Erst Saddam, nun Gaddafi
Der Westen hat gerade etwas Zeit, um sich um seinen wirren Lieblingstyrannen zu kümmern
von Robert Fisk
19.03.2011 — The Independent / ZCommunications
Gaddafi ist ein Verrückter - wie der iranische Führer Ahmadinedschad oder wie der israelische Außenminister Avigdor Lieberman
Wir ergreifen "alle notwendigen Maßnahmen", um die libysche Zivilbevölkerung zu schützen. Tatsächlich? Ein Jammer, dass wir nicht schon vor 42 beziehungsweise 41 Jahren auf diese Idee gekommen sind... Nun, Sie wissen schon, wie dieser Satz endet. Lassen Sie sich nicht bluffen, hinsichtlich dessen, was mit der UNO-Resolution tatsächlich bezweckt werden soll: Wieder geht es um einen Regimewechsel. Als es damals um den Irak ging, schrieb Tom Friedman (Journalist der New York Times), den denkwürdigen Satz: Wenn der letzte Diktator weg ist, wer weiß, welche Sorte Fledermäuse aus der Kiste flattern wird?
Zuerst Tunesien, dann Ägypten, nun also Libyen. Die Araber Nordafrikas fordern Freiheit und Demokratie. Sie wollen von den Fesseln der Unterdrückung befreit werden. Das verbindet sie alle. Und noch etwas verbindet diese Nationen, nämlich, dass der Westen (wir) die dortigen Diktaturen jahrzehntelang unterstützt hat. Die Franzosen umschmeichelten Ben Ali, die Amerikaner Mubarak, und die Italiener machten Gaddafi den Hof - bis unser damaliger glorreicher Regierungschef Blair dem damals politisch praktisch schon toten Gaddafi zu einem Comback verhalf.
Könnte dies der Grund sein, weshalb wir von Lord Blair von Isfahan in letzter Zeit nichts mehr hören? Eigentlich hätte man erwarten sollen, dass er vortritt und begeistert in die Hände klatscht, angesichts einer neuen humanitären Intervention. Vielleicht gönnt er sich ja nur eine Pause zwischen zwei Auftritten. Vielleicht speit er auch in aller Stille katholische Traktate (wie die Drachen in Spensers 'Faerie Queen') - mit demselben Enthusiasmus, den wir von Herrn Gaddafi kennen.
Schieben wir den Bühnenvorhang ein wenig beiseite und sehen nach, was in der Dunkelheit hinter den Kulissen vor sich geht. Stimmt, Gaddafi ist völlig ausgeflippt, ein Wahnsinniger, ein Irrer - wie Ahmadinedschad im Iran oder Lieberman in Israel. Letzterer sagte einmal, Mubarak könne "zur Hölle fahren". Als es dann so weit war und Mubarak in Richtung Hölle abdankte, jammerte Lieberman vor Angst.
Der Nahe/Mittlere Osten scheint dazu prädestiniert, Spinner hervorzubringen - im Gegensatz zu Europa, wo es in den letzten 100 Jahren lediglich einen Berlusconi, einen Mussolini und einen Stalin gab - nicht zu vergessen den kleinen Kerl vom 16. Bayrischen Reserve-Infanterieregiment, der total durchknallte, als er 1933 an die Macht kam. Doch heute geht es darum, im Nahen/Mittleren Osten aufzuräumen. Hier bietet sich eine Gelegenheit, unsere eigene Kolonialvergangenheit zu vergessen. Warum auch nicht? Gaddafi sagte zu den Menschen in der (von den Rebellen gehaltenen libyschen Provinzstadt) Bengasi: "Wir werden 'zenga, zenga' (übersetzt: Straße für Straße) kommen, Haus für Haus, Zimmer für Zimmer". Natürlich führen WIR eine humanitäre Intervention durch, und natürlich ist dies eine sehr, sehr gute Idee. Schließlich werden wir nicht mit der Infanterie einmarschieren ("no boots on the ground").
