Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Artikel Es geht dich an
Artikelaktionen

Es geht dich an

von Gideon Levy

18.07.2010 — Ha'aretz

— abgelegt unter:

Dieser Artikel ist nicht für jeden. Nationalisten, Rassisten und Fans von Militarismus und Faschismus können weiter mit der Entwicklung der letzten zehn Monate zufrieden sein. Ihnen bedeutet Demokratie nur eine Wahl alle paar Jahre, Tyrannei der Mehrheit und Unterdrückung der Minderheit, ein Lockstepdenken (?), der Staat über allem, Judentum vor Demokratie, sich ergänzende (coopted ? Medien und ) und einen klapprigen Kontroll- Mechanismus, eine Akademikerschaft unter Aufsicht und Bürger, die einem Loyalitätseid unterworfen sind – und zur Hölle mit all den fundamentalen Werten, auf denen vor unsern Augen herumgetrampelt wird. Dieser Artikel ist nicht für falsche Patrioten gedacht, die Brutalen und die Gehirngewaschenen , für jene, die eine jüdische, araberfreie Knesset wünschen; eine jüdische, ausländerfreie Gesellschaft, und einen Staat ohne B’tselem oder den Obersten Gerichtshof.

Aber sie sind nicht die einzigen Komponenten in der israelischen Gesellschaft. Da bleiben noch immer bedeutsame Komponenten. Die Legionen, die gegen das Sabra und Shatila-Massaker 1982 demonstrierten sind noch immer unter uns. Es gibt viele Leute, die die Geschichte kennen, die wissen, was Demokratie ist, die entsetzt sein sollten über das, was jetzt vor sich geht.

Entsetzt? Das ist genau der Punkt. Sie sind es nämlich nicht. Sie hören, was mit Hanin Soabi geschah – und sind still. Sie hören Knessetmitglieder vom Zentrum und der Linken, wie sie verbal ihre arabischen Kollegen angreifen – und hören nichts. Sie erfahren von den gefährlichen Gesetzentwürfen und verzeihen diese. Sie werden Zeugen von McCartyischer Hexenjagd gegen NGOs, MKs und Professoren und bleiben selbstzufrieden ruhig. Es wird ihnen bewusst, dass hier etwas geschieht, das eine größere Bedrohung darstellt, als alle äußeren Bedrohungen, ob diese nun real oder phantasiert sind. Sie lauert in Israel und sie bleiben gleichgültig.

Aus der Geschichte haben sie gelernt, dass Regime, die in dieser Weise handeln, zum Scheitern verurteilt sind, dass Israel sich auf einem schlüpfrigen Abhang befindet – vor allem deshalb, weil sich seine Kontrollmechanismen als impotent erwiesen haben und trotzdem protestieren sie nicht. Sie haben wohl das Gefühl, dass etwas Schreckliches in der Luft liegt, aber machen sich vor, „das passiert mir nicht“. Sie hören täglich von der wachsenden Gefahr und sie seufzen, klagen und verlassen das Feld. Dieser Artikel ist genau für sie.

Soabi wird gehetzt, MK Tibi wird bedroht – na und? sie sind Araber. Diejenigen die unkonventionelle Ansichten vertreten, werden als Verräter denunziert, Boykott-Organisierer werden zu Geldstrafen verurteilt, Teilnehmer an der Gazaflottille werden bestraft, Menschenrechtsaktivisten und Kritiker der IDF werden geächtet – und die Mehrheit der Israelis denkt, dass ihnen nichts Schlimmes passieren wird. Sie denken, ein guter Bürger zu sein und Gilad Shalit zu unterstützen, genügt. Wenn irgend eine jüdische Gemeinde im Ausland belagert wäre, würden sie eine Solidaritätsflottille zusammenstellen, aber wenn Soabi bestraft wird, weil sie sich nur mit ihrem Volk identifiziert hat, kümmert sie das nicht.

Sie hören von Rabbinern, die gegen das Vermieten von Wohnungen an Gastarbeiter schimpfen, sie hören von der Hexenjagd gegen Ausländer, die auf der Suche nach Arbeit illegal über die Grenze kommen , über die Deportation der Kinder von Flüchtlingen und über die zunehmende Gewalt der Polizei. Sie denken, das ist nicht nett – aber es wird sie nicht treffen. Sie sehen, wie die Vertreter von Kadima, ihrer Partei der Hoffnung, sich dieser Kampagne der Hetze anschließen. Sie sehen die Vertreter dieser falschen „Zentrum“-Partei

….. Sie sehen, wie sich ihre Führerin Zipi Livni mit dem Mantel schändlichen Schweigens umgibt und sie protestieren nicht gegen die Täuschung, die ihre betrügerische Partei ihnen gegenüber ausübt. Warum? Weil sie davon überzeugt sind, das sie selbst nicht in Gefahr sind.

