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Haiti - neun Monate nach dem Erdbeben

1 Million Menschen gehen langsam zugrunde

von Bill Quigley

11.10.2010 — Counterpunch

"Falls es noch schlimmer kommt, werden wir nicht überleben", sagt Wilda, eine obdachlose Mutter aus Haiti. Andere Mütter und Großmütter stehen um sie herum und nicken.

 

Wir befinden uns in einem glühend heißen "Zelt" - gemeinsam mit einer Gruppe Frauen, die, hier, in diesem öffentlichen Park, versuchen, ihre Kinder aufzuziehen. Er liegt auf der Rückseite des Haitianischen Nationalpalastes. In seiner Mitte steht eine Königsstatue, die Alexandre Petion darstellt. In diesem Park leben seit Januar fünftausend Menschen.

 

Neun Monate nach dem Erdbeben sind noch immer eine Million Haitianer obdachlos.

 

Haiti sieht aus, als hätte sich das Erdbeben erst im vergangenen Monat ereignet. Ich bin damals - kurz nach dem Erdbeben - nach Port-au-Prince gereist. Neun Monate später sehen die meisten Schäden immer noch gleich aus.

 

Laut AP wurden bisher nur 2 Prozent der Trümmer weggeräumt und lediglich 13 000 Behelfsunterkünfte gebaut. Kein einziger Cent des Geldes, das die USA für den Aufbau versprochen hatten, ist bislang auf Haiti eingetroffen. In den vergangenen Tagen versprachen die USA, 10 Prozent der versprochenen Summe, von insgesamt mehreren Milliarden (Dollar)  Wiederaufbauhilfe, zu schicken. Insgesamt sind lediglich circa 15% der Gelder, die von verschiedenen Ländern und Organisationen dieser Welt versprochen worden waren, in Haiti angekommen.

 

Zusammen mit anderen Menschenrechtsvertreterinnen und -vertretern (von CCR, MADRE, CUNY Law School, BAI und dem 'Institute for Justice and Democracy in Haiti') sitze ich dichtgedrängt unter einer verblichenen grauen Plane mit dem Stempel 'US Aid'. Blaue Planen wurden (mit Stangen) in der Erde befestigt und fungieren als Wände. Dies ist noch nicht einmal die heißeste Jahreszeit auf Haiti und doch spricht der Wetterdienst bereits von Hitze.

 

Der Fußboden besteht aus bloßer Erde. Er ist aufgeweicht, weil es vor kurzem geregnet hat. Unsere Führerin arbeitet für eine sehr rührige Graswurzel-Frauenorganisation, die sich KOFAVIV nennt. Sie arbeiten mit Frauen in vielen Camps zusammen. Sie motivieren die Bewohner/innen, uns ihre Geschichten zu erzählen.

 

Anne hat 7 Kinder. Sie hätte so gerne ein Zelt. Im Moment lebt sie mit ihrer Familie auf einem dreckigen Stück Erde - acht Fuß lang, acht Fuß breit. Um sich vor der Sonne zu schützen, haben sie Laken gespannt - von einem Stück Holz zum andern. Auf den Boden haben sie eine Plastikplane gelegt. Wenn es regnet, wird alles, was sie haben, von der Nässe durchtränkt. Tag für Tag bettelt sie um Essen.

 

Therese hat 3 Kinder - 12, 11 und 9 Jahre alt. Seit dem Erdbeben lebt sie in den Camps. Vor einigen Wochen ging sie mit einem Eimer in der Hand los, um Wasser zu holen. Unterwegs wurde sie von mehreren Männern gepackt und vergewaltigt. Vor dem Erdbeben arbeitete sie als Straßenhändlerin, aber sie hat kein Geld, um neue Waren zu kaufen, die sie anbieten könnte. Sie betet jeden Tag um Hilfe.