Ginge es allerdings um Mauretanien - würde dort eine Revolution gewaltsam unterdrückt -, so könnte ich mir kaum vorstellen, dass wir nach Flugverbotszonen rufen würden, oder man denke an die Elfenbeinküste (wenn wir schon mal dabei sind). Kein anderes afrikanisches Land außer Libyen (es sei denn, es hätte Öl oder Erdgas oder Mineralien) wäre uns das wert, außer natürlich, es wäre wichtig für den Schutz von Israel. Israel war der EIGENTLICHE Grund, warum uns Ägypten so sehr am Herzen lag.
Hier einige Beispiele, was alles schiefgehen kann. (Behalten wir die Fledermäuse, die noch im dunklen Innern der flimmernden Kiste nisten, ein wenig im Auge.) Angenommen, Gaddafi will nicht aus Tripolis abziehen. Nehmen wir an, die Briten, Franzosen und Amerikaner haben seine Luftwaffe abgeschossen und seine Landebahnen in die Luft gejagt, seine Panzer- und Artiilleriestellungen angegriffen - aber er will immer noch nicht weichen. Am Donnerstag, kurz vor der UNO-Abstimmung zu Libyen, fiel mir auf, dass das Pentagon einige Journalisten vor den möglichen Gefahren der ganzen Sache warnte. Es könne "Tage" dauern, bis eine Flugverbotszone auch nur eingerichtet sei.
Hinzu kommt Gaddafis Persönlichkeit. Er ist ein Trickser und Gauner. Wir haben es gestern wieder erlebt: Sein Außenminister verkündete einen Waffenstillstand und das "Ende aller Militäroperationen". Natürlich war ihm (Gaddafi) völlig klar, dass die Streitmacht Nato den Regimewechsel will und deshalb nicht darauf einsteigen würde. Aber auf diese Weise war es ihm möglich, sich als friedliebender arabischer Herrscher darzustellen, als das Opfer westlicher Aggression: Omar Mukhtar lebt!
Ein weiteres Szenario. Was wäre, wenn wir den richtigen Zeitpunkt schon verpasst hätten und Gaddafis Panzer einfach weiterrollen werden? Werden wir unsere Söldner einsetzen, um den "Rebellen" zu Hilfe zu eilen? Werden wir uns in Bengasi breitmachen - für eine gewisse Zeit, mit Beratern, NGOs und dem ganzen üblichen diplomatischen Drumherum? Ist Ihnen auch aufgefallen, dass im entscheidenden Moment nicht mehr von den 'libyschen Stämmen' die Rede war? Niemand spricht mehr davon, was für ein hartes Kriegervolk die Libyer seien. Noch vor wenigen Wochen war davon voller Enthusiasmus die Rede. Doch heute reden wir davon, dass wir "das libyische Volk" beschützen wollen. Wir sprechen auch nicht mehr von den Senoussi, dem mächtigsten Stamm des Stammesverbandes der Provinzstadt Bengasi. Die Männer dieses Stammes waren es hauptsächlich, die an den Kämpfen beteiligt waren. König Idris, der 1969 von Gaddafi gestürzt wurde, war auch ein Senoussi. Die rot-schwarz-grüne Flagge der "Rebellen" ist die alte Fahne Libyens. Es ist die Fahne Libyens vor der Revolution. Im Grunde ist es die Fahne von König Idris, die Fahne der Senoussi. Nehmen wir einmal an, sie (die Nato-Streitkräfte) schaffen es tatsächlich bis nach Tripolis - und darum dreht sich doch im Grunde alles, oder nicht? Wird man sie dort willkommen heißen? Stimmt, auch in der Hauptstadt hat es Proteste gegeben. Allerdings stammten viele der mutigen Demonstranten ursprünglich aus Bengasi. Wie werden sich Gaddafis Sympathisanten verhalten? Werden sie sich einfach "in Luft auflösen"? Werden sie plötzlich feststellen, dass sie Gaddafi im Grunde auch hassen und bei der Revolution mitmachen? Oder wird der Bürgerkrieg weitergehen?
