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Haiti: Ein neues Bündnis der Kleinbauern fordert Maßnahmen gegen die Nahrungsmittelkrise

von Charles Arthur

21.01.2009 — ZNet

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Port-au-Prince, 14. Januar (IPS) - Auf Haiti organisieren sich die Kleinbauern. Sie handeln, um die Abhängigkeit ihres Landes von Lebensmittelimporten zu beenden und drohenden Hunger abzuwenden.

In den vergangenen Monaten organisierten Kleinbauern-Gruppen überall auf Haiti Versammlungen und Demonstrationen. Unterstützt wurden sie von einer Reihe von NGOs. Die Mobilisierung ist Teil einer umfassenden politischen Kampagne, mit dem Ziel, die Marginalisierung der ländlichen Bevölkerung zu beenden und den vernachlässigten nationalen Landwirtschaftssektor wiederaufzubauen.

Die neue Allianz könnte die politische Szenerie Haitis durcheinanderwirbeln. Vielleicht wird das Bündnis sogar Kandidaten für die im April stattfindenden Parlamentswahlen aufstellen.

Die neue Bewegung ließ am 12. Dezember erstmalig ihre politische Muskeln spielen: Tausende Kleinbauern marschierten in die Hauptstadt Port-au-Prince. Auf dieser Demonstration forderten sie von der Regierung eine Intervention, die die Kleinbauern bei der nationalen landwirtschaftlichen Produktion unterstützt.

Prospéry Raymond ist der haitianische Vertreter der britischen Entwicklungs-NGO 'Christian Aid'. Die Demonstration "war ein sehr guter Weg", sagt er gegenüber IPS, "um den Behörden zu zeigen, dass die Kleinbauernorganisationen ernstgenommen werden müssen".

Allerdings bezweifelt er, dass die Kleinbauern-Allianz Kandidaten für die kommende Wahl aufstellen kann. "Einige Kleinbauernführer haben zwar Ambitionen auf ein gewähltes Amt, aber viele der Organisationen haben entschieden, ihre Autonomie zu bewahren und sich von der Parteienpolitik fernzuhalten", so Raymond.

Dennoch glaubt er, dass die neue vereinigte Kleinbauernbewegung in der Lage sein wird, Einfluss auf die Wahlen zu nehmen. Sie stellten einen potentiell entscheidenden Wählerblock dar, sagt er, den die Kandidaten umwerben müssten, um einen Sitz zu erlangen.

Es ist noch nicht lange her, da war Haiti auf dem Gebiet der Nahrungsmittelproduktion weitgehend Selbstversorger. Doch die Ernten nahmen ab und die Bevölkerung zu, so dass Haiti immer abhängiger wurde von importierten Lebensmitteln. Die Gefahr dieser Abhängigkeit wurde Anfang 2008 äußerst sichtbar, als die Preise für Lebensmittelimporte plötzlich in die Höhe schossen.

Die verarmte Bevölkerung war mit einem Schlag nicht mehr in der Lage, sich Nahrungsmittel wie Reis, Bohnen oder Kochöl zu kaufen. Im April brachen überall in Haitis Städten Hungerrevolten aus. Die Regierung wurde zurm Abdanken gezwungen. Um die Unruhen unter Kontrolle zu bringen, unternahm Präsident René Préval eine Anstrengung zur Abkehr vom Dogma der neoliberalen Politik: Er intervenierte und subventionierte die Preise für Importreis für die Dauer von sechs Monaten.

Im August und September wurde Haiti - im Zeitraum von nur wenigen Wochen - von vier Tropenstürmen bzw. Hurrikanen heimgesucht. Durch Überflutungen und Schlammlawinen kamen Hunderte Menschen ums Leben. Gebäude und Infrastruktur wurden zerstört. In allen Landesteilen wurden landwirtschaftliche Flächen, Vieh und Anbaupflanzen weggespült.

Aufgrund der Abholzung und der Bodenerosion hat Haiti, mehr als andere Länder in der Region, unter den saisonal wiederkehrenden Hurrikanen zu leiden.

Die Kleinbauernorganisationen sehen einen engen Zusammenhang zwischen der Umweltzerstörung und der mangelnden Unterstützung für den landwirtschaftlichen Sektor. Die Aktivisten sagen, die Demonstration vom 12. Dezember hätte zwei Prioritäten gesetzt: Erstens wollte man erreichen, dass der Staat dem Umweltschutz Priorität einräumt - im Rahmen eines nationalen Entwicklungsplanes -, zweitens wollte man die Regierung dazu zwingen, effektive Maßnahmen zur Wiederankurbelung der landwirtschaftlichen Produktion einzuleiten.

10 Kleinbauernorganisationen hatten zu der Demonstration aufgerufen (wie beispielsweise Tèt Kole Ti Peyizan oder Mouvman Peyizan Nasyonal Kongre Papay (MPNKP)). Auch regionale Gruppen aus den Provinzen Grand'Anse, Nippes, aus dem Zentralplateau und dem Südosten beteiligten sich an dem Marsch auf Port-au-Prince.

In den letzten Jahrzehnten war ein enormer Exodus vom Land in die Städte zu verzeichnen gewesen. Dennoch hängen Zweidrittel der haitischen Bevölkerung noch immer von der Landwirtschaft ab. Doch keine Regierung hat je eine signifikante Summe zur Revitalisierung der Landwirtschaft zur Verfügung gestellt - oder gegen die Umweltzerstörung.

Eine Sprecherin der Kleinbauern-Allianz, Edith Germain Remonvil von der MPNKP, sagt, die hohen Treibstoffpreise und die zunehmenden Transportkosten seien ein Faktor, der zu den steigenden Lebenshaltungskosten auf Haiti beitrage. Nur durch eine Steigerung der Produktion im Inland ließen sich die Lebensmittelpreise definitiv reduzieren, glaubt sie.

