Exklusiv-Interview mit Manuel Zelaya
Teil I und II des Interviews
von Amy Goodman
31.05.2011 — Democracy Now!
Teil I
Der Putsch, die Rolle der USA, WikiLeaks
An diesem Wochenende (28./29. Mai 2011) ist Manuel Zelaya in seine Heimat zurückgekehrt. 2009 wurde er durch einen Militärputsch gestürzt. Zum ersten Mal ist er wieder in seinem Haus. Kurz nach seiner Ankunft gab er 'Democracy Now!' ein Exklusiv-Interview. Darin erläutert er, warum er glaubt, dass die USA hinter dem Putsch standen und schildert ausführlich die Ereignisse vom 28. Juni 2009, als er von honduranischen Soldaten, die Kapuzen trugen, mit vorgehaltener Waffe entführt und in ein Flugzeug nach Costa Rica gesetzt wurde. "Dieser Staatsstreich wurde vom rechten Flügel der Vereinigten Staaten gemacht", so Zelaya. "Das US-Außenministerium hat stets geleugnet und leugnet bis heute, irgendetwas mit dem Staatsstreich zu tun zu haben. Dennoch - alle Beweise belasten die US-Regierung. Und alle Aktionen, die das De-facto-Regime - oder Golpista-Regime - also die Putschisten, durchgeführt haben, nützen der industriellen, militärischen und finanziellen Politik der Vereinigten Staaten auf Honduras', so Zelaya.
Amy Goodman:
Am Samstag ist der ehemalige Präsident von Honduras, Manuel Zelaya, in seine Heimat zurückgekehrt. Er hatte die letzten 23 Monate im Exil verbracht. Am Sonntag gab er uns in seinem Wohnzimmer eine Pressekonferenz, bei der er behauptete, der Putsch sei das Werk einer internationalen Verschwörung gewesen. Dies müsse untersucht werden.
Es war der erste Putsch in Zentralamerika seit einem Vierteljahrhundert. Zelaya war von Militärpersonen mit vorgehaltenen Waffen aus seinem Haus entführt worden. Anschließend wurde er zu einem Flugzeug gebracht, das ihn nach Costa Rica brachte. Es gab eine Zwischenlandung auf dem US-Stützpunkt Palmerola (Honduras), um die Maschine aufzutanken. Der Putsch ereignete sich, nachdem Präsident Zelaya versucht hatte, ein - unverbindliches - Referendum zu organisieren. Die Wähler/innen sollten befragt werden, ob sie gegebenenfalls für eine neue Verfassung wären. Das Abkommen, das die Rückkehr Zelayas möglich machte ('Cartagena-Abkommen'), wurde vom venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez und dem kolumbischen Präsidenten Juan Manuel Santos ausgehandelt. Sie verhandelten mit dem jetzigen Präsidenten von Honduras, Porfirio Lobo. Das Abkommen machte den Weg für Zelayas Rückkehr frei. 'Democracy Now!' begleitete Präsident Zelaya von der nicaraguanischen Hauptstadt Managua im Flugzeug nach Tegucigalpa, der Hauptstadt von Honduras. Es war seine Rückkehr. Am Sonntag setzten wir uns mit ihm zusammen - in seinem Haus in Tegucigalpa. Ich befragte Präsident Zelaya zu den Ereignissen am Tag des Putsches, dem 28. Juni 2009.
Interview, Teil I
Manuel Zelaya (übersetzt):
Ein vom Volk gewählter Präsident wird - mit vorgehaltener Waffe und sehr, sehr früh am Morgen - noch im Pyjama aus seinem Haus geholt. Sie schaffen ihn nach Costa Rica und lassen ihn auf einrm Flughafen von Costa Rica zurück.
Amy Goodman:
Können Sie uns zunächst einmal ausführlich schildern, was hier, in Honduras, geschehen ist? Wieviel Uhr war es genau? Was haben Sie gehört? Durch was wurden Sie geweckt?
