Fischerei im Golf weiter besorgt über Menge an Toxinen und die möglichen Folgen für das Leben im Meer
Nach der Ölkatastrophe
von Amy Goodman
23.08.2010 — Democracy Now!
Vergangene Woche erklärte die Obama-Administration, Fische und Shrimps aus jenen Bundesgewässern, die wieder für die Fischerei freigegeben wurden (78%) könnten unbesorgt verzehrt werden. Doch viele fragen sich voller Sorge, wie hochgradig das Wasser noch vergiftet ist und was aus dem Leben im Meer werden wird. Der unabhängige Journalist Dahr Jamail berichtet seit über einem Monat von der Golfküste. In der vergangenen Woche sprach er in Mississippi mit gewerblichen Fischern. Wegen des Öls und der Chemikalien (die das Öl "auflösen" sollen) weigern sich die Fischer, wieder mit den Trawlern hinauszufahren.
Unser Gäste:
Dahr Jamail - unabhängiger Journalist
Ian MacDonald - Ozeanograph der Florida State University
Amy Goodman:
Die Obama-Administration verkündete in der vergangenen Woche, es sei wieder unbedenklich, Fische und Shrimps aus jenen Bundesgewässern im Golf zu verzehren, die für die Fischerei freigegeben wurden (78%). Doch viele Menschen sind nach wie vor besorgt und fragen sich, wie hochgradig die Gewässer wohl noch vergiftet sind und welche Auswirkungen das auf das maritime Leben haben wird. Seit über einem Monat berichtet der unabhängige Journalist Dahr Jamail von der Golfküste. Vergangene Woche unterhielt er sich in Mississippi mit gewerblichen Fischern, die sich weigern, mit ihren Trawlern hinauszufahren, da noch immer Öl und Chemikalien im Wasser trieben. James 'Catfish' Miller sagte zu Jamail: "Warum sollten wir lügen, was das Öl und die Chemikalien angeht, die noch im Wasser sind? Schließlich hängt unsere Existenz davon ab, dass wir hier fischen können". Dahr Jamail ist Democracy Now! nun per Videostream aus seinem Wohnort in Texas zugeschaltet.
Willkommen bei Democracy Now!, Dahr. Was haben Sie in Mississippi vorgefunden?
Dahr Jamail: Am Donnerstag fuhr ich mit Mr. Miller mit dem Schiff hinaus. Mit an Bord war Mark Stewart, auch ein gewerblicher Fischer und einer seiner Freunde. Beide sind seit langem - seit Generationen - Mississippi-Fischer. Beide haben bei dem (Reinigungs-)Programm von BP mitgemacht: VOO - Vessels of Opportunity. Kürzlich wurden beide aus dem Programm entlassen, da BP seine Hilfsmaßnahmen zurückschraubt. Sie sind sehr besorgt, da beide normalerweise rund um den Mississippi-Sund und hin und wieder auch vor den Barrier-Inseln Mississippis nach Shrimps fischen. Sie sagten - und zeigten mir - dass das Gebiet absolut nicht sicher ist: Öl - tiefer gesunkenes Öl, vermischt mit Chemikalien - ist in die Gewässer eingedrungen.
Wir schipperten mehrere Stunden auf Millers Trawler herum. Wir sahen die Sonar-Blasen aufsteigen. Das Wasser war 12, 13 Fuß tief. Mittendrin war eine sehr große Blase zu sehen. Wir stoppten das Boot. Miller befestigte einen saugfähigen Lappen an einem Greifhaken und ließ ihn ins Wasser. Als er ihn wieder herauszog, war er mit einem schleimig-braunen Mix aus Öl und Chemikalien überzogen. Wir wiederholten das sieben Mal, und jedes Mal fingen wir wieder diesen Mix aus Öl und Chemikalien ein.
