur an die jüngste Vergangenheit und an die Maxime des Thukydides.

Mir ist zu R2P nur ein einziger Vorschlag auf hochrangiger Ebene bekannt, der über den Konsens hinausgeht, der auf dem UNO-Weltgipfel 2005 gefunden wurde (oder über die Erweiterung in der Gründungscharta der 'Afrikanischen Union'). Dieser Vorschlag ist im 'Report of the International Commission on Intervention and State Souvereignity on Responsibility to Protect' enthalten. In diesem Bericht von 2001 befasst sich eine Kommission mit einer Situation, in der "der Sicherheitsrat einen Vorschlag zurückweist oder nicht fähig ist, sich in angemessener Zeit damit zu befassen". In diesem Fall, so der Vorschlag des Berichtes, sollten "Aktionen innerhalb des Bereichs der Jurisdiktion regionaler oder subregionaler Organisationen, gemäß Kapitel VIII der (UNO-)Charta," erlaubt sein, "vorausgesetzt, man ersuche die Genehmigung des Sicherheitsrates nachträglich".

An diesem Punkt rappelt das Gespenst im Kleiderschrank gewaltig laut. Ein Grund dafür ist, dass Mächtige unilateral entscheiden, was in den "Bereich ihrer Jurisdiktion" fällt. Die OAS oder die 'Afrikanische Union' wären dazu nicht in der Lage, die Nato schon, und sie verfährt auch so. Die Nato hat unilateral beschlossen, dass der Balkan "in den Bereich ihrer Jurisdiktion" fällt. Hingegen fällt die Nato selbst anscheinend nicht in den Bereich ihrer eigenen Jurisdiktion, denn während der gesamten 90ger Jahre fanden im Südosten der Türkei schockierende Verbrechen gegen die Kurden statt. Dies stand nicht auf der Agenda - aufgrund entschlossener diplomatischer und militärischer Unterstützung für sie (die Türkei) durch die Regierung Clinton sowie der Unterstützung durch verschiedene andere Nato-Mächte.

Die Nato beschloss zudem, dass Afghanistan - und noch entlegenere Gebiete - in "den Bereich ihrer Jurisdiktion" fallen. Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer informierte auf einem Nato-Treffen im Juni 2007, "Nato-Truppen" müssten "die Pipelines bewachen, die Öl und Gas in Richtung Westen transportieren". Noch genereller: Sie müssten die Seerouten der Tanker und anderer Dinge, die "entscheidend für die Infrastruktur" des Energiesystems seien, beschützen. Diese weitreichenden Rechte, die von der 'Internationalen Kommission' genehmigt wurden, gelten praktisch nur für die Nato. Dies ist ein radikaler Verstoß gegen die Prinzipien, die aus dem Fall 'Korfu-Kanal' und nachfolgenden Entscheidungen abgeleitet und die festgelegt wurden und öffnet Tür und Tor, um die 'Verantwortung zum Schutz' zu einer Waffe für Imperialinterventionen nach Gutdünken zu machen.

Das Prinzip 'Korfu-Kanal' sagt uns Einiges über das Timing der neuen Rhetorik der 'Verantwortung zum Schutz' (R2P) bzw. der mit ihr verwandten "humanitären Intervention" sowie über deren selektive Umsetzungen im neuen Gewand. Die "normative Revolution" – von westliche Kommentatoren verkündet -, fand in den 90ger Jahren statt, kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. In den Jahren davor hatte die Sowjetunion automatisch als Vorwand für Interventionen gedient.

Die Regierung Bush senior reagierte auf den Fall der Berliner Mauer mit einer offiziellen Erläuterung des neuen Washingtoner Kurses. Kurz gesagt sollte so ziemlich alles beim Alten bleiben, nur die Rechtfertigungen sollten sich ändern. Wir brauchen weiterhin ein riesiges Militär-System, hieß es, doch der Grund ist ein neuer, nämlich die "Hochtechnologie" von Mächten der 'Dritten Welt'. Wir müssen die "Grundlage" für unsere "Verteidigungsindustrie" beibehalten, hieß es. Dies war ein Euphemismus, in Wirklichkeit war unsere staatlich unterstützte Hightech-Industrie gemeint. Wir müssten zudem Interventionsstreitkräfte in Hinblick auf die energiereichen Regionen des Nahen/Mittleren Ostens aufrechterhalten. Die Bedrohung unserer Interessen, die militärische Interventionen nötig mache, "konnte nicht (mehr) dem Kreml angelastet werden"; im Gegensatz zu den Jahrzehnten davor hatte der Kreml als Vorwand ausgedient. Neue angebliche Rechtfertigungen wurden nötig. Wieder hatte eine 'Revolution der Worte" ihren Bühnenauftritt.

Die natürliche Interpretation, was im Falle von R2P Zeitgewinn bedeutet, hängt von der Auswahl des Anwendungszieles ab. Natürlich ist der Gedanke abwegig, das 'Prinzip' gelte auch für Sanktionen, wie sie damals durch den UNO-Sicherheitsrat gegen den Irak angewendet wurden. Die beiden Direktoren des Programms 'Öl-gegen-Nahrungsmittel' verdammten die Sanktionen als "genozidal". Es waren Denis Halliday und Hans von Sponeck. Beide traten aus Protest von ihrem Posten zurück. Hans von Sponecks detaillierte Studie über die schrecklichen Auswirkungen der Sanktionen werden in den USA und Großbritannien praktisch verbannt. Diese beiden Länder waren die Hauptakteure des Programms.

Ebenso wenig wird heute ein einziger Gedanke an den Schutz der Menschen von Gaza verschwendet, obgleich auch dies in den Verantwortungsbereich der Vereinten Nationen fiele. Man enthält ihnen fundamentale Rechte vor - ebenso wie den übrigen gemäß der 'Genfer Konvention' als "geschützt geltenden Populationen". Zum Thema Afrika: Die größte Katastrophe des Kontinents, wenn nicht in der Welt überhaupt, spielt sich heute im Osten des Kongos ab. Doch auch zu diesem Thema gibt es keine ernsthaften Überlegungen. Vor wenigen Tagen kam ein Bericht auf BBC, in dem es hieß, dass Multis erneut beschuldigt werden, gegen eine UNO-Resolution, die sich gegen den illegalen Handel mit wertvollen Mineralien richtet, verstoßen zu haben und so den mörderischen Konflikt zu finanzieren. 

Auf einem anderen Gebiet - dem Hunger - wird nicht einmal ein Gedanke daran verschwendet, die grundlegendsten Vorschriften der R2P umzusetzen, um gegen das massive Verhungern von Menschen in armen Ländern vorzugehen. Laut jüngsten Schätzungen der UNO ist die Zahl der Hungernden auf über 1 Milliarde gestiegen. Gleichzeitig meldet das Welternährungsprogramm der UNO massive Einschnitte bei den Hilfsangeboten, da die reichen Nationen ihre mageren Beiträge reduzieren und lieber in den Freikauf von Banken investieren.