Manuel Zelaya (übersetzt):
Ich kam gegen 3 Uhr 30 in der Frühe zu Hause an. Am nächsten Tag sollte ein Referendum stattfinden, ein öffentliches Referendum. Die ganze Nation war zur Abstimmung aufgerufen. Im Grunde war es lediglich eine Meinungsumfrage. Das Ergebnis wäre in rechtlicher Hinsicht nicht verbindlich gewesen. Es gab 14 000 Wahllokale im ganzen Land. Doch es kam zu einer internationalen Verschwörung. Sie behaupteten, das Land (Honduras) werde kommunistisch. Es gäbe einen so genannten ''Caracas-Plan', der die Vernichtung der USA vorsehe. Wir würden das US-Imperium zerstören, wenn man uns das Referendum durchgehen ließe. Viele Wirtschaftsführer und andere Leute aus der Highsociety fielen auf diese Falle herein. Der Staatsstreich wurde vom rechten Flügel der USA gemacht.
In jenen frühen Morgenstunden - in den Stunden vor der Dämmerung an diesem Morgen - setzten sie zunächst meine Ehrengarde unter Druck. Um 5 Uhr 15 am Morgen kamen sie herein. Es fielen vereinzelte Schüsse - in der Nachbarschaft und in der Straße gleich hier und in meinem Hinterhof. Sie sehen ja, mein Haus ist klein, ein Haus der Mittelschicht. Es ist keine Kunst, das Haus anzugreifen. Ich bin von den Gewehrschüssen aufgewacht. Ich ging im Pyjama die Treppen hinunter - in den ersten Stock und von da aus auf die Veranda. In diesem Moment wurde auf die Hintertür geschossen. Meine erste Reaktion war, mich auf den Boden zu werfen und mich vor den Schüssen zu schützen. In diesem Moment drang das Militär über die rückwärtige Terrasse ein.
Sie bedrohten mich mit ihren Gewehren - mit M-16s (Maschinengewehre). Sie sagten, sie handelten auf militärischen Befehl. Sie schrien mich an und befahlen mir, ihnen mein Handy zu geben. Ich hatte gerade telefoniert. Es waren mehr als 10 Militärpersonen mit Kapuzen, die in mein Haus eindrangen. Draußen standen weitere 200 bis 300 von ihnen. Das Einzige, was ich erkennen konnte, waren ihre Augen. Alles andere war bedeckt. Sie umstellten mich. Sie sagten, man würde mich erschießen. Ich sagte: "Wenn ihr den Befehl habt, mich zu erschießen, dann erschießt mich. Doch ihr sollt euch darüber im Klaren sein, dass ihr den Präsidenten der Republik erschießt, der euer Vorgesetzter ist; ihr seid Untergebene". Sie haben mich nicht erschossen.
Sie zwangen mich hinaus zu ihren Fahrzeugen. Ich trug immer noch meinen Pyjama. Wir landeten auf dem US-Militärstützpunkt Palmerola, wo sie (das Flugzeug) auftankten. Außen herrschte Betrieb. Von den Gesprächen konnte ich nichts verstehen. Wir warteten 15 bis 20 Minuten auf dem Flughafen von Palmerola. Dann ging es weiter nach Costa Rica. Alles, was danach geschah, ist der Öffentlichkeit bekannt.
Amy Goodman:
Warum hat man Sie auf diesen US-Militärstützpunkt gebracht? Schließlich ist es vom Flughafen in Tegucigalpa bis Costa Rica nicht sehr weit zu fliegen. Warum wurden Sie auf einen US-Militärstützpunkt gebracht? Dazu brauchten die doch die Erlaubnis des US-Militärs.
Manuel Zelaya (übersetzt):
Das US-Außenministerium hat stets geleugnet und tut es bis heute, dass sie irgendetwas mit dem Staatsstreich zu tun hatten. Dessen ungeachtet sprechen alle Beweise gegen die US-Regierung. Alle Maßnahmen des De-facto-Regimes - oder 'Golpista'-Regimes - der Putschisten also, nützen der Finanz-, Industrie- und Militärpolitik der USA auf Honduras.