Es wird Zeit, ihnen, die sich zurückgezogen haben und die sich nur um ihr eigenes Leben kümmern, zu sagen, dass dies kommen wird. Bald, bald wird es auch euch treffen. Es wird nicht Halt machen vor den arabischen MKs oder bei den NGOs, nicht vor den Universitäten und nicht vor den Demonstranten. Es wird nicht an eurer Türschwelle halt machen. Es wird in euer tägliches Leben eingreifen. Polizeiliche Gewalt? Sie wird auch eure Kinder berühren.

Sie wird auch euch erreichen . Eure Zeitung und euer Fernsehen wird anders aussehen; die Knesset, euer Gericht und eure Schulen werden nicht mehr wieder zu erkennen sein. Es ist schon mehr als einmal passiert, und es wird auch hier geschehen. Wenn nicht heute, dann morgen. Das Monster hat seinen hässlichen Kopf gehoben, es nähert sich uns. Es bleibt keiner, der es stoppen könnte und wenn es hierher kommt, wird es zu spät sein, viel zu spät.

Übersetzt von: Ellen Rohlfs
Artikelaktionen
1
flora sagt
02.08.2010 17:49

Eine tolle Überschrift - ein ganz toller Artikel.
Mich überkommt aber ein Gefühl der Traurigkeit, weil ich zwischen den Zeilen von Herrn Levy glaube erkennen zu können, dass er nun an einem Punkt angelangt ist, wo er anfängt zu zweifeln, dass an der furchtbaren Situation in Palästina überhaupt noch was zu ändern ist.

Irgendwie wirkt Herrn Levys Text wie ein letzter verzweifelter Aufschrei, ein letzter Aufruf!
Herr Levys Name und der einiger anderer Israelis (Männer wie Frauen) wird eines Tages mit Sicherheit in goldenen Lettern der Nachwelt vor Augen geführt werden, das ist heute schon sicher, aber was geschieht bis dahin?

Furchtbares, wie Herr Levy wohl ahnt und wie andere schon seit einiger Zeit vermuten.
Kann man überhaupt zu einem anderen Schluss kommen wenn man die Entwicklung seit langem aufmerksam beobachtet hat?

Die zähflüssige Lethargie, der Fatalismus (?) unter den Gutwilligen in Israel ist deprimierend und macht tatsächlich mutlos. Ist er auch das Todesurteil für Hunderttausende? Ja, kann die Antwort nur lauten, denn der Faschismus hat die Tendenz in einem Blutrausch zu enden. Mindestens dann, wenn man versucht ihn an seinem furchbaren Werk zu hindern.
Ansonsten macht er genauso weiter wie bisher und erreicht das selbe Ziel. Aber dann als "Opfer" das freilich überlebte!!!

Abgestumpftheit und Fatalismus -
eine Entwicklung in den westlichen Gesellschaften, die fast überall zu beobachten ist.

Wir Deutsche beteiligen uns wieder an Kriegsverbrechen, leisten Beihilfe zu Terror und Folter, Zerschlagen unseren einst auf der ganzen Welt bewunderten Sozialstaat ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Lassen anstandslos zu, dass Korruption und Verbrechen in den höchsten Kreisen zur Alltäglichkeit werden und unternehmen nichts.Beobachten teilnahmslos wie uns die Demokratie aus den Händen gewunden wird.
Die selbe Teinahmslosigkeit wie sie Herr Levy schildert.

Sie werden nicht vor euren Türschwellen halt machen, warnt Herr Levy und spricht es aus was alle wissen die es eigentlich wissen müssten!

Die Europäer lassen es zu, dass die Supermacht (CIA) nun ihre Konten überprüft und schmeißt denjenigen Europäern nicht die Fenster ein, die das unterschrieben haben.

Es geht Schritt für Schritt weiter auf dem Weg hin zum Polizei- und Terrorstaat und irgendwann ist es zu spät das noch zu stoppen, meint Herr Levy.

Ich bin mir sicher, dass es längst zu spät ist, in Israel und auch bei uns.
Das Völkerrecht und die Menschenrechte liegen begraben unter einem bleiernen Sternenbanner, den niemand mehr zur Seite ziehen kann. Jedenfalls nicht im Moment.
Sie sind sich der Reaktionslosigkeit unserer Gesellschaften sogar so sicher, dass sie es sich erlauben können Leute wie Herrn Levy gewähren zu lassen.
C.Pichlo