Vor einigen Jahren berichtete UNICEF, dass jeden Tag 16 000 Kinder sterben, weil sie nicht genügend zu essen haben. Noch weit mehr Kinder sterben an Krankheiten, die leicht zu verhindern wären. Heute sind diese Zahlen noch gestiegen. Allein in Südafrika sterben Menschen in solchen Massen wie damals in Ruanda - nur, dass das Sterben nicht 100 Tage währt, sondern Tag für Tag weitergeht. Natürlich gibt R2P viele Warnungen aus, aber Taten folgen nicht. Wo ein Wille wäre, wäre sicher auch ein einfacher Weg.

In diesem wie in zahllosen anderen Fällen hält man sich bei der Auswahl peinlich genau an die Maxime des Thukydides bzw. an die Erwartungen des Internationalen Gerichtshofes von vor 60 Jahren.

Das vielleicht schockierendste Beispiel für die nach wie vor geltenden radikalen Auswahlkriterien war das Bombardement gegen Serbien durch die Nato, im Jahr 1999. Dieser Angriff wurde in den westlichen Debatten als Juwel in der Krone der "neuen Norm", der 'humanitären Intervention', dargestellt. Damals befanden sich die USA auf dem "Höhepunkt ihres Glanzes", als Führerin der "aufgeklärten Staaten". Die "idealistische Neue Welt, die ein Ende der Inhumanität erreichen wollte", eröffnete eine neue Ära der Geschichte. Diese Neue Welt handle nach "Prinzipien und Werten". Damit will ich nur einige der hochtrabenden Begriffe der westlichen Intellektuellen zitieren.

Dieses schmeichlerische Selbstbild hat mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen. Eines der Probleme besteht darin, dass die traditionellen Opfer der Interventionen des Westens massiv dagegen protestieren. Ich habe bereits auf die Haltung der 'Bewegung der Blockfreien' hingewiesen. Vor allem Nelson Mandela war sehr scharf in seiner Verurteilung. Aber das alles war kein Problem: Die Ansichten der Unwürdigen sind leicht zu ignorieren.

Die Bombardierung (Serbiens) stellte außerdem einen offensichtlichen Verstoß gegen die 'Charta der Vereinten Nationen' dar. Doch auch dieses Problem konnte ad acta gelegt werden. Einige versuchten es mit juristischen Manövern. Die Goldstone-Kommission ging direkter, entschlossener vor: Ihrer Meinung nach waren die Bombardierungen zwar "illegal aber legitim". Zu dieser Schlussfolgerung konnte man nur gelangen, wenn man die Chronologie der Ereignisse umkehrte - denn zuerst waren die Bomben gefallen, dann kamen die Greuel.

Dies führt uns zu einem dritten Problem. Es gibt viele Fakten, die von unanfechtbaren westlichen Quellen dokumentiert wurden. Alle offenbaren das Gleiche: Das Bombardement der Nato stoppte die Greuel nicht, sondern ging den schlimmsten Greueln zeitlich um Einiges voraus. In der Kommandoführung der Nato und im Weißen Haus hatte man damit gerechnet. Für diese Schlussfolgerung - für die sich in westlichen Archiven so viele Dokumente finden -, spricht auch, dass die Anklageerhebung gegen Milosevic durch den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag auf dem Höhepunkt des Bombardements (gegen Serbien) erfolgte.

Doch die Verbrechen, für die Milosevic angeklagt wurde, ereigneten sich - mit einer einzigen Ausnahme - erst nach dem Bombardement. Wir können davon ausgehen, dass die einzige Anklage, die sich auf die Zeit vor dem Bombardement bezieht - das Massaker von Racak - die Amerikaner und Briten im Prinzip wenig scherte, denn in der gleichen Zeit unterstützten sie in Osttimor in aktiver Weise und ohne Bedauern weit schlimmere Verbrechen. Der Hintergrund der Greuel in Osttimor war unvergleichbar grotesker als alles, was auf dem Balkan geschah. Osttimor ist nur eines von vielen Beispielen, das sich zu jener Zeit abgespielt hat.

Doch auch dieses Problem wurde auf einfache Art und Weise gelöst: Die vielen Belege wurden praktisch unterdrückt.

Der Fall Osttimor ist besonders lehrreich. Ich habe im Jahre 1978 persönlich vor dem 'Vierten Komitee' (Fourth Committee) ausgesagt. Zu dieser Zeit hatten die Greuel ein Niveau erreicht, das der "Auslöschung - als Verbrechen gegen die Menschlichkeit - gegenüber der Bevölkerung von Osttimor" gleichkam. Mit diesen Worten drückte es, Jahre später, die von der UNO gesponserte "Wahrheitskommission" zu Osttimor aus. Großbritannien, Frankreich, die USA, Australien und andere Länder hatten (das indonesische Regime) unterstützt - selbst im Jahr 1999, als die Greuel wieder stark zugenommen hatten. Nachdem der Todeskampf des Staatsterrors im September 1999 - bei dem fast alles, was von Osttimor noch übrig geblieben war, zerstört wurde -, zu Ende ging, sagte der damalige Nationale Sicherheitsberater der US-Regierung, Sandy Berger, die USA würden auch weiterhin Aggressoren unterstützen, denn, so seine Erkllärung, "ich denke nicht, dass irgendjemand je eine Doktrin artikuliert hat, die besagt, dass wir intervenieren müssen, wo immer es ein humanitäres Problem gibt". R2P war - auf die übliche Weise - vergessen.

Zur Beendigung der Greuel wären im Falle Osttimor keine Bomben, Sanktionen oder andere Maßnahmen nötig gewesen - lediglich der Rückzug aus der eigenen Beteiligung. Kurz nach Sandy Bergers Worten, die die Politik des Westens auf den Punkt gebracht hatten, beendete Präsident Clinton - nach starkem innen- und außenpolitischem Druck - offiziell die US-Beteiligung. Daraufhin zogen sich die Invasoren sofort (aus Osttimor) zurück. Eine Friedenstruppe der UNO konnte einmarschieren, ohne auf eine Armee zu stoßen. So hätte im vergangenen Vierteljahrhundert stets gehandelt werden können. Erstaunlicherweise wurde die Horrorgeschichte von Osttimor schon bald als Rechtfertigung für R2P uminterpretiert. Diese Reaktion ist so beschämend, dass einem die Worte fehlen.

Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass der Konsens (zu R2P), der auf dem Weltgipfel 2005 erzielt wurde, nur mit dem Korfu-Prinzip und den Entscheidungen, die darauf folgten, in Einklang gebracht werden kann, falls wir es mit einem UN-Sicherheitsrat zu tun haben, der ein neutraler Schiedsrichter ist. Das ist heute offensichtlich nicht der Fall. Der Sicherheitsrat untersteht der Kontrolle seiner 5 ständigen Mitglieder. Was ihre operative Autorität anbelangt, so gibt es Unterschiede zwischen den 5. Ein Indikator dafür ist die Zahl der eingelegten Vetos. Ein Veto ist die extremste Art, gegen eine Resolution des Sicherheitsrates zu verstoßen. Der relevante Vergleichszeitraum war die Zeit um die Mitte der 60ger Jahre. Damals erholte sich die Welt von den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, und die Entkolonialisierung schritt voran. Dies verschaffte der UNO zumindest einen gewissen Stand, um als Vertreterin der Weltmeinung agieren zu können. Verglichen mit damals sind die USA heute bei weitem führend, was die Zahl ihrer Vetos geht. An zweiter Stelle kommt Großbritannien. Die anderen liegen weit abgeschlagen dahinter. In den letzten 25 Jahren legten China und Frankreich 3 Vetos gegen Resolutionen ein, Russland 4. Großbritannien legte 10 Vetos ein und die USA 43 (selbst gegen Resolutionen, in denen Staaten aufgefordert wurden, internationales Recht zu achten). Das Gespenst im Kleiderschrank nickt zustimmend. Die Maxime des Thukydides hat erneut zugeschlagen.

Eine Möglichkeit, diesen Defekt des Konsenses des UN-Weltgipfel 2005 zu minimieren, wäre, die Vetos abzuschaffen. Die meisten Amerikaner sind im Grunde für diese Lösung. Sie glauben, die USA sollten sich dem Willen der Mehrheit anschließen. Bei internationalen Krisen sollte die UNO - und nicht Amerika - die Führungsrolle übernehmen, lautet ihre Meinung. Aber hier kollidieren wir mit der Maxime des Adam Smith, die sicherstellt, dass eine solche Häresie nicht vorstellbar ist, ebenso wenig wie es vorstellbar ist, R2P umgehend auf jene anzuwenden, die verzweifelt Schutz brauchen, aber nicht auf der Favoritenliste der Mächtigen stehen.

Eine weitere Überlegung zum Thema öffentliche Meinung in den USA ist folgende: Die Leitlinien, die das Verhalten bei internationalen Angelegenheiten größtenteils bestimmen, sind keineswegs in Stein gemeißelt. Sie sind über die Jahre weicher geworden - als Ergebnis der zivilisierenden Wirkung unserer populären Bewegungen. Hinsichtlich dieses kontinuierlichen, essentiell wichtigen Projekts kann R2P sich als wichtiges Instrument erweisen - fast wie damals die 'Universelle Erklärung der Menschenrechte'.

Auch wenn sich die Staaten nicht an die Deklaration halten - und manche Länder offiziell einiges davon zurückweisen (es ist wichtig zu sagen, dass auch der mächtigste Staat der Welt eines dieser Länder ist), so ist diese Erklärung doch ein Ideal, an das sich Aktivisten bei ihrer Bildungs- und Organisierungsarbeit halten können. Oft sind sie damit effektiv. Meine Vermutung ist allerdings, dass die meisten Beiträge zu dieser Diskussion (R2P) sich ziemlich ähneln dürften. Mit ausreichend Engagement (das bei den Herrschenden leider noch nicht erkennbar ist), könnte diese Debatte bedeutsam werden.

Anmerkung d. Übersetzerin

*Literaturhinweise zu R2P unter http://de.wikipedia.org/wiki/Responsibility_to_Protect

Am 23. Juli fand vor der UNO-Vollversammlung eine Podiumsdiskussion zum Thema 'The United Nations Assembly Thematic Dialogue on the Responsibility to Protect' statt. Unter Leitung von Miguel D'Escoto Brockmann bezogen Jean Bricmont (Belgien), Gareth Evans (Australien), Noam Chomsky (USA) und Ngui wa Thiong'o (Kenia) Stellung zu dem umstrittenen Thema 'Responsibility to Protect' ('Verantwortung zum Schutz) oder R2P. Dabei handelt es sich um ein relativ neues, umstrittenes Konzept der internationalen Politik. Unter 'Responsibility to Protect' wird die ethische und moralische Verantwortlichkeit für das Wohlergehen der BürgerInnen eines Landes verstanden. Diese Verantwortlichkeit soll auf die internationale Staatengemeinschaft, vornehmlich die UNO, übertragen werden, falls die politische Führung eines Staates innerhalb ihres Territoriums die Kriterien des "Good Governance" (was immer das im Einzelnen heißen mag) nicht mehr erfüllen kann oder will. Universale Moralvorstellungen zum Schutze der Bevölkerung anderer Länder werden angestrebt. R2P zielt damit nicht nur auf die Verantwortung des einzelnen Nationalstaates gegenüber seiner Bevölkerung ab, sondern auch auf die der internationalen Gemeinschaft gegenüber Bedrohungen gegen Populationen. Die Abgrenzung zur gewaltsamen "humanitären Intervention" ist umstritten und in der Praxis schwierig, wie viele Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit zeigen. 

Weitere Beiträge der Diskutanten:

http://zmag.de/nachrichten/the-responsibility-to-protect-noam-chomsky-and-friends

** Im Original des Artikels, der auf der ZNet-Seite erschienen ist, finden Sie viele (englischsprachige) Links innerhalb des Textes.

Übersetzt von: Andrea Noll
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1
flora sagt
21.08.2009 13:20

Mal wieder ordentlich was dazu gelernt! Wie immer bei Mr. Chomsky.
Aber leider fällt einem selbst durchschnittlich gebildeten Deutschen eine bei Mr. Chomsky ungewohnte Verallgemeinerung auf. Wirklich ganz erstaunlich!
Obwohl dieser Ausrutscher seinem Vortrag nicht den geringsten Abbruch tut, so sollte er doch wenigstens erwähnt werden. Wenn schon, dann aber bitte geschichtlich korrekt sollte die Parole sein.
Dass Mr. Chomsky Hitlers Überfall auf die Tschechoslowakei in einem Atemzug mit dem Einmarsch der Japaner in die Manschurei nennt, oder noch abenteuerlicher gar mit Mussolinis Überfall auf Äthiopien, überrascht doch sehr.
Ist es ein Anfall von political correktness bei Mr. Chomsky? Wohl kaum! Also ein echter Fehler. Gar eine Wissenslücke?
Mr. Chomsky sitzt der allgemein gültigen Geschichtsklitterung bezüglich der Beweggründe für Hitlers Verhalten gegenüber der Tschechoslowakei auf und negiert die neuen (alten) wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Beispiel seines Landsmannes Prof. Dr. A. de Zayas.
Der Völkerbund ignorierte zwischen 1919 und 1938 konsequent den Terror und das Morden der Tschechen an ihren deutschen Bürgern und verletzten alle Gesetze zum Minderheitenschutz, die die Tschechen eingegangen waren, als sie ihren Phantasiestaat auf österreichisch-deutschem Boden gründen durften. Sie betrieben eine rein rassistische Ausgrenzungs- und Unterdrückungspolitik. (Panslawismus). In Wirklichkeit waren das die Anfänge der ethnischen Säuberungen von nach dem Kriege in der Tschechoslowakei.
Ich kann mir kein Land auf der Erde vorstellen, dass diesem Terror an seinen Landsleuten tatenlos zugesehen hätte, so wie der Österreicher Hitler das bis 1938 tat.
Es sollte vielleicht doch noch darauf hingewiesen werden, dass die Tschechoslowakei auf altem österreichischem Staatsgebiet vom Völkerbund willkürlich gegründet wurde um die K.u.K. Monarchie zu zerschlagen. Dabei wurde das Selbstbestimmungsrecht der dortigen deutschen Bevölkerung nicht beachtet und der vertraglich garantierte Minderheitenschutz von Tschechen und dem Völkerbund mit den Füssen getreten.
Das hätte Mr. Chomsky auf jeden Fall wissen müssen!
Wie Mister Chomsky dann auch noch von „hochtrabender Rhetorik“ im Falle der Deutschen reden kann als sie dann endlich ihren R2P – Einsatz starteten, ist mir nun aber wirklich ein Rätsel. Zumal der Völkerbund dem Terror ja über Jahrzehnte tatenlos zugesehen hatte! Unterlagen über die Verbrechen der Tschechen an ihrer deutschen (österreichischen) Minderheit können noch heute beim Internationalen Roten Kreuz in Genf eingesehen werden.