Remonvil verlangt von der neuen Regierung - unter Premier Michèle Pierre-Louis - in den Haushaltsjahren 2008/2009 dem Landwirtschaftssektor Priorität einzuräumen. Sie kritisiert die im Moment gültigen Übergangspläne für ökonomische Entwicklung. Diese basierten auf dem von der Weltbank gesponserten 'Armutsreduzierungspapier' (PRSP).

"Sollte die Regierung Pierre-Louis weiterhin die im Rahmen des PRSP vorbereiteten Pläne favorisieren, wird sich nichts wirklich ändern, soviel steht fest", so Remonvil. Sie fügt hinzu, dass das PRSP eng mit lokalen Offiziellen verbunden sei. Diese arbeiteten mit einigen Organisationen zusammen, nicht jedoch mit den Graswurzelbewegungen, die es überall auf Haiti gibt.

Die Kleinbauernorganisationen fordern eine neue Enwicklungsstrategie, die der lokalen Landwirtschaft Priorität beim lokalen Konsum einräumen würde. Diese Forderung wird auch von der 'Nationalen Assoziation der Haitianischen Agronomen' (ANDAH) unterstützt. In ihrer Neujahrsbotschaft beschwört die ANDAH die Regierung Pierre-Louis, der Landwirtschaft mehr Mittel zur Verfügung zu stellen. "Nur durch eine Förderung der nationalen landwirtschaftlichen Produktion können die Behörden einen Anfang machen und gegen die Probleme der hohen Lebenshaltungskosten ankämpfen und der Bevölkerung somit Nahrungssicherheit garantieren", so die ANDAH.

Die ANDAH erinnerte an die "wunderbaren Versprechungen" in der Vergangenheit in Hinblick auf die Bereitstellung von Mitteln für die ärmsten Sektoren der Bevölkerung: "Nichts ist je daraus geworden". Die ANDAH ruft die Haitianer dazu auf, eine neue Gesellschaft aufzubauen. Im Zentrum dieser Vision der Agrarwissenschaftler steht eine Agrarreform, die, so die ANDAH, "im Rahmen einer umfassenden Politik zu realisieren ist, die in der Lage ist, Nahrungssicherheit zu garantieren sowie öffentliche Dienstleistungen in den entlegendsten Landesteilen".

Eine Reihe lokaler und internationaler NGOs unterstützt die Mobilisierung der Kleinbauernorganisationen. Zwei dieser NGOs sind 'Oxfam Intermon' und die 'Spanische Entwicklungsagentur'.

Maurepas Jeudy, ist Direktor von 'Oxfam Intermon' auf Haiti. Er gibt der neoliberalen Politik die Schuld an Haitis aktueller Ernährungskrise. "Seit 1986", so Jeudy, "hat eine Regierung nach der andern eine neoliberale Politik umgesetzt, die beträchtlichen Schaden angerichtet hat. Vor 1986 wurden 80% der Reisnachfrage im eigenen Land befriedigt, heute werden über 80% des nationalen Reiskonsums importiert. Das Gleiche gilt für Mais, Bohnen und Hühnereier".

Eine weitere Organisation der Zivilgesellschaft, die die Mobilisierung der Kleinbauern engmaschig unterstützt, ist die 'Haitianische Platform der Rechtsanwälte für eine Alternative Entwicklung' (PAPDA). Sie ist die Dachorganisation mehrerer NGO-Gruppen und unterstützt die Kleinbauerngruppen dabei, miteinander in Kontakt zu treten und Forderungen gemeinsam abzustimmen bzw. eine Strategie zur Umsetzung dieser Forderungen zu entwickeln.

So unterstützte PAPDA am 23. Dezember ein öffentliches Treffen von Kleinbauernorganisationen in der Stadt Petite Rivière de L'Artibonite in Zentral-Artibonite.

Anschließend gab es eine Demonstration, bei der eine Landwirtschaftsreform gefordert wurde.

Camille Chalmers, von PAPDA, sagt, die Weltwirtschaftskrise werde tödliche Auswirkungen auf Haiti haben. Er glaubt: "Falls die heutige Wirtschaftspolitik sich nicht ändert, falls wir weiter auf dem gleichen neoliberalen Weg weitergehen, den uns Washington und die internationalen Finanzinstitutionen aufgezwungen haben, werden wir ständige Zusammenbrüche und Kollaps erleben. Wir werden sogar noch schlimmere Ebenen der Armut erleben".

Eine neue Welle der sozialen Proteste sei - vor diesem Hintergrund - unausweichlich für Haiti, sagt er voraus. Gleichzeitig gibt er zu, dass die aktuelle Sozialbewegung Haitis schlecht darauf vorbereitet ist, die Ablehnung des Status quo durch die Bevölkerung positiv zu nutzen.

Doch sieht Chalmers die neue Allianz der Kleinbauernbewegung als wichtigen Schritt in die richtige Richtung:

"Eine Gruppe aus verschiedenen Kleinbauernbewegungen versucht ein gemeinsames Programm aufzubauen", sagt er. "Schritte werden unternommen, um eine ausreichend starke soziale Bewegung aufzubauen, um verschiedene Alternativen präsentieren zu können und die Situation zu beeinflussen - einerseits, um die Wirtschaftspolitik zu verändern und andererseits in Hinblick auf die bevorstehenden Senatswahlen und die Präsidentschaftswahl 2011".

Charles Arthur ist Autor von 'Haiti in Focus' und Herausgeber von 'Libète, A Haiti Anthology'.

Übersetzt von: Andrea Noll
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