Es war wirklich ein sehr beunruhigender Anblick. Zudem sagten die Männer: "Sehen Sie, wir weigern uns, zu fischen, denn hier ist soviel Gift, und wir sehen, dass es weniger Leben gibt". Einige Freunde von ihnen hätten versucht zu fischen. Schließlich hatte das 'Landesministerium für Maritime Ressourcen' (DMR) des Bundesstaates Mississippi am 6. August die meisten Fischgründe wieder freigegeben - für kommerzielle Fischer und für Hobbyfischer. Sowohl Miller als auch Stewart kennen persönlich einige gewerbliche Fischer, die hinausgefahren sind und entweder überhaupt keinen Fang machten oder mit maximal 200 Pfund Shrimps pro Fahrt zurückkamen - normalerweise wären zwischen 700 und 1000 Pfund per Nacht zu erwarten gewesen. 200 Pfund - das decke nicht einmal die Ausgaben, sagen sie. Die beiden erzählten auch, sie hätten gesehen, wie Krabben versuchten, am hellichten Tag aus dem Wasser zu krabbeln, weil der Sauerstoffgehalt im Wasser zu niedrig war. Zudem seien viel, viel weniger Vögel zu sehen. Im gesamten Sund von Mississippi sei das Leben im Meer geschwunden.
Können Sie uns sagen, Dahr, wer diese Chemikalien versprüht hat?
Dahr Jamail: Die Männer - sowie zahlreiche andere gewerbliche Fischer, die an den VOO-Programmen (in Louisiana, Mississippi, Alabama und am westlichen Ausläufer (Panhandle)) Floridas teilnahmen) - sie alle deuten mit dem Finger auf BP. Das Unternehmen habe Vertragsarbeiter von außerhalb - das heißt, von außerhalb der Gemeinden am Golf - angeheuert. Diese seien in so genannten Carolina-Skiff-Booten gekommen - die im Prinzip als Hilfsschiffe benutzt werden. Sowohl Miller als auch Stewart sagen, sie seien Augenzeugen. Die Boote seien in jene Regionen gefahren, die von den Freiwilligen des VOO-Programms als Öl verschmutzt gemeldet worden seien und in denen sich die VOO-Arbeiter der vier betroffenen Bundesstaaten in den letzten Monaten aufgehalten hatten. Wenn sie Öl entdeckten, meldeten sie die Stelle den Verantwortlichen von BP. Diese hätten sie dann angewiesen, sich von dem Öl zu entfernen. Auf der Heimfahrt von ihrer täglichen Arbeit auf dem Wasser hätten sie gesehen, wie diese Fremden... diese Vertragsarbeiter von außerhalb, diese private Kontraktoren in ihren Carolina-Skiff-Booten mit großen weißen Tanks an Bord (375-Gallonen-Behältern), hinausgefahren seien und das Öl besprüht hätten. Miller und Stewart sagten beide, sie seien Augenzeuge: Sie hätten mit eigenen Augen gesehen, wie diese Boote große Ölteppiche, die im Wasser trieben, mit ihren Schläuchen besprüht hätten. Und wenn die VOOs am nächsten Tag wiederkamen, sei das Öl, das sie tags zuvor entdeckt hatten, verschwunden gewesen. Nichts als eine schwammige, schmierige, weiße, schäumende Substanz sei auf dem Wasser getrieben. In der Golfregion ist inzwischen allgemein bekannt, dass es sich dabei um die Reste des, mit Chemikalien behandelten, Öls handelt. Wenn sie kamen und die auflösenden Chemikalien auf das Öl spritzten, sank es ab, und das war alles, was davon übrigblieb. So haben es mir die gewerblichen Fischer erzählt. Die meisten von ihnen waren Teilnehmer des VOO-Programms in den vier bislang am schlimmsten betroffenen Bundesstaaten (Louisiana, Mississippi, Alabama u. Florida).
Ian MacDonald, können Sie uns etwas zu den Gefahren dieser Öl auflösenden Chemikalien sagen? Wissen Sie, um was es sich dabei handelt und welche Firma sie produziert? Haben Sie und andere Wissenschaftler - und die US-Regierung - je veröffentlicht, was diese Mittel genau enthalten und wie sie sich auf das Leben im Ozean auswirken werden?