Auszug aus die NEMESIS VON POTSDAM S.60 ff
von Prof. Dr. A. de Zayas.
„...Friedliche Demonstrationen für das Selbstbestimmungsrecht wurden blutig niedergeschlagen. So am 4. März 1919, als in Kaaden an der Eger und in anderen Städten 54 unbewaffnete (deutsche,.Anm. C.P.) Demonstranten unter dem tschechischen Kugelhagel ihr Leben lassen mussten; Hunderte wurden verletzt. Am 7. März berichtete der Korrespondent der Neuen Züricher Zeitung:
»Die Ereignisse in Deutschböhmen und die Akte tschechischer Brutalität gegen deutschböhmische Demonstranten erregen die größte Verbitterung. Es ist zweifellos, daß die tschechische Regierung beabsichtigt, die Bestätigung ihrer Gewalt – und Schreckensherrschaft auf das äußerste zu treiben, und vor der Anwendung schlimmster Gewaltmittel nicht zurück zu schrecken. Die Wirkung dieser unbeschreiblichen Gewaltmittel kann selbstverständlich nur die sein, daß sich das Verhältnis zwischen Deutschböhmen und der tschechischen Regierung unversöhnlich gestaltet und daß seit den Schießereien jede Möglichkeit einer Verständigung unmöglich erscheint. Die Erbitterung in Deutschböhmen hat nicht nur die bürgerliche Bevölkerung, sondern auch alle sozialdemokratischen Arbeiterkreise ergriffen und wird nach diesem Blutvergießen niemals wieder schwinden. Es ist ausgeschlossen, daß sich nun Deutschböhmen unter das tschechische Joch fügen wird, und die tschechische Regierung irrt, wenn sie glaubt, den Widerstand der dreieinhalb Millionen Deutschböhmen mit terroristischen Mitteln unterdrücken zu können. Trotzdem scheint man in Prag dazu entschlossen, den Weg zur äußersten Gewalt zur Unterjochung der dreieinhalb Millionen Deutschböhmen weiter zu gehen (...) Trotzdem scheint man in Prag dazu entschlossen, den Weg der äußersten Gewalt zur Unterjochung der dreieinhalb Millionen Deutschböhmen weiter zu beschreiten (...) Würde man den Tschechoslowaken das ganze Gebiet zuerkennen, das sie beanspruchen, so wäre das nicht nur eine Ungerechtigkeit gegenüber vielen Millionen Menschen, die nicht unter tschechische Herrschaft gelangen wollen, sondern es wäre auch für die Zukunft des neuen Staates gefährlich und vielleicht verhängnisvoll...
Das Blut, das am 4. März geflossen ist, das tschechische Soldaten in mehreren Städten auf die deutsche Menge feuerten, ist – obwohl es im Vergleich zu den Opfern , deren Zeugen wir geworden sind, nur ein Tropfen ist – auf eine Art und Weise vergossen worden, die nur schwer verziehen werden kann..«.“

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simonb sagt
25.08.2009 13:55

Ihr Kommentar ist eine Beleidigung für jeden, der an den Frieden und eine Welt ohne Nationalismus glaubt. Chomsky hat an keiner Stelle bestritten, dass zu jender Zeit in Europa der Nationalismus (z.B. auch in der Form des Panslawismus) ein weit verbreitetes Problem war.
Er führt den Überfall auf die Tschechoslowakei lediglich als ein Beispiel an, in dem eine "humanitäre Intervention" vorgegaukelt wurde, um einen Krieg zu beginnen. Nicht mehr und nicht weniger.
Wenn Sie jedoch bei Chomsky von Geschichtsklitterung sprechen, dann fällt mir für Ihre Argumentation leider nur noch das Wort Geschichtsperversion ein: Sie sprechen von der unterdrückten deutschen Minderheit in dem nach dem ersten Weltkrieg gegründeten Multiethnischen Staat, und stellen Hitlers Einmarsch noch als Heldentat, als R2P-Einsatz dar. Für Hitler waren die Probleme der Sudetendeutschen jedoch nur ein Vorwand, gezielt wurden inner-tschechoslowakische Spannungen provoziert, um das Land besetzen zu können: Wer die Wahrheit erfahren will der lese in Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Sudetenkrise den Artikel zur "Sudetenkrise". (Nicht unbedingt detailiert aber ein guter Überblick)
Es ist wirklich traurig, wie Sie die gleichen stumpfsinnigen Ansichten des Nationalismus von damals vertreten. Wann wird diese Krankheit endlich von der Welt verschwinden?

3
flora sagt
26.08.2009 08:28

Wen mein Zitat nicht überzeugt oder wenigstens neugierig macht, den werden auch geschichtliche Tatsachen nicht beeindrucken, die ja nun wirklich jedem zugänglich sind der sich um sie bemüht.
Und wer Monsieur Honoré de Balzac nicht glaubt der folgendes sagte:
"Es gibt zwei Arten von Weltgeschichte: die eine ist die offizielle, verlogene, für den Schulunterricht bestimmte; die andere ist die geheime Geschichte, welche die wahren Ursachen der Ereignisse birgt."
dem könnte ich aber noch mit einem Zitat meines Landsmannes dienen, der einen guten Leumund hat und dessen Ausspruch man sich wirklich mal in aller Ruhe durch den Kopf gehen lassen sollte um dann mit frischem Mut an das Sammeln von neuen Einsichten zu gehen:
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapre aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“
Immanuel Kant – 1724- 1804
Aufsatz: “ Was ist Aufklärung?“ 1784

Und vielleicht noch ein Hinweis: nicht jeder der sein Wissen über die Vorgänge im Nahen Osten den bewundernswert mutigen und für mich absolut glaubwürdigen Autoren aus dem ZNet verdankt ist ein Antisemit oder gar Neonazi und nicht jeder der seine „Weisheiten“ aus Wikipedia oder den deutschen Medien und den Verlautbarungen der Bundesregierungen bezieht ist ein anständiger Mensch.
Zuletzt: Wer in seiner Meinungsbildung z.B. zu Israel und Palästina den Mut hat sich mit den Berichten und Ansichten der wunderbaren Autoren im ZNet auseinander zu setzen, der sollte auch den Mut aufbringen Immanuel Kant zu folgen wenn es um seine eigenen Angelegenheiten (Geschichte) geht - wenn machbar! Diffamieren überzeugt da überhaupt nicht.