 

Caroline lebte vor dem Erdbeben mit ihrem Mann und 3 Kindern in einem Apartment in der Innenstadt von Port-au-Prince. Ihr Mann starb bei dem Erdbeben. Heute ist die Familie obdachlos. Im ersten Lager, in das sie kamen, wurde Caroline vergewaltigt. Sie zogen um, aber auch im nächsten Lager wurde sie vergewaltigt. Daraufhin schloss sie sich KOFAVIV an, denn sie wollte kämpfen. Sie und die anderen Frauen nehmen ihre Sicherheit in die eigene Hand. Mit Pfeifen und Scheinwerfern ausgerüstet, schützen sie sich gegenseitig. Sie drängen die Polizei dazu, Verhaftungen durchzuführen. Doch jetzt ist Carolines Leben in Gefahr - weil die Vergewaltiger wissen, wer sie ist und weil sie wissen, dass sie verwundbar ist.

 

Wir hören Berichte von mehreren Dutzend Frauen - Mütter und Großmütter wie Alana, Beatrice, Celine, Marcie, Rene, Wilda und andere. Sie berichteten zum Beispiel Folgendes:

 

In den Lagern gäbe es keine Elektrizität. Einige hätten Stablampen, die von Zeit zu Zeit funktionierten, aber viele hätten gar kein Licht.

 

Auch an Nahrung fehle es. Die Kinder hungerten schrecklich. Das Lebensmittel-Programm wurde im April eingestellt. Ein Nachfolgeprogramm existiere nicht. Die Behörden hätten die Nahrungsmittelhilfen gestrichen, damit die Menschen die Lager verlassen. Doch, wohin sollten sie gehen, fragen sie.

 

Auch Wasser ist schwierig zu bekommen. Für die Menschen vom Petion-Park fährt ein Tanklastwagen das Wasser an. Er hält an einer zentralen Stelle - ein oder zwei Blocks entfernt, zwischen den Camps. Zweimal am Tag stellen sich die Menschen in einer Reihe auf, um Wasser zu bekommen - bevor es ausgeht. Am Sonntag besuchten wir das Lager Kasim. Hier leben mehrere hundert Familien. Trotzdem gab es an diesem Tag kein Wasser. Frühestens am Montag werde etwas geliefert, hieß es. Die Jungen und Mädchen drängten sich um ein Wasserrohr - mehrere Blocks entfernt -, und versuchten, mit Hilfe von Eimern (die das Oxfam-Logo trugen) ein wenig Wasser aufzufangen.

 

Die Menschen husten und schniefen. Ihre Augen sind wässrig. "Ruhige" Babys sind hier der Normalfall. Viele leiden unter Hautkrankheiten und Infektionen der Vagina. Es gibt mehrere Kliniken von freiwilligen Helfern. Aber normalerweise werden nur die schlimmsten Fälle behandelt. Es gibt einfach zu viele Menschen, die Hilfe brauchen. In den größten Lagern gibt es mittlerweile Toiletten - allerdings zu wenige. Die Abwasserentsorgung ist ein großes Problem, zumal jetzt, in der Regenzeit. Die Kinder wollen nicht in den stickigen Zelten bleiben, in denen man sich fühlt, als würde man ersticken. Also spielen sie auf den schmutzigen Pfaden. Liebend gerne würden sie wieder in die Schule gehen, aber dafür ist kein Geld da.

 

Die Sicherheit ist ein großes Problem. Weniger als ein Dutzend der über tausend Camps verfügen über offizielle Nachtwächter. Tagsüber lässt sich vielleicht einmal die Polizei blicken oder die schwerbewaffneten MINUSTAH-Soldaten der UNO patrouillieren. Aber wenn es nacht wird, verschwinden die Sicherheitskräfte. Man stelle sich vor: Zehntausende unbewachte und unbeleuchtete Behelfsunterkünfte - Gebilde aus Laken und Stoffwänden. Was für eine willkommene Gelegenheit für Diebe und Banden! Gewalt gegen Frauen und Mädchen ist weit verbreitet. Frauen, die nachts auf die Latrine müssen, werden häufig angegriffen. Einige Frauen erzählen, dass sie "Vergewaltigungsbabys" im Bauch tragen. Andere tun alles, um abtreiben zu lassen, egal, unter welch brutalen Umständen. Wenden sie sich an die Polizei, damit diese ermittelt, verlangen die Beamten erst einmal Geld fürs Benzin. Doch selbst jene Menschen, die die Polizisten bezahlen können, erleben am Ende nur Frust. Hier herrscht ein Klima der Straflosigkeit.