Ian MacDonald: Ich denke, wir wissen inzwischen mehr über die Inhaltsstoffe dieser Chemikalien als zu Anfang. Es wurden verschiedene Arten Chemikalien verwendet. Offensichtlich benutzten sie anfangs alte Ladenhüter, die ziemlich toxisch sind. Dann brachten sie ein Mittel ins Spiel, das neuer und weniger toxisch ist. Ich denke, die Operation mit den Carolina-Skiff-Booten, von der wir gerade gehört habe... ich glaube, ich habe vor der Küste Louisianas, vor der Küste von Venice, etwas Ähnliches gesehen (falls diese Aktionen andauern). Wenn Sie an diesen Orten bis zur Flutlinie gehen (nachdem das Ausströmen des Öls ja gestoppt ist), sieht man, wie der noch vorhandene, dünne Ölfilm dazu neigt, sich in Schichten übereinander zu legen - immer mehr Schichten, bis daraus eine knautschige große Matte wird, ein brauner Stoff, der an der Flutlinie treibt. Ich meine, es ist nicht überall so, aber es gibt sie, diese dicken Verklumpungen. Die angemessene Reaktion darauf wäre rauszugehen und zu versuchen, sie aufzufangen und so aus dem Ökosystem zu entfernen. Aber wenn man - wie in der oben geschilderten Weise - Chemikalien zum Einsatz bringt, macht man sie (die Ölklumpen) nur unsichtbar. Sie sinken auf den Boden des Ozeans ab, und man hofft, Mutter Natur werde die Sache schon irgendwie für uns bereinigen. Was hier beschrieben wurde - hinsichtlich der Öl auflösenden Chemikalien - ist ein Weg, die Sache unter den Teppich zu kehren, anstatt sie aus der Welt zu schaffen. Wenn so etwas in großem Maßstab geschieht, gibt es Anlass zu ernster Sorge.
Dahr Jamail, zum Schluss, sagen Sie uns bitte, was für Sie die größte Überraschung in diesem Monat war - und am Ende dieses Monats, bevor sie nach Texas zurückgekehrt sind?
Dahr Jamail: Ich glaube, die Vertuschungsaktion von BP, die nach wie vor läuft. Gleichzeitig werden die Anstrengungen (gegen die Ölpest) reduziert, und man tut so, als sei alles okay, als sei wieder der Alltag eingekehrt.
Was ich in den letzten Monaten kreuz und quer in der Golfregion gesehen habe (ich habe die vergangenen Monate ja überwiegend da unten verbracht), ist, dass in einem - oder auch in allen vier - der betroffenen Bundesstaaten praktisch täglich ein großes Fischsterben stattfand. Noch immer werden große Mengen Öl entdeckt - unter der Wasseroberfläche oder auf dem Wasser treibend, an Land gespült. Die Menschen leiden sehr. Nach dem, was ich gesehen habe, verschlimmert sich die gesundheitliche Krise - so hat es den Anschein. Immer mehr Menschen an der Küste erkranken. Sie machen den Einsatz der Chemikalien dafür verantwortlich. Gleichzeitig tut BP - beziehungsweise die Regierung in Washington, die Küstenwache, die NOAA und andere bundesstaatliche Behörden - weiterhin so, als sei alles in Ordnung, dabei scheint die Situation im Moment schlimmer, als ich es je gesehen habe.
Noch etwas ist interessant. Sie haben sehr viel Zeit in Mississippi verbracht. Der dortige Gouverneurin heißt Haley Barbour. Er gilt als möglicher künftiger Präsidentschaftskandidat der Republikaner. Was halten die Leute von ihm?
Dahr Jamail: Die gewerblichen Fischer hassen ihn alle. Jeder, mit dem ich gesprochen habe, hatte nur Schreckliches über Haley Barbour zu sagen. Er gilt als extrem korrupter Offizieller. Ein Beispiel: Als Bill Walker, der Leiter des 'Landesministeriums für Maritime Resourcen' (DMR), am Montag die (Fischerei-)Gründe wieder freigab, sagte er, Mississippi habe $25 Millionen an Hilfsgeldern erhalten, aber lediglich $500 000 davon verbraucht. Er sagte, alles sei gut, das Öl sei weg, und sie würden nicht noch mehr von diesem Geld ausgeben. Für die Leute in Mississippi ist das wieder so ein Beispiel für die Einkassiererei von Gouverneur Haley Barbour.
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