Was wird passieren, falls die "Rebellen" nach Tripolis einziehen und beschließen, Gaddafi, dessen verrückten Sohn Saif al-Islam und deren Gefolgschaft ihrem verdienten Schicksal zuzuführen? Werden wir die Augen verschließen, wenn es zu Racheakten kommt, zu öffentlichen Hinrichtungen mit dem Strang? Gaddafis kriminelle Gefolgsleute haben diese Methoden ja viele Jahre lang praktiziert. Ich sage mir: Libyen ist nicht Ägypten, und Gaddafi ist ein Verrückter. Mir fällt sein schräger Auftritt auf dem Balkon seines zerbombten Hauses ein - mit seinem Grünen Buch in der Hand. Ich hatte den Eindruck, dass er ab und zu in einen seiner Teppiche beißt.
Was wird passieren, wenn auf unserer Seite "etwas schiefläuft", wenn wir Zivilisten treffen? Oder wenn Nato-Flugzeuge abgeschossen werden oder auf Gaddafis Gebiet stürzen? Was, wenn die "Rebellen / das libysche Volk / die demokratischen Demonstranten plötzlich misstrauisch werden? Wenn sie auf die Idee kommen, dass es dem Westen gar nicht nur um Hilfe geht, dass er andere Ziele verfolgt? Hinzu kommt eine Regel, die in solchen Fällen immer gilt, eine langweilige Regel: In dem Moment, in dem du deine Waffen gegen die Regierung eines anderen Landes richtest - ganz gleich, wie gerecht dein Anliegen sein mag -, gleitet dir die Sache aus der Hand. Dieselben "Rebellen", die am Donnerstagmorgen noch wütend über Frankreichs Gleichgültigkeit schimpften, schwenkten in der folgenden Nacht in Bengasi französische Flaggen. Lang lebe Amerika, bis...
Natürlich kenne ich die alten Argumente: Wie mies wir uns in der Vergangenheit auch verhalten haben, die Frage ist doch, was wir jetzt tun sollten. Ein wenig spät für diese Frage. Wir haben Gaddafi geliebt, als er 1969 an die Macht kam. Als uns klar wurde, dass er verrückt war, hassten wir ihn. Später liebten wir ihn wieder - ich denke an Lord Blairs Händedruck. Heute hassen wir ihn wieder. Wir kennen dieses Hin-und-her-Spiel noch von Jassir Arafat, oder? Ich denke da an die Israelis und Amerikaner. Zuerst hieß es, Arafat sei ein Superterrorist, der Israel zerstören wolle. Dann wurde er zum Superstaatsmann, der Jitzhak Rabin die Hand reicht. Als Arafat erkannte, dass er um die Zukunft "Palästinas" betrogen werden sollte, galt er plötzlich wieder als Superterrorist.
Es gibt etwas, was wir tun können. Wir können die Entwicklung der künftigen Gaddafis und Saddams im Auge behalten, der künftigen Wirrköpfe und folternden Sadisten, die wir heute ausbrüten, deren junge Fledermausbrut mit unserer Wirtschaftshilfe groß wird - in Usbekistan, in Turkmenistan, in Tschetschenien und in Tadschikistan, in einem dieser "Stans" eben. Nein, wird man mir zur Antwort geben. Mit diesen Leuten müssen wir handeln. Sie verkaufen uns ihr Öl und kaufen unsere Waffen. Sie halten die muslimischen "Terroristen" in Schach. Das alles klingt so bekannt, dass es ermüdet. Und nun geht es wieder los. Wir hämmern auf die Tische ein und sind uns einig. Was bleibt uns schließlich übrig? Wir wollen doch kein zweites Srebrenica, oder? Moment mal, passierte Srebrenica nicht lange NACHDEM wir unsere "Flugverbotszone" über Bosnien eingerichtet hatten?
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