Amy Goodman:
Befand sich Ihre Tochter Pichu auch im Haus?
Manuel Zelaya (übersetzt):
Drei Personen waren in meinem Haus - einmal die Frau, die hier saubermacht, die hier arbeitet. Sie arbeitet schon seit 10 Jahren für uns und ist sehr vertrauenswürdig. Sie wird weiter bei uns beschäftigt sein. Sie heißt Suyapa. Sie wurde damals hinausgebracht. Sie schleppten sie (hinaus), zogen sie an den Haaren. Nachdem das Militär mich hatte, gingen sie von Zimmer zu Zimmer. Sie benutzten die Gewehrkolben, um einzudringen. Sie suchten nach meiner Frau und nach meiner Tochter. Meine Tochter ist sehr schmal. Sie konnte sich unter dem Bett verstecken. Unsere Haushaltshilfe Suyapa ist etwas übergewichtig. Daher fand sie kein Versteck. Sie packten sie bei den Haaren und brachten sie weg. Pichu heißt eigentlich Xiomara Hortensia. Sie hatte sich unter dem Bett versteckt. Sie haben sie nicht gefunden.
Amy Goodman:
In welchem Land wurden die M-16s hergestellt, die diese vermummten honduranischen Soldaten einsetzten?
Manuel Zelaya (übersetzt):
Das honduranische Militär benutzt ausschließlich amerikanische Waffen. Die Kommandeure des honduranischen Militärs sind in den USA ausgebildet worden - in der 'School of the Americas'.
Amy Goodman:
Haben die USA ihre Waffenlieferungen an Honduras nach dem Putsch eingestellt?
Manuel Zelaya (übersetzt):
Diese Woche haben 85 (87 - Anmerkung d. Übersetzerin) Mitglieder des US-Kongresses einen Brief an US-Außenministerin Hillary Clinton geschickt. In diesem Brief sprechen sie von der Notwendigkeit, dass die Unterstützung für die honduranischen Streitkräfte kontrolliert wird. Von einem vorläufigen Stopp der Lieferungen an das honduranische Militär ist darin die Rede. Sie verweisen in diesem Zusammenhang auf die hohe Zahl von Menschenrechtsverstößen in Honduras. Anders gesagt: Seit dem Staatsstreich in Honduras haben die USA ihre Militärhilfen für Honduras verstärkt.
Amy Goodman:
Unterstützen Sie den Aufruf dieser Kongressabgeordneten?
Manuel Zelaya (übersetzt):
Jede(r), der/die die Menschenrechte verteidigt und gegen Aufrüstung und Kriegstreiberei ist, hat meine Unterstützung.
Amy Goodman:
Sie behaupten, der Putsch sei eine Verschwörung gewesen. Sie sprachen vorhin von einem 'rechten Flügel in den Vereinigten Staaten'. Was genau verstehen Sie darunter? Wer hat den Putsch gegen Sie angeblich ausgeheckt?
Manuel Zelaya (übersetzt):
Die Verschwörung begann, als ich die Beitrittsverhandlungen mit ALBA aufnahm, (dem Bund) lateinamerikanischer Staaten für die Bolivarische Alternative. Gegen mich wurde ein schmutziger Krieg - auf psychologischer Ebene - geführt. Otto Reich hat damit angefangen. Ein ehemaliger Mitarbeiter des US-Außenministeriums (Under Secretary of State) namens Roger Noriega sowie Robert Carmona und die 'Arcadia Foundation', die von der CIA eingerichtet worden ist, taten sich mit dem rechten Flügel (der US-Politik) und Gruppierungen innerhalb des Militärs zu einer Verschwörung zusammen. Sie argumentierten, ich sei ein Kommunist, der die Sicherheit der Hemisphäre attackiere, weil ich mit Fidel (Castro) und (Hugo) Chávez befreundet bin und weil ich erklärt habe, dass meine Regierung progressiv sei.