C. Pichlo

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timo sagt
27.08.2009 19:25

Wollen Sie mit Ihrem Kommentar Hitler bei der Besetzung von Teilen der Tschecheslowakei ernsthaft heere Motive unterstellen? Wenn de Zayas den historischen Kontext ausblendet und die abenteuerliche These vertritt, "humanitäre Gründe" wären das Hauptmotiv für die Besetzung gewesen, dann steht er mit seiner Meinung auf wissenschaftlichem Gebiet wohl ziemlich alleine da.

Siehe Hoßbach-Niederschrift:

Das Ziel der deutschen Politik sei die Sicherung und Erhaltung der deutschen Volksmasse und deren Vermehrung. Somit handelt es sich um das Problem des Raumes. [...] Die deutsche Zukunft sei daher ausschließlich durch die Lösung der Raumnot bedingt ... [...] Die einzige ... Abhilfe läge in der Gewinnung eines größeren Lebensraumes [...] Zur Lösung der deutschen Frage könne es nur den Weg der Gewalt geben ... [...] dann bleibe nur noch die Beantwortung der Fragen "wann" und "wie" ... Sollte der Führer noch am Leben sein, so sei sein unabänderlicher Entschluss, spätestens 1943/45 die deutsche Raumfrage zu lösen. [...] Zur Verbesserung unserer militär-politischen Lage müsse in jedem Fall einer kriegerischen Verwicklung unser 1. Ziel sein, die Tschechei und gleichzeitig Österreich niederzuwerfen, um die Flankenbedrohung eines etwaigen Vorgehens nach Westen auszuschalten ...

http://www.ns-archiv.de/krieg/1937/hossbach/

Wie bewerten Sie denn danach den Angriff auf Polen und den zweite Weltkrieg? Waren das auch nur humanitäre Interventionen zur Rettung einer unterdrückten Bevölkerung die es zu befreien galt?

Die Besetzung der Tschecheslowakei war nur der Auftakt eines lange geplanten Krieges um "Lebensraum im Osten zu schaffen" und die Motive und Planungen für den zweiten Weltkrieg sind ausreichend belegt (siehe oben) und werden von niemandem der bei Verstand ist in Frage gestellt.

Was unterscheided die Besetzung der Tschecheslowakei von anderen "humanitären Interventionen"? Dass es einen Vorwand gab? Das der Vorwand besser/schlechter war?

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flora sagt
29.08.2009 00:09

Sehr geehrter timo – eine Auskunft.
Entschuldigung, wird etwas länger, Sie haben ja nicht nur meine Sachkompetenz bezweifelt, sondern auch meine „Vernunft“.

Bei der Beurteilung geschichtlicher Abläufe und Zusammenhänge verlasse ich mich ausschließlich auf belegbare Fakten und die Ergebnisse von wissenschaftlichen Arbeiten anderer zum Thema. Ich halte mich dabei auch an die „neuen Historiker“ die oft gar nicht so neu sind, und zu denen, unter anderen, auch Prof. de Zayas gehört wenn es um die Vertreibung der Ostdeutschen nach dem Kriege geht, und z.B. an Prof. Ilan Pappe oder auch an die ausgezeichneten Arbeiten von Frau Ellen Rohlfs wenn es um den Völkermord an den Palästinensern geht.
Außerdem muss ich mich auf die Autoren im ZNet verlassen (unter anderen), die ich aber für durchweg seriös halte, und nicht A. Merkel. Darum seriös, weil diese Menschen etwas riskieren um das zu berichten, was sie wissen, und nicht was sie sich angelesen haben oder gehört haben. Und weil ich sie für anständige Menschen hakte!

Wenn Sie behaupten, dass Prof. de Zayas z.B. den historischen Kontext ausblendet, dann vermute ich, dass sie zu den sog. Aufrechnern gehören, die das eine Verbrechen gegen das andere aufrechnen. Also etwa nach dem Motto verfahren: „schlägst du meine Kinder tot, schlage ich deine Kinder tot!“ Das halte ich allerdings für moralisch verwerflich, gelinde gesagt!
Wenn Sie aber mit „ausblenden des historischen Kontextes“ bei Prof. de Zayas meinen er würde nicht auf die Ursachen für die ethnische Säuberung des Sudetenlandes von den Deutschen, nach dem Kriege, an dem Völkermord an ihnen durch die Tschechoslowaken, gebührend hinweisen, dann muss ich ihnen widersprechen.
Wenn Sie sein Buch „Die Nemesis von Potsdam…“ gelesen hätten, wäre Ihnen mit Sicherheit aufgefallen mit welcher Sorgfalt und Vorsicht er die furchtbaren Ereignisse in der Tschechoslowakei vor dem Einmarsch der deutschen Truppen beschreibt und mit welcher Zurückhaltung er mit seinen Quelle umgeht.
Das von mir in meinem Kommentar gebrachte Zitat aus seinem erwähnten Buch ist eines von vielen. Warum nehmen Sie das nicht zur Kenntnis?

Ob Hitler bei seiner Politik gegenüber der Tschechoslowakei von „heeren“ Gründen geleitet wurde oder gar von „humanitären“ kann ich nicht beurteilen (kaum vorstellbar), ich lehne es auch ab mit solchen verschwommenen moralischen Begriffen und Vermutungen zu arbeiten, wenn es um knallharte Politik geht. Dass er aber am 1.10.38 eine Situation beenden musste, die kein Land dieser Erde hingenommen hätte, ist für mich absolut klar.
Dass Prof. de Zayas Hitler solche Motive unterstellt hätte, habe ich nirgendwo beim ihm gelesen, das ist absolut ausgeschlossen.
Falls es Sie interessiert: ich wäre nicht 1939 in die Tschechoslowakei einmarschiert, sondern hätte es dem Völkerbund überlassen seinen Fehler selbst rückgängig zu machen. Oder ich hätte gewartet bis dieses staatliche Phantasiegebilde selbst auseinander fällt. Was dann erst 1990/92 passierte. Und der Zerfallprozess ist noch nicht beendet. Die EU rettet vielleicht das weitere Zerbröseln?