 

Schätzungen zufolge gibt es auf Haiti derzeit 1300 "Lager" für Obdachlose. Man findet sie buchstäblich überall. Auf vielen Straßen sieht man plötzlich - mitten im Weg - ein Camp mit Menschen. Der Bau von Wellblechsiedlungen endet buchstäblich am Straßenrand. In jedem Park, in jedem Schulhof, auf jedem Parkplatz, so scheint es uns, campieren Menschen - unter Laken oder an Zelte gelehnt.

 

Am meisten Glück hatten jene Familien, die ein bescheidenes Plastikzelt als Unterkunft ergattern konnten. Die neuesten Zelte dieser Art sind königsblau mit roten Fahnen und gelben Sternen. Sie kamen erst vergangene Woche als Spende aus China. Familien mit weniger Glück - und davon gibt es viele -, leben unter verschlissenen Tüchern, die zwischen Holzpfählen aufgespannt sind. Die Pfähle werden aus Baumästen gefertigt. Durch die Lager selbst führen schlammige Pfade. Einige davon sind nur wenige Zentimeter breit. Zelte und Tuch-Unterkünfte stehen Seite an Seite - oft nur Zentimeter voneinander entfernt.

 

Mittlerweile gibt es schon Vertreibungen. Einige Kirchen vertreiben die Menschen von ihrem Grund und Boden. Schulen, die wieder aufmachen wollen, drehen den Leuten, die auf ihrem Sportgelände campieren, einfach das Wasser ab. Einige Offizielle sprechen offen davon, die Leute aus den Lagern zu vertreiben. Andererseits wurden bislang nur 13 000 Behelfsunterkünfte fertiggestellt. Sie liegen weit entfernt von den Orten, an denen die Familien gelebt haben, weit weg von den Arbeitsplätzen, den Schulen oder ärztlichen Einrichtungen. Es gibt keinen Ort, an den diese Menschen gehen könnten.

 

Im Endeffekt regiert die UNO Haiti - gemeinsam mit den USA und Haitianern. Fast täglich hält die UNO ein Treffen ab, um die Hilfe zu koordinieren. Jedesmal geht es um Dutzende von Problemen - wie Sicherheit, Nahrung, Wasser, den Wiederaufbau oder geschlechtsspezifische Gewalt. Die Menschenrechtsanwälte in Port-au-Prince monieren, dass keines dieser Treffen in kreolischer Sprache abgehalten wird, denn Kreolisch ist die Sprache der Haitianer.

 

Doch es gibt Hoffnung. Die haitianischen Mütter und Großmütter, mit denen wir gesprochen haben, sind bereit, um ihr Leben zu kämpfen. KOFAVIV, BAI und andere Graswurzel-Menschenrechtsorganisationen erheben ihre Stimmen. Sie demonstrieren. Sie informieren die Menschen in den Lagern und engagieren sich gemeinsam für soziale Gerechtigkeit.

 

Am vergangenen Samstag stürmte es heftig. Dennoch versammelten sich Dutzende  auf der überdachten Veranda von BAI - auf Klappstühlen. Sie machten sich Gedanken, wie man die USA, die UNO, Haiti und die NGOs dazu bringen könnte, endlich ihre Arbeit zu tun.

 

GEMEINSAM haben die Menschen eine Chance. Eine Frau, die sich gegen die Gewalt engagiert, sagte zu uns: "Wenn eine Frau und ein Mann zusammentreffen, wird vielleicht der Mann gewinnen. Doch wenn die Frau eine Pfeife hat und damit andere Frauen alarmieren kann und andere Frauen auch bereit sind, zu ihr zu eilen, überlegt sich der Mann vielleicht, dass er der Verlierer sein könnte und haut ab".

 

In der Zwischenzeit sterben Wilda und eine Million andere Haitianer einen langsamen Hungertod, oder sie sterben an Krankheiten, an der Gleichgültigkeit der anderen oder an mangelnder Sicherheit. Neun Monate sind seit dem Erdbeben vergangen.

 

Übersetzt von: Andrea Noll
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