Amy Goodman:
Es existiert allerdings ein Telegramm - es ist eines der Telegramme der US-Regierung, die von WikiLeaks veröffentlicht wurden... Das Telegramm, das ich meine, stammt vom damaligen US-Botschafter in Honduras, Hugo Llorens. Er schickte es an das US-Außenministerium. Es trägt folgende Überschrift: 'Open and Shut: The Case of the Honduran Coup'. Darin erklärt er (den Putsch) für illegal und verfassungswidrig.
Manuel Zelaya (übersetzt):
Hugo Llorens hat kooperiert. Er wollte den Staatsstreich vermeiden. Er wusste Bescheid über alles, was in Honduras vor sich ging. Ich kann bezeugen, dass er sich sehr bemüht hat, den Putsch abzuwenden. Doch als ihm klar wurde, dass er den Putsch nicht länger verhindern konnte, zog er sich zurück. Ich weiß nicht, ob ihm der Rückzug befohlen wurde. Jedenfalls ließ er alles geschehen. Er hat meiner Familie sehr geholfen. Ich bin ihm heute dankbar. Er hat mir bewiesen, dass er an die Demokratie glaubt - und nicht an den Staatsstreich. Aber ein Großteil derer im Pentagon glauben das nicht, ebensowenig das Southern Command.
Amy Goodman:
Was hat das Southern Command mit dieser Sache zu tun?
Manuel Zelaya (übersetzt):
Der Verbindungsmann war Hugo Llorens Vorgänger als US-Botschafter in Honduras: Charles Ford. Er sagte, ich dürfe mir keine Freundschaft mit Hugo Chávez erlauben. Er wollte auch, dass ich Posada Carriles politisches Asyl gewähre. Er wollte mir vorschreiben, wen ich als Minister ins Kabinett nehme, in meine Regierung. Er wollte, dass seine Vorschläge, wer Minister werden soll, dazu führen, dass diese Leute in meine Regierung kommen.
Amy Goodman:
Posada Carriles sollte demnach also Asyl in Honduras erhalten. Angeblich steckte er - als Mastermind - hinter einem Bombenattentat im 'Cubana', bei dem Dutzende Menschen starben.
Manuel Zelaya (übersetzt):
Als ich Präsident von Honduras wurde, kam der US-Botschafter Charles Ford am achten Tag meiner Amtszeit auf mich zu und fragte mich, ob ich Posada Carriles auf Honduras Asyl gewähren würde. Natürlich schickte ich ihn hinaus. Er sprach auch mit meinem Außenminister über... Es war derselbe US-Botschafter, der mir verbieten wollte, dass wir dem Staatenbund ALBA beitreten. Als dieser Botschafter aus Honduras abreiste, hatte er ein politisches Profil von mir entworfen. Als Botschafter Ford ging, hinterließ er diesen Brief, in dem er ein Profil über mich, den Präsidenten, entworfen hatte. Lesen Sie ihn sich durch, und Sie werden feststellen, dass es schon die Vorbereitung für den eigentlichen Putsch war. WikiLeaks hat dieses Dokument mittlerweile veröffentlicht. Sie haben das Profil veröffentlicht, das der US-Botschafter Ford von mir angelegt hatte, um es an seinen Nachfolger, Hugo Llorens, zu übergeben. Darin steht, die USA müssten sich entscheiden, was sie im folgenden Jahr unternehmen wollten, um mich an die Kandarre zu nehmen, denn ich wäre in den Drogenhandel und in den Terrorismus verstrickt und vieles andere mehr. Er bereitete das Ambiete, die Situation, vor. Dieser Mann wurde von der Botschaft zum Southern Command versetzt. Hier haben Sie die Verbindung. Und wo ist der ehemalige Botschafter Ford heute? Beim Southern Command. Er hat sich von hier verabschiedet, um den Staatsstreich vorzubereiten.