Die Okkupation eines Teils der Tschechoslowakei durch Polen auch am 1.10.38 (General Wladislaw Bartnowski), in Zaolozie (801,5 km2 -227399 Menschen) und der Einmarsch Ungarns in die Slowakei zur selben Zeit, hätte ohne Hitler dann aber auch nicht stattfinden können! Weiß Mr. Chomsky das? Wissen Sie das?
Das brauchen Sie aber nicht zu wissen, weil das politisch nicht korrekt ist, auch wenn es stimmt!
Auch von den dann anschließenden brutalen Deportationen der Tschechen durch die Polen wissen Sie wahrscheinlich nichts? Ist auch nicht politisch korrekt – brauchen Sie auch nicht wissen. Stimmt aber ebenfalls!

Ich behaupte auch, dass die willkürliche Gründung des Phantasie- und Vielvölkerstaates Tschechoslowakei auf österreichischem Staatsgebiet 1919, durch den Völkerbund, eine genauso verantwortungslose Tat war wie die Gründung Israels durch die UNO 1948 in Palästina. In totaler Missachtung des Selbstbestimmungsrechts der Völker. Beides konnte nur im Blutbad enden. Das sage nicht ich, das sagen die namhaften und maßgebenden Politiker der damaligen Zeit.

Wenn Sie sich ein wirkliches Bild von den Zuständen in den von Tschechen und Polen 1919 okkupierten deutschen/österreichischen Gebieten machen wollen, kann ich empfehlen die Unterlagen des Völkerbundes in Genf zu nutzen oder die des Internationalen Roten Kreuzes, ebenfalls in Genf. Oder das Bundesarchiv. Für uns Normalverbraucher empfehle ich ersatzweise die Literatur internationaler neutraler Wissenschaftler zu benutzen, die diese Quellen verwenden (und nicht politisch korrekt verschweigen).

Wenn Sie auch nur ahnen würden was sich zwischen den Kriegen in den von Polen beherrschten deutschen Gebieten abgespielt hat (700.000 vertriebene Deutsche– unzählige Tote, eine ethnische Säuberung im Anfangsstadium), wie schlimm die Minderheiten in von Polen beherrschten Gebieten zu leiden hatten, Ukrainer, Litauer, Weißrussen und andere (alle nicht freiwillig unter der pol. Knute), beileibe nicht nur Deutsche, hätten Sie sich geschämt die zynische Frage („nur humanitäre Interventionen zur Rettung einer unterdrückten Bevölkerung die es zu befreien galt?“) so zu stellen. Aber wenn Sie das Thema wirklich interessiert rate ich Ihnen neuerdings die internationale Presse zu beobachten, auch die polnische im Internet. Aber auch Gazeta Wyborcza und andere (Stichwort: Massengräber mit Deutschen in Polen).

Wenn Sie das „Opfer“ Polen ansprechen möchte ich mal auf folgende Taten dieses Opfers hinweise: 1918-Überfall auf Posen, 1918- Einfall in Österreich, 1919-Überfall auf Wilna/Litauen, 1920-Überfall auf Russland, Vorstoß bis Kiew, 1921- Überfälle auf Oberschlesien, 1935- Polen will ganz Ostpreußen und Danzig, 1936- Polen will Deutschland angreifen, Frankreich zögert. 1938 Polen fällt in Tschechoslowakei ein (Olsa-Gebiet, Teschen), 1938 Polen besetzt Grenzkreise in Slowakei und grenzt nun an Ungarn.
Das ist alles nicht politisch korrekt, also weiß das niemand mehr, auch wenn es stimmt!
Erinnert das nicht an das „Opfer“ Israel? Kommt ihnen diese Taktik als ZNet-Leser nicht bekannt vor? Diese Taktik des Tötens unter lautem Wehklagen.

Wenn Sie also die Zustände im Polen (und der Tschechoslowakei) der Zwischenkriegszeit nach dem beurteilen, was die political correctness ihnen vorgibt, und das ist bei Ihnen der Fall, dann machen Sie einen genauso großen Fehler als wenn Sie die heutigen Zustände in Palästina nach dem beurteilen, was sie in den deutschen Medien dazu hören, oder von der deutschen Politik, die diese political correctness ja bis zum Erbrechen praktizieren.
Dass diese Kreise mit Behauptungen arbeiten die „ausreichend belegt“ sind, im Falle Völkermord an den Ostdeutschen sowie im Falle des Völkermordes an den Palästinensern, bestreite ich und kann es auch beweisen! Im Falle Palästina wissen die ZNet-Leser das.
Macht sie diese deutsche political correctness wie im Falle Palästina nicht misstrauisch? Denken Sie doch mal an Kant und seinen Ausspruch.

Dass die Deutschen, „schwachsinnig wie sie ja sind“, die ganze Welt erobern wollten und schon mal mit der Tschechoslowakei anfingen, und der Irak mit Massenvernichtungswaffen die ganze Welt in Brand setzen wollte, ist alles politisch korrekt! Wird auch so von den gleichen Leuten behauptet! Ist also ausreichend belegt? Immer noch kein Misstrauen?

Bevor Sie im vorletzten Absatz Ihres Kommentars an dem Verstand der Leute zweifeln die political correctness in Frage stellen, so wie ich, hätte ich empfohlen doch noch einmal den Ausspruch von Immanuel Kant zu überdenken, ich appelliere an Sie Ihre Intelligenz einzusetzen. Nicht ohne Grund habe ich auf Kant hingewiesen, denn wir sollten den Mut haben auch ein kleines Stück mal ohne die Hilfe anderer zu denken, selbst wenn sie Noam Chomsky heißen, den ich übrigens sehr verehre, dem aber auch mal ein Fehler unterlaufen kann. Nicht mehr aber auch nicht weniger.

Genau wie Professor de Zayas kann ich nur immer wieder bitten Völkermord aus der Sicht des Völkerrechtes zu beurteilen, niemals aus politischer Sicht oder aus irgendeiner anderen. Angesichts der Leichenberge muss die ideologische Brille mal kurz abgesetzt werden um die wahre Dimension solcher Verbrechen zu erkennen. (Ich weiß wovon ich rede, trug auch mal so eine Brille und bin Überlebender des Völkermordes der Polen an den Ostdeutschen). Sonst ist dem Rassismus Tür und Tor geöffnet und Menschen werden in Klassen eingeteilt. In jene für die ein R2P – Einsatz angemessen ist (im Falle Kosawo, Irak, Afghanistan z.B.) und die, die ihn nicht verdienen (Deutsche und Palästinenser sowie Menschen aus Afrika z.B.) Das ist eine unmenschliche Haltung. Das ist die Denke die einen Völkermord nach dem anderen gebiert!

Sehr geehrter timo, Sie wissen schon: das Beispiel mit den totgeschlagenen Kindern…denken Sie mal drüber nach.
C. Pichlo

6
simonb sagt
29.08.2009 01:38

Sie sind durch und durch in nationalistischem Denken gefangen und außerdem langweilen Sie. Da erübrigt sich leider jede weiterführende Diskussion für mich.