Amy Goodman:
Allerdings hat der Staatsstreich unter US-Präsident Obama stattgefunden - und nicht davor.
Manuel Zelaya (übersetzt):
Wir sprechen hier von den USA: Wir sprechen von einem Imperium. Die USA sind ein Imperium. Obama ist der Präsident der Vereinigten Staaten, aber er ist nicht Chef des Imperiums. Selbst wenn Obama gegen den Putsch gewesen wäre - der Prozess, der dazu führte, war bereits im Gange. Alles, was einem Präsidenten wie Obama mitgeteilt wird, ist, dass es eine politische Krise gibt. Sie reden nicht über die Details der Verschwörung, in der sie drinhängen.
Amy Goodman:
Präsident Obama hat schon sehr früh von einem Putsch gesprochen. Doch dann schien es, als mache die US-Administration einen Rückzieher (sowohl Obama als auch Hillary Clinton).
Manuel Zelaya (übersetzt:)
Sie haben sich verraten - noch bevor es zum Putsch kam. Das ist der Beweis - es ist Fakt - dass der Putsch aus dem Norden kam, aus den USA. Diese Leute sind in der Lage, den Arm des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Präsident Obama, zu beugen und sein Außenministerium - und sie haben verhindert, dass ich in mein Amt als Staatspräsident zurückkehren konnte.
Amy Goodman:
Das war der ehemalige - der gestürzte - Präsident Honduras, Manuel Zelaya. Wir sitzen hier in seinem Wohnzimmer in Tegucigalpa. Er ist nach 23 Monaten zum ersten Mal wieder Zuhause. Er wurde von honduranischen Soldaten mit vorgehaltenen Waffen entführt, während sich seine Tochter Pichu im oberen Stockwerk unter dem Bett versteckt hielt. Anschließend wurde er mit dem Flugzeug auf den US-Militärstützpunkt Palmerola und von dort nach Costa Rica gebracht. Der Putsch im Juni 2009 war der erste Militärputsch in Lateinamerika seit über 25 Jahren.
Gestern (Samstag, 28. Mai) hielt Zelaya vor zehntaunsenden, wenn nicht hunderttausenden, Honduranern eine Rede, als er in seiner Heimat zurückkehrte
Manuel Zelaya (übersetzt):
Dass Sie heute Nachmittag hier sind, verdeutlicht die Unterstützung durch die internationale Gemeinschaft. Das Blut, das vergossen wurde, floss nicht vergebens, denn wir stehen weiter, und wir stehen zu unserer Haltung. Gewaltfreier Widerstand. Leute - 'Widerstand' lautet heute der Siegesruf. Sämtliche Rechte und Sicherheiten der honduranischen Demokratie werden zurückkehren.
Amy Goodman:
Im Zweiten Teil des Interviews wird Zelaya über seine Zukunftspläne sprechen (...)
Teil II
Wir berichten weiter über die historische Rückkehr des gestürzten honduranischen Präsidenten Manuel Zelaya. Am 28. Juni 2009 wurde er mit vorgehaltener Waffe entführt und in ein Flugzeug nach Costa Rica gesetzt. An der Spitze der Putschisten standen, unter anderem, zwei Generäle, die in den USA ausgebildet wurden. Dutzende Lehrer/innen, Journalisten und Bauern sind seit dem Putsch ermordet worden. Diese Woche schickten 87 US-Kongressabgeordnete Außenministerin Hillary Clinton einen Brief, in dem sie die Aussetzung der Hilfen für das honduranische Militär und die honduranische Polizei forderten, bis Schritte eingeleitet seien, um die Sicherheitskräfte für Menschenrechtsverstöße zur Verantwortung ziehen zu können. "Sicherheitskräfte und Kräfte zur Verteidigung" seien notwendig, so Zelaya im zweiten Teil des Interviews mit 'Democracy Now!', das er uns in seinem Haus in Tegucigalpa gab. "Doch Gewalt ist immer das schlechteste Mittel, um politische oder soziale Probleme zu korrigieren. Armut und Korruption können nicht durch mehr Waffen bekämpft werden sondern nur durch mehr Demokratie", fügte er hinzu.