7
flora sagt
29.08.2009 11:29

Was soll das?
Klare Frage- einfache Antwort: wenn Sie das Eintreten für das Völkerrecht für alle, auch für Palästinenser und Deutsche, sowie die Ablehnung der political correctness, als eine nationalistische Position bezeichnen, dann kann ich Ihnen nicht weiterhelfen. Auch wenn Sie dieses extrem wichtige Thema langweilt (ich glaube Sie behaupten das nur um sich dem Thema nicht stellen zu müssen) dann haben wohl eher Sie ein Problem? Durch Diskussionsverweigerung werden Sie das aber nicht lösen, meine ich.
C. Pichlo

8
timo sagt
29.08.2009 23:21

Ehrlich gesagt kann ich weder mit Ihrem Begriff der political correctness etwas anfangen, noch mit den Unterstellungen ich würde Verbrechen gegeneinander aufrechnen.

Es ging ursprünglich darum, dass Sie Chomsky kritisiert haben, weil er jemanden zitiert, der drei Einmärsche untersucht, und wie folgt charakterisiert hat:

"Alle drei Einmärsche waren begleitet von hochtrabender Rhetorik über die heilige Pflicht, eine leidende Bevölkerung zu schützen sowie von faktischen Rechtfertigungen."

Meiner Meinung nach gilt dies nicht nur für diese drei Einmärsche, sondern für jede Form staatlicher Gewalt. Ich hab noch nie davon gehört das ein Staat ein Verbrechen begeht und dies mit niederen Motiven gerechtfertigt wird, so offensichtlich diese auch sein mögen.

Chomsky bzw. Sean Murphy haben die drei Fälle weder gleichgesetzt, noch sonst irgendwelchen weiteren Vergleiche oder Verallgemeinerungen angestellt.

Ich habe immer noch nicht verstanden was Sie an dieser simplen Feststellung kritisieren. Bitte klären Sie mich auf!

9
flora sagt
30.08.2009 15:48

Sehr geehrter Timo,

zum Thema „political correctness“ hatte ich am Beispiel der Berichterstattung über Palästina in deutschen Medien und den Äußerungen der deutschen Politik zum Thema versucht klarzumachen, was von einem solchen „politisch korrekten“ Geschichtsbild zu halten ist wenn man z.B. als Leser des ZNet ganz andere Informationen zur selben Sache bekommt. Was daran unverständlich ist kann ich nicht sehen.

Das „politisch korrekte“ Bild von Vorgängen aus Vergangenheit und Gegenwart, das mit ganz bestimmten politischen Absichten verbreitet wird, und zwar von Kreisen in einer Gesellschaft die die Mittel dazu haben, verbirgt die wahren Geschehnisse und soll die angemessene Reaktion auf solche Geschehnisse durch die Masse des Volkes verhindern .
In Diktaturen und totalitären Regimen wird das (aus der Sicht der Mächtigen) „politisch korrekte“ Bild mit Gewalt durchgesetzt - in Demokratien läuft das anders, viel cleverer, ohne Blutvergießen (meistens) aber auch viel wirkungsvoller.
Wie das funktioniert, kann man z.B. bei Mr. Noam Chomsky nachlesen in seinem ganz ausgezeichneten Buch „MEDIA CONTROL“ISBN 3-201-76015-0. Ich finde, dass nach Lektüre dieses Standardwerkes zum Thema keine Frage mehr offen bleibt.

Dass gerade Mr. Chomsky dann, mit seinem erwiesenen Durchblick, die Tschechoslowakei, ganz im Sinne der political correctness, also der gültigen politischen Meinung in diesem Falle, als Beispiel für eine R2P Mission anführt, die nach seiner Meinung gar keine solche war, ist mir aufgefallen und ich habe darauf hingewiesen. Ich möchte mich nicht wiederholen.

Mit Hilfe des Zitates von Professor Dr. Alfred de Zayas, ich hätte auch unzählige andere nehmen können, hoffte ich verdeutlichen zu können, dass auch im Falle der Tschechoslowakei 1938, das politisch korrekte Bild das wir heute davon haben, nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Das Mr. Chomskys Beispiel also falsch ist, dass er der political correctness aufgesessen ist.
Dass das aber der Aussage seines Vortrages keinen Abbruch tut, hatte ich aber auch klar und deutlich gesagt.
Die Tschechoslowakei als Beispiel für einen vorgetäuschten humanitären Einsatz (R2P) ist falsch! Mr. Chomsky weiß das, und darum ist ihm, nach meiner Meinung, ein Fehler unterlaufen, auf den ich hingewiesen habe.

Mr. Chomsky hat die „drei Fälle“ sehr wohl gleichgesetzt, noch mehr gleichsetzen geht gar nicht! Mr. Chomskys Worte: „Alle drei Einmärsche waren begleitet von hochtrabender Rhetorik über die heilige Pflicht, eine leidende Bevölkerung zu schützen sowie von faktischen Rechtfertigungen. Dieses Grundmuster ist bis heute erkennbar“ sind eindeutig!

Angesichts des Terrors der tschechoslowakischen Regierung gegen seine deutschen „Neubürger“ in der Zeit zwischen 1919 und 1938 sind Mr. Chomskys Worte fast zynisch! Das sollte dieser großartige Mann sich nicht erlauben. Deswegen glaube ich dass er einen Fehler gemacht hat.
Ob er den Bericht des Reporters der NEUEN ZÜRICHER ZEITIUNG nicht kennt?

Sehr geehrter Timo, aber Sie kennen ihn jetzt. Und es gibt noch unzählige andere Aussagen von seriösen Menschen, die Ihr polisch korrektes Bild z.B. über den Völkermord an den Ostdeutschen, NACH dem 2.WK, ins Wanken bringen könnten. Das was Sie alles für „belegt“ halten, sollten Sie mal einer Überprüfung unterziehen.
Auf Immanuel Kant noch einmal hinzuweisen ist mir schon fast peinlich.

Ich möchte Ihnen nicht unterstellen, dass Sie Verbrechen aufrechnen, aber ich hatte den Eindruck, dass Sie an Prof. de Zayas Position bemängeln, dass er das Völkerrechtsverbrechen der ethnischen Säuberung an den Deutschen, nach dem Kriege, nicht gebührend mit den Verbrechen in Beziehung setzt, die den Deutschen in Nürnberg vorgeworfen wurden. So habe ich das jedenfalls verstanden.
Sie werfen ihm vor, dass er „den historischen Kontext ausblendet“ (was ich überhaupt nicht finde) und das, es tut mir leid, riecht für mich nach Aufrechnung. Die lehne ich aber grundsätzlich ab. Ich hatte das auch anschaulich in meinem Kommentar bereits erklärt.