Amy Goodman:
Wir setzen heute unsere Berichterstattung über die historische Rückkehr des ehemaligen honduranischen Präsidenten Manuel Zelaya fort. Am 28. Juni 2009 wurde er von vermummten honduranischen Soldaten (Kapuzen) mit vorgehaltener Waffe in ein Flugzeug gebracht und nach Costa Rica geflogen - mit Zwischenlandung auf einem US-Militärstützpunkt in Honduras (Palmerola).
Dutzende Bauern, Lehrer/innen und Journalisten wurden in den beiden Jahren seit dem Putsch ermordet. In dieser Woche schickten 87 US-Kongressabgeordnete US-Außenministerin Hillary Clinton einen Brief, mit dem sie die Aussetzung der US-Hilfen für das honduranische Militär und die honduranische Polizei fordern, bis Mechanismen eingeführt worden seien, die gewährleisteten, dass (honduranische) Sicherheitskräfte für Misshandlungen zur Verantwortung gezogen werden können.
Nach fast zwei Jahren im Exil konnte Präsident Zelaya an diesem Wochenende mit seiner Familie nach Honduras zurückkehren. Zehntausende Sympathisanten begrüßten ihn bei seiner Ankunft in der Hauptstadt Tegucigalpa.
Ich besuchte den ehemaligen Präsidenten Zelaya am Sonntag in seinem Haus. Meine erste Frage bezog sich auf den Aufruf der 87 US-Kongressabgeordneten (an Hillary Clinton). Die Abgeordneten wollen, dass die Unterstützung der USA für das honduranische Militär - angesichts von gravierenden Menschenrechtsverstößen - gestoppt wird. Ich fragte Zelaya, ob er damit einverstanden sei.
Manuel Zelaya (übersetzt):
Ich bin für keine Aktionen, die mit Gewalt einhergehen. Ich bin auch gegen die Todesstrafe. Ich bin gegen Krieg. Ich bin gegen die Folter - die ja an allen möglichen Orten der Welt praktiziert wird. Und ich bin ganz sicher nicht für Aufrüstung und Militarismus. Ich habe nichts gegen Sicherheitskräfte und Kräfte der Verteidigung - es ist notwendig, dass es sie gibt Doch Gewalt ist immer das schlechteste Mittel, um politische oder soziale Probleme zu korrigieren.
Amy Goodman:
Wie sehen Ihre Pläne für den Moment aus?
Manuel Zelaya (übersetzt):
Ich bin zurückgekehrt, weil das Abkommen einen Punkt enthält, mit dem Lobo (der heutige honduranische Präsident - Anmerkung d. Übersetzerin) sich einverstanden erklärt hat: Es soll freie Wahlen geben und Versöhnung. Wenn es innerhalb der nächsten beiden Jahre freie Wahlen gibt, wird die Bewegung, an deren Spitze ich stehe, sie gewinnen. Ich lade Sie ein: Kommen Sie 2013 hierher und seien Sie Zeugin der Wahlen. Kommen Sie und sehen Sie den Triumph einer Volksbewegung - vorausgesetzt, es gibt freie Wahlen.
Amy Goodman:
Noch ein letzter Punkt. Was halten Sie davon, die Planer des Putsches zur Verantwortung zu ziehen? Sind Sie der Ansicht, dass diese bestraft werden sollten?
Manuel Zelaya (übersetzt):
Die Gerechtigkeit kennt keine Hemmnisse, die sie daran hindern könnte, vorwärts zu schreiten. Ich habe international gegen die Putschisten geklagt, und diese Sache geht voran. Bei den politischen Verbrechen ging es auch darum, Straffreiheit (Amnestie) in Honduras einzurichten. Doch für die Genozide, das Morden in großem Stil, für die Ermordungen und die Folter ist letztendlich die Justiz zuständig.
Amy Goodman:
Sind Sie der Ansicht, die sollten bestraft werden?
Manuel Zelaya (übersetzt):
Jene, die für die Verbrechen verantwortlich sind, sollten der Gerechtigkeit zugeführt werden.
Amy Goodman:
Wie ist es Ihnen am 21. September 2009 gelungen, (für 4 Monate) nach Honduras zurückzukehren?
Manuel Zelaya (übersetzt):
Eine Menge Leute haben damals kooperiert. Zwei Tage - und eine Nacht - waren nötig, dann hatten wir es geschafft. Es gab acht Militär-Checkpoints. Wir benutzten mehrere Fahrzeuge und Doubles von mir. Einen ließen wir in Nicaragua zurück, den anderen in Guatemala. Die Kameras filmten die Doubles, während ich bereits angekommen war. Ich habe mich ins Land geschlichen. Es war eine sehr gut geplante Strategie unserer Seite. Es war zudem eine Notwendigkeit. Ich wollte nach Honduras, um mich mit dem System auseinanderzusetzen und mit dem (amerikanischen) Außenministerium, das im Grunde sehr ambivalent war.
Amy Goodman:
Sie haben so oft versucht, nach Honduras zu kommen. Wie fühlt es sich an, endlich wieder zu Hause zu sein?
Manuel Zelaya (übersetzt):
Schon die Hälfte meines Stresses ist weg. Im Exil zu sein ist Folter. Ja, es ist Folter. Es ist Folter. Dein Unterbewusstsein fühlt sich sehr seltsam an, wenn du im Exil bist. Alles ist so fremd, und du stehst unter enormem Druck. Dieser Druck ist von mir abgefallen, als ich in Honduras landete - er verschwand automatisch. Ich konnte mich innerlich erholen. Ein Dominikaner - Juan Pablo Duarte - hat einmal gesagt: "Ohne ein Heimatland zu leben, ist ein Leben ohne Würde". So fühlt es sich an im Exil.
Amy Goodman:
Soweit Manuel Zelaya, der ehemalige Präsident von Honduras. Wir haben ihn am Sonntag (29. Mai) in seinem Haus in Tegucigalpa interviewt - nach seiner Rückkehr. Wir sprachen mit ihm auch über die Ereignisse am 21. September 2009. Zelaya wurde im Juni 2009 gestürzt. Eine Woche danach versuchte er, zusammen mit dem ehemaligen Chef der UNO-Generalversammlung und ehemaligen nicaraguanischen Außenminister Miguel d'Escoto nach Honduras zu fliegen, doch das honduranische Militär verhinderte die Landung der Maschine auf dem Flughafen von Tegucigalpa, indem es eine Reihe Lastwagen dort postierte. Mehr als 100 000 Menschen hatten sich am Flughafen versammelt und versuchten, zu Zelaya zu gelangen. Das honduranische Militär eröffnete das Feuer. Ein junger Mann wurde getötet. Als Präsident Zelaya am Wochenende zurückkehrte, besuchte er als Erstes den Ort des Gedenkens an Isis Obed Murillo, 19, der damals starb. Er starb eine Woche nachdem Zelaya von vermummten honduranischen Soldaten, morgens um 5 Uhr, mit vorgehaltener Waffe, aus seinem Haus geholt worden war. Einige Monate später, am 21. September 2009, versuchte Zelaya erneut, nach Honduras zurückzukehren. Es gelang ihm zunächst. Bis heute wusste niemand genau, wie er es angestellt hatte. Dass Körper-Doubles eingesetzt wurden, hat er uns eben erst verraten. Er schaffte es bis in die Hauptstadt Tegucigalpa. Dort hielt er sich vier Monate lang in der Brasilianischen Botschaft verschanzt.
Um mehr über seine Zeit in der Brasilianischen Botschaft (2009) zu erfahren, verweisen wir auf den Bericht von Andrés Conteris, hier, auf unserer Webseite.
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