Wenn wir aber den „historischen Kontext“ mit in Betracht ziehen, bei der Beurteilung von geschichtlichen Abläufen unerlässlich, dann dürfen wir nicht selektieren, wenn wir zu einem brauchbaren und vor allem zu einem auch belastbaren Geschichtsbild kommen wollen. Dann kann die deutsche Geschichte eben nicht erst am 1.09.1939 anfangen, so wie die political correctness es suggeriert! Aber darauf weist Prof. de Zayas in allen seinen Werken ja ausdrücklich hin. Ich verstehe Ihren Vorwurf an ihn also überhaupt nicht.

„Das Bild einer Epoche wird unweigerlich verfälscht, wenn man um politischer Wirkung willen, bestimmte Teilbereiche ausklammert!“ Wissen Sie von wem dieses Zitat stammt? Dreimal dürfen Sie raten! Von Prof. de Zayas!

Noch einmal: wir sollten das politisch korrekte (also verlogene) Bild der Vorgänge in Palästina mit dem vergleichen, was uns Zeugen dazu berichten (ZNet). Und dann darüber nachdenken, was mit unserem politisch korrekten (verlogenen) Bild los ist, dass uns über den Völkermord an den Ostdeutschen, auch wieder aus den selben Kreisen, vermittelt wird, die uns im Falle Palästina bereits täuschen.
Dann werden wir mit Entsetzen feststellen, dass sich Völkermord lohnt und dass er nicht bekämpft werden kann wenn wir uns politisch korrekt verhalten, also der Mainstream- Geschichtsschreibung folgen. Wenn wir uns also einreden lassen, dass jeder Völkermord mit einem anderen begründet werden kann. Dann geht das immer munter weiter, wie nach 1945!
Wir müssen endlich dahin kommen, dass wir Völkermord an sich verurteilen. Prof. de Zayas tut das, die UNO verlangt das. Die Anwendung der Kollektivschuld ist selbst ein Völkerrechtsverbrechen, das muss nur noch in unsere Köpfe.

Wenn man sich den schleichenden Völkermord (Ellen Rohlfs) in Palästina ansieht und beobachtet wie er vor aller Augen stattfindet ohne dass die Weltöffentlichkeit das überhaupt als Völkermord realisiert, dann kann einem Angst und Bange werden, dann verweise ich auf den Vorläufer in Ostdeutschland, bei dem es auch gelungen ist das „Leichentuch der political correctness“ (der Geschichtslüge) über den ganzen Vorgang zu breiten und ihn so praktisch verschwinden zu lassen. Man muss sich die Dimensionen mal vorstellen: 15 Millionen Vertriebene – 2,2 Millionen umgebracht und dann einfach vergessen! Und die Täter sitzen noch auf der Beute - unangefochten! Unfassbar.
Das Opfer glaubt heute selbst, dass ein Völkermord an ihm die angemessene Reaktion auf die Anschuldigungen war, die gegen es erhoben wurden (Alleinschuld). Gegen die Haager Landkriegsordnung, gegen das Völkerrecht, gegen das Selbstbestimmungsrecht der Völker, einfach gegen alle internationalen Abmachungen und die Humanitas. Auch gegen die Gesetze des Nürnberger Prozesses.
Auf einem ähnlichen Wege sind die Palästinenser. Das zu behaupten entspricht aber nicht der political correctness, soviel ist klar!
C. Pichlo

10
simonb sagt
31.08.2009 22:03

Was wollen Sie denn noch? Chomsky liegt bei der Gleichsetzung der drei Einsätze in diesem Punkt (vorgetäuschte humanitäre Intervention) absolut richtig - dieser Meinung ist jedenfalls timo und auch ich, das sollte mittler Weile doch angekommen sein. Tippeln Sie sich nicht die Finger wund! Ihre Darstellung stinkt auch weiterhin nach dem alten Revanchismus, den auch die Nationalsozialisten verbreitet und ausgenutzt haben. Sie waren damit nicht die ersten, das mag sein. - Schade nur, dass sie damit offensichtlich auch nicht die letzten waren!

11
milejo sagt
05.09.2009 21:00

Die damalige Tschechoslowakei war ein Minderheitenstaat und unterdrückte die anderen "Völker". Wenn ich mich recht erinnere (Hermann Graml) haben andere Staaten (GB) und der Völkerbund auch dagegen interveniert, zumindest versucht.
Die Ausführungen von "claus pichlo" dazu sind durchaus richtig. Darum geht es allerdings hier nicht.
Bei der Kritik welche "claus pichlo" geäußert hat muß man sich folgende Frage stellen. Hat Hitler die Tschechoslowakei angegriffen um der deutschstämmige Bevölkerung von ihren Leiden - ihrer Unterdrückung, zubefreien. Und bei der Antwort auf diese Frage, "claus pichlo" scheinen sie mir der Propaganda des 3.Reichs aufgesessen zu sein oder Zayas falsch verstanden zu haben.
Denn Hitler und seine Clique haben sich den gesamten Krieg nicht um das Wohlergehen der Menschen in Deutschland geschert, bzw. nur in soweit das ihre Macht nicht gefährdet wird. Nur aus Gründen der Machterhaltung wurde die deutsche Bevölkerung im Krieg besser versorgt als fast der gesamte Rest des besetzten Europas.
Ansich, war Hitler das Wohlergehen, ja sogar die Lebensinteressen, der deutschen Bevölkerung vollkommen schnurz-egal, das zeigte sich letztendlich gerade 1945, als Hitler Befehle gab auch im Reich "verbrannte Erde" zu hinterlassen. Das kann sehr deutlich bei Speer nachlesen.

Das es Noam Chomsky nur um den Vergleich der offiziellen Verlautbarungen geht wird klar wenn man sich näher mit den offiziellen Gründen für den japanischen Angriff auf die Mongolei und Mussolinis Angriff auf Äthiopien beschäftigt.
Auch in der Mongolei und Äthiopien wurden "die Menschenrechte -würde" mißachtet, teils einfach weil es wirtschaftlich höchst rückständige Staaten waren. Äthiopien, nach Hermann Graml, hat vor dem italienischen Angriff erhebliche Anstrengungen unternommen um die Rückständigkeit aufzuholen. Wiederum nach Graml, mit Erfolg. Mussolini "nutzte" die "Rest"-Rückständigkeit um vor der Weltöffentlichkeit seinen Angriff in ein positives Licht zu setzen. Ebenso wie bei Hitler (im Falle Tschechoslowakei, Österreich und Polen) und Japan waren auch bei Mussolini die Einmarsch- / Angriffsgründe, also die "Menschenrechte" etc., nur vorgeschoben. Tatsächlich ging es NUR um Machtinteressen.

claus pichlo schrieb:
>>Die Tschechoslowakei als Beispiel für einen vorgetäuschten >>humanitären Einsatz (R2P) ist falsch!
Wie gesagt, ihre überaus langen Ausführungen mit obigem Sinn, sind falsch. Noam Chomsky nimmt ja Bezug auf die Studie von Sean Murphy mit dem Titel: "Humanitarian Intervention: The United Nations in an Evolving World Order". Vielleicht lesen sie das erstmal bevor sie weiter vergleichenden Unsinn von sich geben.